Auszug aus Der Saisonkoch – Erster Monat


Die Zimmermädchen kommen schon zur Mittagspause. Ich setze mich zu den Frauen. Sie zerstreuen mir etwas die Zeit. Alle bemitleiden mich ohne Übertreibungen und ich bekomme das Gefühl, als wären sie meine Mütter. Keine der Kolleginnen wirkt so, als würde sie das Mitleid heucheln. Die meisten von ihnen erzählen von schweren Unfällen und Verwundungen in ihrem Beruf. Sie erzählen von in Mülltüten geworfenen Rasierklingen, von zerbrochenem Glas und von schweren Quetschungen an kaputten Schränken. Einige sind schon die Treppen herunter gefallen und andere in Bädern ausgerutscht. Manche Unfälle wirken witzig und wir lachen zusammen. Andere Unfälle klingen so, als wären sie von Gästen vorsätzlich herbeigeführt worden. Zumindest, wird das etwas angedeutet von den Frauen, weil sie sich die unmenschliche Unordnung nicht erklären können. Die meisten Unfälle passieren den Zimmermädchen in den Duschkabinen. Ich hätte eher gedacht, sie verunglücken am häufigsten beim Wechsel der Gardinen. Joana ist von blauen Flecken, die sie sich bei Stößen an den Zimmereinrichtungen geholt hat, übersät. Sie alle eint ein Leiden, über das sie eigentlich selten reden; Rückenschmerzen. Die Frauen sind zu stolz, um darüber zu reden. Ich bewundere sie dafür um so mehr. Marco kommt in den Raum und bringt den Frauen ein ganzes Tablett mit Dessert vom Vortag. Das Tablett war ruckzuck leer. Die Zimmermädchen müssen soviel essen wie Leistungssportler in der Aufbauzeit. Sie erzählen wieder von den Zimmern und beraten sich, wie sie Blut aus den Bettmatratzen entfernen können. Als sie sehen, wie ich dem Gespräch lausche, fragen sie mich, ob ich das Zimmer mal sehen möchte. „Gerne“, antworte ich Ahu. Ahu ist die Gouvernante und damit Joanas Chefin auf der Etage. Auf dem Weg in die Zimmer sagt mir Ahu, „Du hast eine schöne Frau“. „Du bist auch schön“, sag ich zu Ahu. „Ich bin zu dick“, antwortet sie. „Du bist nicht dick; Du bist kräftig.“ Ahu lächelt und senkt den Kopf dabei. Ich frage Ahu, was ihr Name in etwa auf deutsch bedeutet. „Gazelle“, antwortet sie mir. „Ah. Deswegen jammerst Du wegen Deiner sportlichen Figur.“ „Sportlich? Naja.“ Ich kann nicht verstehen, warum sich wirklich schöne Frauen, heimlich, hässlich finden oder, zumindest, nicht schön genug. Für wen? Sie hat doch einen lieben Mann, schöne, fleißige, kluge Kinder. Sozusagen hat sie alles; eine Familie, Arbeit, eine eigene Wohnung und damit ein festes Zuhause. Ahu ist eine wirklich schöne Frau. Sie benötigt keinen Kleister in Form von diversem Schminkzubehör.

Den Zimmermädchen geht es wie den Köchen. In den Saisonpausen nehmen sie zu. Bei mir ist das erheblich; oft bis zu zwanzig Kilo. Eigentlich braucht man diese Reserve für die kommende Saison. Meist verliere ich das Gewicht innerhalb von drei Wochen. Den Zimmermädchen geht es genauso. Die Weihnachtszeit bis hin zu Mitte Januar, ist für Zimmermädchen und Köche eine fürchterliche Buckelei. Den Bedienungen geht es dabei ähnlich. Sie hätten am liebsten sechs Hände; und das ist nicht genug. Im Menügeschäft ist das für Kellner noch halbwegs erträglich. In einem Restaurant sieht das schon anders aus. Trotzdem arbeiten Bedienungen angeblich lieber im Restaurant. Da bekommen sie mehr Trinkgeld als Kassierkellner. Dafür müssen sie aber recht gut aufpassen, dass ihnen kein Gast abgeht. Kassierkellner werden auf Kasse abgerechnet. Fehlende Beträge müssen sie von ihrem Geld abrechnen. Zechpreller betrügen nicht den Gastwirt. Sie betrügen den Kellner.
Die Frauen wollen gehen. Joana sagt mir, sie haben nur noch in der Wäscherei zu tun. „Dort sind wir in einer Stunde fertig.“ Ich frag Joana, ob wir nach Hause fahren oder hier bleiben, weil ich morgen zum Doktor muss. „Wir können auch etwas über den Weihnachtsmarkt spazieren und hier bleiben“, sagt sie. Ehrlich gesagt, gefällt mir der Gedanke. An der Rezeption steht Alfred und fragt, ob wir heute nach Hause fahren. Als ich sagte, wir bleiben hier, antwortete er, er lädt uns auf den Weihnachtsmarkt ein. „Das kommt wie gerufen“, sage ich zu ihm. „Wir wollten eh auf den Weihnachtsmarkt gehen.“ „Heute ist ein kleines Konzert von einer Imster Kapelle.“ „Tanzmusik oder Weihnachtsmusik?“, frage ich Alfred. „Sie spielen österreichische Popmusik und sind sehr beliebt bei uns.“ „Das passt gut. Wir lassen uns das nicht entgehen.“ Ich gehe aufs Zimmer. Zuerst schaue ich, ob sich irgendwelche Termine ergeben haben. Beim Doktor muss ich morgen neun Uhr sein. Danach kann ich eventuell noch einen Vorstellungstermin vereinbaren. Ried, Samnaun und Fiss liegen so ziemlich auf dem Weg. Samnaun wäre interessant, weil ich dort gleich mit tanken könnte. Ich schicke nach Ried und nach Samnaun eine Email, ich käme gegen Mittag zur Vorstellung. Das Mittagsgeschäft interessiert mich schon. Ich möchte sehen, wie viele Gäste in dem Hotel oder Restaurant beköstigt werden. Außerdem interessiert mich, wie immer, die Kücheneinrichtung. Nachdem ich das organisiert habe, dreh ich mir den Fernseher ein. Auf jedem Kanal kommen langweilige Weihnachtssendungen mit dem immer gleichen, geheuchelten Geleier von Frieden, Glauben, Gerechtigkeit gepaart mit dutzenden Spendenaufrufen von Gangsterkolonnen der übelsten Art. Deutsche Weihnachtslieder oder zumindest deutschsprachige, spielt keiner dieser Sender. Da wäre es wohl von Vorteil, wenn sie sich auch die Fernsehgebühren dort holen, bei dem sie die Weihnachtslieder einkaufen. Jetzt leg ich mich etwas schlafen. Joana weckt mich schon eine Stunde später., weil sie schon fertig ist mit ihrer Arbeit. Wir trinken Kaffee zusammen, essen etwas sächsischen Weihnachtsstollen und legen uns anschließend zusammen etwas hin für den Fall, der Abend dauert etwas länger.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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