Fortsetzung Tag 83


Wie im letzten Speckbetrieb bekomme ich bewiesen, Menschen anderer Nationen scheinen mehr Erfahrung beim Trocknen von Fleisch zu haben. In Afrika zum Beispiel, kann nahezu jeder Bürger zu Hause Trockenfleisch herstellen. Das Gleiche gilt für Osteuropa oder gar Russland. Ganz zu schweigen von Süd- und Westasien. In Mittel- und Südamerika ist Trockenfleisch und Trockenfisch in nahezu jeder Hosentasche zu finden. Die Herstellung unserer Südtiroler Spezialitäten ist sozusagen, in kompetenten Händen. Endlich habe ich die Gelegenheit, unsere afrikanischen Freunde mit Mundschutz, Kopfschutz, Körperschutz und Gummihandschuhen begrüßen zu dürfen. Bei ihnen zu Hause ist das nicht notwendig. Das Farbenspiel ist großartig. Wer also in Osteuropa und auf der Welt, Südtiroler Speck verkaufen will, möchte sich damit abfinden, gelegentlich von deren Fachleuten, Hilfe zu bekommen. Komisch. Bei Computern, Fernsehern, Autos, Fahrrädern und Motorrädern gibt es da keine Probleme.

Bei den ersten Mahlzeiten mache ich natüruch noch gewisse Fehler. Ich kenne die Gewohnheiten unserer Gäste noch nicht. Einer möchte viel, der Andere wenig. Dann die persönlichen Empfindlichkeiten. In einer Essenausgabe habe ich den direkten Kontakt mit meinen Gästen. Und das ist mir das Liebste. Ich bekomme Kritik und Lob direkt ins Gesicht gesagt. Sozialismus pur. Meine Hand für mein Produkt. Genau das wünsche ich mir auch für die Gastronomie. Keine Trinkgeld haschenden Nutten mit komischem Gesichtsausdruck bei Kutteln und keine vergessenen Bestellungen. Jeder kann sagen: „Davon etwas mehr. Davon etwas weniger. Das lass bitte weg.“ Keiner muss bitte sagen und kann sich die Floskeln sparen. Es geht einfach um gutes Essen. Meine Begeisterung wächst.

Mitunter sehe ich Speisemarken, die anders aussehen als die der Kollegen. Die Marken werden von Kraftfahrern und Frächtern vorgelegt. Was soll ich sagen. Heute sind das viele. Langsam drohen Engpässe und Absagen bei bestimmten Speisen. Und die Leute wollen nicht wissen, was Embargos und Sanktionen bedeuten. Ich muss also schnell Etwas nachkochen. Ana beruhigt mich und sagt: Alles reicht.

Gegen Ende des Mittagessens kommt der Chef mit seinen Sekretärinnen und Gehilfen. Ob er mich wieder erkennt? Nach so vielen Jahren?

„Sie sind der Aushilfskoch?“

„Ja.“

„Aah. Sie kommen aus dem Osten. Von woher genau?“

„Aus der Nähe von Karl-Marx-Stadt.“

„Das kenne ich.“

„Sie waren dort mit Kollegen und wollten den Schlachthof kaufen.“

„Ja. Das war ein Fehler.“

„Ich kenne auch die Verkäufer. Die Angestellten der Treuhand. Die wollten Ihnen das ganz sicher nicht verkaufen.“

„So sehe ich das heute auch. Wie lange sind Sie hier?“

„Ich bin nur ein paar Tage zur Vertretung hier.“

„Die Knödel sind gut.“

„Die hat Ana gekocht. Die Bratwurst ist sicher auch ein Genuss. Die ist von Ihnen.“

Anfangs keine Antwort. „Danke.“

„Bei uns wird die Bratwurst grob gemacht. Grüne oder frische Bratwurst nennen wir die.“

„Die Bratwurst bei Ihnen war ein Genuss.“

„Heute geht das gar nicht mehr. Das Fleisch wird zu hart gepoltert. Die Bratwurst würde rosa werden.“

„Sie kennen sich aus. Ich heiße Gotthilf und Du?“

„Karl.“

„Ich muss los. Wir reden morgen noch Etwas.“

„Bis morgen. Danke.“

Ana zeigt mir, wie sie die Küche putzt und an was alles zu denken ist. Da gibt es sicher einfachere Methoden. Die muss ich mal meinem Chef vortragen. Der Abzieher ist kaputt. Ana quält sich etwas mit dem Wischen und Nachtrocknen. Das kostet Zeit.

Sie zeigt mir auch, was ich für die Jause und das Abendessen vorbereiten soll. Eine Bain Marie ist mit dem warmen Essen zu füllen. Die wird abends von den Metzgern selbst eingeschaltet. Für die Jause ist ein Kuchen und eine Auswahl an belegtem Brot bereit zu stellen.

„Ein Uhr dreißig ist Feierabend. Ausstempeln und Abmelden.“

„Alles klar!“

„Schlüssel ins Büro bringen.“

„Okay.“

„Ich fliege noch heute Abend.“

„Grüß Deine Familie von mir. Guten Flug!“

„Gerne. Danke.“

„Wann kommst Du wieder?“

„Dienstag.“

„Alles klar.“

Bis Dienstag geht die Vertretung. Ich kann mich weiter kümmern.

Wir verabschieden uns und mein Chef hat noch angerufen, ob ich Etwas brauche. „Einen neuen Abzieher. Der ist kaputt. Nimm die Billigen. Die Teuren gehen alle nicht.“

„Wir treffen uns morgen.“

Ich nehme mir vor, gleich nach Nauders zu fahren ohne Pause zu Hause.

Die Fahrt geht recht flott. In zwei ein halb Stunden bin ich schon auf dem Reschen. Das ist der erste Feierabend vor Vier Uhr nachmittags seit Vezzan. Ein Genuss. Joana wird mich schon erwarten.

Alfred und Dursun sind auf Zimmerstunde als ich ankomme. Marco auch. Joana ist noch wach. Sie schaut gerade einen Film. Einen sehr schönen: „Mackenna‘s Gold.“ Den konnten wir schon in der DDR anschauen.

„Morgen möchte ich etwas eher losfahren. Freitag, Du weißt.“

Marco hat Joana Hackepeter durch gelassen. Hackepeter ist Tatar vom Schweinefleisch. Eine Nationalspeise in Sachsen. Das Gehackte wird mit Salz, Pfeffer, Zwiebel und gemahlenem Kümmel abgeschmeckt. Ein Genuss auf einem frischen Butterbrötchen.

Nach dem Essen falle ich auf den Rücken und schlafe ein.

Tag 83


Tag 83

Joana weckt mich. Ich habe das Klingeln vom Wecker nicht gehört. In meiner Tasche habe ich noch ein Brötchen mit Speckfett von Marlies. Das nehme ich heute mit und dazu eine Thermoskanne Kaffee. Das Wetter ist nicht berühmt. Ich schätze, ich muss mit dem Auto bis Klausen fahren. Wir gehen zusammen runter und Joana begleitet mich bis ans Auto. Nach einen Kussl fahre ich los.

Die Hauptstraße ich menschenleer. Auf dem Pass liegt etwas Schnee. Hier verliere ich Zeit. Nervös werde ich deswegen nicht. Ich habe genug Reserven.

Bis nach Hause brauche ich fünfzig Minuten. Eine gute Zeit. Bei uns ist gar Nichts. Weder Schnee noch Regen. Klausen liegt aber bedeutend höher und dazu im Eisacktal. Das Eisacktal hat ein eigenes Wetter und das ist nicht das beste. Hier sind die Straßen etwas feuchter und im Winter, immer glatt. Ich fahre also gleich durch.

Mit dem Telepass spare ich mir gleich zwei – drei Minuten und bis Klausen schaffe ich es noch vor Viertel Sieben. Immerhin lege ich nach einem Routenplaner von Nauders aus, zweihundertzwanzig Kilometer zurück. Auf meinem Tacho sind es Fünfzehn mehr. Diese Zauberei immer wieder. Es gibt Betriebe, die das Kilometergeld bereits nach Routenplaner abrechnen und so ihre Arbeiter betrügen. Alles nur dafür, damit sich der Chef auch wirklich den neuesten Sechshundert PS SUV klauen kann. Naja. Die Anderen versuchen es mit einem Sportwagen. Schließlich wollen die osteuropäischen Zimmermädchen nicht in einem winzigen Kleinwagen um ihren Arbeitsplatz kämpfen. Etwas Platz muss schon sein auf der Rückbank oder dem Beifahrersitz.

Ich habe Zeit, mein Brötchen zu essen und dabei Kaffee aus der Thermoskanne zu trinken. Morgen, wenn ich allein bin, muss ich unbedingt fünfzehn Minuten eher fahren.

Nach etwas Wartezeit kommt mein Chef. Wir gehen zusammen in das Werksgelände. Es ist wieder ein Speckerzeuger. Ein namhafter.

Wir gehen zusammen in die Küche. Nebenan ist ein kleiner Raum mit einem Getränkeautomaten. Daneben steht ein Bayrischer Kaffeeautomat.

Naja. Aus dem kommt wenigstens aromatischer Hochlandkaffee und nicht diese billige Plantagenplürre. In der DDR wurde der Hochlandkaffee unter der Marke Kosta verkauft. Die war vornehmlich für Gewerbezwecke. Genau deswegen haben wir in DDR Gaststätten immer einen vorzüglichen Kaffee bekommen. Ein Vergleich mit Heute, blamiert den Westen durch und durch. Was da mitunter ausgeschenkt wird, hätten wir in der DDR als Tee verkauft. Aber nur ein Mal. Der Betrug am Gast wurde sehr hart bestraft.

Nach etwa zehn Minuten kommt eine Kollegin. Die kocht dort. Sie kommt aus Brasilien. Der Grund für die Vertretung ist ein Trauerfall in ihrer Familie. Sie muss kurz nach Hause. Die Kollegin ist extrem freundlich und wirkt sehr natürlich. Brasilianische Frauen sind zu Hause eigentlich so dominant wie unsere italienischen oder generell Frauen aus südlichen Staaten. Mich wundert das etwas.

Heute gibt es:

Hühnchenbrühe mit Gemüse

Speckknödel mit brauner Butter und Käse

Rostbratwurst, Schwenkkartoffel und Sauerkraut

Erdbeerpudding

Das ist aber nicht Alles. Sie hat als Erstes das Frühstück vorzubereiten. Dafür gibt es eine Suppe, Rührei, gekochte Einer, Spiegelei, gegrillten Leberkäse, Schinken und Speck gebraten und massenhaft belegte Brötchen. Zu erwarten sind um die achtzig Gäste. Natürlich sind Salat, Obst und kleine Leckereien im Angebot. Damit sind wir ja fast schon auf dem Niveau von DDR Betriebskantinen. Und die kenne ich ganz sicher aus dem Ef Ef.

Die Familie des Chefs und seine Kollegen kennen wir noch aus Wendezeiten. Sie kamen in die DDR, um unsere Schlachthöfe von der Treuhand zu kaufen. Die Südtiroler wurden von unseren Besatzern so beschissen wie die Besitzer der DDR Familienbetriebe. Oder soll ich beraubt sagen?

Die Brasilianische Kollegin versucht sich nebenbei, in den Pausen, am Knödeldrehen. Unsere Kunden kommen gruppenweise. Die kurzen Pausen zwischendurch sind gut geeignet, das Angebot aufzufrischen und fehlende Sortimente zu ergänzen. Die Kollegin hat dabei so viele Routinen entwickelt, damit sie die Zeit findet, ihr Mittagessen vorzubereiten. Ich sehe sie bei dem Versuch, Knödel zu drehen. Bei dem zeitlichen Aufwand, würde ich nicht unbedingt davon ausgehen, zu Mittag allen Gästen Knödel anbieten zu können. Die berühmte Südtiroler Ruhe ist beim Knödeldrehen in Werksküchen ganz sicher fehl am Platz. Vor allem dann, wenn die Küche von einer Person bekocht wird. Mein Chef schaut mich an und nickt mit dem Kopf. Den Wink verstehe ich als Aufforderung, endlich zu helfen. Ich gehe mich schnell im Trockenlager umziehen. Garderoben sind in Südtirol, Mangelware.

Nach dem Umziehen zeige ich der Kollegin, wie ich zweihundert Knödel in dreißig Minuten drehe. Sie schwärmt von meiner Technik und wir finden gleich die Zeit, einen Kaffee zusammen zu trinken. Der Chef verabschiedet sich und sagt mir, er ruft mich an.

Meine Kollegin stellt sich ganz lieb und freundlich mit Ana vor. Sie bedankt sich sehr höflich für die Lehrstunde im Knödeldrehen. Ich zeige ihr auch gleich den Ansatz für das Mittagessen. Sie wollte Alles in Töpfen kochen und das ist mir zu zeitaufwendig. Von den alten Kochplatten und deren Hitze will ich gar nicht erst anfangen. Unser Chef hat genug Gastronormbehälter und ich setze alle Beilagen als auch die Knödel, im Dämpfer an. „Alles dort?“ Sie staunt. „Dann hast Du wirklich viel Zeit.“

Die Elektroplatten stelle ich alle ab. „Energie sparen. Wegen der Klimaerwärmung. Das schützt unsere Berge und verhindert Steinschläge und Muren.“

„Aha.“

Sie hat sicher nur die Hälfte verstanden. Klimaerwärmung sagt ihr aber etwas. Und das nimmt sie sehr ernst. Ehrlich. Nicht geheuchelt. Sie lebt hier wie ich und das ist unsere Umwelt, für die wir die Verantwortung tragen. Nicht nur mit dem Maul.

Ana zeigt mir den gesamten Tagesablauf. Sie ist sehr gut. Auch sehr gewissenhaft.

Unsere Gäste kommen und begrüßen mich. Alle sind freundlich und sehr hilfsbereit.

Fortsetzung folgt

Fortsetzung Tag 82


Ich fahre das unglaubliche Geschlängel auf den Weinberg. Es gibt gelegentlich Gegenverkehr. Oft glaube ich, deren Fahrer sind nicht besonders nüchtern oder sehr abgelenkt. Die Straße ist mit reichlich kleinen Steinen belegt. Sie fährt sich fast wie ein Kiesweg. Die Reifen halten hier nicht besonders lange. Im Winter fahre ich immer recht weiche Reifenmischungen.

Statt Unten zu parken, fahre ich wieder bis ans Hotelrestaurant. Kaum bin ich Oben, schauen mich wieder böse Augen an. Dieses Mal durch das Fenster. Also ohne Geschrei. Unter dem Helm hätte ich das eh kaum vernommen. Mir ist das auch egal. Entweder sucht man einen Koch und der kommt bis zu seinem Arbeitsplatz oder man sucht einen Wanderer. In den eher abgelegenen Hütten muss ich Beides sein. Bis jetzt ist das Motorrad aber meins. Die Verantwortung dafür habe ich. Schäden bezahlt mir keiner dieser Arbeitgeber.

Ich gehe an der Rezeption vorbei, grüße und die gesetzte Frau zeigt mir, wo ich mich umziehen kann. Mit einem Blick in die Runde,versuche ich zu erkunden, ob irgendwo Kameras versteckt sind. Joana hat schon in Hotels gearbeitet, in denen selbst ihr Umkleideraum mit Kameras überwacht wurde. Die kranken Familienmitglieder haben sich mit dem Kino den Büroalltag etwas befeuchtet.

Oder war das eher die Vorauswahl für ein neues Familienmitglied? Vielleicht war der Mitschnitt auch ein Tauschgegenstand auf diversen Tauschbörsen. Jedenfalls fiel es Joana schwer, einem solchen Arbeitgeber die Hand zu geben.

In der Küche angekommen, begrüßen mich die Kollegen. Zwei sind Sarner und einer ein Bozner. Alle sind sehr freundlich und extrem hilfsbereit. Über den Betrieb oder die Arbeitsbedingungen konnte ich keinen meiner neuen Kollegen ausfragen. Sie schauten sich immer um bei ihren spärlichen Antworten. Und da soll mal Einer von der Stasi und DDR erzählen. Ich würde den glatt als krank ansehen.

Sie zeigen mir die Karte, das Tagesmenü und sagen mir, ich hätte den Grillposten. Das wäre eigentlich der gemütlichste Posten in der Küche. Wieso geben die Altkollegen ausgerechnet dem neuen Koch diesen Posten? Normal hätte ich mich beim Salat oder in der Vorbereitung der Kalten Küche vermutet. Irrtum.

Wenig später darf ich schon erfahren, warum dieser Posten mir zugefallen ist. Ich stehe dem Chef genau gegenüber. Der Chef macht die Annonce. Ich finde das schon mal sehr rühmlich. Ein Chef arbeitet in seinem Betrieb aktiv mit und kontrolliert die Qualität der Speisen. Ich dachte erst, ‚hier bin ich richtig.‘ Den gewaltigen Irrtum konnte ich schon bei der ersten Ausgabe miterleben.

In den wenigsten Betrieben und besonders in Betrieben, die von Frauen geführt werden, finde ich den Chef des Betriebes aktiv bei der Ausgabe der Speisen. Manchmal arbeiten die Frauenchefs als Barfrau und oft, sitzen sie wie angenagelt im Büro auf dem Thron. In zwei Betrieben auf der Seiser Alm, haben die Frauen aktiv ihre Firma geführt. Das ist ja fast schon sozialistisch. Unsere Ausbildung für die Kollektivführung in der DDR war genau auf diesen Punkt ausgerichtet. Das nannte sich Vorbildfunktion. Davon sind wir wirklich sehr weit entfernt. Das beherrschen höchstens unsere Eltern und Großeltern hier in Südtirol. Also genau die, welche die Firmen aufgebaut haben und die unglaublich harten Finanzierungen durchstanden.

Eine der ersten Bestellungen ist Spiegelei Speck Röstkartoffeln. Generell bereite ich mir eine Gewürzmischung vor, die ich in Öl auflöse. In neuen Betrieben zeige ich anfangs nicht alle meine Tricks. Wobei meine normalen Ansätze hier schon mitunter als Trick wahrgenommen werden.

Die Ölmischungen haben den Vorteil, nicht einen einzigen Bestandteil der Mischung zu offenbaren. Nur das Öl wird gewürzt und das spurlos. Hätte ich für die Röstkartoffeln die Mischung eingesetzt, wäre der Arbeitstag eventuell länger ausgefallen.
Ich habe die Gewürze als Trockenmischung benutzt. Insgesamt gesehen, war das aber kein Fehler. Ich würze also die Röstkartoffeln, die neben dem Spiegelei auf der Bratplatte liegen, mit Salz, Pfeffer, gemahlenem Kümmel und Majoran.

Der Chef sieht das. Ich habe in meinem Leben noch keinen Nervenzusammenbruch erlebt. So in etwa muss das aussehen.

„So gehen bei uns Röstkartoffeln nicht.“

„Wie? Sind die zu lasch oder zu wenig knusprig?“

„Mit den Gewürzen, das ist zu Deutsch und zu wenig Südtirolerisch.“

„Naja. Was ist denn falsch?“

„In Südtiroler Röstkartoffeln kommt nur Salz und eventuell, Zwiebel.“

„Ja, Aber die Kartoffeln kommen nicht aus dem Pustertal, dem Vinschgau oder aus dem Trentino. Die kommen aus Bayern. Und das sind doch wohl die schlechtesten Kartoffeln auf dem Markt.“

„Trotzdem. Die gebe ich nicht meinen Gästen.“

Meine Kinder waren besser drauf als so ein Troll.

„Mach das noch Mal.“

Inzwischen kommen meine Kollegen, die Röstkartoffeln kosten. „Sauguat!“, rufen sie. ‚Oh‘, dachte ich, die spielen jetzt offen mit ihrer Entlassung. Naja, Das erspart denen wenigstens den extrem langen Arbeitsweg ins Sarntal. Ob das deren Frauen recht ist, darf ein Anderer fragen.

Der Gast wartet jetzt schon eine halbe Stunde. Auf ein Spiegelei. Zu dem Ei kommt jetzt eine Bestellung rein, bei der Leber Venezianisch drauf steht. Das Zwiebelsugo habe ich schon hergestellt im Rahmen meines mise en place. Allgemein nehme ich zwei, drei scharfe Messer mit auf Arbeit. Was auf deren Arbeitsplätzen rumliegt, haben wir in der DDR auf den Schrottplatz geschafft. Wir wurden mal ausgelacht, weil wir mit den Weißblechmessern arbeiteten. Die muss der Koch öfter schärfen. Das geht bei diesem Stahl extrem schnell. Fleischer arbeiten relativ gern mit so weichem Stahl. Nur bei Brettarbeiten ist das ein leichter Nachteil.

Ich schneide also ein Stück Kalbsleber ab, das fast schon Rindsleber ist und lege es auf die Bratplatte neben die Röstkartoffeln.

„Was wird das?“

„Für die Venezianische.“

Seine Haare stehen. Die Haare oder das Toupet. Er schlägt eine klappbare Hilfsausgabe hoch und kommt in die Küche gestürmt. Er reißt mir mein Messer aus der Hand und schneidet die Leber in millimeterdicke Scheibchen.

„Das ist Venezianische Leber!“

„Ja. Die schneiden Sie gerade mit meinem Messer. Mit ihren Messern würde ihnen das nicht gelingen.“

„Braten Sie die Leber so.“

„Ich trockne Ihnen gern die Leber auf die Art, wenn Sie das wollen. Auf meine Art, brate ich die Leber im Stück saftig und schneide sie danach millimeterdick in die Sauce. Dafür wurde ich schon im Corriere und auf der Seiser Alm gelobt.“

„He? Corriere? Haben Sie das mit als Empfehlung?“

„Für Trottel schleppe ich sicher alle meine Empfehlungen mit. Tschüß! Wenn Sie Röstkartoffeln und Leber gerne versauen, machen Sie sich das bitte selbst. Ich arbeite nicht mit Idioten.“

Ich gehe mich umziehen und schleunigst das Haus verlassen. Geld will ich von so einem Kasper keins. Der ist allein damit bestraft, sich ständig neue Köche suchen zu müssen. Und das kostet ganz sicher den halben Fuhrpark bei dem. Als ich aus dem Haus gehe, fiel mir auf, das Geld fehlt dem sicher auch bei der Instandhaltung seines Restaurants. Allein der Blick in die Küche reicht.

Ich eiere den Hang runter und bin innerlich froh, dort nicht länger arbeiten zu müssen. Schade für den wirklich schönen Platz mit einem entzückenden Blick auf Bozen und das Unterland. Der Platz hat wirklich hat Besseres verdient. Die Natur wird das regeln müssen für uns. Meine Südtiroler Nachbarn würden sagen, Gott erledigt das.

Eigentlich bin ich froh, so zeitig die Heimfahrt antreten zu dürfen. Es gibt reichlich Anfragen, bei denen ich sicher auch etwas Geld verdiene. Der gleiche Arbeitgeber, der mir die Familie in Vezzan empfahl, hat einen Platz in Klausen für mich. Arbeiterversorgung. Ich soll die Klausener Abfahrt nehmen und er erwartet mich morgen dort. „Eine Urlaubsvertretung“, sagt er. Also nichts wie hin.

Nach Klausen fahre ich mit dem Motorrad halb so lange im Vergleich mit den Bozner Weinbergen.

Zwar sind das mehr Kilometer. Aber weniger Zeit. Und das lockt mich. Ich habe nach dem Mittag frei.

Der Dienst beginnt recht zeitig. Ich muss praktisch halb Fünf mit Joana aufstehen und schnell fahren.

Das passt.

Zu Hause steht meine liebe Paula auf dem Balkon. Sie winkt. „Wo bist Du jetzt?“

„Ich war heute in Bozen am Weinberg.“

„Dort würden mich keine zehn Pferde hinbringen.“

Nach dem Umziehen darf ich endlich zu meiner Joana. Verkehr ist wenig. Ich komme extrem schnell auf den Reschen und gehe auch noch tanken. Umweltfreundlich. Für dreißig Cent pro Liter weniger. Ich stelle mir gerade vor, den Weg müsste ich mit einem Fahrrad fahren. Leider bin ich kein Täve Schur. Aber selbst Täve würde darüber lachen. In seiner Freizeit. Koch sein, heißt von sich aus Leistungssport. Ich weiß nicht, ob er diese Strecke nach einem Küchendienst fahren würde.

Alfred steht mit Dursun vorm Hotel. Das Lächeln ist etwas verkrampft. Keine Gäste. Und das trotz Ferien. Alfred hat nicht voll. Den Gästen ist wahrscheinlich der Saisonpreis zu hoch. Sie blieben kürzer.

Marco ist schon fertig, aber noch da. „Dein Essen ist schon Oben. Wie war‘s heute?“

„Wie immer. Kurz. Morgen bin ich in Klausen.“

„Sag Bescheid, wenn Du nach Sterzing musst. Ich kenne da eine Abkürzung.“

Mit Joana rede ich Oben über Klausen.

„Na. Wenigstens kein Totalausfall.“

„Ich muss mit Dir raus. Halb Sieben soll ich in Klausen sein.“

„Da hast Du wenigstens freie Straßen.“

Nach dem Duschen bleibt etwas Zeit für Liebe. Das wird mich sicher etwas freundlicher erscheinen lassen morgen.

Tag 82


Tag 82

(mittwoch)

Gestern bat ich Joana, mich mit zu wecken wenn sie aufsteht. Heute tut sie das und wir können wieder Mal zusammen unseren ersten Kaffee trinken. Sie findet meinen Arbeitsweg etwas lang. Ich soll zu Hause übernachten, wenn ich in Bozen arbeite. Innerlich macht mich das krank. Nicht etwa vor Eifersucht. Ich brauche abends Jemand zum Reden. Joana braucht das auch. Wir sind in diesem Umfeld aufgewachsen in der DDR. Da gab es keinen Grund, schweremütig zu sein. Das erinnert mich an ein schönes Zitat aus Crocodile Dundee. Man erzählt seinen Kollegen oder Freunden etwas von dem, was einem bedrückt und schon weiß es der ganze Ort. Die Freunde und das Kollektiv reagieren unterschiedlich darauf und schon wächst die Chance, den Schweremut wirksam zu beseitigen. Das hat mir geholfen, ein Leben lang, lächelnd auf Arbeit zu kommen. Das Verhalten erfordert einen gewissen Grad an Naivität. Unter Freunden und echten Kollegen dürfte das kein Problem sein. Das Problem entsteht erst, wenn sich keine Gelegenheit findet, Freundschaften aufzubauen.

Joana duftet heute, wie ein Abteil eines edlen Parfümladens. Sie sagt mir, sie hätte von einem Gast ein Sortiment Proben geschenkt bekommen. So als Trinkgeld. Ich frage sie, ob sie dafür sein Zimmer ohne Unterhosen geputzt hätte.

„Der Einfall ist nicht schlecht“, war die Antwort.

Wir gehen zusammen zu Marlies. Es klingt wie ein Witz, aber unser Kaffee steht schon da. Wer horcht an unserer Tür? Woher weiß Marlies, wann wir runterkommen.

Marlies hat offensichtlich den gleichen Hotelgast bedient. Sie duftet auch wie ein Rosenbeet. Sie bevorzugte eine andere Probe. Dursun und Alfred sind auch da. Alfred sieht etwas matt aus. Dursun scherzt und sagt, er sähe immer so aus, wenn wenig Gäste im Haus sind. Und schon sind wir bei der Behandlung von Schweremütigkeit.

Auf Alfreds Nachfrage, erzähle ich von Bozen. Er kennt den Betrieb. Ach den Chef. „Ein Trottel“, sagt er beiläufig. In den Hotelierskreisen kennt man sich länderübergreifend, scheint mir. Je weiter ich von einem Hotelier weg bin, desto ehrlicher wird die Meinung der Kollegen über ihn. Erstaunlich. Langsam aber sicher wird es Zeit, ein Portal der Saisonarbeiter aufzubauen, die dort ihre Arbeitgeber bewerten können. Da stünden sicher mehr Einsternebewertungen als auf diversen Hotelbewertungen diverser Reiseportale. Und die wären sicher wahrer als jene bei den Hotelbewertungen der Reiseportale. Das setzt natürlich eine Mitgliedschaft voraus. Ich stelle mir gerade vor, wie viele arbeitslose Anwälte bei so einem öffentlichen Portal, eine Beschäftigung fänden. Unterdrückung beginnt mit der Zerschlagung von Geschlossenheit. Dabei sollte dem Arbeiter klar sein, dass alle Unterdrücker, geschlossen agieren. Auch, wenn es Einem so, nicht besonders auffällt. Die Leute eint eine oder mehrere Charaktereigenschaften.

Alfred tröstet mich und sagt: „Such weiter. Es ist bald Sommersaison. So, hast Du auch ein kleines Auskommen.“ Der Trost tat gut. Ich dränge etwas. Eigentlich wollte ich gegen Acht da sein. Neun würde auch reichen. Aber, am ersten Tag…soll es eher etwas überpünktlich sein.

Marlies drückt mir eine Semmel in die Hand. Mit Speckfett. Hierzulande nennt sich das wohl Grammelschmalz. „Wir haben auch frisches Gehackertes gemacht. Willst Du das auch mal probieren?“ Gehackertes ist praktisch geräucherte Bratwurst ohne Darm. Mancherorts wird das mit Darm auch als Knacker verkauft. In Sachsen zum Beispiel. Luftgetrocknet ist das eine Kaminwurzen.

Eigentlich bin ich nicht unbedingt für Frühstück. Und schon gar nicht in der Dimension. Ich kann mir das aber für abends aufheben. Vor allem, wenn ich nicht mehr nach Nauders komme nach dem Dienst.

Die Fahrt heute wird ein Klacks. Auf der Hauptstraße ist kaum Verkehr. Und das bleibt bis Schlanders so. Ich sehe auch kaum Schwerverkehr. Mittwoch scheint sich als Umwelttag in Südtirol zu etablieren. Immerhin richtet ein Lastkraftwagen, Umweltschäden für zehntausend normale Personenkraftwagen an. SUV‘s sind davon ausgenommen. Ein Idiot in so einem Panzer richtet mehr Schaden an als ein professioneller Lastwagenfahrer mit einem großzügigen Zeitfenster. Die sind leider knapp. Genau in dem Augenblick begegne ich einem Mila Lastwagen. Ein Genuss. Das sind die Einzigen, die Rechts fahren können in Südtirol. Jedes Mal, wenn ich so einem Lastwagen begegne, zuckt mir die Hand für einen Gruß und ein Dankeschön. Tankwagen erfordern ein besonderes Geschick. Die Jungs fahren eine Flüssigkeit. Unsereiner hat schon Probleme, zu Zweit einen gut gefüllten Topf zu transportieren. Nun stellen Sie sich vor, das tausendfache Volumen bewegt sich in ihrem Kofferraum und in Ihrem Anhänger. Erst dann können Sie wirklich einschätzen, was diese Jungs beherrschen. Stellen Sie sich vor, Sie machen eine starke Bremsung und die zehntausend Liter drücken an Ihrem Sitz unmittelbar nach der Bremsung. Sie würden staunen, was sich Alles aus Ihrem Darm zu befreien versucht. In Sibirien war ich sehr oft mit solchen Lastwagen unterwegs. Ich hatte jedes Mal Krämpfe in meinen Händen. Vom Ankrallen an allen möglichen Griffen, die zu dem Zeitpunkt erreichbar waren.

Kurz vor der Töll in Partschins, bildete sich ein Stau. Ich weiß nicht warum. Meines Erachtens, gibt es dort immer Stau am frühen Morgen. Ein Nadelöhr. Ich habe das Fahrzeug getauscht und bin mit meinem Motorrad unterwegs. Ich kann mich gut durchdrängen.

Ich denke an die Zeit zurück, als wir dort noch die Serpentinen in Richtung Forst fuhren. Fast jeden Morgen gab es Stau wegen eines Unfalles. Ich möchte jetzt nicht die vielen Krüppel zählen, die allein an dieser Stelle zu beklagen waren. Das Motorrad war für mich das einzige Fahrzeug, bei dem ich dort die Chance hatte, gesund durch zu kommen. Geschnittene Kurven und mangelnder Rechtsverkehr, waren nicht selten Ursache sehr böser Unfälle mit erheblichen Schäden. In Touristensaisonen war diese Straße lebensbedrohlich.

Ich komme flüssig durch mit knapp zehn Minuten Zeitverlust.

Auf der MEBO fährt unser Arbeiterverkehr recht flüssig, auch etwas schneller als vorgeschrieben. Ich denke, das ist so geduldet und vielleicht sogar erwünscht. In Bozen mache ich schnell die Bekanntschaft von echtem Zeitverlust. Wer durch die Stadt muss der Arbeit wegen, verliert pro Tag sicher eine Stunde. Bei vier Arbeitswegen, doppelt so viel. Mit dem Zweirad hat man wenigstens die Chance, Lücken zu nutzen. Die Zweiradfahrer sind damit schon mal die pünktlichsten auf Arbeit.

Fortsetzung folgt

Fortsetzung Tag 81


Arbeiterrinnen, Jugendliche und ältere Bürger, mussten keine Angst haben, das Haus zu verlassen. Sie wurden nicht mit kriminellen Verträgen betrogen und nicht von Banken und korruptem Gesindel enteignet.

Der Kollege fragte mich in seinem Kölner Dialekt, ob mir die Stelle zusagt. Ich bitte ihn, etwas Geduld zu haben und gebe ihm meine Telefonnummer.

„Das ist keine Zusage“, entgegnet er mir.

„Ich habe gedacht, in die DDR hätten Sie ihre dreistesten Räuber geschickt. Ich darf heute feststellen, Sie machen das europaweit.“

„Wie soll ich das verstehen?“

„Sie sind auf der Suche nach Sklaven, die Ihnen eine marode Firma aufbauen. Wenn das gut ginge, was ich bezweifle, würden Sie sich hinstellen und behaupten, Sie hätten die Firma aufgebaut.“

„Ich verdiene auch nicht viel mehr als Sie.“

„Wo wohnen Sie dann in Bozen?“

„Ich habe hier eine Freundin. Bei ihr wohne ich.“

„Also bezahlt die Freundin Ihnen die Wohnung. Schämen Sie sich nicht? Gibt es bei Ihnen hier Personalkaffee? Ich gebe einen aus.“

„Im Personalspeiseraum steht eine Automat.“

„Haben Sie Zeit. Dann trinken wir einen zusammen.“

„Nein. Ich muss wieder in die Küche. Danke.“

Ich gehe erst Mal in den Personalraum. Da steht ein Automat einer Bayrischen Firma. Ein Kaffee kostet einen Euro. Selbst an unserer Tankstelle ist er billiger. Und ich bin kein Arbeitskollege unseres Tankwartes. Die Westdeutschen beklauen also auch im Ausland ihr eigenes Personal. Wer geht für so einen Abschaum arbeiten oder bei ihnen kaufen? Kein Wunder, dass selbst afrikanische Firmen von diesem Gesindel unterboten werden.

Beim Kaffee rufe ich die Bozner Nummer an. Wir verabreden uns auf Nachmittag. Er hätte da geschlossen. Wahrscheinlich will er kein Aufsehen. Entweder will er einen Kollegen rausmobben oder es hat einer gekündigt. Beim Kaffee schaue ich mir auf dem Handy noch mal den Stadtplan an. Ich muss mir den Weg genau einprägen. Bei den vielen Einbahnstraßen in Bozen kann ich mich schnell verfahren. Und dann noch die Gebiete mit Anwohnerrecht. Da einen brauchbaren Arbeitsweg zu finden, ist schon fast eine Kunst. Ich will zumindest hoffen, bis zu meiner Arbeitsstelle fahren zu können. Jeder Kilometer Fußweg, kostet immerhin zehn bis fünfzehn Minuten meiner Freizeit. Und das vier Mal am Tag, macht fast schon einen sechsundzwanzig stündigen Tag zur Bedingung.

Ich fahre los. Der Weg durch die Stadt kostet mich fast eine Stunde. Der Weg den Weinberg hinauf, eine halbe. Im günstigsten Fall ohne Gegenverkehr. Im Frühjahr wird sich das ändern. Die Wege und Gassen sind eng. Bei Gegenverkehr muss selbst ein Zweiradfahrer anhalten. Ich stelle mir gerade vor, den Weg muss ich bei Regen fahren. Unmöglich. Ich fahre mit dem Moto bis ans Haus. Eine junge Frau kommt kreischend aus dem Haus und gibt mir den Befehl, unten auf dem Parkplatz zu parken.

„Ich bin hier zur Vorstellung.“

Keine Reaktion.

„Ist der Chef da? Wir haben gerade telefoniert.“

„Drinnen.“ Sie zeigt mit dem Finger auf den Eingang. Hui. Ein ganzer Satz. In Südtirol. Und das aus einem hübschen Frauenmund. Ich staune.

Den Helm lasse ich draußen auf dem Spiegel.

Im Haus ist wenig Betrieb. Ein paar Leute sitzen auf der Terrasse und trinken Kaffee. Ich sehe eine Art Rezeption. Dahinter steht eine etwas gesetzte Frau. „Ich suche den Chef. Ich habe einen Vorstellungstermin.“

„Der Chef ist in der Küche.“

„Wo finde ich die Küche?“

Sie zeigt mir die Tür. In der Küche stehen drei Köche. Der Chef erklärt ihnen Etwas. Wahrscheinlich gab es eine Reklamation. Das glaub ich, rauszuhören. Der Ton ist jedenfalls nicht besonders friedlich. So bearbeitet man jedenfalls keine Reklamation. Reklamationen sind abhängig von der Person, die reklamiert. Hat der Gast korrekt bestellt? Wurde ein spezielles Produkt geordert? Wurde eine spezielle Bearbeitung geordert? Neunzig Prozent aller Reklamationen sind einfache Bestellfehler des Gastes. Wer nicht korrekt beschreiben kann, was er will, sollte es vielleicht im Krankenhaus versuchen. Im Krankenhaus wird generell jeder verstärkte Geschmack unterdrückt. Das ist im Rahmen von Allergien und Reaktionen darauf auch deren Handwerk. Wenn ich krank bin, gehe ich nicht wo anders essen. Ich nehme mir mein Essen mit und esse das auf einem Rastplätzchen. Ich zum Beispiel, bin allergisch auf die Gastronomiepreise.

Ich kann mir die nicht leisten. Ich kann mir nicht leisten, Andere für mich kochen zu lassen. Auf meinen Motorradtouren treffe ich sehr viele Landsleute, denen gastronomische Preise zu hoch sind. Die machen ihre Rast auf einem der schön gelegenen Rastplätze. Wozu bauen wir sonst diese Plätze?

Der Chef empfängt mich. Er ist noch ziemlich aufgeregt und bräuchte jetzt eigentlich Zeit, sich zu beruhigen. Dementsprechend barsch fällt der Empfang aus. Wie üblich, kommt die Frage, ob ich kochen kann.

In der DDR wurde man per Kollektivbeschluss zur Meisterschule delegiert. Sehr selten durch die finanzielle Kraft der Eltern. Ein Kollektiv war der Meinung, das ist unser Meisterkoch. Von dem können wir Etwas lernen. Und der soll es uns lernen.

Ob ich Südtirolerisch kochen kann, ist gleich die zweite Frage. Ich spare mir, ihn zu fragen, was er unter Südtirolerisch versteht. Geschmacklos? Salzlos? Pfefferlos? Fleischlos? Oder, was meint dieser Clown? Will der erfolgreich viel Essen verkaufen oder nicht? Das ist die Frage eines Gastronomen. Komisch. Die Frage habe ich nie gehört in Südtirol. Trotzdem wollen sie Alle, möglichst viel verkaufen. Die Frage, wie ich das erreiche, ist dabei wohl eher zweitrangig.

Er sagt mir, in der Saison arbeiten hier drei Köche. Einer von ihnen möchte gehen und den soll ich ersetzen. Chefköche gibt es in dem Team keine. Wahrscheinlich sieht er sich selbst als Chefkoch.
Mal sehen.

Er würde es mit mir probieren und ich kann morgen früh bei ihm anfangen.

Küchenrundgang gibt es keinen. Bei dem, was ich gesehen habe, ist das nicht nachvollziehbar. Sie haben das Mittagsgeschäft beendet. Die Tür springt jetzt auf mit einer Bedienung und ich sehe in dem kurzen Augenblick, warum kein Rundgang statt finden kann. Es muss einen massiven Krach gegeben haben.

Er begleitet mich bis an den Hoteleingang und sieht mein Motorrad. „Hier können Sie nicht parken. Unser Parkplatz ist da Unten.“ Er zeigt mir einen Parkplatz, der fünfhundert Meter bergabwärts liegt. Ich soll demnach, fünfhundert Meter in Motorradausrüstung, steil bergauf wandern, um bei dem arbeiten zu dürfen. Vorm Hotel stehen drei Autos und ein Scooter.

„Für mein Moto wäre hier noch Platz“, sag ich zu ihm.

„Ja schon. Aber nicht für Sie.“

Naja. Ich ernähre nur seine Familie mit.

Damit müsste ich mein Motorrad unbeaufsichtigt, einen halben Kilometer von meinem Arbeitsplatz entfernt, auf einem öffentlichen Parkplatz abstellen. Was auf solchen Parkplätzen passiert, wissen wir zur Genüge. Wobei ich bezweifeln darf, dort würde mir Jemand mein Motorrad klauen. Dazu muss man schon recht gut fahren können bei dem Gefälle. Auf diesem Parkplatz ist einfach das Gefälle zu stark. Und dort machen eben Autofahrer die meisten Fehler.

Der Weg nach Nauders ist also frei für heute. Ich eiere den Berg herunter. Allein das, ist bei Regen sicher ein Kunststück. Ich hoffe, die nächsten Tage regnet es nicht. Ich möchte dort erst mal ein paar Routinen bekommen.

Die schmalen Wege runter stehe ich praktisch nur auf der Bremse. Das wird gewaltig Bremsbeläge fressen. Von den Bremsscheiben will ich gar nicht erst anfangen. Der Chef hat mir Zweitausend versprochen. Vier Arbeitswege nach Hause und zurück. Mehr Verschleiß an Bremsen. Höherer Verbrauch an Benzin. Unfallgefahr. Naja. Geschäft wäre das erst mal keins. Ich muss weiter suchen.

Kurz vor dem Arbeiterverkehr schaffe ich den Weg in den Vinschgau und nach Nauders. Lastwagen sind keine mehr unterwegs.

Alfred ist zur Mittagsruhe. Reka sehe ich mal wieder an der Rezeption. Sie grüßt freundlich und will wissen, ob ich endlich eine Arbeit habe.

„Probezeit. Dort wird das aber nichts, glaube ich. Der Chef will mich nicht haben.“

„Na dann heißt es suchen. Ich kenne das.“

„Du, mit Deinem Aussehen, Reka, dürftest eigentlich keine Probleme haben.“

„Meine Probleme sind andere. Glaub mir das.“

Reka hat Joana schon von unzähligen Übergriffen von ihren Chefs erzählt. Ich frage mich, warum sie diesen Beruf noch ausübt. Die Not in der Familie zu Hause muss wirklich groß sein.

Marco ist auch noch nicht da. Ich gehe nach Oben.

Joana wartet auf unserem Zimmer. Sie schläft noch nicht. Wir essen zusammen. Marco hat Joana etwas Hackbraten gegeben. Kalt schmeckt der hervorragend auf Butterbrot.

Tag 81


Tag 81

Der Wecker klingelt und mein Tag beginnt mit bösartigen Kopfschmerzen. Ich hab auch nicht gut geschlafen. Permanent geht mir die Arbeit durch den Kopf. Joana hat mir schon den Kaffee durchgelassen. In unserer Hausapotheke haben wir ein Pülverchen das hilft. Joana bekommt das nur auf Rezept. Komisch. Die Sachen, welche helfen, gibt es nur auf Rezept. Von dem Pülverchen nehme ich ein Drittel. Das schluckt sich wie Brausepulver und schmeckt auch so. Ich stell mir den Wecker neu und lege mich noch mal fünfzehn Minuten hin. Bis dahin müsste das Pülverchen wirken.

Der Wecker klingelt wieder und der Kopfschmerz ist weg. Das Mittelchen hilft. Im tiefen Inneren ist noch ein Druck da aber der schmerzt nicht. Den Rest des Pülverchens nehme ich mit. Zur Sicherheit. Nach der Toilette gehe ich runter zu Marlies.

„Du bist aber spät dran heute.“

„Ich bin immer bissl spät dran.“

„Interessant, Karl.“

Marco hat ein paar Panettone gebacken. Den soll ich probieren. Ein Genuss! Er hat ein paar Schokostreußel mit eingearbeitet. Die lösen sich nicht auf beim Backen.

Der Tag beginnt also schon mal gut. Die Kopfschmerzen sind weg und der Panettone schmeckt wie aus dem Himmel.

In Bozen deutet sich noch ein Termin an. Ein Betrieb irgendwo in den Weinbergen. Ich rufe erst an, wenn ich in Italien bin. Jetzt ist mir das zu teuer. Wir haben immer gelacht, wenn wir unsere Kollegen mit den neuesten Telefonen trafen. Jetzt muss ich fast gestehen, ohne das Handy läuft auch Nichts. Das ist eine der wichtigsten Investitionen für Arbeiter. Der Besitz eines Handys belegt zumindest den Wille, sich bedingungslos, in jeder Zeit, ausbeuten zu lassen. Das Telefon ist damit die unsichtbare Hundeleine. Ich halte generell das Handy ausgeschalten. Ich schalte es ein, wenn ich wirklich Zeit und Ruhe habe. Auf dem Motorrad hört man es eh nie. Und jetzt das Ding für mein Geld in den Helm einzubauen, finde ich lächerlich. Außerdem lenkt es ab. Und zwar gewaltig.

Die Nauderer wünschen mit wieder alles Gute und viel Glück.

Zuerst muss ich mal tanken bei meinen türkischen Freunden. Die freuen sich und befragen mich, wo ich jetzt arbeite. „Ich suche noch“, antworte ich ihnen. Sie kennen das aus ihrer Familie. Ihre Verwandten arbeiten alle in Saison. Agnes weiß nur Schlechtes zu berichten. Von Handgreiflichkeiten und unbezahltem Lohn angefangen bis zu schäbigen Verleumdungen bei anderen Hoteliers. So in etwa, „das ist ne Nutte.“ Sie ist eine Nutte, weil sie „Nein“ gesagt hat. Nicht, weil sie hingehalten hat für eine Stelle. Die klugen Kolleginnen sind da etwas routinierter. Sie essen einfach keine Pille und wenn der Begatter nicht aufpasst, zahlt oder heiratet er, notgedrungen. Diese Ehen haben wir auch in Südtirol recht zahlreich. Von Tirol will ich erst gar nicht anfangen. Wir können also davon ausgehen, in Tirol und Südtirol wirklich nur sehr selten einem echten Landsmann zu treffen. Wenn das die Reinrassevertreter wüssten.

Schon auf der Hauptstraße im Ort ist reger Schwerverkehr. Und das zum Dienstag. Die Fahrt wird mir viel Freunde bereiten. Bis Schlanders brauche ich eine Stunde. Und das ist der halbe Weg.

Wie üblich, wenn ich in Südtirol bin, steige ich aufs Motorrad um. Schließlich bezahle ich Ganzjahressteuer. Von Radfahrern kann ich das nicht behaupten. Nach und in Bozen, kann ich mich mit einem Motorrad am besten bewegen. Während die Autofahrer in der Schlange stehen, nutze ich den Freiraum, mich zu wichtigen Sachen durchzuzwängen. Die Neidhammel versuchen regelmäßig, ihre sture Rumsteherei in ihrem spritfressenden Multimediazentrum zur Gewohnheit zu machen. Das sind die, die sich das leisten können und die sind ganz sicher keine Arbeiter. Statt sich also auf ein umweltfreundliches Zweirad zu bemühen, die es heute als Zweiliterfahrzeuge gibt, steht diese Herrenrasse gern in ihrem Protzschlitten rum.

Ein Motorfahrrad, kurz Mofa, gibt es für keine tausend Euro. Und das fährt in übersichtlichen Geschwindigkeiten mit zwei Litern pro hundert Kilometern. Ich bin mir sogar sicher, für dieses Motorfahrrad wäre die Benutzung der Radwege erstreitbar. Selbst die Erzeugung von Energie aus Wasserkraft, ist sicher nicht umweltfreundlicher als die Zweilitermotoren der Mofas. Und sogar mit dem Gefährt bin ich schneller als ein im Stau stehender SUVFahrer. Und das mit einem gewaltigen Unterschied. Ich habe beide Hände auf dem Lenker. Die SUVFahrer auch. Sie haben aber ein Handy zwischen den Fingern und lenken offensichtlich mit ihrem Gemächt. Es fehlen also dringend Handys, die man zusätzlich noch mit den Füssen bedienen kann. Erst dann würden die SUVFahrer wirklich umweltfreundlich stehen.

Ich komme am Hotel an. Ein Riesenkasten. An der Rezeption sage ich meinen Namen. „Ich habe einen Vorstellungstermin.“ Wie üblich in den Kästen, weiß die Linke nicht, was die Rechte tut. Genauso stelle ich mir deren Gastronomie vor. Karrierebetont. Zuerst dachte ich, ich rede mit einem Roboter. Zumindest hat mir das Aussehen der angesprochenen Gestalt den Eindruck vermittelt. Die Haare oder was das auch sein soll, waren eng angelegt, sahen aus, wie gefettet und umhüllten ein Gesicht, welches nicht aus menschlicher Haut bestand. Ich frage mich, ob Salat genug Energie liefert, allein die verkleisterten Augenlider aufzubekommen. Das Etwas rief irgendwo an und sagte mir gestenreich, ich solle bitte etwas warten. Ein Kaffeeautomat hätte mir die Wartezeit verschönert. Leider eine Fehlanzeige. Es gibt da keinen. Nach rund zehn Minuten kam mir ein relativ junger Mann entgegen, der sich als Chefkoch vorstellte. Den Namen habe ich nicht verstanden. Ich traute mir auch nicht, nochmal nachzufragen.

„Ich würde gern zuerst die Küche sehen, bevor wir über eine Bewerbung reden.“

„Kommen Sie mit.“

Wir gehen in die Küche und zu meinem Erstaunen, arbeiten dort ziemlich junge Menschen.

„Wir haben heute Lehrlingstag.“

Also, wie immer. Die Lehrlinge kochen während die Chefs saufen und das als ihre Leistung verkaufen.

Der Küchenchef zeigt mir auf mein Verlangen die Karte und mir blieb fast der Atem stehen.

„Verkauft Ihr auch das Geschirr mit dem Essen?“

„Wir sind ein Feinschmeckerbetrieb.“

Also doch. Der Geschirrpreis ist bei jeder Portion einkalkuliert. Zufällig stellt ein junger Kollege ein Portion her. Er muss sie nicht kochen. Er greift in einen Karton und holt dort eine Vorspeise heraus. Mit einer Schere schneidet er die Plastikverpackung ab, die locker das Etwas umhüllt.

„Was ist das?“

„Eine Vorspeise.“

Den Namen kann ich nicht beschreiben. Das Wort ist mir unbekannt. Den Kunden sicher auch. Aber, die essen das. Ich glaube, erkannt zu haben, die Vorspeise wäre ein etwa mittelgroßer Gamberischwanz. Etwas gebacken, scheinbar.

Die Beschreibung liest sich etwa so:

„Ein mit Kalmutbrösel panierter, in Kokosfett gebräunter, argentinischer Gamberi in Sizilianischem Mandarinenschaum“. Wir reden von einem nicht knusprigen, dreißig Gramm schweren amtlich erklärten Lebensmittel, bei dem sicher am Personal gespart wurde, um den quecksilberhaltigen Darm zu entfernen. Ich schaue nicht nach. Ich möchte meinen Kollegen nicht enttäuschen.

Die Küche samt Einrichtung ist eigentlich zufriedenstellend. Dort kann Unsereiner gut basteln und nahezu Alles, selbst herstellen. Wenn man es kann und darf.

„Wie sieht es denn mit den Arbeitszeiten und dem Lohn aus?“

„Lohn gibt‘s bei uns Tarif. Überstunden müssen genehmigt werden. Wir haben geteilte Arbeitszeiten.“

Also, für Tarif, vier Wege nach Bozen und zurück. Wir haben eine Steigerung zu Schenna von nahezu hundert Prozent. Zu meinen Lasten.

„Bei uns gibt es keine Wegevergütung.“

„Und schwarz?“

„Das gibt es bei uns nicht.“

„Was ist mit Wäschegeld, Wäscherei, Dienstkleidung, Handwerkszeug und so weiter?“

„Dienstkleidung gibt es hier. Handwerkszeug nur das, was wir im Betrieb haben.“

Ich soll also von vierhundert Euro pro Monat, Netto, leben. Ich frag mich gerade, wo ich in Bozen eine Wohnung für vierhundert Euro mieten kann. Nicht mal in der Garagensiedlung. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln könnte ich mich nicht bewegen. Die sind nicht für Gastronomen mit geteiltem Dienst gedacht. Abends müsste ich eh zu Fuß nach Hause gehen. Der Gesundheit wegen. Zimmermädchen und Frühstückspersonal leiden unter den gleichen Bedingungen. Nur zum Vergleich. In der DDR fuhr in der Nacht ein Bus für die Schichtarbeiter. Wer diesen Bus aus Dienstgründen nicht schaffte, bekam ein Taxi gestellt. Das fuhr dann alle Kollegen zusammen, nach Hause. Und zu DDR Zeiten konnten wir uns selbst als Kind, nachts allein auf die Straße oder die Allee getrauen. Bei uns gab es bedeutend weniger Kranke, die Kinder befummelten.

Fortsetzung folgt

Fortsetzung Tag 79


Danke sag ich aber, wenn ich nicht grob beschissen werde. Und das ist sehr selten.

„Ich rufe an, wenn ich Dich wieder brauche.“

Das klingt jetzt bissl komisch. Für was, außer Kochen, kann ich denn sonst noch gebraucht werden? „Ist denn der Streit mit Fausto behoben?“

„Welcher Streit?“

„Sie haben zu mir gesagt, Sie hätten sich mit Fausto gestritten und der will wo anders anfangen.“

„So? Hab ich das gesagt?“

Eigentlich wird es Zeit, dort wegzukommen. Schneefall hat eingesetzt. Das wird lustig. Algund ist ein ziemliches Niederschlagsloch. Dort regnet es besonders viel, scheint mir. Immer, wenn ich in Tiefdruckzeiten durch Algund muss, werde ich nass. Neben Sinich, macht sich diese Gegend durch wirklich starke Niederschläge bemerkbar. Oft dachte ich, bis nach Hause schaffe ich es trocken. Algund hat oft gereicht, meine Lederkombi restlos aufzuweichen. Das Schlimme dort ist, es gibt keinen einzigen Fleck, an dem man sich schnell mit dem Motorrad unterstellen könnte. Zwei Kilometer Weg reichen, um eine Volldusche zu bekommen. Nicht selten steht dort das Wasser auf der Straße, zwanzig bis dreißig Zentimeter hoch. Das ist für Autofahrer nicht ungefährlich.

Bei dem Schneefall denke ich zuerst an die untertunnelte Ausfahrt von Meran Mitte. An deren Einfahrt auf die MEBO, kann ich immer noch überlegen, wie ich weiter fahre. Auf der MEBO liegen nur ein paar Krümel Schnee. Wahrscheinlich wirkt dort noch ein Rest schon aufgebrachten Salzes. Es ist nur etwas feucht. Für Zweiradfahrer ein gefährlicher Straßenzustand. Zum Glück ist recht wenig Betrieb in die Richtung. In die Gegenrichtung, ist ein richtiges Gedränge. An der Forstbrauerei ist jeder Parkplatz belegt. Dort gibt es Stau. Das erinnert mich an DDR- Ausfluglokale im Erzgebirge oder an diversen Stauseen wie Kriebstein. In Burg – Kriebstein hatten mal zu DDR – Zeiten, Westspione die sächsische Nationalkunst geplündert. Sie gingen damit ihrer Gewohnheit nach; Plündern und Zerstören. Mit dem Fall der Mauer wurde dieser westdeutsche Nationalsport auf dem DDRgebiet kultiviert. Das war die Hochzeit für die alten verurteilten Kriegsverbrecherfamilien aus Bayern und Schwaben.

Ich bin schon zu Hause. Heute lohnt es sich, zu Joana zu fahren. Sonntags ist in meine Richtung sicher kein Stau zu erwarten.

Bis Schlanders treffe ich nur Stau auf der Gegenseite. Ich könnte an keinem Fleck einen Traktor überholen. So dicht ist der Rückreiseverkehr.

Kaum bin ich aus Schlanders raus, kommt mir der gleiche Stau wieder entgegen. Dieses Mal habe ich einige Kurvenschneider dabei, die mich weit über den rechten Rand zwingen. Ein Ochse schneidet als Erster die Kurve und alle Trottel machen es ihm nach als hingen sie bei ihm an einem Abschleppseil. Ab der Abfahrt Allitz wird Luft. Jetzt beginnt ein Wettrennen, bei dem sich alle frei fahren, die sich beengt und behindert fühlten. Und das in meinem Gegenverkehr. Drei Autos neben einander. Das ist dort die Grundnorm. Durch Eyrs ist Stau. Viele Polizisten stehen am Rand. Hin und wieder stehen auch Autofahrer bei ihnen, die sicher abkassiert werden. Ab Spondinig ist plötzlich Ruhe. Ich will es kaum glauben. Wahrscheinlich fahren die Besucher des Reschen, eher nach Hause als die aus dem Stilfser Gebiet kommenden. Bis Mals geht es schnell und ab dort, treffe ich nur noch ein paar Kollegen, die nach Hause fahren.

Alfred steht mit Dursun vorm Hotel. Sie entspannen jetzt etwas. Alfred winkt mit der Hand abfällig. Die Zwei scheinen froh zu sein, den Tag geschafft zu haben.

„So viele Reklamationen wie an diesem Sonntag, hatte ich noch nie.“

„Was ist denn reklamiert worden?“

„Der Preis.“

„Also, wie üblich. Das Buffet drei Mal leer fressen und dann reklamieren.“

„Die haben sogar für die Heimfahrt das Jausenbuffet abgeräumt.“

„Da sind wenigstens die Reste vom Frühstücksbuffet mit verräumt.“

„Zum Glück. Obwohl; unsere Schweine hätten sich auch gefreut drüber.“

„Geh mal zu Marco. Der hat Dir ein Leckerlie gekocht.“

Ich gehe zu Marco. Joana ist auch da. Marco hat mir eine Riesenschüssel Backhähnchen gekocht. Ich werde fast verrückt bei dem Anblick. Jetzt noch ein Pfund gut abgeschmeckte, selbstgemachte Mayonnaise und dann ins Bett.

„Wo bist Du morgen?“

„In Schenna. Ich glaube nicht an ein festes Engagement. Schenna hat erst im April Saisonbeginn.“

„Schenna. Ein Einfamiliengeschäft. Ni gut“, sagt Marco.

„Ein Name, eine Firma, eine Familie.“

„Genau das.“

„Danke, mei Gutster und gute Nacht.“

Joana geht mit aufs Zimmer. Wir reden noch etwas von dem Tag und verdrücken zusammen die Riesenschüssel, Backhähnchen.

Tag 79


Tag 79

Irgendwie ist es schon mal schön, ausschlafen zu können. In unserem Beruf wird zu langer Schlaf mit Kopfschmerzen belohnt. Wir sind es nicht gewohnt, lange zu schlafen. Die Unmengen an Benzolen, die wir bei Grill- und Bratarbeiten einatmen, tun dann ihr Werk. Dagegen ist Rauchen, reine Medizin. Besonders schlimm ist das in Gasküchen. Und genau die sind beliebt bei Unternehmern, weil billig. Gunda ist da eine Ausnahme. Ihre Bratplatte besteht aus Ceran. Der Umgang mit Ceranbratfeldern muss etwas geübt werden.

Mein Frühstück besteht aus Kaffee und selbstgedrehten, fast tabakfreien Zigaretten. Gelegentlich streue ich mir ein paar Gramm Burley mit rein. Das ergibt einen leichten Zigarrengeschmack. Ich lasse mir gerade wieder ein paar Kräuter durch die Nudelmaschine. Die fermentiere ich nach dem Schneiden. Die letzten Weinblätter musste ich anders verarbeiten. Die habe ich fast ein halbes Jahr fermentiert. Der Geschmack war dann etwas zu dominant. Nicht wirklich ein Rauchgenuss. Ich hab dann meine Hackfleischröllchen drinnen eingerollt und das Weinlaub als Bratwurstdarm benutzt. Und das schmeckte. Allgemein fermentiere ich meine Kräuter mit Vanille, Kokos, Kirsch und Rum. Das schmeckt als Rauchtabak aber witzigerweise, auch als Bratwurst. Jetzt muss ich nur noch probieren, ob das als Tee schmeckt. Dann wäre meine Welt perfekt.

Eigentlich wäre heute alpiner Sport im Fernsehen angesagt. Komisch. Solche Sportveranstaltungen finden ausnahmslos an Wochenenden statt. Dienstleister wir Köche, Kellner und viele mehr, werden davon ausgegrenzt. Uns bliebe jetzt nur die Aufzeichnung der Veranstaltung. Und das ausgerechnet bei privaten Fernsehanstalten, die selbst ihrem eigenen Programm nicht folgen.

Wir schauen dann eben diesen Profisport nicht mehr. Vielleicht ist das auch gut so. Wir haben damit eine Aufregung weniger, aber eine Ausgrenzung mehr. Eine Unterhaltung mit diesem Thema ist dann für uns tabu.

Heute Früh hat es minus ein Grad. Es ist trocken. Das ist fast schon ein ideales Motorradwetter. Um die gefrorenen Pfützen müssen wir natürlich einen Bogen fahren. Aber sonst, geht es gut.

Heute Morgen treffe ich keinen einzigen Fahrer bis Algund. Erst im Ort sind ein paar Autos zu sehen. Die meisten haben Ski auf dem Dach. Ein paar Rodel sehe ich auch.

Gunda ist noch nicht da. Wahrscheinlich ging es lange gestern Abend. Dafür ist aber Dora im Haus. Sie wischt gerade das Restaurant und putzt etwas den Tresen. In der Küche klappert es. Ich schaue hinein. „Ich bin Fausto.“

„Guten Morgen. Karl.“

„Bist Du zurecht gekommen?“

„Ja. Wann kommst Du wieder?“

„Morgen. Ich könnte auch heute Abend, wenn Du Etwas vor hast.“

„Das würde mir gut passen. Ich bin morgen in Schenna.“

„Geht gut. Ich mach das heute Abend.“

„Soll ich Dir Etwas vorbereiten?“

„Etwas Salat wäre gut. Sonntag Abend ist recht viel los.“

Dora kommt mit dem Kaffee. Kurz darauf kommt auch Gunda. Sie staunt, weil Fausto schon da ist. Er sagt ihr, dass er abends arbeitet.

Zu Mittag erwarten wir nicht die große Menge Gäste. Zum Abend schon. Ich mach uns den Salat fertig. Genug; auch für abends. Dazu koche ich für Fausto im Dämpfer, Pellkartoffeln. Dora möchte gern so ein Geflügel essen, das ich als Wiener Backhähnchen gekocht habe. Fried Chicken. Sie schaut genau zu, wie ich es mache. „Das geht ja einfach“, sagt sie zu mir.

Wir haben zu Mittag, vier Essen. Wiener Schnitzel mit Pommes. Das war‘s. Zu Nachmittag, denke ich, wird es Kuchen geben. Gunda hat drei Tortenkartons.

„Komm mal bitte zu mir ins Büro.“

Ich gehe ins Büro. Gleich hinter dem Tresen. Das Büro hat kein Fenster. Gunda bedankt sich und gibt mir Fünfhundert. Ich bedanke mich auch. Aus Höflichkeit. Für einen Lohn muss man sich nicht bedanken. Lohn ist eine Schuld für bereits erbrachte Leistung.

Fortsetzung folgt

Tag 78


Tag 78

Ich werde geweckt. Nicht von Joana, sondern vom Zimmertelefon. Joana ist schon Unten. Reka hat die Telefonanlage neu programmiert, die mich wecken soll. Sie sagt mir, es sei eine Probe. Sie mussten die Anlage neu programmieren. „Der Kaffee wartet schon“, sagt sie zu mir und lacht.

Nach einer Katzenwäsche gehe ich schnell runter. Alle sind da. Heute ist ein Wechseltag. Für sämtliche Abreisen stehen Anreisen zu Buche. Die Zimmermädchen haben heute besonderen Druck.

Oft stehen die Anreisenden schon im Haus, während die Abreisenden noch bis Zehn im Zimmer sind. Wir üblich, gibt es auch da säumige Gäste. Die sind eben der Meinung, sie könnten bis Nachmittag im Zimmer bleiben. In so einem Fall räumt Dursun das Zimmer. Dursun weiß viel zu erzählen über solche Räumaktionen. Dursun ist aber weder ein Arzt noch ein Anwalt. Er steht nicht unter Schweigepflicht. Als Gast, der es auf so Etwas ankommen lässt, würde ich mir das vorher überlegen. Vor allem dann, wenn ich über undichte Ausscheidungsöffnungen verfüge oder es mit der Sauberkeit nicht so genau nehme. Wer sich also nach der Benutzung der Toilette nebst reichlich Toilettenpapier, ungewaschen auf das Bett setzt, zeigt das Dursun. Dursun und unsere Frauen müssen sich davon nicht mehr übergeben. Sie sehen es zu oft. Und selbst da, können sie Unterschiede zwischen einzelnen Völkern und Nationen erkennen. Und ausgerechnet die, welche Bürger anderer Nationen als Untermenschen oder Drecksvolk bezeichnen, haben die längsten Bremsspuren in der Bettwäsche. Ausgerechnet unsere italienischen und muslimischen Gäste, hinterlassen mehrheitlich, tadellose Bettwäsche. Oft denken unsere Zimmermädchen, die Zimmer wären nur kurz belegt oder gar nicht benutzt worden. Wir amüsieren uns immer wieder über Dursuns Geschichten. Ahu und Mira geben dazu auch kurze Kommentare. Genauer brauchen sie das nicht beschreiben. Der Bäcker würde denken, wir mögen seine Personalgaben nicht mehr. Zum Glück ist sonntags das Gebäck bereits verzehrt. Sonntagmorgen finden die Zimmermädchen und Dursun auch diverse Mageninhalte in den Betten und Bädern. Da bliebe das Gebäck stehen.

Mit den wirklich unterhaltsamen Frühstück im Bauch, fahre ich los. Ich befürchte einen recht strengen Verkehr. Die Befürchtung wird nicht erfüllt. Die Straßen sind leer. Fast wie Sonntagmorgen. Ab Naturns kommen mir erst Autos entgegen, die Skiausrüstungen auf dem Dach haben.

Zu Hause bin ich recht früh. Ich kann fast zwei Stunden ruhen. Ehrlich gesagt, brauche ich das auch. Ich fühle mich schlaff und verbraucht.

Zu Gunda fahre ich heute wieder mit dem Motorrad. Abends sind zwar Niederschläge angesagt, aber Schnee erwarte ich keinen. Es ist tagsüber zu warm für Schneefall.

Heute ist kein Tagesmenü vorzubereiten. Das passt. Wir sind kein Ausflugslokal. Ein paar Frühschoppler sitzen am Tresen. Sonst ist das Lokal ziemlich leer.

Küchentechnisch ist eigentlich Nichts vorzubereiten. Selbst Salatteller würde ich erst auf Abruf herstellen. Ich koche ein paar Pellkartoffeln. Gunda hat feine Pustertaler Kartoffeln mitgebracht. Die liegen etwas zu warm neben der Kühlzelle. Ein Fünf-Kilo-Säckchen koche ich, bevor sie anfangen zu keimen. Ein paar Karotten könnte ich noch schälen. Als Vorbereitung für Salat oder als Gemüsebeilage für Montag.

Das Mittag geht schnell rum. Wir verkaufen drei Spiegeleier und ein Wiener Schnitzel mit Pommes. Kaum ist das Mittag vorbei, kommt Dora. Sie bleibt bis zum Feierabend über Nachmittag. Sie hat Kuchen mit. Wahrscheinlich verkauft Gunda am Samstag Nachmittag etwas Gebäck. Ich verabschiede mich bis zum Abendservice. Selbst diese vier Wege von zu Hause zur Arbeit und zurück, kosten mich ohne den Weg nach Nauders, pro Tag, Benzin für fast vierzig Kilometer. Das sind drei Euro. Pro Monat wären das zwischen siebzig und achtzig Euro. Die Kosten inklusive Steuern, bezahle ich von einem Lohn, den ich schon versteuert habe. Und das zu Gunsten einer Firma, für die ich arbeite.

Im Fernsehen kommt alpiner Skisport. Ich stelle die Wecker und schlafe ein bei der Übertragung. Zu Essen gibt es nichts.

Gegen halb Fünf weckt mich wieder der Wecker. Langsam wird mir der Tagesablauf zu eintönig. Schlafen, Fahren und Buckeln. Am Montag geht es nach Schenna. Mal sehen, was es dort gibt. Ich erwarte etwas Abwechslung. Sonst nichts.

Das Abendgeschäft schien mir etwas interessanter zu werden. Im Gastraum saßen um die zwanzig Gäste, die ich noch nicht gesehen habe. Ich dachte, die bleiben zum Essen. Irrtum. Zehn Minuten später brechen sie auf. Neben ein paar Wiener- und Naturschnitzeln mit Pommes und Röstkartoffeln, verkaufe ich zwei Speckbrettln. Das war mein Abendgeschäft. Ehrlich gesagt, ist der Erlös bei Spiegeleiern etwas höher.

Gunda dankt mir und Dora möchte die Küche allein putzen. Sie schicken mich nach Hause. Es ist ziemlich spät. Bei einer Stunde Fahrt, schaffe ich es noch vor Zwölf.

Zu Hause angekommen, rufe ich Joana an. Sie verbietet mir zu fahren. Mir bleibt also ein einsamer Fernsehabend. Um mich etwas aufzubauen, schaue ich mir „Die Olsenbande“ an. Trotz des lustigen Filmes, muss ich an Helga Hahnemann denken, die an Krebs starb. Helga kannte ich noch als kulinarischer Gastgeber. Sie war ziemlich oft Gastkünstler in unserem Kulturhaus.

Ich schlafe ein beim zweiten Teil dieser Serie.

Tag 77


Tag 77

Der Freitag beginnt mit dem Klingeln von Joanas Wecker. Ich stehe gleich mit auf. Freitags muss ich mit dichtem Verkehr rechnen. Ich möchte fahren, bevor der Berufsverkehr einsetzt. Zu Hause kann ich mich ja noch eine oder zwei Stunden hinlegen.

Natürlich erzähle ich Joana vom ganzen Tag und Joana mir, von ihrem. Ich teile ihr auch den Termin in Schenna mit. Da spekuliert sie auch etwas mit einem Ganzjahresplatz. Wenn ich ehrlich sein soll, ist mir angesichts der Arbeitszeiten, ein Ganzjahresarbeitsplatz gar nicht so recht. Irgendwann müssen die Knochen auch mal ausruhen. Sechstagewoche bei mindestens zwölf Stunden täglich, ist als Jahresarbeitsplatz bösartige Ausbeutung. Bei gesetzlicher Arbeitszeit wären das immerhin zwei Arbeitsplätze. Sogar in Schichtbetrieb, wie in der DDR. Nicht im geteilten Dienst mit vier riskanten, teuren Arbeitswegen wie in Südtirol. Wir reden noch nicht von Umweltschutz und den Behauptungen dahingehend. Wer eine geteilte Arbeitszeit durchsetzt, ist nicht wirklich am Umweltschutz interessiert. Und schon gar nicht an der Minderung des Verkehrsaufkommens. Mich wundert nur die relativ geringe Anzahl an Unfällen.

Nach der Toilette gehen wir zusammen runter zu Marlies. Marlies hat Stress. Sie hat aber feines Gratisgebäck vom Bäcker da liegen. Dursun ist schon am Kauen. Der Bäcker hat diesen herrlichen Stollenkuchen mitgeschickt. Bei uns wurde der Kartoffelkuchen genannt. In Sachsen. Auch bei uns in der DDR gab es regionale Unterschiede. Bei uns wurde der Pizza ähnliche Kuchen mit reichlich Butter bestrichen und Zucker bestreut. Rosinen, Mandeln und auch mitunter Zitronat, waren Bestandteile dieses Blechkuchens. Frisch schmeckte der köstlich wie jedes Hefegebäck.

Für Hefegebäck braucht es eben auch genug Kunden.

Unser Morgenplausch ist recht kurz und wir beschränken uns auf kleine Anspielungen des Lächelns wegen. Frei nach de Sprichwort: „Wer lächelt, hatte Sex.“ Genau in diesem Rahmen werden dann Komplimente für Figur, Aussehen und Verhalten verteilt. Das wirkt für den kommenden Arbeitstag recht erfrischend und aufbauend. Wahrscheinlich ist das deswegen jetzt verboten. Wer will schon einen positiv motivierten, lustigen Arbeiter? Der ist doch krank.

Langsam werden die Nächte etwas wärmer, scheint mir. Ich muss das Auto nicht warm laufen lassen.

Auf der Hauptstraße ist schon reichlich Gedränge. Halb Sechs früh. Trotzdem gibt es bis Schlanders keine Behinderungen. In Schlanders wird der Verkehr etwas dicker. Das liegt aber eher an der Zeit. Warum ausgerechnet freitags und montags, mehr Betrieb ist als an den anderen Tagen, bleibt mir ein Rätsel. Arbeiten Südtiroler nur an den zwei Tagen?

Zu Hause angekommen, kann ich mich noch ein Stündchen hinschmeißen. Ich stelle mir drei Wecker. Wehe, ich verschlafe. Ich lege mir einen Film ein: „Fargo“. Der wirklich herrliche Film ist schlecht geeignet zum Einschlafen. Trotzdem gewinnt die Müdigkeit. Ich werde mir den Film zur Mittagsruhe noch einmal anschauen.

Acht Uhr klingelt mein Wecker. Nach einer kleinen Erfrischung genehmige ich mir ein zwei Kaffee.

Endlich kann ich wieder etwas Motorrad fahren.

Gunda steht nicht allein vor dem Restaurant. Sie redet mit einem Gast. Sie grüßen mich.

„Bischt Du der Neie?“

„Ja. Guten Morgen.“

„Er isch e Extrakommitarier aus Ostdeitschloand“, sagt Gunda zu ihm. Gunda ist dreisprachig, bemerke ich gerade. Italienisch, Deutsch und Südtirolerisch. Italienisch und Mundart, nutzt man gern, wenn man nicht verstanden werden möchte.

Ich verstehe das als Aufforderung, zu gehen.

Kaum bin ich umgezogen, kommt Gunda. „Heute gibt es:

Salatteller

Tomatensuppe

Spaghetti Carbonara

Rippelen, Röstkartoffel, Sauerkraut

Erdbeerjoghurt

In der Küche steht ein Karton mit deutschen, abgekratzten Knochen als Rippelen. Da muss ich ja pro Kunde ein Kilo braten, damit der etwas Fleisch findet. Dazu werde ich eine Extratonne für Knochenabfälle benötigen. Auf die Art exportiert das Reich seine Knochen. Aber wehe, ein Südamerikaner lässt die Knochen am Rinderrücken. Die müssen in Südamerika vergraben werden. In Fleisch mit Knochen bekommt der deutsche Westfleischer auch keine fünfzig Prozent Salzwasser. Schließlich wollen die Westkunden, Salzwasser statt Fleisch. Sie sind das gewöhnt. Dazulande möchte man Fleisch mit dem Löffel oder der Heugabel essen.

Die Carbonara werden mich über Mittag ziemlich beschäftigen. Rippelen passen da sehr gut dazu. Die sind nach meiner Behandlung fertig portioniert und ich muss sie nur ausgeben. Im Kutter mache ich mir gleich die Würzmischung mit Öl fertig. Damit muss ich die Rippelen nur einstreichen. In den Dämpfer geht der ganze Kartoninhalt rein. Zehn Kilo. Ich schätze, abends wird es davon auch noch etwas geben.

Zu Mittag sind es heute relativ wenig Gäste. Entweder haben sie schon frei, setzen ab oder sie wollen zeitig Feierabend machen. Es könnte auch sein, die Kunden sparen für das Wochenende. Schließlich ist am Wochenende die Familie auszuführen. Und genau das, kann in Südtirol ziemlich teuer sein. Zumindest für Jene, die nicht direkt aussehen wie Südtiroler.

Ich fahre in unsere Wohnung und starte den Film in der Hoffnung, ihn mir ansehen zu können. Von meinen Nachbarn ist leider Keiner anzutreffen. Vielleicht sind sie bei Doris, Karten spielen. Ich nehme mir vor, abends ein Rippele zu kosten. Zumindest da möchte ich wissen, ob sie auch schmecken. Deutsches Fleisch esse ich sonst nicht. Schon gar nicht das von unseren Besatzern. Sie müssten uns DDR – Bürgern das eh ein Leben lang schenken. Bei dem, was die uns geklaut haben.

Nach dem Aufwecken fahre ich sofort zu Gunda. Abends rechnen wir mit etwas mehr Kundschaft. Es gibt Einiges vorzubereiten. Bei meiner Ankunft steht schon der Parkplatz voll. Mir schwant Schlimmes. Sollte etwa eine Gesellschaft da sein, von der mir Gunda nichts gesagt hat? Mal sehen.

Ich gehe nicht durchs Restaurant in die Küche, sondern den Personalschleichweg. Der führt an der Toilette vorbei. Und die riecht etwas unangenehm. Man feiert ausgelassen. In der Küche steht schon Jemand. Eine junge Frau. Dora. Sie stellt sich mit dem Namen vor.

„Ich helfe freitags immer etwas.“

Wahrscheinlich muss ich freitags nicht abspülen. Das klingt fast wie eine Erleichterung. Wenn sie sich wirklich auskennt hier, ist es eine.

Die Röstkartoffeln hat sie schon geschnitten. Ich vermenge sie gleich mit Zwiebelöl und Gewürzen. Die Mischung gebe ich in zwei Gastronorm und schiebe sie in den Dämpfer bei zweihundertdreißig Grad. Eier hat mir Dora schon bereits gestellt. Den Salat auch. Ich frage sie, ob das reicht. Sie nickt.

Gunda kommt in die Küche und stellt mir Dora vor. Familie. Alles bestens. Mehr muss ich nicht wissen bei meinem kurzen Einsatz hier.

Entgegen den Erwartungen, bleibt das Abendgeschäft relativ ruhig. Mit einem Unterschied. Ich verkaufe heute das erste Mal einen Rostbraten. Ein Rumpsteak mit dem Namen. Als Koch würde ich so Etwas niemals in einem Restaurant bestellen. Es sei denn, für meine Gäste. Für den Preis einer Portion bekomme ich ein Kilo im Laden. Und genau dieses Kilo, würde ich nur mit meiner Joana verdrücken. Wir kommen heute Abend nicht ins Schwimmen. Alles bleibt gemütlich, obwohl wir sechzig Portionen verkaufen. Dora lobt meine Ruhe und Besonnenheit.

Gegen Zehn sind wir fertig. Die Küche ist zu Zweit schnell geputzt. Gunda bringt mir einen Kaffee und wir verabreden uns auf morgen.

Freitagabend ist auf der Algunder Straße recht viel los. Fast wie werktags gegen Mittag. Ich muss mich etwas in Acht nehmen. Die Jugend fährt ziemlich übermütig. Und nicht nur die. Man hat den Hang, unbedingt ein Rennen zu veranstalten. Sobald ich zum Überholen ansetze, gibt der Fahrer des trödelndem Fahrzeuges, das ich überholen möchte, plötzlich Gas. Nicht nur Einer. Die Krankheit ist weit verbreitet. Ich frag mich, ob die schon fertig sind, ihre Raten zu bezahlen. Bei der Feierlaune. Naja. Vielleicht hat ihnen der Papa ein Auto geschenkt. So fahren auf alle Fälle keine Jugendlichen, die sich ihr Auto selbst verdienen mussten.

Zu Hause angekommen, überlege ich, ob ich noch zu Joana hoch fahre. Freitags scheint mir das zu riskant. Ich rufe Joana an. Sie rät mir ab, sagt aber nicht, Nein.

Ich ziehe mich um und fahre. Irgendwie brauche ich das. Bis Schlanders geht das auch recht flüssig. Außerhalb Schlanders ist reger Verkehr. Ich schätze, irgendwo sind Discos oder Tanzlokale. Anders kann ich mir den Verkehr nicht erklären. Die Autos sitzen alle voll mit Jugendlichen.

Ab Spondinig ist etwas mehr Ruhe. Gelegentlich kommt ein Gegenverkehr. Nach Mals wird es aber wieder lebhaft. Mich überholen laufend einheimische Jugendliche. Man setzt auf getunte Fahrzeuge mit den üblichen Fuchsschwänzen und Schleifchen an den Antennen.

In Nauders angekommen, stelle ich auch dort einen regen Verkehr fest. Der Ort ist voller Spaziergänger und Touristen. Wahrscheinlich ist Anreise angesagt. Alfred jedenfalls, steht noch an der Rezeption. Und die wird rege belagert. Alfred winkt nur. Zu Marco schaue ich ganz kurz rein. Er schwimmt. Dursun hilft ihm.

Joana schläft schon. Es ist weit nach Elf. In knapp fünf Stunden steht Joana wieder auf. Joana hat mir ein Schnitzel in eine Semmel gelegt. Das ist mein Tagesessen vor dem Schlafengehen.