Fortsetzung Der Saisonkoch – Sommersaison


Noch an diesem Abend, schreibe ich wieder dutzende Bewerbungen. Ich habe mir alle Betriebe, bei denen ich mich bereits bewarb, mit Emailadresse und Telefonnummer hinterlegt. Mittlerweile sind das hunderte. In den neuen Anzeigen wird oft nur noch eine Telefonnummer angegeben. Dort rufe ich direkt an, um heraus zu bekommen, mit wem ich rede. Selbst das gelingt nur mit dem Einsatz von mehreren Minuten Gesprächszeit. Die Leute, die eine Arbeit suchen, sind sicher keine reichen Leute. Und wir spüren, selbst dort wird mit unserem schwer verdienten Geld umgegangen, als wäre es nicht unseres. Die Gespräche zahlen wir von unserem schwer verdienten Geld. Auch die Fahrten zu den Vorstellungsterminen. Ihr bezahlt die uns nicht! Auch nicht das Land. Irgendwie entsteht der Eindruck, mit einer Verschwörung konfrontiert zu sein. Die Ansprechpartner möchten uns irgendwie dazu bringen, uns selbst unsere Arbeit zu bezahlen. Anders kann ich mir das nicht erklären. Nur, mit deren Maserati die Uferstraße in Bozen auf und ab fahren, gestatten die uns nicht.

Natürlich versende ich meine Bewerbungen wieder landesweit. Hunger und finanzielle Verpflichtungen, zwingen mich zu dem Vorgehen. Kurz nach dem Absenden der Emails klingelt mein Telefon.

„Wie oft wollen sie sich noch bei uns bewerben?“

„So oft, wie sie Suchanzeigen aufgeben.“

„Sie haben sich in diesem Monat schon drei Mal bei uns beworben.“

„Könnte es sein, sie haben in diesem Monat drei Mal einen Koch gesucht?“

„Nein. Unsere Anzeige läuft nur ein paar Wochen.“

„Ich habe aber keine Anzeige gesehen, in der steht, sie haben einen Koch gefunden. Mit wem rede ich denn?“

Bis jetzt hat mein Anrufer sich weder vorgestellt noch den Namen seiner Firma gesagt. Die Rufnummer ist unterdrückt.

„Ja, hier ist Hotel Fgplomas.“

„Von wo aus rufen sie denn an. Ich verstehe den Namen nicht.“

Wir haben schon zehn Minuten Gespräch hinter uns. Mit einem Handy geführt von der Gegenseite. Das kostet mich auch Geld. Mein Portemonnaie scheint einen Magnet zu haben. Langsam bekomme ich den Eindruck, mein Gesprächspartner ist strotz besoffen.

„Mit wem rede ich bitte?“

Eine Frau hat das Gespräch übernommen.

„Sie bewerben sich schon das dritte Mal bei uns in diesem Monat.“

„Kann es sein, ich lese ihre Anzeige schon das dritte Mal in diesem Monat?“

Der Zirkus beginnt von Vorne.

„Wir haben einen Koch gefunden.“

„In ihrer Anzeige kann ich das nicht finden. Mit wem spreche ich?“

„Hier ist das Hotel Pluga in Bozen.“

„Ihre Anzeige sehe ich in fünf Portalen. Da müssen sie sich bei mir nicht beklagen über meine Bewerbung.“

Die speichern sich nicht mal die Daten der Bewerbung. Wenn ich das nächste Mal suchen müsste, würde ich mir doch wenigstens die Ausgaben für eine Annonce sparen. Zuerst würde ich jene Adressen anschreiben, die sich bei mir schon beworben haben. Ganz anonym. Außer ein paar Köchen, würde das Keiner merken. Auch kein Konkurrent.

Das Pluga habe ich also in meinem Adressbuch. Ich schaue kurz nach, ob ich von Denen schon die Telefonnummer habe. Ich habe sie. Ich rufe an und bemerke, besetzt. Also, die richtige Nummer. Wer dachte als junger Koch, eine Bewerbung würde sich fast wie eine Ermittlung gestalten?

„Was wollen sie denn verdienen?“

Ich soll Denen sagen, was sie für einen Koch bezahlen können oder wollen? Dümmer geht nimmer.

„Was können sie denn für einen Koch zahlen?“

Wir sind bereits bei zwanzig Minuten Gesprächszeit.

Ich stelle mir gerade vor, jede Bewerbung würde diese Zeit in Anspruch nehmen. Das allein wäre ein Vollzeitjob. Natürlich zu meinen Lasten.

„Ich muss erst sehen, was sie können.“

„Wenn sie schon einen Koch haben, können sie schlecht nachsehen, was ich kann.“

Die Logik scheint Keinen zu überzeugen. Meine Südtiroler Kollegen hätten den Hörer wahrscheinlich schon aufgelegt. Diese Latscherei geht denen ungemein auf den Geist. So, wie ich sie kenne. Die Not lässt mich ausharren und geduldig zuhören.

„Kommen sie doch morgen zu einem Vorstellungsgespräch.“

„Sie haben doch einen Koch. Ist das notwendig? Die Fahrt kostet mich Geld. Ich habe keins.“

Ich rede noch nicht von der reinen Unfallgefahr. In Bozen ist die sicher nicht zu verachten.

„Bis morgen! Kommen sie gegen zehn Uhr.“

Ich suche natürlich als Erstes auf der Karte, wo sich dieses Hotel befindet. Der Weg wäre erträglich. Zehn Uhr? Bis etwas nach Neun, ist in Bozen die Hölle los. Der Werksverkehr überschneidet sich mit dem frühen Konsumverkehr.

Kurz nach dem Abschied, darf ich verblüfft eine Feststellung registrieren. Offensichtlich ist diese Zeit, die beste Zeit für Bewerbungen. Also, weit nach Zehn, abends.

Die ersten Emails kommen zurück. Auch wieder ein Anruf. Wahrscheinlich lässt der Mangel an Köchen die Wirte nicht ruhen.

„Wir suchen einen Koch. Ich bin Leo aus Morter.“

„Sind sie ein Hotel?“

„Ja. Das Hotel Almer.“

„Ich komme früh vorbei.“

„Am besten, zur Frühstückszeit.“

„Gut. Ich komme gegen acht?“

„Besser ist, gegen Neun.“

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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