Auszug Der Saisonkoch – Die Sommersaison


In Andalo legen wir keine Pause ein. Konrad will bis zum Molvenosee. Irgendwie hat der einen Namen bei meinen Motorradfreunden.

Kaum sind wir am See angekommen, beginnt die Suche nach einem Parkplatz. Das klingt jetzt wie ein Witz. Mit dem Zweirad einen Parkplatz suchen. Die Plätze sind alle überfüllt. Wir finden nicht mal ein Plätzchen zum Pinkeln. Ich schätze, wir müssen etwas weiter in Richtung Ponte Arche fahren. Kaum haben wir den See hinter uns gelassen, bieten sich auch ein paar Möglichkeiten für die kleinen Geschäfte. Das kombinieren wir gleich mit einer Rauchpause.

„Wie willst du zurück fahren? Über Madonna, den Garda oder über das Fleimstal?“

„Du führst.“

„Ich führe? Das ist mir neu.“

Wieso brauchen die Westdeutschen unbedingt einen Führer. Können die nicht aus Spaß mit Genuss eine Runde drehen? Wenn ich mit meinen Italienischen Kollegen fahre, spielt es keine Rolle, ob ich schnell vorneweg fahren möchte oder gern trödele. Ich fahre. Meist vereinbaren wir einen Treff, an dem wir gemeinsam einen Kaffee trinken oder den Ausblick genießen. Keiner wird gehetzt.

Wir entschließen uns, den Toblinosee zu fahren. Von dort geht es nach Trento. Die Landschaft und die Luft reichen. Wir könnten sofort wieder eine Arbeit antreten. Der Erholungswert ist sehr hoch.

Mir fällt ein, Konrad den Cembrapass entlang zu führen. Es gibt keinen Widerspruch. Wir fahren den Pass. Bei einer Kaffeepause tue ich etwas, was ich sonst nie tat. Ich schaue auf das Handy. Fast wie die Leute, über die ich permanent lache, wenn ich sie im Restaurant oder in der Bahn beobachte. Von Denen ist Keiner bei der Sache. Die sind mit ihren Augen nur auf diesem Gerät. Egal, was in ihrer Nachbarschaft passiert. Krank. Das ist in meinen Augen eine Krankheit. Und ausgerechnet der Krankheit, fröne ich beim Kaffee.

Ich bin mehrmals angerufen worden. Die Nummer hatte ich mir hinterlegt. Wegen einer Bewerbung. Ausgerechnet jetzt. Jetzt soll ich springen. Die Herrschaften möchten meine Arbeit. In meiner Freizeit. Nach einer Absage. Ich rufe also zurück. Auf meine Kosten. So, nach der Methode: Du willst Arbeit, also zahle den Anruf und komme, wenn ich will.

„Karl. Sie haben mich angerufen?“

„Ich nicht.“

„Ja. Aber ich habe ihre Nummer drei mal bei mir auf dem Handy stehen.“

„Ich weiß nicht, wer sie angerufen hat.“

„Mit wem spreche ich?“

„Mit der Rezeption.“

„Sagen Sie bitte dem Anrufer, der Angerufene hat zurück gerufen. Sie sollen mir bitte auf den Anrufbeantworter sprechen, was sie wollen.“

Mein Gott. Wir leben im Technikzeitalter. Man kann heute eine Nachricht hinterlassen. Warum ruft mich Jemand drei Mal an, um nicht angerufen zu haben? Irre? Was ist das für eine Krankheit? Es kostet nichts.

„Ich bin Soundso. Ich rufe an wegen ihrer Bewerbung. Rufen sie bitte zu der Zeit zurück.“

Und diese Leute führen Geschäfte? Ich muss lachen. Konrad kann meine Gestik kaum verstehen. Ich erkläre ihm das. Er schüttelt mit dem Kopf.

„Mit solchen Beschäftigungen haben wir in unserer Freizeit zu tun.“

„Ruf doch einfach nicht zurück.“

„Ja. Aber ich muss auch Etwas arbeiten.“

„Wieso? Hast du dich bei der Nummer beworben?“

„Eben ja. Vor ein paar Wochen. Ich bin damals abgelehnt worden.“

„Ja. Suchen die jetzt oder nicht?“

„Ich weiß es nicht. Die Rezeptionistin tut, als wüsste sie von Nichts.“

„Und hier arbeitest du?“

„Naja. Das ist immer noch besser als den Besatzern zu dienen, die uns nachhaltig beklaut haben.“

„Da hast du vielleicht sogar Recht.“

„Ich hatte mich zu Hause schon auch beworben. Zweihundert Kilometer Arbeitsweg war das Maximum. Nichts.“

„Was?“

„An einer Raststätte fragte mich ein junger Manager, ob ich cook and chill beherrsche.“

„Na und?“

„Ich habe ihn zurück gefragt, was er meint und ob er mir das auf Deutsch, Russisch oder Französisch übersetzen kann.“

„Und?“

„Er fragte mich, ob ich Französisch kann? Ich sagte, das ist unsere Fachsprache, in der wir ausgebildet wurden.“

„Ja. Aber kennen Sie cook and chill?“

„Ich kann es höchstens übersetzen mit Kochen und Erwärmen.“

„Ja. Da treffen sie den Punkt.“

„Wir sind in der Gemeinschaftsverpflegung ausgebildet worden, wenn sie meine Bewerbungsunterlagen sehen.“

„Dann könne sie mit großen Massen an Kunden umgehen?“

„Aber sicher. Das war der Zweck meiner Ausbildung.“

„Aber hier sind das größtenteils a la carte – Kunden.“

„Das spielt keine Rolle. Ich bin dafür ausgebildet worden. Wir haben das im Menütherm – Verfahren bearbeitet.“

„Was ist das?“

„Ich schätze mal, cook and chill.“

„Das ist mir zu hoch.“

„Und mir zu weit weg. Haben sie für mich eine Übernachtungsmöglichkeit?“

„Ja schon. Wir haben ein paar Personalzimmer. Das kostet sie pro Monat einen Tausender mit Beköstigung.“

„Also noch Mal ganz gemütlich. Ich gehe bei ihnen arbeiten und bezahle meine Arbeit?“

„Ja. Die Übernachtung und Beköstigung.“

„Also. Ich bin Koch und muss meine Speisen abschmecken. Glauben sie wirklich, ich bezahle ihnen das?“

„Sie essen ja auch Personalessen.“

„Glauben sie wirklich, ein Küchenchef, der alle Speisen des Tagesangebotes zu probieren hat, isst Personalessen?“

„Der Gesetzgeber verlangt das so.“

„Das stimmt so nicht. Der Arbeitsplatz befindet sich weit außerhalb der bewohnten Gebiete. Sie zahlen entweder Kilometergeld oder bieten mir eine Übernachtung.“

„Das Kilometergeld zahlen wir nicht. Das bekommen sie vom Staat.“

„Ach so. Sie werden subventioniert?“

„Nein. Das ist Gesetz bei uns.“

„Der Mann ist Wirtschaftsleiter in dem Betrieb, in dem ich mich beworben habe. Mein Vorgesetzter.“

„Das ist normal bei uns“, sagt Konrad zu mir.

„Dann weißt du wenigstens, warum ich gegangen bin. Ich kann in Nervenanstalten nicht arbeiten. Ich erwarte, mein Chef versteht von Wirtschaft etwas mehr als ich.“

„Wohin fahren wir jetzt?“

„Eggental, Bozen und nach Hause. Es sei denn, du willst gerne eine andere Route fahren.“

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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