Fortsetzung Der Saisonkoch – Frühjahr


Ich fahre freudig nach Hause und koche meiner Joana eines ihrer Lieblingsessen. Ein Strindberg. Das ist ein Schweinesteak vom Rücken in einem Senf – Eierteig mit reichlich Zwiebel.

„Gibt es Etwas zu feiern?“, fragt sie mich bei ihrer Ankunft.

„Ich habe eine Stelle in unserer Nähe gefunden.“

Joana freut sich mit mir, Sie ist aber trotzdem ziemlich skeptisch ob der Stelle.

Am gleichen Tag kommt der Sohn unserer Nachbarin von seinem Dienst vorbei. Joana und ich sitzen auf dem Balkon und genießen etwas den Feierabend.

„Hast du eine Arbeit?“

Die Frage kommt einem etwas vor wie ein gespieltes Mitgefühl. Der Sohn ist Gemeindepolizist in Meran.

Man könnte fast meinen, unter Beobachtung zu stehen. Dabei ist es einfache Freundlichkeit und das Bedürfnis, etwas Reden zu wollen.

„Ja. Ich bin im Hotel Promenade.“

„Oje. Dort wechseln oft die Pächter.“

Der Einheimische mit geregelter Arbeit in der Position weiß das. Ich, bei meinem Dienst von Früh bis in die Nacht, natürlich nicht. Ich habe nicht die Zeit, in Zeitungen zu blättern und mit Nachbarn zu schwätzen. Mein Leben besteht aus Arbeitsweg, Arbeit und zu wenig Schlaf. Der eine freie Tag pro Woche mit Glück, wird einem noch mit Dringlichkeiten versaut. Ein Postamt von Innen zu sehen, ist bei unserer Arbeitszeit nicht möglich. Das betrifft auch die anderen Ämter. Viele würden das als Parallelgesellschaft bezeichnen. Ausschluss aus der Öffentlichkeit.

In dem Moment betrachte ich es als Glück, entlassen oder rausgeschmissen zu werden. Ich kann endlich mal meine Betten aufschütteln und lüften. Ich frage mich oft, welche Liebe zum Beruf erwarten die Wirtsleute unter diesen Bedingungen. Ehrliche Liebe?

Das können wir als Witz oder bloße Einbildung betrachten. Seien wir ehrlich. Diese Art der Berufsausübung ist lebenslange Folter. Und zwar, die grausamste Art von Folter.

Jetzt, mit Aussicht auf das Rentendasein, streite ich mich mit diesem Bürokraten sogar noch um meine Rente. Als hätte ich nicht täglich fünfzehn Stunden gedient. Das ist an Folter und Abscheulichkeit kaum noch zu überbieten. Die fordern von dem Unterdrückten auch noch Beweise für die Arbeitszeiten. Für was sitzt dieses Gesindel in einem Büro und schläft? Bezahlt von unserer Arbeit.

„Wir kennen nur einen Sechs-Stunden-Arbeitstag in Sechs-Tage-Woche. Alles Andere müssen sie klären.“

Die Wolke, auf der die sitzen, muss schon ziemlich dicht sein. Oder darf ich dazu Nebel sagen?

Vielleicht, total Vernebelt?

Joana sieht noch nicht so mitgenommen aus wie am Saisonende. Sie verliert in einer Saison fast fünfzehn Kilo. Für eine ohnehin schlanke Frau, ist das substanziell. Keine Marathonläuferin würde diesen Zustand überleben. Die Welt trauert, wenn sich so eine Person dauerhaft verabschiedet. Nicht lange; nur geheuchelt. Sozusagen, als mediales Beileid für Geld.

Ein Mensch, der auf diese Art zu Grunde gerichtet wird, muss sogar noch für den Mord bezahlen. Wenigstens einen Grabstein und das geheuchelte Beileid eines Kreuzschwingers.

Am Morgen verabschiedet sich meine Joana bereits fünf Uhr dreißig. Wie immer. Das Haus muss glänzen, wenn die Dreckfinken es durchfliegen. Wie jeden Tag, gibt es in allen Räumen die Hinterlassenschaften, für die sich Menschen öffentlich schämen. Was davon ist jetzt geheuchelt und was nicht? Die gespielte Scham? Oder die Hinterlassenschaft?

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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