Neues zum 010521


Liebe Leser, der Dritte Teil ist jetzt im Druck:

Vorstellung und Danksagung


Liebe Leser meiner Blogs und Romane

Zunächst erst Mal, herzlichen Dank für ihr Interesse an meinem Blog und an meinen Büchern.

Der dritte Teil ist jetzt fertig. Ich muss ihn nur noch etwas korrigieren und feinlesen.

Wie üblich, veröffentliche ich den als Ebook und gebunden für das Bücherregal.

Als Cover habe ich einen besonderen Blick auf die Cinque Torri (Fünf Türme) gewählt, das ich selbstverständlich selbst fotografiert habe.

Natürlich nehme ich gleich die Gelegenheit wahr, auch mein Buch für Eintöpfe zu bewerben.

https://www.amazon.de/dp/B08QBY9QTQ

In diesem Buch vermittele ich Ihnen die Grundkenntnisse, mit denen Sie tausende Eintöpfe selbst kochen können. Das Buch richtet sich in erster Linie an Laien und Anfänger.

Spezielle Rezepte nützen Ihnen wenig, wenn Sie das Rohstoffverhalten beim Kochen nicht kennen. Dazu gebe ich Ihnen Hinweise, wie Sie wirklich Energie sparen beim Kochen. Mit einem kleinen Fehler im Cover möchte ich Ihnen die Einmaligkeit dieses Werkes vermitteln. In der Zweiten Ausgabe werde ich Ihnen diese Einmaligkeit wegnehmen.

Ich glaube nicht, dass Ihnen irgendein fachmännischer Kollege mit seinen Werken diesen tiefen Einblicke in das Rohstoffverhalten vermittelt wie dieses Buch.

KhBeyer

Fortsetzung Tag 90 – Saisonende


Die Heimfahrt ist zu kurz für den glücklichen Moment. Die Zeit vergeht wie im Flug. Ausgerechnet die quälendsten Momente dauern am längsten. In dem Augenblick könnten wir eine Urlaubsreise antreten. Leider muss ich heute noch arbeiten.

Zu Hause angekommen, steige ich um aufs Motorrad. Joana muss sicher etwas einkaufen für uns. Das Wetter passt halbwegs. Es sind aber dicke Wolken am Himmel.

Zwanzig Minuten später bin ich schon im Seniorenheim. Die rauchenden Senioren vor dem Heim, staunen, als ich mit dem Motorrad kam. Es gibt etwas Applaus. „Der rasende Koch kommt“, rufen sie voller Freude.

Als Suppe koche ich heute Früh eine Puddingsuppe. Die ist beliebt und wird sehr gut gegessen.

Zu Mittag plane ich:

Grüne Bohnensuppe

Speckknödel

Rahmschnitzel, Kartoffelpüree und Karotten

Grießfĺamri mit Kirschen

Zur Jause koche ich ihnen ein Mus. Das wollten sie unbedingt von mir. Bei meinem Rundgang habe sich das Einige gewünscht. Ich habe sie gefragt, wie sie das Mus haben wollen. Aus Mais oder aus Hartweizen. Dabei erfuhr ich, das Mus aus Mais wird eher im Pustertal gegessen. Genau das wollen sie von mir probieren. In Südtirol gibt es dafür ein sehr feines Musmehl. Sozusagen, Polenta aus weißem Maisdunst. Eine absolute Spezialität.

Die Schnitzel soll ich vom Schnitzelfelsich herstellen. Das ist für Senioren eigentlich zu fest. Ich würde dafür eher Filetköpfe nehmen. Die sind dem Veranstalter wieder zu teuer. Ich nehme also das Schnitzelfleisch, schneide es etwas kleiner und gebe es in den Kutter.

„Was machst Du da?“, werde ich aus dem Hintergrund gefragt. Die Chefin besucht mich. „Guten Morgen.“

„Guten Morgen. Ich koche Schnitzel für Senioren.“

„Wir nehmen für Schnitzel immer Putenfleisch. Das können sie besser kauen.“

„Ja. Aber hier ist Schwein und das ist etwas fester. Ich schneide es kleiner und stelle sozusagen, ein Hackschnitzel her.“

„Geht das?“

„Aber sicher. Ich pochiere die etwas an und brate sie danach noch mal kurz.“

Das grob Gehackte drücke ich jetzt in der Dicke für Schnitzel auf mehrere Bleche und gebe sie bei fünfundsechzig Grad in den Dampf. Dabei wird auch gleich eine feine Basis für die Sauce mit.

Die Schnitzel werden zart, saftig und für Senioren ein Genuss. In Zehn Minuten ist das fertig.

Die Suppe, die Karotten und das Mus sind angesetzt. Die Basis für das Püree auch. Den Speck für die Speckknödel kuttere ich zusammen mit Öl und Zwiebel. Ich brate das gleich auf der Herdplatte an, die ich auch zum Nachgrillen der Schnitzel verwende.

Kurz vor Mittag kommt schon ein Freiwilliger für das Weiße Kreuz und holt die Speisen für die Senioren ab, die zu Hause versorgt werden. Der Freiwillige schimpft etwas. Ihm werden seine Kosten nicht in voller Höhe zurück erstattet. Das übliche Spiel. Geld verschwindet auf wundersame Weise. „Ich fahre heute das letzte Mal“, schimpft er.

Zum Mittag bekomme ich Hilfe von einer jungen Hilfskraft. Sie möchte auch gern zur Köchin umlernen. „Was ist mit der Kollegin?“

„Die lernt schon fleißig um. Heute hat sie Schule.“

Darüber freue ich mich ganz besonders. Ich sehe mich als Grund für den Wunsch.

„Sag ihr einen schönen Gruß von mir und viel Glück für die Prüfung.“

„Mach ich.“

Unser Mittag ist fertig und das Mus hänge ich in den Dämpfer ein. Dort kann es weiter ziehen ohne anzubrennen.

Dazu bereite ich braune Butter und etwas Zucker mit Zimt. Das wollen nicht alle Senioren, aber schon recht viele.

Der Kollegin gebe ich die entsprechenden Einweisungen und sie kann das jetzt zur Jause ausgeben. Für das Abendessen brauche ich Nichts vorbereiten.

„Heute gibt es Meraner und Frankfurter.“

„Also. Schönen Tag noch. Bis zum nächsten Mal.“

Die Chefin ist nicht da und ich gehe ohne Lohn. Sie hat eh meine Kontoverbindung.

„Kumm bale wieder, Bübchen“, sagt mir eine Bewohnerin mit auf den Weg. Sie sitzt vor dem Büro. Der Rest der Senioren schaut sich gerade eine Fernsehsendung an.

Das Wetter scheint noch zu halten. Ich gebe Gas. Oberhalb Lana fängt es an zu schneien. Schnieben, sagt man hierzulande. Im Nu liegen drei, vier Zentimeter und es wird gefährlich den Berg runter nach Lana. Ich muss untertourig mit dem ersten und zweiten Gang fahren. Das dauert fast eine Stunde. Joana wird warten.

Auf dem halben Berg liegt kein Schnee mehr. Dort fallen extrem wenig Flocken. Hundert Meter weiter unten, ist Alles schneefrei und auch kaum Niederschlag. Dort fallen ein paar Regentropfen.

Bei dem Gefälle muss ich auch bei Regentropfen vorsichtig fahren. Den Berg hinauf fahren fast pausenlos Zementautos und Traktoren, die reichlich Öl verlieren und auf der Straße verteilen. Ein Liter Öl versaut tausend Liter Wasser. Das nenne ich mal Umweltschmutz.

Wie üblich um diese Zeit, staut es an ein und dem selben Ort. Trotzdem bin ich ab Lana, in fünfzehn Minuten zu Hause.

Joana hat uns Kaffee gekocht und etwas Kuchen aus Algund mitgebracht. Der Kuchen ist von einer unserer Lieblingsbäckerei. Ein kleines Fest zum Saisonende muss sein.

Wir reden von Urlaub und davon, dass wir uns das nicht leisten können. Joana hat einen Vertrag. Ich nicht. Und schon sehen wir die paar Groschen mit den Raten für die Wohnung verschwinden. Im Frühjahr sind auch alle Versicherungen und Steuern fällig. Und schon wird der Verdienst wesentlich kleiner. Wir planen eine Ausfahrt nach München oder Mailand. Für einen Urlaub zu Hause reicht schon das Geld nicht mehr. Hoch lebe der Kapitalismus. An jeder Straße und in jedem Büro steht ein Kassenhäuschen. Das Alles für mehr Freiheit.

Im kommenden Roman erfahren Sie etwas mehr über die zwischenmenschliche Liebe der Saisonkräfte, über die Einsamkeit und darüber, wie sie gezwungen werden, selbst ihre Familienmitglieder zu vergessen.

Ein Liebesroman mit dem Titel:

Joana und Karl

Tag 90


Tag 90

Wie schön ist es, zusammen aufstehen zu dürfen. Der Anblick meiner wunderschönen Frau lässt mich die ganze Quälerei vergessen. Köche lieben den Anblick von schönem Fleisch. Und Joana ist wohl eines der schönsten Stücke der seltenen Rasse Mensch. Am meisten entzückt mich der wirklich schön geformte Hintern, den ich in der aktuellen Perspektive betrachtet, nicht gehen lassen möchte.

Kaffee setze ich nur für die Arbeit an. Bei Maria möchte ich einen recht großen Kaffee mit Tiroler Sahne trinken. Ich brauche ein paar Gespräche und Nachrichten. Das gibt uns Migranten zumindest das Gefühl, Mitglied unserer neuen Gesellschaft zu sein. Früher hätte man in dem Zusammenhang von menschlicher Achtung gesprochen. Das hat sich bis heute nicht geändert.

Joana hat unser Zimmer schon etwas geputzt. Auch das Bad nach meiner Benutzung. Sie hat Alles gepackt. Viel ist es nicht. Wir gehen zusammen zu Maria.

Man könnte denken, ein Minister ist angereist. Alle Kollegen sind da und wollen uns verabschieden. Dursun trägt unser Gepäck nach draußen. Zwei kleinere Reisetaschen. Joana hat ihm den Schlüssel mit gegeben. Unser Auto steht direkt vorm Hoteleingang.

Maria hat mir einen extragroßen Kaffee gerichtet. In die Tasse geht ein halber Liter. Das wird wohl reichen für unseren Weg.

Alfred gibt Joana noch einen Umschlag. Der ist nicht zu dünn.

„Dein Lohn wird überwiesen, wie immer. Das ist eine kleine Prämie.“

Die Kolleginnen applaudieren. Es gibt dutzende Küsse, Versprechen, sich wieder zu besuchen und auch das Versprechen für die kommende Saison. Komisch; ich hatte nie das Glück, so behandelt zu werden. Obwohl ich bisweilen auch gefragt wurde, ob ich wieder komme. Mitunter waren die Fragen auch etwas versteckt. Ich bin aber Koch und kein Quizmaster. Dazu gehe ich nicht gern auf Ämter. Die bestehen zwar darauf, mich persönlich sehen zu wollen. Aber, ich verzichte lieber auf Geld als mit Beamten reden zu müssen. Das wirkt auf mich erniedrigend, oft kindisch und nicht selten dümmlich. In Südtirol ist das nicht ganz so schlimm. In der besetzten DDR ist das unerträglich. Vor allem, wenn dort Personen hausen, welche in der DDR wegen ihrer mangelnden Fähigkeiten, eher als Sekretärinnen ankamen. Solche Kreaturen führten plötzlich Abteilungen in Ämtern und krochen Besatzern in den Hintern. Um derart dominante Kreaturen habe ich grundsätzlich einen großen Bogen geschlagen. Schon allein das Austragen ihrer Farbpalette an allen sichtbaren Körperteilen, überzeugte mich, nicht unbedingt einen intelligenten Menschen vor mir zu haben. Da trifft praktisch das Sprichwort zu, man könnte sich auch mit den Gesäßmuskel durchs Leben manövrieren. Der Volksmund hat dafür eine Bezeichnung. Ich möchte jetzt nicht die massenhaft gebildeten Frauen aus den Osteuropäischen Ländern beleidigen,die gern als Bordsteinschwalben tituliert werden. Die wollen mir wenigstens nicht vorschreiben, welchen Ausweis ich für welche Tätigkeit zu benutzen habe.

Mit etwas Trauer gepaarte Freude auf die überfällige Heimkehr, fahren wir am Reschen entlang. Es ist zu dunkel, um die Schönheit dieser Aussicht genießen zu können. Wir sind uns aber sicher, bei Tageslicht würden wir diesen Anblick erst mal ruhig genießen. Den Ortler, den herrlichen Blick über das Vinschgau mit den morgendlichen Nebelbänken. Bei Tageslicht hätte ich das sicher wieder fotografiert. Vielleicht zum hundertsten Mal.

Fortsetzung folgt

Fortsetzung Tag 89


Alle die Gespräche zwingen mich zu allerhöchstem Respekt für dieses aufopferungsvolle Leben. Die Devise: Alles für die Familie, wird voll bestätigt. In den vielen Gesprächen mit Schilderungen aus der DDR konnte ich bei meinen Zuhörern sehr oft deren Bedauern über die Westdeutsche Annexion vernehmen. Viele meiner Gesprächspartner hätten zu gern in der DDR gelebt. Einige waren bei uns. Sie berichten genau das, was ihnen Westschreiberlinge täglich ins Gehirn amputieren. Persönliche Erfahrungen haben sie höchstens als Touristen, Fahrer oder Montagearbeiter. Dabei hätte ich zu gern verglichen, welchen Lohn ein DDR Montagearbeiter im Gegensatz zu ihnen bekam. Sie hätten nicht schlecht geschaut. Den DDR Verantwortlichen aus dem Volk war die Trennung von Heimat und Familie, Einiges wert.

Im Westen bekommen sie das Geld sogar noch geklaut. Italien und Österreich haben wenigstens für Kost und Logis nichts kassiert. Und dafür sind wir unseren neuen Landsleuten sehr dankbar. Die Trennung von der Familie ist und bleibt trotzdem unvergütet. Leider. Genau das macht unsere Lebenswege vergleichbar. Die Südtiroler Senioren verstehen das wegen ihrer Erfahrungen. Wir sind aber vierzig bis fünfzig Jahre weiter. Genau in dem Fall, können wir nicht von Entwicklung sprechen. Ich sehe das als dramatische Rückentwicklung.

Bei allen Gesprächen interessiert mich als Koch natürlich, was meine Gäste gern essen und was sie früher gern aßen. Die Berichte sind teilweise erschütternd. Ein Volk stellt die besten Lebensmittel her und kann sich die selbst nicht leisten. Traurig. Selbst im Altersheim wird billigster deutscher Käse verköstigt, der alles Andere ist als Käse. Man scheut sich auch nicht, das Produkt mit Namen wie Edamer, Feta oder Tilsiter zu beschmutzen.

Zum Kaffee, hierzulande Jause, habe ich einen gedeckten Apfelkuchen gebacken. Keinen Strudel.

Das Abendessen war leicht vorzubereiten. Neben diversen Aufschnitten, habe ich ein Pastagericht vorbereitet. Auf die direkte Nachfrage, wollten meine Seniorenkunden morgen ein paar gute Knödel. Speckknödel. Ich habe ihnen das für morgen versprochen.

Nach der Küchenreinigung und der Abendvorbereitung, ruft die Chefin mich ins Büro. Es waren etwa zehn Belehrungen und die damit verbundenen Unterschriften fällig. Man versucht vom Bürostuhl aus, die Verantwortung auf Arbeiter abzuwälzen. Schließlich entstehen Fehler nur bei der Arbeit. Die Belehrungen haben in etwa Romanumfang. Kein Mensch kann diesen Kram an einem Tag, geschweige, in einer Woche lesen. Die reichen diese Formulare mit einem Lächeln aus und stellen sich mit einem Kugelschreiber dahinter. Auf drei Zeilen frage ich, was damit gemeint ist. „Das steht da immer“, ist die Antwort. Eine gescheite Antwort angeblich Studierter. So funktioniert Unterdrückung. Nicht anders. Der Benutzer des Schleudersitzes teilt seinen Sitzplatz mit dem Kollegen. Und das nennen die Freiheit. Ich muss laut lachen; auch wegen der Unterschriften.

„Ich unterschreibe das nicht. Ich bin hier zur Aushilfe, weil Ihr mich braucht. Ich lese das nirgends. Was Ihr wollt, bedarf allein einer zweijährigen speziellen Ausbildung.“

„Okay. Bis Morgen. Ich kläre das. Übermorgen kommt die Kollegin wieder.“

Die berühmte Drei-Tages-Krankheit. Oder soll ich Auszeit sagen?

Gut. Der Weg aus dem Ulten ist um diese Zeit umständlich. Ein Bus und ich fahre in Schrittgeschwindigkeit nach Hause. Für Übermorgen kann ich mir dann schon mal eine andere Tätigkeit suchen. Ich bin mir aber sicher, die lässt sich jetzt finden. Ostern ist in diesem Jahr sehr zeitig. Das wird für reichlich Wechsel sorgen nach den Feiertagen. Bei halbvollen Hotels braucht es eben auch nur eine Notbelegschaft. Und da gewinnt die billigste.

Joana wird in diesem Monat bei Alfred fertig. Das gibt eine kleine Abschiedsfeier. Die Kolleginnen wollen mitfeiern. Joana muss in ihrem Sommerhotel die Vorreinigung erledigen. Dazu zählen die Personalunterkünfte und die Grundreinigung des Hotels. Das dauert normal, etwa vierzehn Tage zu dritt. Für den Endspurt kommen dann die restlichen Saisonkräfte. Joana ist sozusagen, ein Vorarbeiter.

In Lana ist schon Stau. Meist vor einem Einkaufszentrum. Ich verliere bis Meran gut eine halbe Stunde. Die Fahrt in Richtung Reschen wird nur von Lastverkehr und geringem Berufsverkehr verlangsamt. Unsere Bauern fangen schon an, ihre Plantage zu bearbeiten. Das sind Vorbereitungen für Neupflanzungen.

Eigentlich wollte ich noch mal in Prad bei Luise vorbeischauen. Aber die Zeit wird zu knapp. Ich trödele mit dem Schwerverkehr in Richtung Reschen.

Gegen Fünf bin ich da. Dursun ist schon in der Küche bei Marco. Alfred auch. Man probiert das Menü.

„Wie wars?“, fragt Alfred.

„Beschissen, wie immer.“

Alle lachen. Sie wissen, was ich meine. Beschissen ist der Normalzustand. Ginge es besser, müsste ich die Arbeit nicht tun. Ginge es schlechter, wäre ich nicht da.

„Ich habe Joana ein feines sächsisches Essen mit gegeben. Sie hat mir mit geholfen.“

„Na dann. Gute Nacht. Danke mei Gutster.“

„Ich hab Joana ein Festbier mit gegeben“, sagt Alfred.

Ich frage mich, welches Fest. Ich bin zu müde, das jetzt zu erkunden.

„Danke.“

Joana hat Roulade auf dem Zimmer. Sächsisch. Mit Zwiebel und Speck. Ich kann‘s nicht glauben. Marco kocht mir ein sächsisches Essen. Und das so gut. Ich muss gleich an meine Mutter denken.

Tag 89


Tag 89

Ich stehe mit Joana zusammen auf. Die übliche Prozedur beginnt, die bei diesem Anlass fällig ist. Joana ist im Bad und ich mache den Kaffee. Der ist für mich und meinen Arbeitsweg. Nach Joana bin ich im Bad dran. Joana trinkt inzwischen schon eine Tasse vom Kaffee. Sie bleibt nicht so lange bei Marlies.

Ich muss um Sieben anfangen. Bei einer und einer halben Stunde Fahrzeit, muss ich spätestens halb Sechs aus dem Haus sein. Zu der Zeit ist es besser, ich gebe fünfzehn Minuten zu. Ab Schlanders wird sich schon reichlich Berufsverkehr bewegen. Außerdem komme ich zu einer Zeit in Lana an, zu der schon recht viel Betrieb herrscht. Eigentlich könnte ich aufs Motorrad umsteigen. Das ist mir aber heute etwas zu riskant.

Bei Marlies werde ich der gewohnten Fragestunde unterzogen. Dursun und Alfred sind dabei. Zu viel Zeit habe ich nicht. Meine Antworten fallen etwas kurz aus. Alle wünschen mir eine gute Fahrt und das Übliche: fahr vorsichtig.

Zum Glück habe ich schon getankt. Gestern. Heute früh würde das Nichts werden. Die Straße ist hier Oben gut. Bis Schluderns bin ich fast der Einzige auf der Straße. In Richtung Müstair sind ein paar Südtiroler unterwegs. Ich kann es ihnen nicht verübeln. Fünf-Tage-Woche und neun Stunden Arbeit mit Pause. Und das für einen recht guten Lohn. Jaja. Die Arbeitsmigranten.

Wie geahnt, wird die Straße ab Schlanders etwas belebter. Trotzdem schaffe ich es bis nach Hause in fünfzig Minuten. In die Wohnung gehen, umziehen und auf das Motorrad steigen, dauert etwa zehn Minuten. Ich mache es nicht so.

Mit dem Motorrad brauche ich zwanzig Minuten bis zum Altenheim. Jetzt habe ich noch fünfundzwanzig. Im Arbeiterverkehr dürfte das reichen. Der ist etwas zügiger unterwegs als der Liefer- und Touristenverkehr.

Bis ich Lana ganz Oben erreicht habe, bekomme ich schon fast einen Drehwurm. Joana mag diese vielen Serbentinen auch nicht. Ihr wird schlecht, wenn ich die zu zügig fahre. Im Ulten selbst, ist die Straße auch stark drehend. Gut, dass ich das nicht täglich fahren muss.

Ich komme pünktlich an. Die Schwestern stehen schon in der Küche und arbeiten am Frühstück. Im Speiseraum sitzt noch kein Senior.

„Guten Morgen. Eier sind noch zu kochen und vielleicht eine Suppe“, ist meine Begrüßung.

„Was hattet Ihr gestern für eine Suppe?“

„Keine.“

Ich stelle eine Ceranplatte an. Induktion gibt es keine. Im Topfregal finde ich einen Neun-Liter-Topf für die Suppe. Ich werde Haferflockensuppe kochen.

Die Eier gebe ich in den Dämpfer. „Zwei Paletten reichen“, sagt mir die Schwester.

„Nimmst Du keine Milch für die Haferflockensuppe?“ Schon haben wir die erste Frage. „Nein“, ist die passende Antwort. „Milch geht beim Kochen kaputt.“

Diskussionen in dem Punkt lehne ich ab. Das ist für mich einfach eine Tatsache.

Den Haferbrei koche ich in leicht gesalzenem Wasser. Ein paar Gewürze, wie Zitronenschale, etwas Vanille und Zucker gebe ich zu. Nachdem der Brei ziemlich bündig gekocht ist, gieße ich mit Milch und Sahne auf. Und die habe ich im Dämpfer erwärmt. Meine Kunden kommen. Nicht etwa zusammen; nein. Sie kommen in den Gruppen, die sich untereinander gut verstehen. Das ändert sich in Altenheimen ziemlich schnell. Zu Einem, gibt es die ewigen Abschiede und zum Anderen, gewisse Streitigkeiten. Im Alter wird man eben etwas kritischer und freier. Die unterdrückerischen Regeln und ihre Vollstrecker sind nicht mehr da. In Systemen, in denen Jeder auf sich gestellt ist, sind natürlich dann Reibereien zu erwarten, wenn plötzlich gesellschaftliche Anforderungen auftauchen. In Kindergärten, Schulen und Altenheimen können wir den gesellschaftlichen Zustand erkennen. Und wir sehen, Südtiroler sind Eigenbrötler. Das ist kein Vorteil und wirklich weit weg von Gesellschaft und Demokratie. Wehe, das sagt Jemand. Witzigerweise kann ich das im Altenheim diskutieren. Die Bewohner sind wesentlich erfahrener und ziemlich aufgeweckt.

Die Suppe kommt gut an. Einige fragen, ob Karl wieder da ist. Ein schöneres Kompliment kann ein Koch nicht bekommen. Ups, die Tür geht auf und eine alte Bekannte kommt in die Küche. Mein Mengele. Sie hat den Namen im Heim bekommen. Mengele ist eigentlich kein besonderes Lob; eher ein Spitzname mit dem Hinweis zu einem Mist- oder Kompoststreuer. Ich gehe davon aus, diesen Namen erhält ein armer, aber fleißiger Mensch. Und das Mengele ist fleißig. Auch arm. Und das gibt es ziemlich oft in Südtirol. Hier gibt es ja auch noch Knechte.

Nach dem Frühstück erfahre ich, was denn eigentlich so als Mittag geplant war. Zumindest will ich mir die Rohstoffe anschauen. So üppig ist es nicht. Putenbrust ist da. Kartoffeln, Reis und Spinat auch. Ich streiche durch die Regale. Gut. Grobes Polentamehl, Nudeln in allen Varianten, kaum Gemüsekonserven. Ein paar Pflaumen und, ich staune, eine gut gefüllte Gefrierzelle. Gut gefüllt heißt nicht ordentlich. Der gesamte Zustand der Küche ist nicht besonders ordentlich. Mich erinnert das an diverse Haushalte hierzulande. Die kann ich vielleicht mit DDR-Haushalten vergleichen. Es gibt aber einen Unterschied. In der DDR haben fast alle unsere Frauen ganztags gearbeitet. Zur Belohnung gab es einen Haushaltstag pro Monat. Wir fanden das etwas wenig. Darum haben Männer gern mit geholfen im Haushalt. Ganztagshausfrauen, wie im Westen, muss man nicht helfen. Dabei möchten wir bedenken, ein Zimmermädchen soll täglich zwölf bis fünfzehn Zimmer putzen und danach noch die Wäsche dieser Zimmer waschen und bügeln. Erst danach geht sie nach Hause, den Haushalt schmeißen. Wir sehen, Westhausfrauen sind irgendwie überflüssiger. Genau aus dem Grund, heiraten junge Westmänner mit Ansprüchen, ältere Westmänner mit Geld. Und das wird diese Damen zwingen, endlich mal zu arbeiten. Aber halt. Es gibt ja jetzt den Osten. Den besetzten mit den Untermenschen. Die können ja den Haushalt übernehmen. Das Deutsche Reich hat gewisse Traditionen bei den Beschäftigungsverhältnissen. Umweltfreundlich haben auch schon deren Eltern, die überflüssigen Hilfskräfte entsorgt. Ohne ihr Wissen, selbstverständlich. Sie haben nur den Sklavenlohn vom vergangenem Monat gespart. Heute sind sie einen Schritt weiter. Sie lassen sich KZ und Kost zusätzlich bezahlen. Die geleistete Arbeit reicht ihnen nicht.

Die Mägde und Knechte in Südtirol hatten es etwas besser. Unendlich Nachschub wie im Deutschen Reich gab es da nicht. Sie wurden deswegen nicht weniger ausgebeutet. Eine Magd konnte sich höchstens mit der Oberschenkelinnenseite etwas dazu verdienen. Bei ihrem Chef. Knechte hatten es nicht ganz so gut. Die mussten ihren Chefinnen gefallen. Damit wechselten sie nur das Sklavenverhältnis.

Genau das erzählen mir die Gesichter und Geschichten unserer Heimbewohner.

Das Erstaunlichste ist, die Heimbewohner liegen immer noch in ihren familiären Feten untereinander. Es geht um Wege, auch Wegerecht, um Grundstücke und gestohlenes Vieh. Es geht um nicht bezahlte Rechnungen, um falsche Hochzeiten und um massenhaft gebrochene Versprechen. Der Witz ist, es betrifft ausnahmslos die Klasse der Besitzenden. Mit Mägden und Knechten scheint man im Reinen. Sie dienen, bis sie in der Kiste liegen. Wir bekommen also im Kleinen gezeigt, welche Ursachen, Kriege haben und wer sie anstachelt. Und gleich mit bekommen wir bewiesen, wer die Kriege auszubaden hat. Der Knecht und die Magd.

Als Prolet zähle ich zur Knechtklasse. Man ist meine Ausbeutung gewohnt und dazu benimmt man sich sehr freundlich mir gegenüber. Witzigerweise nehmen die Ausbeuter, Proleten nicht für voll, wenn sie sich um Geld, Frauen und Besitz streiten. Ich darf Alles mithören, als wäre ich ein unsichtbares Gas. Ich werde selbst sogar um Rat gebeten. In zwei Fällen konnte ich den Streit sogar schlichten. Ohne jegliche Kenntnis der Zusammenhänge. Ich konnte nicht annähernd ahnen, dass Kommunisten die besseren Pfarrer sind.

Nach dem Essen und praktisch auch nach der Oberflächenreinigung der Küche, habe ich etwas Zeit, mit meinen Gästen zu reden. Nicht alle bleiben sitzen. Nur die Neugierigen. Sie fragen mich, wo ich zwischendurch gearbeitet habe. Nach meinen Erzählungen kamen Bestätigungen des Erzählten. Oft auch mit persönlichem Erleben verglichen. Alle meine Gesprächspartner kennen die Familien, bei denen ich arbeitete. Nicht selten bekomme ich Dinge erzählt, die meinen anfänglichen Respekt erheblich schrumpfen lassen. Nicht selten bekomme ich die wahren Eltern dieses oder jenes Chefs offenbart.

Langsam aber sicher komme ich zu der Erkenntnis, die Arbeit hier müsste eigentlich mit einem Geheimhaltungsschlüssel versehen werden. Die Einblicke in die Südtiroler Geschichte sind oft zu tief.

Fortsetzung folgt

Fortsetzung Tag 88


Wir lachen zusammen.

„Ich muss los. Ich komme vorbei auf dem Rückweg.“

„Bis dann!“

All zu oft fahre ich nicht nach Sulden. Die Straße ist mir deshalb etwas fremd, eher ungewohnt. Mir sind die Tücken dort nicht geläufig. Es heißt, etwas vorsichtiger zu fahren. Zuerst fahre ich in Richtung Stilfser Joch. Von da geht eine Abbiegung weg. Als Ortsfremder kann man sich dort leicht verfahren. Die Straße ist tückisch, aber gut gepflegt vom örtlichen Winterdienst. Ich könnte fast mit dem Motorrad hinauf fahren.

Im Hotel angekommen, empfängt mich die Sekretärin, mit der ich gesprochen habe.

„Karl. Ich bin zur Probearbeit hier. Habe ich mit Ihnen gesprochen?“

„Ja. Der Chef ist nicht da. Die Küche ist dort.“

Sie zeigt mir die Küche. Dort arbeiten gerade drei Kollegen. Der Vierte kommt hinzu und stellt sich als Chefkoch vor.

„Karl. Guten Morgen. Ich bin hier zur Vorstellung und zur Probearbeit. Bist Du der Chefkoch?“

„Ja. Du kommst gleich in Kochkleidung?“

„So hat mir das die Sekretärin gesagt.“

Die Kollegen stellen sich vor. Ein slowakischer und zwei polnische. Ich frage sie, ob ich gleich Etwas helfen kann. Wir kümmern uns um die Salate und Beilagen. Die sollen etwas speziell dressiert werden. Dressieren heißt, in eine bestimmte Form schneiden, damit sie auf dem Teller schöner aussehen. Das ist zum Einarbeiten recht gut geeignet.

Generell will ich aber einen Service sehen. Mich interessiert der Ablauf und das Anrichten der Teller. Nebenbei unterhalten wir uns, woher wir kommen und wo wir zuletzt gearbeitet haben.

Der Chef muss abgelöst werden, weil er in Dorf Tirol gebraucht wird. Oft beginnt dort die Saison schon im März. Er hat persönlich eine Vertretung gefordert.

Schon gegen Mittag, mit dem Erscheinen des Chefs des Hauses, stellt sich das anders dar. Der weiß nichts von einem Probekochen und von einer Vorstellung. Er fragt mich, was ich hier will.

„Ihre Sekretärin hat mich angerufen.“

„Welche?“

„Wie viel haben Sie denn?“

„Sagen Sie mir ihren Namen bitte.“

„Claudia war ihr Name am Telefon.“

Der Chef geht und kommt mit Claudia wieder.

Sie gibt es also im Betrieb.

„Haben Sie den Koch zur Probearbeit eingeladen?“

„Zur Vorstellung“, antwortet sie.

„Ich kann wohl die Einladung zu einer Vorstellung von der Einladung zur Probearbeit unterscheiden“, antworte ich.

„Wir brauchen keinen Koch und schon gar keinen Chefkoch“, sagt der Chef.

„Tschüss, schönen Tag noch. Gibt es hier einen Kaffee oder ein Wegegeld?“

Keine Antwort. Ich packe, ziehe die Jacke über und fahre zum Kaffeetrinken zu Reinhold in Prad.

Das war praktisch schon der zweite Reinfall in diesem dunklen Loch, Sulden. Kein Wunder, dass sich dort dunkle Personen am wohlsten fühlen.

Für mich war das jedenfalls der allerletzte Versuch, in diesen Ort jemals wieder einen Fuß zu setzen. Nicht mal als Tourist.

In Prad angekommen, frage ich Reinhold, ob er den Kaffee schon fertig hat. Er lacht. Mich freut ungemein, sehen zu dürfen, wie man sich kennt in den Kreisen. Warum viele Worte, wenn es ein kurzer Satz auch tut. Ich habe die Fahrt bezahlt, sonst niemand. Ich frage mich, was passiert, wenn ich bei so einer Fahrt einen Unfall oder eine größere Panne zu beklagen habe. Dabei bin ich mir sicher geworden, von diesen Ganoven wird selbst eine schriftliche Einladung abgestritten. Die Email liegt bei mir auf dem Computer. Im Telefon habe ich nur den Hinweis.

Nach dem Kaffee verabreden wir uns auf ein nächstes Treffen bei Gelegenheit. Natürlich mit Motorrad. Ich soll Joana schön grüßen und sie auch mal wieder mitbringen, sagt Luise zu mir. Fleiß und Bodenständigkeit bildet eine eigene Gruppe. Man achtet sich und heuchelt nicht.

Luise gibt mir ein belegtes Brot mit. „Du hast doch Hunger jetzt.“ Ein Südtiroler Speckbrot mit Schnalser Speck. Das war den Ausflug wert, denke ich mir.

In Richtung Reschen war um diese wenig Verkehr. Ich komme pünktlich zu Joanas Feierabend an. Die Kollegen und auch Alfred sind alle zur Mittagsruhe. Reka lächelt mich freundlich an.

„Wie wars?“

„Beschissen, wie immer.“

„Und morgen?“

„Ultental. Der Ausgang ist ungewiss. Gäbe es hier Kilometergeld, hätte ich schon ein Vermögen verdient. Und die wollen uns Etwas von Umweltschutz erzählen.“

Reka lacht leise und nicht schüchtern. Man könnte denken, Alfred hat eine Kamera im Foyer. Ich schau etwas in die Ecken. Er hat mehrere davon. Die braucht es ganz sicher in unserem Gewerbe.

Joana ist schon Oben. Sie wartet.

„Gehen wir noch mal aus?“

„In die Tankstelle?“

„Gerne. Oder zu Ingrid.“

Wir verduften heute mal, würde ein Sachse sagen.

Unsere türkischen Freunde von der Tankstelle sind da. Ein österreichischer Unternehmer tauscht gerade einige Automaten aus. Jetzt kann man in der Tankstelle auch wetten. Von den Skigebieten kommen reichlich Angestellte, die sich auf die Art die Freizeit vertreiben. So bleibt das liebe Geld eben in Österreich, statt in die Türkei, nach Polen oder in die Slowakei zu wandern. Schade. Die Familien der Arbeiter warten auf das Geld zu Hause.

Ein ungarischer Kollege erzählt mir gerade, seine Frau würde sein Geld gar nicht mehr benötigen. Sie strippt im Internet. Für Geld. Sie würde damit mehr verdienen als er. Jetzt wartet er auf den großen Automatengewinn. Auf die Art möchte er die alten Herrschaftsverhältnisse in der Familie wieder herstellen. Scherzend fügt er hinzu, viele ungarische Frauen würden sich auf die Art das Geld verdienen.

„Dann bist Du jetzt also Zuhälter?“

„Beinahe.“

„Das ist wenigstens ein ehrenwerter Beruf hier im Westen.“

Er lacht. Joana auch.

„Machst Du auch Internet?“, fragt er Joana.

„In der Not hätte ich es vielleicht getan. Aber dann könnte ich nicht mehr als Zimmermädchen dienen.“

Tja. Schon steht die Frage, wo verdiene ich am meisten. Als Zimmermädchen hat Joana wenigstens Bewegung, die schon fast an Gymnastik heran kommt.

Wir trinken ein paar Kaffee aus dem Automaten und essen dazu ein warmes, fast schon heißes Brötchen mit Leberkäse. Yusuf sagt das perfekt in Landessprache: Leberkas. Wir lachen über seine Nachahmung.

„Agnes, machst Du auch Internet?“

„Mir reicht Yusuf“, antwortet sie und lacht.

„Willst Du auch einen Glühwein?“, fragt sie nach.

„Wir sind mit dem Auto und wir müssen morgen arbeiten.“

„Dann iss gut. Die Kollegen trinken den.“

Der frühe Abend war schön. Wenn ich bedenke, in einer Tankstelle trifft Unsereins, Menschen. Seltsam.

Wir fahren zurück und Dursun steht wieder vorm Hotel.

„Abreisen“, sagt er kurz angebunden.

„Um die Zeit?“

„Die haben gestritten. Der Chef hat sie geschmissen. Er hat die Gendarmerie anrufen müssen. Die wollten nicht zahlen.“

Alfred werden wir jetzt nicht treffen. Aber Marco.

Marco steht aufgeregt in der Küche.

„Die haben frisches Hirschfilet gefressen und reklamiert. Schade um das Tier.“

„Wie? Zu Rosa? Zu roh oder zu durchgebraten?“

„Zu salzig.“

„Wer hat gesalzen? Die oder Du?

„Die wollten kein Salz. Wegen angeblicher Allergie.“

„Da bist Du ja fein raus.“

„Eben nicht. Die sagen, ich hätte es gesalzen.“

„Jetzt weiß ich, warum die Alfred geschmissen hat.“

„Bis auf ein kleines Stück haben die das aufgefressen.“

„Westdeutsche?“

„Köllner.“

„Das sind eh alles Säufer.“

„Willst Du Etwas essen?“

„Wir waren in der Tankstelle. Leberkas.“

„Ich hab noch ein schönes Dessert.“

„Das könnten wir uns noch antun.“

„Ich hab die Panettone als Muffins gemacht und mit Puddino gefüllt.“

„Zehn Stück bitte.“

Marco lacht. „Ich habe nur noch vier für Dich.“

„Gute Nacht. Ich muss schnell schlafen für morgen. Es geht zeitig raus.“

„Gute Nacht.“

Tag 78


Tag 78

Ich werde geweckt. Nicht von Joana, sondern vom Zimmertelefon. Joana ist schon Unten. Reka hat die Telefonanlage neu programmiert, die mich wecken soll. Sie sagt mir, es sei eine Probe. Sie mussten die Anlage neu programmieren. „Der Kaffee wartet schon“, sagt sie zu mir und lacht.

Nach einer Katzenwäsche gehe ich schnell runter. Alle sind da. Heute ist ein Wechseltag. Für sämtliche Abreisen stehen Anreisen zu Buche. Die Zimmermädchen haben heute besonderen Druck.

Oft stehen die Anreisenden schon im Haus, während die Abreisenden noch bis Zehn im Zimmer sind. Wir üblich, gibt es auch da säumige Gäste. Die sind eben der Meinung, sie könnten bis Nachmittag im Zimmer bleiben. In so einem Fall räumt Dursun das Zimmer. Dursun weiß viel zu erzählen über solche Räumaktionen. Dursun ist aber weder ein Arzt noch ein Anwalt. Er steht nicht unter Schweigepflicht. Als Gast, der es auf so Etwas ankommen lässt, würde ich mir das vorher überlegen. Vor allem dann, wenn ich über undichte Ausscheidungsöffnungen verfüge oder es mit der Sauberkeit nicht so genau nehme. Wer sich also nach der Benutzung der Toilette nebst reichlich Toilettenpapier, ungewaschen auf das Bett setzt, zeigt das Dursun. Dursun und unsere Frauen müssen sich davon nicht mehr übergeben. Sie sehen es zu oft. Und selbst da, können sie Unterschiede zwischen einzelnen Völkern und Nationen erkennen. Und ausgerechnet die, welche Bürger anderer Nationen als Untermenschen oder Drecksvolk bezeichnen, haben die längsten Bremsspuren in der Bettwäsche. Ausgerechnet unsere italienischen und muslimischen Gäste, hinterlassen mehrheitlich, tadellose Bettwäsche. Oft denken unsere Zimmermädchen, die Zimmer wären nur kurz belegt oder gar nicht benutzt worden. Wir amüsieren uns immer wieder über Dursuns Geschichten. Ahu und Mira geben dazu auch kurze Kommentare. Genauer brauchen sie das nicht beschreiben. Der Bäcker würde denken, wir mögen seine Personalgaben nicht mehr. Zum Glück ist sonntags das Gebäck bereits verzehrt. Sonntagmorgen finden die Zimmermädchen und Dursun auch diverse Mageninhalte in den Betten und Bädern. Da bliebe das Gebäck stehen.

Mit den wirklich unterhaltsamen Frühstück im Bauch, fahre ich los. Ich befürchte einen recht strengen Verkehr. Die Befürchtung wird nicht erfüllt. Die Straßen sind leer. Fast wie Sonntagmorgen. Ab Naturns kommen mir erst Autos entgegen, die Skiausrüstungen auf dem Dach haben.

Zu Hause bin ich recht früh. Ich kann fast zwei Stunden ruhen. Ehrlich gesagt, brauche ich das auch. Ich fühle mich schlaff und verbraucht.

Zu Gunda fahre ich heute wieder mit dem Motorrad. Abends sind zwar Niederschläge angesagt, aber Schnee erwarte ich keinen. Es ist tagsüber zu warm für Schneefall.

Heute ist kein Tagesmenü vorzubereiten. Das passt. Wir sind kein Ausflugslokal. Ein paar Frühschoppler sitzen am Tresen. Sonst ist das Lokal ziemlich leer.

Küchentechnisch ist eigentlich Nichts vorzubereiten. Selbst Salatteller würde ich erst auf Abruf herstellen. Ich koche ein paar Pellkartoffeln. Gunda hat feine Pustertaler Kartoffeln mitgebracht. Die liegen etwas zu warm neben der Kühlzelle. Ein Fünf-Kilo-Säckchen koche ich, bevor sie anfangen zu keimen. Ein paar Karotten könnte ich noch schälen. Als Vorbereitung für Salat oder als Gemüsebeilage für Montag.

Das Mittag geht schnell rum. Wir verkaufen drei Spiegeleier und ein Wiener Schnitzel mit Pommes. Kaum ist das Mittag vorbei, kommt Dora. Sie bleibt bis zum Feierabend über Nachmittag. Sie hat Kuchen mit. Wahrscheinlich verkauft Gunda am Samstag Nachmittag etwas Gebäck. Ich verabschiede mich bis zum Abendservice. Selbst diese vier Wege von zu Hause zur Arbeit und zurück, kosten mich ohne den Weg nach Nauders, pro Tag, Benzin für fast vierzig Kilometer. Das sind drei Euro. Pro Monat wären das zwischen siebzig und achtzig Euro. Die Kosten inklusive Steuern, bezahle ich von einem Lohn, den ich schon versteuert habe. Und das zu Gunsten einer Firma, für die ich arbeite.

Im Fernsehen kommt alpiner Skisport. Ich stelle die Wecker und schlafe ein bei der Übertragung. Zu Essen gibt es nichts.

Gegen halb Fünf weckt mich wieder der Wecker. Langsam wird mir der Tagesablauf zu eintönig. Schlafen, Fahren und Buckeln. Am Montag geht es nach Schenna. Mal sehen, was es dort gibt. Ich erwarte etwas Abwechslung. Sonst nichts.

Das Abendgeschäft schien mir etwas interessanter zu werden. Im Gastraum saßen um die zwanzig Gäste, die ich noch nicht gesehen habe. Ich dachte, die bleiben zum Essen. Irrtum. Zehn Minuten später brechen sie auf. Neben ein paar Wiener- und Naturschnitzeln mit Pommes und Röstkartoffeln, verkaufe ich zwei Speckbrettln. Das war mein Abendgeschäft. Ehrlich gesagt, ist der Erlös bei Spiegeleiern etwas höher.

Gunda dankt mir und Dora möchte die Küche allein putzen. Sie schicken mich nach Hause. Es ist ziemlich spät. Bei einer Stunde Fahrt, schaffe ich es noch vor Zwölf.

Zu Hause angekommen, rufe ich Joana an. Sie verbietet mir zu fahren. Mir bleibt also ein einsamer Fernsehabend. Um mich etwas aufzubauen, schaue ich mir „Die Olsenbande“ an. Trotz des lustigen Filmes, muss ich an Helga Hahnemann denken, die an Krebs starb. Helga kannte ich noch als kulinarischer Gastgeber. Sie war ziemlich oft Gastkünstler in unserem Kulturhaus.

Ich schlafe ein beim zweiten Teil dieser Serie.

Tag 77


Tag 77

Der Freitag beginnt mit dem Klingeln von Joanas Wecker. Ich stehe gleich mit auf. Freitags muss ich mit dichtem Verkehr rechnen. Ich möchte fahren, bevor der Berufsverkehr einsetzt. Zu Hause kann ich mich ja noch eine oder zwei Stunden hinlegen.

Natürlich erzähle ich Joana vom ganzen Tag und Joana mir, von ihrem. Ich teile ihr auch den Termin in Schenna mit. Da spekuliert sie auch etwas mit einem Ganzjahresplatz. Wenn ich ehrlich sein soll, ist mir angesichts der Arbeitszeiten, ein Ganzjahresarbeitsplatz gar nicht so recht. Irgendwann müssen die Knochen auch mal ausruhen. Sechstagewoche bei mindestens zwölf Stunden täglich, ist als Jahresarbeitsplatz bösartige Ausbeutung. Bei gesetzlicher Arbeitszeit wären das immerhin zwei Arbeitsplätze. Sogar in Schichtbetrieb, wie in der DDR. Nicht im geteilten Dienst mit vier riskanten, teuren Arbeitswegen wie in Südtirol. Wir reden noch nicht von Umweltschutz und den Behauptungen dahingehend. Wer eine geteilte Arbeitszeit durchsetzt, ist nicht wirklich am Umweltschutz interessiert. Und schon gar nicht an der Minderung des Verkehrsaufkommens. Mich wundert nur die relativ geringe Anzahl an Unfällen.

Nach der Toilette gehen wir zusammen runter zu Marlies. Marlies hat Stress. Sie hat aber feines Gratisgebäck vom Bäcker da liegen. Dursun ist schon am Kauen. Der Bäcker hat diesen herrlichen Stollenkuchen mitgeschickt. Bei uns wurde der Kartoffelkuchen genannt. In Sachsen. Auch bei uns in der DDR gab es regionale Unterschiede. Bei uns wurde der Pizza ähnliche Kuchen mit reichlich Butter bestrichen und Zucker bestreut. Rosinen, Mandeln und auch mitunter Zitronat, waren Bestandteile dieses Blechkuchens. Frisch schmeckte der köstlich wie jedes Hefegebäck.

Für Hefegebäck braucht es eben auch genug Kunden.

Unser Morgenplausch ist recht kurz und wir beschränken uns auf kleine Anspielungen des Lächelns wegen. Frei nach de Sprichwort: „Wer lächelt, hatte Sex.“ Genau in diesem Rahmen werden dann Komplimente für Figur, Aussehen und Verhalten verteilt. Das wirkt für den kommenden Arbeitstag recht erfrischend und aufbauend. Wahrscheinlich ist das deswegen jetzt verboten. Wer will schon einen positiv motivierten, lustigen Arbeiter? Der ist doch krank.

Langsam werden die Nächte etwas wärmer, scheint mir. Ich muss das Auto nicht warm laufen lassen.

Auf der Hauptstraße ist schon reichlich Gedränge. Halb Sechs früh. Trotzdem gibt es bis Schlanders keine Behinderungen. In Schlanders wird der Verkehr etwas dicker. Das liegt aber eher an der Zeit. Warum ausgerechnet freitags und montags, mehr Betrieb ist als an den anderen Tagen, bleibt mir ein Rätsel. Arbeiten Südtiroler nur an den zwei Tagen?

Zu Hause angekommen, kann ich mich noch ein Stündchen hinschmeißen. Ich stelle mir drei Wecker. Wehe, ich verschlafe. Ich lege mir einen Film ein: „Fargo“. Der wirklich herrliche Film ist schlecht geeignet zum Einschlafen. Trotzdem gewinnt die Müdigkeit. Ich werde mir den Film zur Mittagsruhe noch einmal anschauen.

Acht Uhr klingelt mein Wecker. Nach einer kleinen Erfrischung genehmige ich mir ein zwei Kaffee.

Endlich kann ich wieder etwas Motorrad fahren.

Gunda steht nicht allein vor dem Restaurant. Sie redet mit einem Gast. Sie grüßen mich.

„Bischt Du der Neie?“

„Ja. Guten Morgen.“

„Er isch e Extrakommitarier aus Ostdeitschloand“, sagt Gunda zu ihm. Gunda ist dreisprachig, bemerke ich gerade. Italienisch, Deutsch und Südtirolerisch. Italienisch und Mundart, nutzt man gern, wenn man nicht verstanden werden möchte.

Ich verstehe das als Aufforderung, zu gehen.

Kaum bin ich umgezogen, kommt Gunda. „Heute gibt es:

Salatteller

Tomatensuppe

Spaghetti Carbonara

Rippelen, Röstkartoffel, Sauerkraut

Erdbeerjoghurt

In der Küche steht ein Karton mit deutschen, abgekratzten Knochen als Rippelen. Da muss ich ja pro Kunde ein Kilo braten, damit der etwas Fleisch findet. Dazu werde ich eine Extratonne für Knochenabfälle benötigen. Auf die Art exportiert das Reich seine Knochen. Aber wehe, ein Südamerikaner lässt die Knochen am Rinderrücken. Die müssen in Südamerika vergraben werden. In Fleisch mit Knochen bekommt der deutsche Westfleischer auch keine fünfzig Prozent Salzwasser. Schließlich wollen die Westkunden, Salzwasser statt Fleisch. Sie sind das gewöhnt. Dazulande möchte man Fleisch mit dem Löffel oder der Heugabel essen.

Die Carbonara werden mich über Mittag ziemlich beschäftigen. Rippelen passen da sehr gut dazu. Die sind nach meiner Behandlung fertig portioniert und ich muss sie nur ausgeben. Im Kutter mache ich mir gleich die Würzmischung mit Öl fertig. Damit muss ich die Rippelen nur einstreichen. In den Dämpfer geht der ganze Kartoninhalt rein. Zehn Kilo. Ich schätze, abends wird es davon auch noch etwas geben.

Zu Mittag sind es heute relativ wenig Gäste. Entweder haben sie schon frei, setzen ab oder sie wollen zeitig Feierabend machen. Es könnte auch sein, die Kunden sparen für das Wochenende. Schließlich ist am Wochenende die Familie auszuführen. Und genau das, kann in Südtirol ziemlich teuer sein. Zumindest für Jene, die nicht direkt aussehen wie Südtiroler.

Ich fahre in unsere Wohnung und starte den Film in der Hoffnung, ihn mir ansehen zu können. Von meinen Nachbarn ist leider Keiner anzutreffen. Vielleicht sind sie bei Doris, Karten spielen. Ich nehme mir vor, abends ein Rippele zu kosten. Zumindest da möchte ich wissen, ob sie auch schmecken. Deutsches Fleisch esse ich sonst nicht. Schon gar nicht das von unseren Besatzern. Sie müssten uns DDR – Bürgern das eh ein Leben lang schenken. Bei dem, was die uns geklaut haben.

Nach dem Aufwecken fahre ich sofort zu Gunda. Abends rechnen wir mit etwas mehr Kundschaft. Es gibt Einiges vorzubereiten. Bei meiner Ankunft steht schon der Parkplatz voll. Mir schwant Schlimmes. Sollte etwa eine Gesellschaft da sein, von der mir Gunda nichts gesagt hat? Mal sehen.

Ich gehe nicht durchs Restaurant in die Küche, sondern den Personalschleichweg. Der führt an der Toilette vorbei. Und die riecht etwas unangenehm. Man feiert ausgelassen. In der Küche steht schon Jemand. Eine junge Frau. Dora. Sie stellt sich mit dem Namen vor.

„Ich helfe freitags immer etwas.“

Wahrscheinlich muss ich freitags nicht abspülen. Das klingt fast wie eine Erleichterung. Wenn sie sich wirklich auskennt hier, ist es eine.

Die Röstkartoffeln hat sie schon geschnitten. Ich vermenge sie gleich mit Zwiebelöl und Gewürzen. Die Mischung gebe ich in zwei Gastronorm und schiebe sie in den Dämpfer bei zweihundertdreißig Grad. Eier hat mir Dora schon bereits gestellt. Den Salat auch. Ich frage sie, ob das reicht. Sie nickt.

Gunda kommt in die Küche und stellt mir Dora vor. Familie. Alles bestens. Mehr muss ich nicht wissen bei meinem kurzen Einsatz hier.

Entgegen den Erwartungen, bleibt das Abendgeschäft relativ ruhig. Mit einem Unterschied. Ich verkaufe heute das erste Mal einen Rostbraten. Ein Rumpsteak mit dem Namen. Als Koch würde ich so Etwas niemals in einem Restaurant bestellen. Es sei denn, für meine Gäste. Für den Preis einer Portion bekomme ich ein Kilo im Laden. Und genau dieses Kilo, würde ich nur mit meiner Joana verdrücken. Wir kommen heute Abend nicht ins Schwimmen. Alles bleibt gemütlich, obwohl wir sechzig Portionen verkaufen. Dora lobt meine Ruhe und Besonnenheit.

Gegen Zehn sind wir fertig. Die Küche ist zu Zweit schnell geputzt. Gunda bringt mir einen Kaffee und wir verabreden uns auf morgen.

Freitagabend ist auf der Algunder Straße recht viel los. Fast wie werktags gegen Mittag. Ich muss mich etwas in Acht nehmen. Die Jugend fährt ziemlich übermütig. Und nicht nur die. Man hat den Hang, unbedingt ein Rennen zu veranstalten. Sobald ich zum Überholen ansetze, gibt der Fahrer des trödelndem Fahrzeuges, das ich überholen möchte, plötzlich Gas. Nicht nur Einer. Die Krankheit ist weit verbreitet. Ich frag mich, ob die schon fertig sind, ihre Raten zu bezahlen. Bei der Feierlaune. Naja. Vielleicht hat ihnen der Papa ein Auto geschenkt. So fahren auf alle Fälle keine Jugendlichen, die sich ihr Auto selbst verdienen mussten.

Zu Hause angekommen, überlege ich, ob ich noch zu Joana hoch fahre. Freitags scheint mir das zu riskant. Ich rufe Joana an. Sie rät mir ab, sagt aber nicht, Nein.

Ich ziehe mich um und fahre. Irgendwie brauche ich das. Bis Schlanders geht das auch recht flüssig. Außerhalb Schlanders ist reger Verkehr. Ich schätze, irgendwo sind Discos oder Tanzlokale. Anders kann ich mir den Verkehr nicht erklären. Die Autos sitzen alle voll mit Jugendlichen.

Ab Spondinig ist etwas mehr Ruhe. Gelegentlich kommt ein Gegenverkehr. Nach Mals wird es aber wieder lebhaft. Mich überholen laufend einheimische Jugendliche. Man setzt auf getunte Fahrzeuge mit den üblichen Fuchsschwänzen und Schleifchen an den Antennen.

In Nauders angekommen, stelle ich auch dort einen regen Verkehr fest. Der Ort ist voller Spaziergänger und Touristen. Wahrscheinlich ist Anreise angesagt. Alfred jedenfalls, steht noch an der Rezeption. Und die wird rege belagert. Alfred winkt nur. Zu Marco schaue ich ganz kurz rein. Er schwimmt. Dursun hilft ihm.

Joana schläft schon. Es ist weit nach Elf. In knapp fünf Stunden steht Joana wieder auf. Joana hat mir ein Schnitzel in eine Semmel gelegt. Das ist mein Tagesessen vor dem Schlafengehen.

Fortsetzung Tag 76


Fortsetzung Tag 76

Eigentlich backe ich zum Tiramisu meinen eigenen Biskuit. Die Chefin wollte das nicht. Ich soll den fertigen Keks nehmen. Ich weiche die Biscotti in Kaffee ein. Und mache mich an die Creme. Normal müsste ich jetzt Ei trennen, das Eiweiß steif schlagen und Mascarpone unterziehen. Es gibt aber auch Methoden, die zwar nicht billiger sind aber etwas gebräuchlicher. Und eine davon nutze ich jetzt. Sagen wir dazu, alpine Version des Tiramisu. Ich schlage einfach unsere frische Alpensahne mit einer Prise Salz, Zucker, Vanillie und Zitronenabrieb cremesteif, ziehe da die Mascarpone unter und schlage das zusammen steif. Jetzt fehlt nur noch ein oder zwei Eigelb, pasta gialla, ein winziger Schuss Rum und schon steht vor mir ein Tiramisu-Männchen. Obwohl; jetzt, verspritzt in ein Schale, ähnelt die Form eher einem alpinen Tiramisu-Weibchen mit kräftigen Hüften. Fast wie eine Matroschka. Man könnte fast meinen, unsere russischen Freunde hätten das Dessert erfunden. Bei denen nennt sich das Sotschniki. Und dieser Biskuit wird selbst gebacken, nicht gekauft. Vielleicht haben es unsere Venezianischen Freunde von der Krim mitgebracht. Mr rinnt die Zeit weg bei meinen philosophischen Ausflügen.

Jetzt kommt der Salat dran und bei der Gelegenheit wasche und schneide ich auch gleich meine Zucchini zum Grillen mit. Zur Garnitur grille ich zwei Tomatenviertel mit. Unsere Arbeiter werden sich freuen.

Die Salate sind fertig, das Dessert auch, die Zucchini auch und die Suppe….schmeckt. Ein Wunder. Die Chefin kommt und sagt mir, ich hätte die Pasta vergessen. Das stimmt, muss ich feststellen. Da bleibt jetzt nur eine schnelle Napoli und der Hausfrieden ist wieder hergestellt. Die Chefin hat mir das Menü diktiert. Aber, ich darf nicht streiten, hat Joana gesagt. „Halt Dein Maul.“

Aber, das scheint in meinem Handwerk nichts zu bringen. Kochen muss ich es trotzdem und das unter besonderem Druck. Bei Zimmermädchen ist das etwas anders.

Die Hühnerbrustschnitzel schneide ich etwas kleiner und verarbeite sie als Fried Chicken. Die Chefin guckt erst etwas überrascht, ist aber nach einer Probe begeistert. Hoffentlich will sie jetzt keinen Sex. Köche sind heiß begehrt als Haussklaven. Sie sind selten zu Hause und wenn, dann müssen sie kochen. Für den Sex sind sie ja nicht da. Das machen dann Andere.

Das Mittag läuft gut. Ich bekomme zwei Besuche in der Küche, die mir ein Bier ausgeben wollen. Zu Mittag. Warum nicht zum Frühstück? Andere Länder, gleiche Sitten. „Bist Du der Ersatzmann?“ Jetzt kommt es raus. Also doch. Naja. Wenn es gut bezahlt wird, warum nicht. Gunda, den Namen der Chefin erfahre ich gleich mit, verschwindet erst mal kurz.

Die Gäste sind draußen, das Mittag beendet und Gunda bestätigt mir das. Am Montag kommt Fausto, der Koch wieder. Man hätte sich gestritten. Das ist eigentlich schon wieder gelogen. Vielleicht sind nur ein paar freie Tage offen oder Fausto hatte einen Familienanlass. Dem Ansuchen von Angestellten, kommen Südtiroler Unternehmer nur schwer entgegen. Man muss sozusagen, jedes Mal mit einer Kündigung drohen.

„Wenn ich einer Ersatz brauche, habe ich zu viel bürokratischen Kram zu erledigen.“

„Sie sind aber Bestandteil und Förderer dieser Bürokratie“, sag ich zu Ihr.

„Wieso? Das ist ein Witz!“

„Wenn ein Gastarbeiter aus Osteuropa zu Hause einen Trauerfall hat und drei Tage frei haben möchte, verlangen Sie von ihm die amtlich beglaubigte Sterbeurkunde. Damit sind Sie Bestandteil und Förderer der Bürokratie.“

„Oh ja. Sie haben wahrscheinlich Recht. Aber wir bekommen die Fehltage nicht bezahlt.“

„Sind Sie der Unternehmer oder das Amt? Wenn Sie frei machen, bekommen Sie das auch nicht bezahlt. Oder doch?“

Für mich sind das Alles, Schutzbehauptungen. Grobe Unwissenheit will ich mal Keinem unterstellen. Und übertriebene Ehrlichkeit schon gar nicht.

Zur Mittagsruhe ist wieder Fernsehen angesagt. Ich stelle mir einen Film an, bei dem ich gut einschlafen kann. „Das Fenster zum Hof.“ Mein Fenster wird schnell dunkel.

Meine vier Wecker melden sich. Jetzt bräuchte ich auch vier Hände, um die Geräusche abzustellen.

Zum Abendgeschäft das Gleiche wie gestern. Ich komme mir vor wie Ostern. Eier, Eier, Eier. Ein Speckbrett für Vier. „Na endlich mal etwas zu Essen.“ Ich huste nach der Bemerkung. Gunda lacht. „Vergess die Sauren Zwiebeln nicht!“

Das hätte ich tatsächlich vergessen. Leider wird das in vielen Restaurants nicht mehr dazu gegeben. Eine Tradition schläft eben langsam ein, wenn man es nicht selbst tut.

Zum Feierabend begleitet mich Gunda an die Tür. Sie will sehen und hören, wie mein Moto klingt und wie ich drauf hänge.

Zu Hause wechsele ich das Fahrzeug, trinke schnell noch einen Kaffee und begebe mich in Richtung Reschen. Es ist Alles frei bis Nauders. Ich komme nach fünfundvierzig Minute Oben an. Das riecht nach einem Rekord. Dursun oder Alfred stehen nicht vor der Tür. Aber im Foyer.

„Ein seltener Gast“, ruft Alfred. Ich war nur einen Tag weg und schon vermisst er mich.

„Alles gut“, fragt Dursun.

„Ja, bis morgen oder Sonntag.“

„Und. Hast Du schon wieder Termine?“

„Ja. In Schenna.“

„Also, noch weiter weg.“

„Es gäbe vielleicht noch Etwas in Prad. Aber da muss ich erst noch mal anrufen.“

„Du bist ein viel beschäftigter Mann“, scherzt Alfred. „Dein Essen steht schon Oben. Gute Nacht.“

Joana schläft schon. Bei der Arbeit, kein Wunder. Nach meiner Toilette ist sie wach und hat mir einen Kaffee eingegossen. Wir reden noch etwas.

„Heute wäre eigentlich mal bissl Sex dran“, sag ich zu Joana. „Den hatte ich schon“, scherzt sie zurück.