Fortsetzung Der Saisonkoch – Frühjahr


Der Keller steht mittlerweile voller Lieferungen für unsere Eröffnung. Walter stellt sich mir vor und zeigt mir auch gleich, wo ich meine Küchenlieferung einräumen kann. Das Lager steht noch offen. Bis auf ein paar Konserven, steht nichts darin. Frisches Fleisch im Vakuum ist auch dabei. Ich kann mir schlecht vorstellen, welche Lieferanten frisches Fleisch zu einer Zeit liefern, zu der kein Empfänger zugegen ist. Da gehört schon ein gewaltiges Verständnis für Frische dazu.

Ich versuche, das Fleisch als Erstes in das Kühlhaus zu transportieren. Walter hilft mir tatkräftig dabei.

Im Volksmund wird er etwas kritisiert. Eher darum, weil er von dem Pächter eine ziemlich hohe Miete verlangt. Für die Größe das Hauses mit seinen vielen Nebengelassen, scheint mir die Miete, die ich erfahren habe, nicht zu hoch. Zu hoch ist sie lediglich für Unternehmer, die sich schlecht organisieren. Wir haben ein Hotel oder zumindest Zimmer, ein Restaurant, eine Pizzeria, eine Disco und eine Tiefgarage. Ein ziemlich großer Parkplatz ist auch dabei. Eine Familie allein kann das schlecht mit Leben erfüllen. Es sei denn, wir sehen die Bewohner eines Tales mit gleichem Nachnamen als eine Familie an. Dann klingt das schon realistischer, würde ich vermuten. Wir reden von einem gewaltigen Komplex, der, wenn wir daran vorbei fahren, gar nicht so groß erscheint. Natürlich fordert die Erhaltung eines solchen Gebäudes auch finanzielle Kraftaufwendungen. Die müssen dort erwirtschaftet werden. In einer zersplitterten Gesellschaft ist das schwer möglich. Höchstens, wenn man sich entscheidet, das als Genossenschaft oder Konsortium zu bewältigen. So denkt sich das ein Meisterkoch mit Ausbildung in der DDR. Wir hatten immerhin sehr viele solche Objekte. Auch Objekte, die wir als Hinterlassenschaft betrieben haben. Nehmen wir nur unsere Kulturhäuser, die in fast jeder größeren Stadt oder Kreisstadt standen. In der DDR waren selbst Familien in der Lage, solche Riesenobjekte erfolgreich zu führen. Mit der Wende hat sich das in Luft aufgelöst. Und da soll ich von einem Vorteil des Kapitalismus reden? Ich muss lachen. Walter denkt sich bestimmt, der hat einen Schatten. So, wie der vor sich hin grinst.

Das Kühlhaus ist repariert. Die Temperatur braucht eine Neueinrichtung. Das Thermometer zeigt Minusgrade. Für das Gemüse, das heute erwartet wird, wäre das fatal. Auch für das Fleisch, die Eier und Molkereiwaren.

Ich suche gleich die Bedienungsanleitung. Irgendwo muss die doch liegen. Bei dem Durcheinander, vermute ich sie in den reichlich verteilten Kisten, die noch in der Küche stehen. Gefunden. Ich schlag die Seite auf. Italienisch. Jetzt wird es komplizierter. Und das ausgerechnet in einem Land der Zweisprachigkeit. Wie scheint, denkt Keiner an die Deutsche Sprachgruppe. Und das ausgerechnet ein Unternehmen aus Südtirol darin nachlässig ist, lässt mich bisweilen mit dem Kopf schütteln. Ich suche also weiter.

Plötzlich springt die Küchentür auf. Hannes kommt herein und wünscht mir einen Guten Morgen.

„Ich suche die deutsche Bedienungsanleitung für das Kühlhaus.“

„Die liegt bei mir im Büro.“

Und schon haben wir den Fehler. Es war meiner. Für meine wilden Gedanken muss ich mich nicht unbedingt bei dem Südtiroler Installateur entschuldigen. Er hat meine Gehirnströme ja nicht aufgenommen.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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