Tag 70


Tag 70

Freitag

Für den Freitag stehe ich eigentlich zu zeitig auf. Mit Joana zusammen. Wir unterhalten uns etwas über meine neue Arbeit. Joana ist misstrauisch, weil sie den Betrieb nicht kennt und auch die Wirtsleute nicht. Sie bemerkt Etwas bei meinen Erzählungen. Ich weiß nicht, was. Sie kann es auch nicht beschreiben. Sie fragt, wie es Paula und Antonia geht. Beide habe ich nicht getroffen. Ich soll einen schönen Gruß ausrichten, wenn wir uns sehen.

An unserer Tür klopft es leise. Mira steht davor. Joana fragt sie, ob sie einen Kaffee mit trinken möchte. Sie lehnt nicht ab. Mira möchte mit Joana den freien Tag tauschen. Sie möchte mit ihrem Freund zusammen sein. Der Freund und sie haben sich ein altes Haus gekauft. Das wollen sie nebenbei etwas renovieren. Die beiden leiden unter dem gleichen Problem wie wir. Sie haben kein gemeinsames Frei. Und das schon seit Jahren. Fast wie eine Seemannsehe. Mira ist sehr schön. Dennoch haben die Zwei ein großes Glück. Kaum ein Einheimischer würde sich um Mira bemühen.

Mira ist auch nicht der Typ dafür, sich für eine Karriere die Unterhosen zu sparen. Sie ist ziemlich dominant. Joana tauscht mit ihr. Joana hat ab jetzt, donnerstags frei. Wir besprechen das und mir passt das auch.

Die beiden gehen auch gleich zusammen zur Arbeit. Ich nutze jetzt die Freizeit, im Netz neue Arbeitsstellen zu finden. Nachdem wir festgestellt haben, hier ist Keinem zu trauen, ist die Stellensuche unser Standardprogramm für mich. Das Aufkommen von Alkoholikern, Kranken und Nervösen unter unseren Arbeitgebern ist einfach zu hoch in der Alpenregion. Zum Einen, liegt das an dem wirtschaftlichen Druck und zum Anderen daran, dass man sich schlicht verrechnet hat mit seinem Anliegen. Und das ist sehr häufig der Fall.

Die viel zu kurzen Kurse und Ausbildungen, die Gastronomen für ihr Geschäft benötigen, reichen einfach nicht, um fachlich mit der Zeit mithalten zu können. Traurig. Man lässt sich von Schreibtischidioten, Darlehen aufschwätzen, die eigentlich einer Enteignung gleichkommen.

Ich habe sechs Bewerbungen abgesetzt. Das gibt eine schöne Tour an unserem freien Tag.

Nach der üblichen Morgenhygiene begebe ich mich zu Marlies. Ich bin mir sicher, der Kaffee wartet schon.

Beim Runter gehen treffe ich ein paar Westdeutsche. Als sie vorbei sind, sagt die Frau zu ihrem Mann: „Ein Russe.“ Ich antworte nicht und tue so, als hätte ich Nichts gehört. Wahrscheinlich hat die Frau gedacht, wenn der einen Trainingsanzug an hat, kann es nur ein Russe sein. Leider fehlt das Lizenzgeber mit den weißen Streifen. In der Sowjetunion, auch in der DDR, wurden Jahrzehnte lang die Markenklamotten genäht. Im gleichen Atemzug behaupten die Besatzer, wir hätten keine Qualität produziert. Offensichtlich sind dann die Marken, Qualitätsschwindel. Ah nee. Markenschwindel.

Die angeblichen Besitzer und Hersteller eines Produktes unterschreiben mit ihrem Namen, ohne es hergestellt zu haben. Das ist ja fast wie in vielen Küchen. Produkthaftung ist dann entweder ein Witz oder eben Handelsware. Typisch Westen.

Marlies wartet tatsächlich mit dem Kaffee auf mich. Mein Aufenthalt wird kurz. Es gibt ein paar Fragen von Dursun und Marlies. Alfred ist nicht da. Er geht heute einkaufen. Zum Freitag. Beide wünschen mir einen schönen Tag, ich gebe den Wunsch zurück und verschwinde.

Die Fahrt ist schon am See eine Zumutung. Ganze Kolonnen von Baubetreiben sind in Richtung Meran unterwegs. Sie setzen um auf die nächste Baustelle. Freitag ist der Lieblingstag unserer Polizisten. In Ortschaften kann ich heute nicht überholen, ohne den Führerschein zu riskieren.

Es zieht sich hin. Ab Mals kommt auch noch Schulverkehr dazu. Die Uhrzeit ist für Pendler ungeeignet. Ich muss entweder früher oder später fahren. Freitags scheidet später Fahren aus.

In Schlanders steht Alles. Eine halbe Stunde bleibt auf der Straße liegen. Bis zum Kreisverkehr Latsch geht es recht zügig und von dort bis Kastelbell, ist Kolonnenverkehr angesagt, der an der örtlichen Durchfahrt staut. Wieder eine halbe Stunde weg. Langsam werde ich nervös. Wie soll ein Mensch mit so einem Druck, Höchstleistungen verbringen?

Unmöglich. Ab Kastelbell bis an die Schnalser Abfahrt vor Naturns, ist Kolonnenverkehr. Und der bewegt sich vorsichtig zügig. Das heißt, bei vorgeschriebener Geschwindigkeit plus Toleranz.

Mir reicht das, um wieder etwas lockerer zu werden.

Ich biege an der Abfahrt Schnals ab. Im ersten Tunnel kann ich noch etwas Zeit gut machen. Schon ab dem zweiten, zieht es sich. Touristen mit Skiern auf dem Dach. Unsere Landsleute aus dem Süden. Sie fahren wie üblich vorsichtig, aber recht zielstrebig. Die Straßen sind gut geräumt. Stau wegen Kettenanlegern, muss ich nicht befürchten.

Ich staune, wie gut unsere Landsleute mit Sommerreifen fahren. An den steilen Aufgängen zwischendurch, sind sie etwas vorsichtiger in den Kurven. Da sieht der Fahrer auch nicht, ob es einen Steinschlag oder eine Kleinlawine gab.

Martin erwartet mich schon. Er ist nervös. Ich frag mich, warum. Wir sind zu zweit und notfalls, können die Eltern helfen. Die haben den Betrieb schließlich aufgebaut. Der Kaffee steht bei Betreten des Restaurants schon auf dem Tresen. Eine große Tasse. Das will Etwas bedeuten.

Beim morgendlichen Gespräch stellt sich heraus, wir haben heute eine Trauerfeier. Eine kleine, sagt Sepp. Er sagt mir durch die Blume, der Verstorbene war nicht besonders beliebt im Ort. Schon kurz darauf darf ich feststellen, der liebe Sepp hat für meine Verhältnisse unrecht. Martin rechnet mit rund hundert Gästen. In meinen Augen, ist das schon recht viel. Martin sagt, es wäre eine kleine Trauerfeier. Bei beliebten Leuten käme leicht die dreifache Anzahl an Gästen. Jetzt bleibt mir die Spucke weg. Solche Trauerfeiern kenne ich bestenfalls beim Ableben von guten Genossen in unserer Partei. Und da war grundsätzlich Westpropaganda vor Ort. Für deren Lügner war das ein Feiertag. Strafen sind ja keine zu erwarten. Nürnberger Tribunale sind wirklich selten. Der Autobahn- und Eisenbahnbau in Sibirien war eher eine Erholung als eine Strafe.

Nicht ganz. Arbeit ist für dieses faule Gesindel immer eine Strafe.

„Was gibt es zur Trauerfeier? Wollen sie ein Menü oder ein einzelnes Trauerbrot?“

„Bleibt ganz ruhig. Ich habe schon Alles fertig. Heute sind nur diese Gäste. Zuerst machst Du uns mal dreihundert belegte Brote.“

Er legt mir sehr feines Stangenbrot auf den Tisch. Mehrkorn und Weizen. Dazu niedliche Vinschgerlen, die aussehen wie kurze Stangenbrot. Er hat mir schon jeweils eine Probe angeschnitten, um mir zu zeigen, wie ich sie schneiden soll. Vorbildlich. Er hat sie genau so geschnitten, wie ich sie geschnitten hätte.

Fortsetzung folgt

Tag 69


Tag 69

Der Wecker klingelt acht Uhr. Joana hat keinen Kaffee gemacht. Nach der Morgenwäsche gehe ich zu Marlies. Sie ist sicher neugierig darauf, was ich heute vor habe. Ich frag mich immer, wer Marlies Bescheid gibt, wann ich nach Unten komme. Der Kaffee steht schon da. Mit Sahne. Marlies gibt mir heute einen Kuss auf die Wange.

„Gehst Du heute auf Arbeit?“

Jetzt weiß ich‘s, die Mädels haben es ihr gesagt.

Eigentlich fehlt nur noch eine Handlung, um mich zum König zu machen. Dursun hält mir die Tür für das Auto auf. Dursun steht aber drinnen bei Marlies. Alfred und Marco natürlich auch. Er hat mir einen Schokomousse zum Kaffee gestellt.

„Der schmeckt saugut“, sagt Alfred. Wir haben auch genug Vanille und schwarzes Kakaopulver rein gegeben. „Der schmeckt besser als mit Schokolade. Marco hat gesagt, er macht das jetzt immer so.“

„Billiger ist das nicht. Du hast aber mehr Einfluss auf den Geschmack“, antworte ich.

Das Mousse schmeckt wirklich gut. Marco hat noch Einiges nachgelegt. Er hat etwas Mandellikör mit reingespritzt.

„Ich muss los. Ich will nicht zu spät kommen. Im Schnalstal erwarte ich immer ein paar Behinderungen.

Die Fahrt geht nicht ganz so reibungslos wie gestern. Donnerstags gewinnt der Lastverkehr. Die können wenigstens mehrheitlich fahren. Arbeiterverkehr ist keiner mehr. Dafür aber Einkaufs- und Lieferverkehr. Und der schon ziemlich zahlreich für diese Jahreszeit. Bei der Abfahrt geht mir durch den Kopf, ich könnte eigentlich schon mit dem Motorrad fahren. Zumindest ins Schnalstal. Zeitgewinn wäre nicht zu erwarten. Dafür aber zumindest frische Luft und gut bewegte Knochen. Zweiradfahren ist eine gute Erwärmung für den Küchendienst. Aus einem Hotelpersonalzimmer müde auf Arbeit schleichen, ist dagegen ein Schlaf bis Mittag. Selbst Beamte, die mit einem Zweirad, egal welchem, auf Arbeit kommen, fühlen sich erheblich munter und gesünder als ihre Auto fahrenden Kollegen. Das würde mir als Gesetzgeber schwer zu Denken geben. Besonders in Hinblick Frühpensionierung.

Ich komme an und der Papa vom Chef steht schon vor der Tür. Ein extrem freundlicher, liebenswert natürlicher Mensch.

„Guten Morgen.“

„Guten Morgen. Bist Du der Koch? Ich bin Sepp und meine Frau heißt Julia. Sie lässt Dir einen Kaffee durch.“

Zum Kaffeetrinken kommt mein Chef. Er stellt sich ganz höflich und freundlich mit Martin vor. Wie umgewandelt. Seine Frau, die Chefin, steht hinter dem Tresen und stellt sich händereichend vor mit Agathe. Sie ist natürlich schön. Nicht geschminkt. Die Freundlichkeit wirkt wieder etwas aufgesetzt und leicht verkrampft. Die Familie fragt mich aus, wo ich schon überall gekocht habe. Als ich nebenbei von der Sowjetunion erzähle, was eigentlich nicht hingehört, fängt Sepp an zu schwärmen. Er war im Krieg da und bekommt heute dafür eine stattliche Rente. Aus Westdeutschland. Von den Altfaschisten. Das schuldet man schließlich seinen Söldnern. Ich werfe das Thema nicht auf. Sepp ist nicht der erste Opa in Südtirol, der Rente aus dem Reich bekommt. Ich rede nicht von Denen, die in den Schützengräben gestorben sind oder einen Schuss in den Rücken bekamen. Deren Familien hören andere Lieder.

Wir gehen in die Küche. Am ersten Tag bekomme ich den Salatposten. Zur Eingewöhnung. Die Kartoffeln schält Martin selbst. Wir reden keinen Ton. Martin stellt ein Radio an. Das tut gut. Es läuft ein Südtiroler Sender, der wirklich gute Musik bringt. Leider ist etwas zu viel Werbung auf dem Kasten. Das macht mich nervös.

Zu Mittag kommen ein paar Straßenarbeiter und der örtliche Winterdienst zum Essen. Die großen Fahrzeuge füllen fast den geräumten Bereich des Parkplatzes aus. Die Anreise habe ich durch das Küchenfenster gesehen. Mir wurde kurz mulmig wegen meines Autos. So knapp können wirklich nur Profis aus den Alpen fahren.

Es gibt:

Salatteller

Brühe mit Ei

Pasta Amatriciana

Schweinsbraten, Knödel

Kaiserschmarrn

Mir kommt das etwas füllig vor. Es gibt auch ein paar Abbestellungen von Pasta, Kaiserschmarrn oder Schweinsbraten. Das ist für mich nachvollziehbar. Die Arbeit von Köchen ist immerhin ein Schwerstberuf. Und ich würde bei so einem Menü schon ab der Hauptspeise aufgeben.

Der Tag läuft gut. Die Gäste bedanken sich bei uns. Martin wirkt auch etwas gelöster.

Nach einem Kaffee verabschiede ich mich für die Mittagspause. Ich fahre nach Hause. Trotz recht regem Verkehr, bin ich in dreißig Minuten da. Paula fehlt mir. Sie steht nicht auf dem Balkon. Was ist los?

In der Wohnung schalte ich mir den Fernseher ein und stelle das Telefon zum Wecken.

Gegen Vier stehe ich auf und trinke einen Kaffee. Ich fühle mich frisch. Auf der Straße ist recht viel Verkehr. Ich glaube fast, ich schaffe es nicht. Es staut. Rufe ich an oder nicht? Ab dem Kreisverkehr in Naturns wird es übersichtlich. Jetzt geht es zügig. Das Schnalstal hinauf ist reger, aber flüssiger einheimischer Verkehr. Jetzt bekomme ich gerade gelernt, wie man die Pässe mit dem Auto fährt.

Das Abendgeschäft ist heute recht friedlich. Wir verkaufen keine dreißig Essen. Menüs für Hausgäste gibt es nicht. Die essen a la carte. Das ist bei Wintertouristen absolut nachvollziehbar. An jeder Ecke stecht dort eine Hütte zum Einkehren. Die Gäste sind praktisch überfressen. Manche auch übersoffen.

Der Küchenputz geht relativ schnell. Martin macht mit und Sepp kontrolliert das. Mit einem Viertel in der Hand. Einem Roten. Er fragt mich, ob ich Einen möchte oder ein Bier.

„Ich muss fahren.“

„Aha.“ Er lächelt dabei.

Es ist etwas nach Neun. Im Hauslicht finde ich mein Auto auch so. Die Umgebung wirkt sehr dunkel bis schwarz. Wenn es jetzt regnen würde, wäre ich in dreißig Minuten müde.

Bis Runter brauche ich in der Dunkelheit fast vierzig Minuten. Den Gegenverkehr sehe ich zeitig. Man fährt Aufblendlicht.

In Richtung Reschen ist so gut wie kein Verkehr. Ich kann Gas geben. Ich muss nur an den Blitzkästen aufpassen. Oben, am See, kommt es mir wärmer vor als unten im Tal. Ich knipse mal die Temperaturanzeige an. Es stimmt. Hier ist es wärmer.

Vorm Hotel steht Keiner. Alfred ist drinnen an der Rezeption bei Gästen. Wir begrüßen uns still mit den Augen. Er lächelt. Marco ist schon fertig und auf dem Zimmer. Die Servicemädchen decken gerade für das Frühstück.

Joana schläft schon. Sie hat mir ein paar belegte Brötchen zurecht gemacht. Der Kaffee steht in der Thermoskanne. Ich mache ganz leise. Sie weckt trotzdem auf und gibt mir ein Kussl. Jetzt dreht sie sich rum und ich esse mein Tagesmenü.

Tag 68 Fortsetzung


Tag 68 Fortsetzung

Ich komme in den Ort und suche das Hotel. Gegenüber einer kleinen Kirche, ist das ein gutes Plätzchen für ein Restaurant.

Die Besitzer des Hotels betreiben es selbst. Als ich ankomme, steht nur der Chef selbst in der Küche. Er dreht gerade Knödel. Die Eltern des Chefs stehen hinter dem Tresen. Vor dem Tresen sitzen, wie in Südtirol üblich, die Einheimischen. Bauern, Winterdienst und ein paar Geschäftsleute aus dem Ort.

„Wollen Sie etwas trinken?“

„Einen Capuccino, wenn es geht.“

Wir setzen uns an einen Tisch und unsere Gäste spitzen alle die Ohren. Scheinbar unbemerkt. Aber, sie sind plötzlich alle still.

„Chef. Suchen Sie einen Koch oder der gesamte Ort?“, frage ich ihn. Wir gehen darauf hin in die Küche. Die Küche wirkt oberflächlich sauber. Ich habe mir es zur Angewohnheit gemacht, ausgewählte Flächen unbemerkt zu berühren. Auf die Art möchte ich feststellen, ob der Betrieb einen Koch oder eine Putzkraft sucht. Der zweite Satz bei Vorstellungsgesprächen in Südtirol lautet immer: „Sie putzen auch die Küche? Wir wollen es sauber.“ Man glaubt bisweilen, Meisterköche würden nicht putzen. Zu gegeben, ich bin sicher kein Putzwunder. Vor allem nicht, wenn das vorher schon versäumt wurde. Das dauert schon seine Zeit. Am besten ginge das, wenn mir die Auftraggeber für den Großputz einen Tag einräumen. Das kostet aber Geld. Lohn.

Die Flächen, die ich gerade berührt habe, wurden etwa zwei Wochen nicht geputzt. Man sucht praktisch die Putzkraft für den Chef des Hauses. Nun muss ich eigentlich nur noch erfahren, ob ich kochen soll oder für seine Kochkunst die Zuarbeit zu bringen habe.

„Wie viele Portionen verkaufen Sie pro Tag?“

Es beginnt ein Gestammel, bei dem es mir schwer fällt, eine Zahl zu ermitteln. Mein Gegenüber verfällt plötzlich in einen urtiroler Dialekt. Er glaubt wahrscheinlich, ich verstehe das nicht oder nur mangelhaft.

„Haben Sie vielleicht auch die Speisekarte?“

Der Chef holt mir die Speisekarte aus dem Restaurant. Die Speisekarte ist die übliche Imbisskarte Südtirols. Spätzle, Schlutzer, Schnitzel in vier Varianten. Nichts Besonderes also.

„Kannst Du Südtiroler Küche?“

Naja. Auf die Frage habe ich gewartet. Nach meinen Beobachtungen, müsste ich hier das Aufschneiden von Päckchen mit Sarner Schlutzern oder das dosierte Einhängen von gefrorenen Gnocchi beherrschen. Ehrlich gesagt, das traue ich mir zu. Auch ohne Führerschein.

„Machen Sie auch spezielle Lammwochen, Gruppenfeiern oder Feste zum Almabtrieb?“

Ich wollte erfahren, ob denn auch ausreichend Trauerfeiern und die damit zusammenhängenden Gelage zu bekochen sind. Mich interessiert auch, ob es Bus- oder individuellen Tourismus gibt in dem Örtchen. Bisher waren sämtliche Auskünfte eher spärlich.

Auf die Frage mit den speziellen Ereignissen ging er nicht ein. Er will erst Mal erfahren, ob ich kochen kann und wie das Ergebnis schmeckt.

Er lädt mich ein, morgen einen Probetag zu arbeiten. Gut. Wir verabreden uns auf zehn Uhr. Ich sage ihm, woher ich aktuell anreise. Er versteht das.

Der nächste Termin, eine Vorstellung, ist im Ultental. Heute habe ich Zeit für die Anreise. Mit der Probearbeit in Bozen und dem Schnalser Probetag im Rücken sehe ich die Vorstellung im Ulten etwas lockerer.

Mein Weg führt mich nach Lana. Von Lana aus geht es ziemlich kurvenreich aufwärts. Ich habe fast den Eindruck, in jeder Kurve steht eine Blitzanlage. Die Ultner, die oft bei ihrem Arbeitsweg ins Etschtal unter Zweitdruck geraten, sollen wahrscheinlich dort abkassiert werden. Damit steht ja schon mal fest, die Ultner werden bei Verzögerungen nicht schneller fahren wollen. Und im Ulten gibt es sicher reichlich Stau und Verzögerungen. Vor allem in Saisonzeiten. Ich glaube, mit dem Zweirad kommt man in dieses Tal am besten. Mit einem Auto wäre ich da permanent auf der Straße bei vier Arbeitswegen.

Es geht nach Pangraz. Dort gibt es mehrere Altenheime und eines davon sucht einen Koch. Oft. Deren Anzeigen sehe ich regelmäßig alle paar Monate in den Annoncen. Warum das so ist, kann ich nicht beurteilen. Nichts ist schöner für einen Koch, als für seine Eltern und Großeltern das Essen kochen zu dürfen.

Ich fahre in den schönen Ort ein. Man könnte glauben, in einem Märchen zu sein. Vor dem Eingang sitzen drei Ältere, eine Frau, zwei Männer und sie rauchen genussvoll. Ein alter Mann fragt mich, ob ich ihm eine Zigarette gebe. Ich zeige ihm meine. Er fragt: „Selbschtgmocht?“

„Ja.“

Er steckt sie ein. Wenn er mit meinen selbst gemachten Zigaretten spazieren geht, wird er ziemlich schnell merken, der Tabak geht im aus.

„Die konnste net long eistecken“, sag ich ihm.

„Woa?“

„Dr Tabak fällt raus in der Hosentosch.“

„Ah so!“

Im Foyer des Heimes sitzen ältere Menschen, Manchmal zusammen mit jungen. Das sind wahrscheinlich Kinder und Enkel auf Besuch. In einer Glaskanzel sieht mich eine Sekretärin, die sofort zu mir kommt und fragt, was ich möchte.

„Kalrl. Ich möchte mich als Koch bewerben.“

Nachdem sie gehört hat, ich könne unmöglich von hier sein, fragt sie mich:

„Haben Sie Unterlagen mit?“

„Meine Bewerbung ist per Email bei Ihnen eingegangen und Sie haben mich eingeladen.“

Sie stammelt Etwas in sich hinein, geht zurück ins Büro und schaut in den Computer.

„Ja. Ich sehe es gerade.“

‚Wie können die mich einladen, ohne es zu wissen?

Reden die nicht miteinander? Stellt die sich mutwillig dumm?‘

Das sind so die kleinen Fragen, die sich mir sofort aufdrängen. Die suchen einen Koch und wissen von Nichts.

„Die Chefin ist nicht da. Können Sie etwas später noch mal vorbei kommen?“

„Nein. Schicken Sie mir bitte eine Email, wenn Sie ein echtes Interesse haben. Tschüss, schönen Tag noch.“

Beim Herausgehen winken mir ein paar Alte hinterher. Ich winke freundlich zurück und verabschiede mich.

Jetzt steht noch ein Termin in Girlan an. Ein Restaurant. Der bietet nur Abendservice. Im Grunde ist das nicht mein Favorit. Da treffe ich Joana zu Hause nur schlafend. Ich würde täglich ihre Nachtruhe stören und das geht nur zeitweise, in absoluten Notfällen. Der Ruhetag passt auch nicht zu dem von Joana. Sie könnte zwar tauschen, aber das ist ein folgenschwerer Eingriff in ein funktionierendes System.

Mittlerweile ist es Mittag und wieder der gewohnte Stau an allen Schwerpunkten. Am Kreisverkehr in Lana warte ich zwanzig Minuten auf die Einfahrt. Die Zeit geht Allen von der Pausenzeit ab. Traurig, der Zustand. Warum fahren Südtiroler nicht mit einem Zweirad zur Arbeit? Das ist platzsparend, billiger und zwingt die Anderen zu mehr Rücksicht.

Der Weg zur MEBO ist ziemlich belebt. Im Kreisverkehr an unser Arena, einem Sport- und Freizeitzentrum im Gewerbegebiet Sinich, gab es einen kleinen Unfall. Die Carabinieri leiten Alle auf die andere Spur in entgegengesetzte Richtung.

Das kostet mich nur zehn Minuten. Dafür habe ich jetzt in Richtung Meran, fast freie Fahrt.

Die Abfahrt nach Girlan habe ich in ein paar Minuten erreicht. Ich muss auf mein Handy schauen, wo genau dieses Restaurant ist. Gefunden. Im Ort sind mehrere Rampen gebaut worden mit Fußgängerüberwegen. Die Grundgeschwindigkeit soll dreißig nicht überschreiten. Überall stehen Blitzanlagen. Jeder Fahrradfahrer fährt heute schneller. Ohne Nummernschild. Das gibt feine Fahndungslisten.

Der Wirt vom Restaurant ist da. Er steht auf seinem Grundstück und ruft mich, was ich will.

„Ich wollte mich als Koch bewerben. Sie haben mich für eine Vorstellung eingeladen.“

Wir gehen zusammen in den Keller. Eine Kellerküche mit Speisenaufzug. Das gibt Spaß. Dass der laufend sucht, ist kein Wunder.

Die Küche ist relativ gut eingerichtet mit einer Riesenbratplatte und sehr kurzen Wegen. Das wäre ein Argument.

Wir vereinbaren einen Tag Probekochen. Kommende Woche. Es gäbe viele Bewerber, die sich noch vorstellen. Mit dieser Aussage machen sich die Wirte so lächerlich. Was soll das?

Für mich sind das Aufschneider.

Wir verabschieden uns und ich kann endlich wieder zu Joana fahren. Geld habe ich für heute genug verprasst. Ich muss noch bis hoch nach Nauders zum Tanken kommen.

Bis zum Reschen ist sehr dünner Verkehr. Man könnte fast denken, mittwochs arbeitet Niemand.

Dursun steht vor dem Hotel. „Wir haben wieder Anreisen“, sagt er zu mir. „Marco wartet auf Dich.“

Ich gehe schnell rein. Bei Marco steht Alfred. Marco ist das Schokomousse abgehauen. Er fragt mich, ob ich eine Schnellvariante ohne Schokolade kenne. Die ist dabei alle geworden.

„Hast Du Topfen oder Joghurt?“

„Ja.“

„Schlagsahne auch noch? Kokosfett oder Margarine und Kakaopulver?“

„Das ist Alles da. Kakao haben wir nur den gesüßten.“

„Na wunderbar. Fangen wir an.“

Ich zerlasse die Margarine, gebe das Kakaopulver, Eigelb hinein und verrühre das. Im Kaltwasser schlage ich die Mischung kalt, während ich die Schlagsahne schlage. Jetzt rühre ich die Schlagsahne langsam unter uns schon wird das Mousse zunehmend steifer. „Rum?“

Marco rennt und bringt schnell Rum. Ich rühre etwas Rum unter und schon wird das Mousse steif.

„Den Rest mache ich selbst.“

„Nehm einen Dipper. Damit geht es super!“

„Ich spritze es in Schalen.“

„Alles gut, mei Gutster.“

Alfred freut sich und gibt mir einen echt teuren Cognac aus. „Mach mich ja nicht zum Säufer“, sage ich ihm. „Von dem sauteurem Zeug kannste ke Säufer werden. Eher e armer Mann.“

Joana ist schon Oben. Ich erzähle ihr Alles. Sie schimpft über meine neuen Bekanntschaften.

„Brauchen die nun en Koch oder nicht?“

„Ich gehe uns was zu Essen holen“, sagt sie.

Marco wird ihr schon etwas Feines geben.

Wir essen zusammen hausschlachtene Wurst mit frischen Brötchen. Ein Genuss.

Tag 68


Tag 68

mittwoch

Des Tages hässlichster Moment, ist, wenn man sich vom Bette trennt. Genau das geht mir heute durch den Kopf nach dem Aufwecken. Joana hat mir den Kaffee in eine Thermoskanne gefüllt. Nach dem Bad schau ich auf die Nachrichten und trinke dabei

Kaffee. Nebenbei öffne ich noch den Computer und schaue in mein Postfach. Es gibt neue Nachrichten.

Gleichzeitig setze ich eine Stellensuche bei einer Arbeitsvermittlung in Brixen ab.

Jetzt bleibt mir etwas Zeit und ich lege mir für die Motivation einen Film zurecht. Adriano Celentano in „Der gezähmte Widerspenstige“. Ich brauche dringend Etwas zum lachen. Und das ist wohl gut geeignet.

Kurz nach Acht gehe ich zu Marlies. Marlies lässt mir ungefragt einen Kaffee raus. Das ist jetzt der Zehnte. Bis auf Alfred, ist Keiner mehr da. Alfred fragt mich, was ich heute vor habe.

„Ich muss ins Schnalstal. Eine Vorstellung. Ins Schnalstal von zu Hause sind es um die zwanzig Kilometer.

„Damit komme ich bei vier Arbeitswegen zu Hause auf unter einhundert Kilometer. Das hilft etwas sparen. Bis jetzt musste ich immer weiter fahren.“ „Da wünsch ich Dir viel Glück.“

„Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

„Du siehst nicht aus, als würde bei Dir irgendwann die Hoffnung sterben.“

„Ich bin Migrant. Für uns, Joana und mich, gibt es nur zwei Wege. Zigeuner oder Wohnsitz.“

„Naja. Ein Leben im Wohnwagen ist auch nicht schlecht.“

„Stimmt. Man kann etwas leichter und schneller umziehen. Ich muss jetzt los.“

„Na dann. Viel Glück und vorsichtig fahren.“

Ich gehe aufs Zimmer und ziehe mich um. Meine Ausgehuniform. Trainingsanzug. Eine Jacke nehme ich mit, weil ich nicht weiß, wie weit ich zu laufen habe.

Mittwoch scheint der ruhigste Tag auf der Vinschger Staatsstraße zu sein. Ich komme zügig voran und selbst in Mals an der Ampel, ist kein Stau. Im Nu bin ich durch Schlanders. Theresa sehe ich auf dem Parkplatz vorm Haus mit einem jungen Mann reden. Vielleicht ist es der neue Koch. Komisch. Mit mir hat sie nie gesprochen; nicht mal gegrüßt. Vielleicht habe ich das falsche Nummernschild im Gesicht. Seit die Chefinnen das Personal aussuchen, ist etwas weniger Wechsel in den Küchen und Serviceposten. Irgendwie schauen auch Alle etwas glücklicher. Außer den Chefs. Die gehen jetzt öfters Jagen und Bergsteigen.

Ich komme in Naturns an der Abfahrt in Schnalstal an. Das Sperrschild ist weg. Bei der Auffahrt durch die Tunnel treffe ich nur ein Auto im Gegenverkehr. Immerhin glaube ich jetzt wieder an eine Auffahrt. Die Stelle ist geräumt. Unser Südtiroler Straßendienst hat das sicher mit Hilfe der Feuerwehr geräumt. In dem Tal ist oft so Etwas zu tun.

Ich komme an in dem schönen Ort, Unsere Frau Madonna. Was sind das für Ortsnamen? Die kann man nicht vergessen. Das Schnalstal ist für mich, wenn ich das so sehe, ein Tal in seiner Ursprünglichkeit. Sehr traditionsbewusst. Im Sommer sehe ich saftige Weiden auf denen Schafe und Rinder grasen. Das blaue Schürzl ist im Schnalstal fast schon die Sonntagsuniform. Vor jedem Gasthof, vor der Tankstelle, einfach überall, ist das Schürzl zu sehen.

Fortsetzung folgt

Tag 67


Tag 67

Joana weckt mich. Sie sagt, ich hätte Nachrichten auf meinem Handy. Zum Glück kontrolliert das meine Joana. Aus dem Kaufhaus im Nauders habe ich mir natürlich Filterkaffee mitgebracht. Der läuft gerade durch die Maschine. Ich habe Zeit, mich anständig zu rasieren und eine Morgentoilette zu machen.

Beim Kaffeetrinken schaue ich mir die Daten vom Handy an und stelle fest, ich wurde angerufen aus Schlanders. Ich rufe zurück und lasse es zwei Mal klingeln. Mir sind die Kosten zu hoch. Ich könnte zwar über das Netz anrufen, aber ich bin mir nicht sicher, ob meine Nummer gezeigt wird. Kaum habe ich die Tasse leer, klingelt das Telefon. Ich nehme mit dem Netz an. Selbst die Anrufannahme ist neuerdings gebührenpflichtig. Ich frag mich überhaupt, warum das in Südtirol noch immer telefonisch gemacht wird.

Der Chef des Hotels ist dran und sagt mir, er würde es mit mir gern probieren.‘Dem scheint ziemlich der Schuh zu drücken‘, denk ich mir. Da ich es mir abgewöhnt habe, irgendwelchen Absprachen in Südtirol zu trauen und mich darauf zu verlassen, sage ich zu. Ich kann also heute eine Probearbeit antreten. Wir verabreden uns auf zehn Uhr.

Mit der Nachricht gehe ich nach Unten. Die Mädels sind schon fertig mit ihrem Frühstück. Ich gehe in die Wäschekammer. Niemand da. Alle sind auf den Zimmern und Gängen. Joana hatte mir gesagt, auf welcher Etage sie arbeitet. Dort angekommen, treffe ich sie und Mira. Beide freuen sich darüber, als ich ihnen das mitteile. Wir verabschieden uns. Etwas aufgeregt gehe ich zum Auto. Heute erwarte ich natürlich weniger Stau. Die Straßen sind schön frei bis zur Grenze.

Am See stehen mehrere Busse. Neuerdings gibt es dort eine Kamera, an der sich die Touristen mit dem Turm im See als Hintergrund, fotografieren können. Das Teil wird fleißig genutzt von den Bustouristen.

Die Fahrt bis Schlanders bringt wenig Überraschungen. In einer knappen Stunde bin ich da. Der Chef wartet schon auf mich in der Küche. Er ist wieder am Grillen von Zucchini und Melanzane. Ich frage ihn, ob er keinen Radicchio, Zwiebel und Peperoni mit grillt. „Erst mal nicht“, antwortet er mir. Die Peperoni sind auch etwas teuer zur Zeit. Vielleicht deshalb. Er sagt mir, was wir heute kochen. Das Fleisch steht schon an der Bratplatte. Es gibt:

Salate vom Buffet

Tomatensuppe Croutons

Schlutzer

Paprikaschnitzel, Reis

Erdbeerpudding

Mich wundert das Salatbuffet bei dem Arbeiteressen. „Das hat sich bei uns so eingebürgert“, ist seine Antwort. Das scheint zu funktionieren. Südtiroler Arbeiter haben Anstand und Kultur. Ich würde das bei westdeutschen Touristen im Restaurant mit Vorsicht praktizieren.

Der Chef stellt sich mit Wolfgang vor. Ich sage ihm meinen Namen. Eigentlich sind Namen nur wichtig, wenn wir mehrere Kollegen wären. Zu Zweit braucht man das selten. Ich finde es lästig, ständig mit seinem Namen gerufen zu werden. Die Technik ist schon eingeschaltet. Ich kann gleich loslegen. Eigentlich werden Paprikaschnitzel in einer Mischung aus Mehl und Paprika mehliert. Unsere italienischen Kunden möchten das nicht. Wir machen die Sauce vorher und geben die Naturschnitzel rein. So wird der Geschmack auch etwas homogener.

Bis Wolfgang fertig ist mit Gemüse braten, werde ich den Pudding, die Sauce und den Reis kochen. Eine Induktion mit mehreren Kochflächen ist da. Zum Glück. Gas hat die Küche zwar auch, aber Pudding auf Gas kochen, ist ein Abenteuer für sich.

Ich kenne weder die Töpfe noch die Flammenstärke. Am Probetag so ein Risiko zu starten, wäre purer Leichtsinn.

Die Arbeiter kommen und wir sind fertig. Wolfgang lässt mich allein. Er möchte wissen, ob ich das allein schaffe. Später hat er vor, sich mittags schlafen zu legen und für abends auszuruhen. Der Wunsch ist absolut nachvollziehbar. Der Nachteil ist, er übergibt mir dieses Pensum.

Während der Ausgabe kommt Theresa, die Chefin und beklagt sich, ich hätte einen Tisch vergessen. Im Grunde könnte das passieren am ersten Tag. Es ist immerhin ein neues System, mit dem ich fertig werden muss. Theresa wirkt ungehalten. Schon beim zweiten Erscheinen ist sie schnippig, gereizt und beleidigend. Ob ich immer so lange brauche. Sie sagt das nicht ruhig. Sie faucht. Meine Reizschwelle liegt sehr hoch. Allgemein ertrage ich Dummheit, Frechheit und Schlamperei mit Ruhe. Ich setze auf Zeit. Mit der Zeit ergeben sich Routinen und folglich, ein zügiger Ablauf. Bösartigkeit und Druck bei einer Neueröffnung, haben nachhaltig, eine schlechte Qualität zur Folge. Und das will ich nicht. Außerdem führt das zu einem sehr hohen Personalwechsel. Ich müsste permanent neue Kollegen einarbeiten. Das ist sicher der falsche Weg. Immerhin kostet die Suche von Personal auch gewaltige Summen. Wenn Teil der Geschäftsführung das zu verantworten haben, tun sie mir leid. Sie richten damit ihren eigenen Betrieb zu Grunde. In der DDR würden wir dann sogar schon von Sabotage reden. Die Frau des Unternehmers sabotiert ihr Unternehmen. Ich muss etwas in mich lachen. Schadenfreude.

„Was die Hände aufbauen, reißt der Arsch ein.“

Bei zu aufdringlicher Bösartigkeit, lasse ich eigentlich die Verursacher stehen. Hier tut mir aber Wolfgang leid. Zumindest jetzt, weil er nicht da ist. „Augen zu und durch“, ist jetzt die Devise. Eine Woche am Stück, würde ich das aber nicht tun. Dann lass mich wenigstens um den Tageslohn kämpfen. Eine kleine Entschädigung habe ich mir doch schon mal verdient.

Das Mittag ist vorbei. Wolfgang kommt wieder. „Wie war es?“

„Eigentlich geht es gut. Morgen sicher auch etwas flüssiger. Habt Ihr ein Personalzimmer?“

„Nein.“

„Wo verbringe ich dann die Zimmerstunde?“

„Du hast doch nicht weit nach Hause.“

„Wann beginnt das Abendgeschäft?“

„Komm um Fünf wieder.“

Ich müsste also vier Mal täglich eine Strecke von rund fünfundzwanzig Kilometern fahren und buckeln bis in die Nacht, um einer Arbeit nachzugehen. Wir reden von der Vinschger Staatsstraße, auf der ab März, Verkehrsschlangen von fünfzig Kilometern Länge stehen. Vier Mal Lebensgefahr. Vier Mal Benzin oder Diesel. Aller zwei Monate eine Durchsicht mit Reifenwechsel.

„Kannst Du mir Kilometergeld abrechnen?“

„Wieviel denn?“

„Drei- bis Vierhundert wäre angemessen.“

„Bring ich nicht durch die Bücher.“

„Also, nicht.“

„Nein.“

„Dann musst Du ab morgen neu suchen.“

Bei etwas Willen, kann er das Kilometergeld schon aufbringen. Er hat keinen. Offensichtlich braucht die Frau das Kilometergeld. Sie fährt gerade los. Frisch hergerichtet.

Ich fahre nach Hause. Paula schaut wieder über den Balkon. „Ist es gut da?“

„Nur heute. Morgen suche ich schon neu.“

„Dort gehen Viele.“

Die Bemerkung reicht eigentlich schon. Südtiroler schmücken ihre Worte selten. Sie antworten kurz und direkt. Untereinander reden sie schon bisweilen Einzelheiten aus. Aber dafür sind wir zu selten da.

Ich brauchte über eine halbe Stunde nach Hause. Hinzu rechne ich mit der doppelten Zeit. Gegen Vier muss ich also losfahren. Mit bleibt eine Zimmerstunde zum Schlafen. Im Sinne dieses Wortes. Wohlgemerkt, wenn es keine anderen Wege erfordert, wie Ämter, Werkstatt oder Einkauf. Das ist eindeutig zu wenig.

Gegen Vier fahre ich wieder los. Kurz vor Fünf bin ich da. Jetzt liegt eine Speisekarte am Arbeitsplatz. Zu Mittag war die halb so groß. Ich überprüfe die Bestände. Alles in Butter. Es gibt kaum Etwas vorzubereiten. Sämtliche Angebote sind kurzgebraten. Also Imbiss. Haxe und Rippele steht mit drauf. Am liebsten mache ich das in der Fritteuse. Dort bekommt die Schwarte von der Haxe eine wunderbare Kruste, die aufblüht und leicht zu essen geht. Das Rippele lege ich am Stück in den Backofen warm und brate den die abgetrennte Portion auf der Platte einseitig knusprig. Hauptsächlich geht Pizza. Restauration ist nur wenig gefragt. Und da sind Pasta und Schlutzer die Favoriten. So in etwa habe ich mir das auch gedacht. Die Küche ist schnell geputzt. Den Boden wische ich gleich mit.

„Wer wäscht denn auf“, frage ich Maruschka, unsere Bardame.

Mein Gott! Hat die einen Ausschnitt! Ich glaube, ihre Brustwarzen zu sehen . So bekommt man in Südtirol schnell einen Mann. Auch Trinkgeld.

Maruschka sagt mir, ein Abspüler kommt noch. Etwas später. Ich habe mich schon gewundert, wer Nachmittags abgespült hat.

Maruschka gibt mir einen Fuffziger. „Vom Chef.“

Okay, wenigstens Etwas. Wir verabschieden uns.

Jetzt möchte ich noch zu Joana fahren. Sie wird sich nicht freuen.

Mit mir fahren wieder einige Kollegen nach Hause. Es geht zügig voran und zwei Autos fahren mit mir bis Schluderns. Die haben schon auch anständige Arbeitswege. Richtung Reschen ist kaum Verkehr.

Irgendwie kommt mir vor, als würden um diese Zeit, recht junge Leute in Richtung Reschen fahren. Mich würde das nicht wundern. Dort Oben gibt es sicher einige Diskos oder Pup‘s. Also, Saufhäuser. Für die Jugend gibt es in Südtirol wenig bis keine Möglichkeiten der kostenlosen Freizeitgestaltung. Das wird sich später schwer rächen.

Dursun steht mit Alfred vor dem Hotel. Ich schätze, es kommen noch Anreisen. Alfred ist kurz angebunden.

„Joana ist schon Oben. Wie ist die Arbeit?“

„Beschissen! Morgen bin ich schon wieder frei.“

„Alles klar.“

Dursun drückt mir sein Mitgefühl aus.

„Du machst was durch.“

Im Zimmer, oben bei Joana, kontrolliere ich das Telefon. Es gibt schon wieder zwei Nachrichten. Ich schaue auf Arbeit nicht nach dem Telefon. Ich hätte die Termine bemerken können. Nach dem Tag, verschiebe ich das auf morgen Früh.

Tag 66 Fortsetzung


Fortsetzung Tag 66

Ich komme an. Eine Rezeptionistin empfängt mich. Die Rezeptionistin ist keine Südtirolerin. Eher, eingeheiratet. Blutmischung nennt sich das hierzulande. Südtirol präsentiert sich am Hotelempfang mit slowakischem Akzent. Ich muss leicht lächeln. Die Kinder der Arbeiter- und Bauerndiktaturen erobern still Europa. Ihre Eltern haben sie dafür gut vorbereitet.

Ich soll in die Küche gehen. Der Chef ist in der Küche. ‚Welch ein Glück‘, denk ich mir. ‚Der Chef ist ein Kochkollege‘. In dieser Küche steht nicht der Südtiroler Bevölkerungsdurchschnitt. Da stehen ausnahmslos Gastarbeiter. Zu der Zeit. Ich frage mich, ob das einheimische a la carte wirklich so gut genutzt wird, um so eine große Küchenmannschaft zu halten. Der Chef wirkt auf mich freundlich und zuvorkommend. Fast schon einschleimend. Er möchte, dass ich bei ihm eine Probearbeit annehme. Komisch. Die Probezeit ist eh vierzehn Tage. Ich frag ihn, wann es ihm recht ist. „In dieser Woche.“

Ich kann das noch nicht bestätigen und verspreche, es telefonisch oder per Email zu machen. Es ist eh Zeit bis ins Frühjahr. In der Anzeige war das leider nicht konkret aufgeführt. Dort stand sofort. Mich fragt Keiner, ob ich eventuell einen Kaffee trinken möchte oder überhaupt einen Durst habe. Zum Glück nehme ich mir auf solche Touren immer etwas zu Trinken mit; auch Kaffee. Durch den Termin bin ich mal nicht in Zeitnot geraten. Der war wirklich kurz. Ich kann also recht pünktlich weiter fahren.

Den Vertigen runter, so nennt sich der Berg zwischen Partschins und Algund, ist recht reger Verkehr. Ich darf wieder Platz machen für meinen Gegenverkehr. Kaum Einer, macht mir Platz. Der Vertigen ist ein äußerst sonnenreicher Berg. Vielleicht kommt die forsche Fahrweise von der vielen Sonneneinstrahlung. Ich vermute das. Jedenfalls kommt mir kein blasses Gesicht entgegen.

Der Nächste Termin wäre im Ultental. Wer dieses Tal halbwegs kennt, weiß, unter einer Stunde ist nicht mal die Anfahrt machbar. Bei der bis jetzt verbrauchten Zeit, wäre das mein letzter Termin. Den lass ich erst mal weg. In Bozen ist ein Termin vereinbart, der mir etwas dringender erscheint. Bei diesem Termin verspreche ich mir mehr. In solchen Situationen habe ich mich leider viel zu oft vergriffen. Wer die Personen hinter den Firmen nicht kennt wie die Einheimischen, wird leicht Opfer solcher Irrtümer.

Auf der MEBO, so nennt man hier die autobahnähnliche Straße zwischen Meran und Bozen, ist reichlich Verkehr. Auch, Zweiradverkehr. Ich ärgere mich darüber. Wäre ich zu Hause auf das Motorrad gestiegen, gäbe es sicher keine Verzögerungen bei den Vorstellungen. Zu viel Gas kann ich nicht geben auf der MEBO. Unter den Brücken an bestimmten Ausfahrten, finden unsere Verkehrspolizisten geeignete Standorte für ihre Stoppuhren. Das ist bei dem Zeitdruck unserer Arbeiter ein recht einkömmliches Geschäft. Immerhin muss ein Großteil unserer Arbeiter im geteilten Dienst, zwei Mal die MEBO benutzen. In ihrer Freizeit, natürlich. Hier im Westen ist der Arbeitsweg keine Arbeitszeit. Und wenn der Arbeitgeber ein Bett in der Besenkammer hat, ist sogar der Arbeitsweg noch kostenpflichtig.

In Bozen ist wie immer um diese Zeit, der Verkehr etwas ruhiger aber trotzdem ziemlich lebhaft. Unsere Stadtarbeiter demontieren den Weihnachtsschmuck. Das sorgt für lästige Staus, die hier scheinbar geduldig ertragen werden.

Mein Termin ist unter den Lauben. Vor meinem Fahrtantritt habe ich mir den Stadtplan auf das Handy kopiert. Eine erhöhte Gebühr für die Datenverbindung ist uns Proleten natürlich zu teuer. Unter die Lauben kann ich nicht fahren. Das ist Fußgängerzone. Irgendwie muss ich jetzt von Hinten in die Nähe meines Termins kommen. Und genau die Suche habe ich mir mit der Kopie erleichtert. Ich finde die Nebenstraße. Die Parkgebühr ist beachtlich. Zwei Euro für eine Stunde. Bei einem Zehn-Stunden-Arbeitstag sind das zwanzig Euro. Ja; und bei einem sechsundzwanzigtägigen Arbeitseinsatz pro Monat, ist gleich mal der halbe Lohn fällig. Ich hoffe auf einen Parkschein von meinem Arbeitgeber. Mit der Anfahrt von zu Hause und dem Fußweg zur Arbeit, bin ich bei geteilter Arbeit, immerhin drei Stunden pro Tag unterwegs.

Wenn keine Unfälle oder Staus das verhindern.

Mein Arbeitgeber ist eine Sprachschule. Tagsüber. Abends soll dort eine Pizzeria aufgebaut werden. Naja. Pizza backen ist jetzt keine Routine in meinem Beruf. Aber das kann ja noch werden. Hauptsache ein Ganzjahresjob. Das hat Vorrang vor allen anderen Angeboten. Es muss eben nur erträglich sein.

Mein Arbeitgeber ist ein Italiener. Ein Walscher, wie man hier bisweilen sagt. Ich weiß nicht, ob das abwertend gemeint ist. In den meisten Fällen wird es in einem liebevollen oder freundschaftlichen Zusammenhang gebraucht. Wenn wir über die Westbesatzer reden, fallen selten liebevolle Worte für die Verbrecher. In einem sozialistischen Italien müssten wir darüber nicht reden. Ein Walscher wäre sicher so stolz wie ein Südtiroler auf seine Herkunft. In sozialistischen Ländern wird Regionalität besonders gefördert. Mir fallen umgehend die Sorben der DDR ein.

Tagsüber benötigt mein Gesprächspartner eine Art Werksessen für seine Schüler. Die möchten eine andere Sprache lernen als sie eh schon können. Ich würde zu gern etwas Italienisch dazu lernen. Schließlich treffe ich auf meinen Motorradtouren, reichlich Landsleute. Und genau mit denen, möchte ich hin und wieder, ein freundliches Wörtchen wechseln. Ich verspreche mir also Etwas von dem Engagement. Mein Gesprächspartner ist ein freundlicher Typ, der auch ein oder zwei Fitnesscenter betreibt.

Er zeigt mir die Küche. Die ist gut eingerichtet. In der Ecke steht ein Pizzaofen.

„Der ist für abends“, meint er. Ob ich das auch könne. Ich bejahe das mit der Einschränkung, ich hätte das lange nicht getan bis auf ein paar Vorspeisen in den Hotels im Rahmen der Menüs. Er zeigt sich erfreut und stellt sich mit Mario vor.

Das freut mich und ich werde zunehmens lockerer.

Ich sage ihm meinen Name und schon sind wir beim Du.

Der Arbeitsbeginn wäre in einem Monat. Ein arabischer Kollege muss wieder nach Hause. Er heiratet. Mario gibt mir seine Telefonnummer und er ruft an. Wir trinken zusammen einen Macchiato, schwätzen noch über die Parkkarte und die Parkmöglichkeiten und schon muss er weg.

In mir keimt Hoffnung auf. Er hat mir einen wirklich feinen Lohn angeboten. In einer Jahresstelle, dieser Lohn, macht mich etwas euphorisch.

Mittlerweile ist es gegen Dreizehn Uhr. Der große Mittagspausenverkehr setzt ein. Das gibt Stau. Bis nach Hause brauche ich weit über eine Stunde. Normal könnte ich dann schon wieder auf Arbeit fahren. Mit dem Auto wird das so, nichts. Mit dem Motorrad ginge das problemlos. Auch beim Parken.

Ich schaue kurz zu Hause vorbei. Paula grüßt von ihrem Balkon. Antonia schiebt die Gardine beiseite und winkt.

„Ich muss gleich wieder weg“, rufe ich zu Paula.

„Ist Joana immer noch Oben?“

„Da fahr ich jetzt hin.“

„Hast Du Arbeit gefunden?“

Woher weiß Paula, dass ich Arbeit suche? Der ländliche Buschfunk ist voll am Wirken.

„Mal sehen. Vielleicht klappt es.“

Jetzt wird es Zeit, nach Nauders aufzubrechen.

Der Verkehr ist jetzt erträglich. Selbst der Lastverkehr scheint verschwunden. Bis nach Schlanders komme ich gut voran. Ich schaue nicht noch mal bei meinen Bewerbungen vorbei. Obwohl mich das Mittagsgeschäft schon interessiert hätte. Dafür ist es aber zu spät.

An den Laaser Apfelplantagen ist reger Verkehr. Das ist die Stelle mit den Eismuren an den Plantageneinfahrten. Die Straße ist frei aber nicht ganz trocken. Der einheimische Verkehr läuft recht zügig. Nach Schluderns sehe ich auch wieder Lastverkehr. Der bewegt sich in Richtung Reschen. Kurz nach Mals, biegt aber der Großteil ab. Zum Glück. Ich brauche bis zu Alfred, keine zwanzig Minuten.

Dursun steht vor der Tür und schaut mich fragend an.

„Ich bekomme erst heute Abend die ersten Nachrichten.“

„Das‘s gut.“

Joana ist schon fertig und ziemlich neugierig. Wir reden über die Bewerbungen und sie warnt mich wieder vor zu viel Euphorie.

Nach der Tour bin ich müde. Ich schaue nicht auf Nachrichten und Meldungen. Nach langer Zeit nehme ich mal wieder ein Dusche. Das tut wirklich gut jetzt. Joana hilft mir etwas beim Rücken waschen. Wir gehen schlafen.

Fortsetzung Tag 66


Tag 66-Fortsetzung

„Du kannst mal einen Tag zur Probe bei mir arbeiten. Wann geht es Dir?“

„Ich habe im Moment keine Arbeit. Also morgen ist es auch schon möglich.“

„Ich rufe heute Abend noch an.“

„Also. Bis dann!“

Beim Herausgehen treffe ich die Chefin. Ein freundlicher Blick sieht anders aus. Sie grüßt nicht.

Der kommende Termin ist etwas weiter weg. Um nicht zu sagen, erheblich weiter. Und das am Montag. Ich muss ins Schnalstal. Und das, ziemlich weit hinauf. Ich muss in unsere Frau Madonna. Ein Ortsname. Dort könnte ich ja eigentlich Barmherzigkeit erwarten.

Ab Schlanders geht es ziemlich zivilisiert zu. Der Schwerverkehr wird wie üblich, geduldig ertragen. Mich nervt es etwas wegen dem Zeitdruck. Wenn ich noch an meine Kilometer denke, wird mir etwas bange.

Kurz vor Naturns ist eine Abfahrt ins Schnalstal. Das Schnalstal ist ein Nord-Süd-Tal und teilweise ziemlich schmal. Entsprechend schmal sind die Straßen, die von ziemlich hohen Berge gesäumt sind. Steinschläge und Lawinen gehören dort fast zur Tagesordnung. Ich muss durch Tunnel ind Viadukte fahren, um mal wieder ein Licht zu sehen.

Nach dem dritten Tunnel steht eine Sperrscheibe vor mir. Weiterfahrt gibt es keine. Mit mir müssen drei Autos von Leuten, die hinauf wollten, umkehren. Allein das Manöver beim Anblick der Schlucht auf der linken Seite bergaufwärts, macht etwas nervös. Zwei meiner Vorgänger, die nicht von hier zu sein scheinen, sind nervöser als ich. Sie steigen aus und in ihrem Gesicht ist deutlich Furcht zu erkennen. Die Straße ist auch nicht ganz schneefrei. Da zu wenden, erfordert schon etwas Mut. Die Landsleute aus dem Süden entscheiden sich, Schneeketten zu montieren. Ich nutze die Zeit, um ungestört zu wenden. Das Vorhaben ist nicht Ohne. Am Felsen und auf der Straße gefriert das Wasser, das weiter Oben in der Sonne taut. Das gibt hässliche Eisschollen auf der Straße und Abstürze von riesengroßen Eiszapfen. Ich bin mir sicher, diese Eiszapfen schlagen auch locker durch Autodächer. Also, nichts wie weg hier.

Auf der Abfahrt kommt mir kein Auto entgegen. Wahrscheinlich hat der Straßendienst schon unten gesperrt. Als ich ankam, waren Carabinieri da.

„Wie viele noch oben?“

„Es sind noch drei Autos oben.“

„Fahre Sie!“, ruft er mir freundlich zu und winkt mit seiner Kelle. Er gibt mir gerade Vorfahrt auf der Hauptstraße. Entschuldigen werde ich mich nicht müssen bei dem Gastwirt. Der hat sicher von der Straßensperre erfahren.

Das nächste Ziel ist nicht weit weg von unserem zu Hause. Im Vertigen. Da wohnt man zehn Jahre an einem Ort und kennt nicht mal die nähere Umgebung. Das kann nur ein Witz sein. Der Witz nennt sich Arbeit von Früh bis in die Nacht. Im Finsteren weg von zu Hause und im Finsteren zurück. Das war‘s. Von Leben kann da keine Rede sein. Selbst Sklaven waren da besser dran.

Ich eiere die teilweise schmalen Straßen in Richtung Tschigat-Rötl und muss sehr häufig am Straßenrand anhalten, um den Gegenverkehr, Platz zu lassen. Da übliche Heimatgefühl stellt sich wieder ein. Ich werde etwas lockerer.

Fortsetzung folgt

Tag 66


Tag 66

Wir stehen zusammen auf. Während Joana im Bad ist, mache ich den Kaffee. Wir müssen neuen kaufen. Der ist jetzt finito. Ich muss Kaffee mitbringen. Joana fragt mich aus wegen der Vorstellung und wie sie verlaufen ist. Eher, wegen der Bestätigung unserer Vorurteile als wegen dem Bericht. Abends haben wir das nicht mehr besprochen. Wir schauen noch mal schnell in den Computer, die Emails kontrollieren. Zwei sind dazu gekommen. Die sind auch für den Saisonanfang im März. Zuerst werde ich mich auf die konzentrieren, die sofort einen Koch suchen.

Bevor ich fahre, gehe ich bei Marlies und Alfred vorbei. Marco ist auch schon da und Dursun ist am Trinken von Türkischem Kaffee. „Willst Du auch mal Einen? Guten Morgen!“

„Laß mich den probieren. Vielleicht schmeckt er hier besser als der Gefilterte.“

„Ganz sicher. Probiere!“

Er hat Recht. Wenn die Zeit reicht, werde ich zukünftig diesen Kaffee bestellen.

„Heute geht‘s nach Hause, in den Vinschgau“, sagt Dursun.

„Ja. Ich habe Vorstellungen. Es geht bis nach Bozen.“

„Am Montag“, antwortet Marco.

Er hat Recht. Ich hoffe auf etwas weniger Verkehr. Obwohl meine Fahrtzeit beschissen gewählt ist. Zu Mittag wäre es eigentlich am besten. Aber, die vielen Vorstellungen schaffe ich nicht ab Mittag.

Ich müsste dafür mehrere Tage ausmachen. Und das geht wiederum nicht. Leider sind dann die Stellen weg. Wer zuerst kommt, malt zuerst. Und genau das zählt leider in diesem Geschäft. Schon sind wir bei dem Thema Unfallgefahr. Die ist freitags und montags besonders hoch.

Joana verabschiedet mich. Auch die Kollegen wünschen mir viel Glück. Wie üblich, kommt das vorsichtig Fahren als Auflage.

Das Wetter ist günstig und von den Temperaturen her, schon fast frühlingshaft. Und das in der Höhe. Weiter Unten wird das sicher erheblich besser. Schon am Grenzübergang bereue ich den Montagstrip. An der Abfertigung stehen in zwei Richtungen Lastwagenschlangen. Die Schmuggler werden gefilzt. Aber gehörig, wie ich sehe. Ein paar westdeutsche Campingautos sind auch dabei. Man möchte sicher in den Süden. An den Autos kleben wieder ein halbes dutzend Fahrräder und Scooter. Innen sind sicher noch Gummiboote und der ganze Kram. Einer hat Hinten sogar einen Kleinwagen drauf stehen. Das verprotzte Volk glaubt, sie fahren auf eine Messe. Mich würde nicht wundern, wenn der ganze Kasten noch voller Konserven liegt. Der Streit mit diesem Volk ist praktisch vorprogrammiert. Die beugen jede Verkehrsregel wegen dem Zollgesetz und tun so, als wüssten sie nichts. Eigentlich müsste Italien an jede Grenze Verkehrspolizei schicken, wie sie es sehr oft am Brennerübergang tun. Leider wird das im Vinschgau etwas vernachlässigt. Alles, was mitgeführt wird, ist zollfrei und bedarf keiner Zollerklärung. Dafür werden die Kästen hoffnungslos überladen und zu vorprogrammierten Verkehrsunfällen. Wir dürfen als nicht mehr von Fahrlässigkeit ausgehen, sondern von reinem Vorsatz. Wer einmal einen Unfall mit so einem deutschen Trottel hatte, weiß, wovon ich spreche. Die sind natürlich an Garnichts schuld. Und da nehmen die sich mit Südtirolern und Trentinern nicht viel. Bei einem Tausend-Euro-Schaden wird gern mal vier viertausend Euro gestritten. Dummheit regiert.

Den Malser Berg runter, geht die Qual weiter. Man ist vom Panorama beeindruckt und neigt dazu, dafür eine echte Schlangenlinie zu fahren. Manche wechseln im Traum auch die Straßenseite und müssen mit einem Hupkonzert geweckt werden.

An der zweiten Kurve gibt es sogar einen kleinen Auffahrkuss. Ein Campingauto steckt mit der Schnauze in einem Fahrradangebot. Ich muss laut lachen bei dem Anblick. Oh, der winkt mich an. Ich soll dem wahrscheinlich helfen. Ich lass die Scheibe runter. Er fragt mich, wo die nächste Werkstatt ist. Bei so viel Blödheit, bleibt mir fast die Sprache weg. Werkstätten auf meinem Urlaubsweg suche ich mir im Voraus. Wozu hat dieses verblödete Volk einen Computer als Handy? Die haben Karten, auf denen jede Werkstatt eingetragen ist, online. Mit Telefonnummer. Und dieser Trottel fragt mich. Dazu kann der sich alle Telefonnummern vorher abspeichern. Es gibt in den Bergen auch Funklöcher. Der hat den Massenspeicher in der Hosentasche. Der ist nicht nur für Pornos und misslungene Fotos. Das ist auch ein Hilfsmittel.

Mit den Lastwagen, ist bei dem Verkehr das Lückenspringen aus Zeitgründen schon etwas riskant. Vor allem, weil es auch glatte Stellen gibt. Bisweilen sind das kleine, recht lockere Überwehungen, die einen Zentimeter hoch sind. Deren Glätte kann tödlich sein oder zumindest in den Rollstuhl führen. Dort gibt es regelmäßig Unfälle von Leuten, die ihren Winterreifen und Fahrkönnen, Wunder zumuten. Unser Nachbar ist beim Weißen Kreuz, Fahrer. Er darf sich regelmäßig abgerissene Beine und Arme anschauen. Der Appetit auf Pizza ist ihm deswegen noch nicht vergangen. Bei den Opfern ist das anders. Die essen Pizza nur gewürfelt.

In Mals vor der Ampel, steht eine Schlange. Erst mit der dritten Grünwelle komme ich über die Kreuzung. Das wird lustig. In Mals habe ich keine Vorstellungsgespräche. Von da kamen nur Absagen. Mein erster Termin ist in Schlanders. Ein Restaurant am Marktplatz.

Schlanders hat einen sehr schönen Marktplatz. Eine Augenweite. Die Farbenpracht erinnert mich etwas an Rostocker und Stralsunder Einkaufspassagen zu DDR – Zeiten. Auch an den Karl-Marx-Städter Brühl und die Dresdner Uferpromenade. Deren farbige Fassaden wurden in Zwickau hergestellt. Das war ein DDR – Patent. Im Westen versucht man das höchstens mit dem Farbtopf. Sozusagen, Dreck auf Dreck. Hautsache bunt. Der Geruch spielt keine Rolle in den Kreisen. Wir hatten uns am Rheinufer mal ein Hotel angeschaut. Die Wirtsleute wollten das verpachten. An DDR-Bürger. Landsleute hätten das wahrscheinlich nicht getan. Ich wunderte mich darüber, wie man dort dreckige Höhlen vermietet.

„Wir sind gut belegt“, sagte der Altwirt. Und damit sagte er uns Alles. Und die Leute reden über DDR-Altbauten.

Im Restaurant ist schon reichlich Betrieb an der Theke. Man trinkt Kaffee gespritzt, Viertel und Bier. Früh am Morgen. Verdauungsprobleme haben die sicher nicht. Die junge Frau am Tresen frage ich, ob den jemand von der Chefität da ist.

„Wer?“

„Ich suche einen Chef. Ich bin Koch.“

„Bewerbung?“

„Ja!“

Sie rennt in die Küche und ruft etwas. Es dröhnt fast wie eine Sirene.

Eine Chefin kommt. ‚Gute Nacht‘, denk ich mir. ‚Das wird ein kurzes Gespräch.‘ Bei der Vorstellung bemerkt sie meinen sächsischen Dialekt.

„Können Sie Südtiroler Küche kochen?“

„Nein. Aber Sie können mir das sicher lernen, wenn ich etwas falsch mache.“

„Wir haben hier einen gut besuchten Mittagstisch.“

„Touristen oder einheimisch?“

„Im Sommer, beides.“

Bei dem Betrieb am Tresen um diese Zeit, könnte sie Recht haben.

„Wie viele Portionen sind es dann zu Mittag?“

Die Antwort dauert wieder zu lange. Das nennt sich Südtiroler Überblick. Man weiß auf die Portion genau, was man verkauft.

„So zwischen fünfzig und hundert Essen.“

‚Gemütlich‘, denke ich. Und ich sage das auch.

Das war der Kollegin dann schon zu dick aufgetragen. Zumindest, ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen.

„Kann ich mal die Küche sehen?“

„Ja. Kommen Sie.“

Die Küche war relativ gut eingerichtet. Der Anrichteplatz war etwas klein. Aber, allein, braucht der Koch nicht zu viel. Entscheidend ist, ob gut abgetragen wird. Über der Anrichte hingen zwei Wärmelampen. Damit soll das Essen nicht abkühlen. Der Salat wird aber auch warm damit. Naja; zu kalt, schmeckt auch Salat nicht. Das geht.

Der einzige große Nachteil war die Entfernung von der Bratplatte zur Anrichte. Die Fritteuse war auch zu weit weg. Ich muss praktisch Alles mit der Schüssel vor transportieren. Das gibt Feuer im Schritt. Eine Bagno Maria fehlt. Ich frage, ob so Etwas da ist. „Das haben wir. Der letzte Koch hat das nicht gebraucht.“

„Deswegen ist er ja auch noch da, oder? Muss ich das machen wie der letzte Koch?“

„Nein. Das will ich nicht gesagt haben.“

Und schon habe ich den Zorn bekommen.

„Wir melden uns bei Ihnen. Ihre Telefonnummer haben wir ja.“

Weit muss ich nicht gehen. In Schlanders habe ich auch gleich den Folgetermin. Ein neues Hotel-Restaurant. Direkt an der Hauptstraße. Der Parkplatz ist jetzt schon gerammelt voll. Wer das gebaut hat, hat sich sicher übernommen. Wenn da keine große Familie da ist, sieht es schlecht aus. Der Betrieb muss von früh bis spät in die Nacht, voll laufen. Auch das ist zu teuer. Es braucht zu viel Personal. Auch bei den Arbeitszeiten, die in Südtirol üblich sind. Ich weiß nicht, wer das rechnet. Die Zahlen möchte ich nicht sehen.

Ich gehe hinein. Zwei junge Frauen stehen am Tresen und bedienen die zahlreichen Kunden davor. An den Tresen komme ich nur schwer ran. Die Leute davor wollen gebeten werden. Erst dann rücken sie mit einem Lächeln beiseite.

„Ostdeutscher?“

Die Frage höre ich zu oft. Es ist nicht böß gemeint. Eher freundlich und fast schon gastgeberisch, einladend.

„DDR!“

Die Jungs lachen. ‚Ein Stolzer‘, werden sie sich denken. Ich weiß es nicht. So scheint es mir.

In Südtirol stolz auf seine Heimat zu sein, ist schon mal kein Fehler. Es gibt Vinschger Brot, Ultner Brot mit dem gleichen Geschmack und Marteller Erdbeeren. Aber Alle trinken Algunder oder Mila Milch aus den Tälern ohne Namen. Erstaunlich.

Ein Mädchen hat den Chef gerufen. Er lädt mich gleich in die Küche ein. Eine kleine aber praktische Küche. Gut eingerichtet mit wenig Wegeaufwand. Hier hat ein Fachmann eingerichtet. Der Chef ist der Fachmann. Um diese Zeit steht der schon allein in seiner Küche. Alle Achtung.

„Woher kommst Du?“

„Aus Partschins:“

„Ne. Ich eine richtig.“

„Naja. Aus Rabland.“

„Du bist doch Ostdeutscher.“

„Vertriebener Ostdeutscher.“

„Kannst Du Südtiroler Küche?“

„Ich koche hier schon paar Jahre.“

„Wir haben hier zu Mittag um die zweihundert Arbeiteressen und reichlich a la carte.“

„Ich brauche viel Arbeit.“

„Abends mache ich Pizza und Ihr seid zu Zweit hier in der Küche. Einundzwanzig Uhr ist Euer Feierabend.“

„Was? Der Chef ist Früh der Erste und macht abends bis Zwölf, Pizza?“ Und das bei einem Ruhetag. Na. Der ist zu fleißig für Südtirol. Das geht nicht lange gut.

Fortsetzung folgt

Tag 65


Tag 65

Joana lässt mich wieder von allein aufwecken. Ohne Wecker. Wir haben nur einen Vorstellungstermin am Vormittag ausgemacht. Ich sehe keinen Zwang, da unbedingt um Acht anzureisen.

Zuerst gehe ich runter zu Marlies. Marlies lässt mir schon den Kaffee raus, ohne dass ich fragen musste. Sie schaut mich fragend an. Ich soll ihr bestimmt erzählen, wie es weiter geht mit meiner Arbeit. Also erzähle ich ihr es.

Den Betrieb, bei dem ich ich heute vorstelle, kennt sie. Persönlich. Das ist schon mal eine gewaltige Hilfe. Ich kann sie ausfragen. Sie gibt mir brauchbare Informationen. Vor allem über die Betriebsführung. Ich erwarte also nichts in meinem Spektrum. Grundsätzlich meide ich Schicki-Micki. In meinen Augen ist das Aufschneiden mit Dingen, die man nicht hat aber vorgibt, zu haben. In der Gastronomie ist das eine Methode, mit übertriebener Garnitur zu versuchen, billigen oder künstlich überteuerten, Importierten Kram an den Mann zu bringen. In meinen Augen ist das keine Küche. Wo man versucht, ein Essen wie eine leblose Skulptur anzurichten, achtet man den Rohstoff und seinen besonderen Charakter nicht.

Ich bin ein Anhänger der natürlichen Darstellung eines Lebensmittels. Also, das ganze Gegenteil von den Schnitzereien und Formen.

Ich verabschiede mich von Marlies. Sie wünscht mir Glück. Ich frage mich warum.

Die Anfahrt nach Burgeis in den Ort ist schon ein kleines Abenteuer. Wegen dem Gegenverkehr und der sehr schmalen Straße. Ich bereue, nicht den leichteren Weg genommen zu haben. Ich komme an einem sehr schönen Kloster vorbei. Das Marienberg war ein Männerkloster. Irgendwie muss ich bei dem Gedanken daran lachen. Ein Männerhaus in Südtirol. Leider ist das geschlossen. Das bräuchte es heute dringend. Naja. Dafür hat Südtirol wenigstens genug Kneipen.

Ab hier wird die Auffahrt zum Glücksspiel. Geräumt ist relativ gut. Aber es rutscht gewaltig. Bei etwas Gegenverkehr kann ich schon in Bedrängnis kommen.

Am Hotel angekommen, suche ich erst mal den Eingang. Eine Rezeptionistin empfängt mich mit der typisch – Südtiroler aufgesetzten Freundlichkeit. Ich komme mir im Trainingsanzug ziemlich fehl am Platz vor. Wobei ich eigentlich nur Leuten in protziger Skikleidung begegne. Die Rezeptionistin hat schon den Hausmann los geschickt, um Bescheid zu geben, dass ich da bin. Und schau. Kaum bin ich in einer Art Vorzimmer, kommt mir der Chef des Hauses entgegen. Freundlich, sehr freundlich und einladend. Er fragt mich gleich, ob ich Etwas trinken möchte.

„Einen Verlängerten oder Capuccino hätte ich gern. Es darf auch ein Filterkaffee vom Frühstück sein.“ Am liebsten teste ich den Frühstückskaffee, um zu überprüfen, ob die Bewerter des Hotels lügen. Zumindest kann ich so deren Geschmack und ihre Aussagen über Geschmack beurteilen. In den meisten Fällen bekomme ich die Geschmacksmuster der Beurteiler bestätigt. Wer keinen Wert auf ein ausgezeichnetes Getränk legt, nimmt es sicher mit dem Essen nicht so genau.

Der junge Chef gibt mir tatsächlich einen Frühstückskaffee, den mir eine einheimische Kellnerin bringt. Wenn sie den Kaffee gefiltert hat, kann ich mir gut den Hausstand vorstellen. Der Frühstückskaffee ist grässlich. Ich überlege, ob die junge Frau nicht die Teekanne oder den Hauskaffee erwischt hat. Für Tee ist es jedenfalls, braun genug. Ich muss an einen Gaststättenwitz denken, in dem ein Ober vom Gast gefragt wird, was er gerade gebracht hat.

Der junge Chef sucht einen Chefkoch. Ich schätze, er möchte sich eher um die geschäftlichen Dinge kümmern oder zumindest, genug Zeit dafür haben. Das Anliegen ist angesichts der Hotelgröße angebracht. Trotzdem befürchte ich dabei schwere Reibereien. Und genau die möchte ich in meinem Alter nicht mehr haben. Ich frage den Chef, ob er mir Karten, Menüs und Tagesangebote zeigen kann. Er hat das geahnt. All die geforderten Sachen hat er unterm Arm. Wir schauen uns das an; auch Fotos. Das gefällt mir. Ein Küchenchef zeigt mit Fotos, wie er gern die Teller und Platten angerichtet hätte. Das ist keine Vorgabe, die ich getreu umsetzen soll. Das ist nur die Art des Anrichtens, die er mir zeigen möchte.

Ich erzähle ihm von meiner Einstellung und von meiner Schule. Als Kollege begreift er sofort, dass das nicht mein Weg ist. Aber er kämpft. Er lobt mich wegen meiner Erfahrung und fragt, ob ich es nicht versuchen möchte. Im Betrieb sind ausreichend Kollegen. Ich müsste körperlich nicht leiden und könnte den übertriebenen Garniturkram an meine Kollegen delegieren. Sein Lohnangebot ist verlockend. Jetzt stünde nur die Frage des Arbeitsweges, des geteilten Tages und des Personalzimmers. So lange Joana in der Nähe ist, wäre das ja erträglich. Der Dienst von Acht bis Zwei und von Fünf bis Zehn, wäre praktisch ein Vierzehn-Stunden-Dienst. Dazu müsste ich die Hin- und Heimfahrt rechnen. Im Vinschgau. Unter einer Stunde pro Weg, wäre da Nichts möglich. Vielleicht ginge mit dem Motorrad. Jede Stelle erfordert auch etwas langfristige Planungen. Im günstigsten Fall, wäre ich also sechzehn Stunden pro Tag in Sechs-Tage-Woche unterwegs. Ich muss jetzt wirklich abwägen, was mir mein Leben wert ist.

„Ich muss mir das mit meiner Frau zusammen überlegen.“

„Was ist Deine Frau von Beruf?“

„Zimmermädchen.“

„Zimmermädchen brauchen wir schon auch.“

Das ist eigentlich ein faires Angebot, was uns zumindest den täglichen Arbeitsweg ersparen würde.

Bleibt eigentlich nur die Art der Küche. Also, eine Arbeit ohne Spaß in einem Haus, in dem jedes Familienmitglied mein Chef ist.

Jetzt frage ich den Chef, wann er denn die Einstellung vorsieht.

„Im Frühjahr.“

Sprich, nicht jetzt.

Ich unterrichte ihn von meinen anderen Bewerbungen. Das schien ihm egal. Er überlässt mir die Entscheidung. Wir verabschieden uns.

Ich gehe zum Auto und versuche, vom Parkplatz zu kommen. Das versuchen auch einige andere Fahrer. Davon sind reichlich Italiener. Es braucht etwa zwanzig Minuten, ehe ich wegkomme. Ich lass mir absichtlich auch Zeit in der Befürchtung, am Berg auf Probleme zu stoßen.

Die Heimfahrt in Richtung Nauders läuft ohne Behinderungen trotz reichlich Verkehr. Irgendwie scheinen jetzt die besseren Autofahrer unterwegs zu sein.

Dursun steht vor dem Hotel. Er lacht als er mich sieht.

„Haste Oarbeit?“

Das ganze Haus scheint Bescheid zu wissen. Mich freut, Hauptthema bei den Personalgesprächen zu sein. Ich bin gerade pünktlich zum Personalessen.

Reka, die sehr schöne Rezeptionistin, begrüßt mich, als wolle sie mich heiraten. Ausgeruhte Männer sind wahrscheinlich gefragt heute. Das überlasse ich aber Marco. Der ist dafür zuständig.

Marco hat ein feines Streifenfĺeisch gekocht. Nur das Beste. Ich sehe ein paar Steinpilze drinnen.

Wir reden glaub ich, fast ausschließlich von meiner Bewerbung. Die Kollegen horchen mich aus. Das ist, an sich, recht nützlich in unserem Beruf. Auf die Art erfahren die Kollegen untereinander, welche Betriebe empfehlenswert sind und welche nicht.

Marco hat mir noch ein Stück von dem Schokokuchen aufgehoben. Wir sagen Schokokuchen. In Österreich nennt der sich Sacher. Richtig gebacken und feucht gehalten, ein Hochgenuss.

Joana redet von ihrem Feierabend. Sie ist fast fertig. Aber, Ski fahren wollen wir heute nicht mehr. Ruhe ist angesagt.

Tag 64 Fortsetzung


Gelegentlich klingelt das Telefon. Ich stelle mich vor und zähle an diesem Vormittag, rund zehn mal auf, in welchen Firmen ich bisher gedient habe. Das steht in meiner Email. Die Ochsen lesen das nicht mal! Es sind Hoteliers dabei, bei denen ich mich schon einmal bewarb. Ich frage sie, ob sie sich auch mal Notizen machen und mit dem befassen, was ich sage. Ich komme zu der festen Überzeugung, dass die das nicht interessiert. Was interessiert die? Was suchen diese Affen?

Einen Vormittag Bewerbungen versenden und Telefonate führen, kann einem schon ganz schön zusetzen. Mit wem spreche ich? Sind überhaupt kompetente Personen dabei? Zwei Mal rede ich mit einer Sekretärin. Seit wann sucht ein Unternehmer einen Koch mit seiner Sekretärin. Ist der Sekretärin etwa die Unterwäsche mit zu kochen? Hat die Tante jemals einen Topf in der Hand gehabt? Kennt die überhaupt den Unterschied zwischen Rind- und Schweinefleisch? Ich sage ihr, dass ich mit ihr sicher nicht über die Küche reden kann und lege auf. Verarschen kann ich mich selbst. Die letzte wollte glatt wissen, ob ich für siebzig Gäste kochen kann. Warum bewerbe ich mich um die Stelle? Etwa, weil ich bei der Tante zu Hause heizen oder das Bett aufschütteln will?

Die Hälfte der Anbieter einer Stelle als Koch gibt lediglich die Telefonnummer an. Die rufen zurück. Bei den Rückrufen merke ich schnell, warum sie so suchen und nicht direkt. Spätestens bei der Vorstellung und Besichtigung des Betriebes, wird klar, warum die anonym suchen. Irgendwie habe ich trotzdem den Glauben, ich würde dabei mal ein Goldenes Ei finden. Jede Saison das gleiche Spiel. Ich nehme mir schon fast vor, diese Trolle bewusst zu verarschen. Eigentlich müsste man sich bei denen für elfhundert Euro bewerben und denen an einem Abend das Essen versauen. Richtig versauen bei vollem Haus. Was glauben diese Vögel, wer sie sind? Hätten die ihren Beruf richtig gelernt, könnten sie auch kochen.

Das Zimmertelefon klingelt. Alfred ist dran. „Komm etwas Essen, mei Gutster“, ruft er ins Telefon. Es ist Personalessenszeit. Ich gehe runter. Alle sind da. Joana auch. „Wie geht es vorwärts?“fragt Alfred. Er isst heute mit dem Personal. „Nur Arschlöcher am Telefon!“, antworte ich kurz angebunden. Alfred sieht es mir an. Er stellt mir ein Riesenstück Schokotorte vor die Nase. „Iss das. Das beruhigt die Nerven.“

„Da fehlt noch ein dreifacher Obstler. Das ist nur im Suff zu ertragen. Außerdem kann ich so die Landessprache sehr gut nachahmen.“

Joana und ihre Kolleginnen lachen.

Der Schokoüberzug auf der Torte ist einen Zentimeter dick. Wer macht noch solche Torten?

„Von wem ist die Torte, Alfred?“

„Von Marco.“

„Ich hab mich gefragt, wer noch Schokotorten mit so einem Überzug herstellt.“

„Marco verkauft davon vier Torten am Tag.“

„Naja. Damit ist sein Gehalt ja schon zur Hälfte bezahlt.“

Alfred muss schon wieder lachen.

„Nicht ganz. Eine oder zwei Torten geben wir auf das Kuchenbuffet.“

„Bei den verhungerten Westdeutschen wird davon sicher kein Stück zurück kommen.“

„Woher weißt Du das?“

„Weil ich dieses Gesindel aus der besetzten DDR kenne. Die kaufen nichts.“

„Stimmt. Die Torten kaufen nur Holländer und Italiener.“

„Die sind beim kostenlosen Kaffeetrinken sicher die Letzten, die kommen.“

„Zum Kaffeekränzchen sind nur Deutsche da.“

„Das hab ich mir fast gedacht.“

Marco fragt mich, ob mir die Torte schmeckt.

„Natürlich. Du hast auch genug Rum drin. Soll ich Dir noch etwas helfen?“

„Ich mach heute als Vorspeise ein Toastallerlei. Das könntest Du mir machen.“

„Habt Ihr voll?“

„Nur das Haupthaus.“

„Also, achtzig Portionen.“

„Das reicht.“

Ich gehe mit in die Küche und suche mir die Zutaten zusammen. Marco hat extra feines Stangenbrot bestellt. Mehrkorn, Sesam, Weiß und Mohn. Ein recht gutes Sortiment.

„Ich hole schnell mein Messer.“

„Nimm doch das Zackenmesser:“

„Nein. Das krümelt mir zu sehr.“

Ich werde Speck, Schinken, Salami und Räucherlachs als Toast legen. Auf den Speck gebe ich etwas Tomate, auf den Schinken, Ananas, auf den Lachs, Apfel und auf die Salami, Champignons. Abdecken tu ich den Toast mit Zillertaler Hartkäse. Der ist schön aromatisch. Marco kontrolliert das. Ich toaste eine Probe und verlege sie an etwas Feldsalat. Marco ist begeistert.

„So machen wir das!“

„Ich lege nur den Toast. Backen tust Du das doch abends.“

„Ja. Mir reicht das.“

Naja. So hab ich wenigstens den Tag gelebt. Und das nicht in Einsamkeit. Ich werde gerade zur Nachmittagsruhe fertig und gehe zusammen mit Marco. Er fährt mit dem Fahrstuhl mit nach Oben.

„Ich habe noch Etwas zu tun“, sagt er mir.

Ich schätze, er will noch bei einer Bedienung vorbei schauen.

„Pssst“, zeigt er mir. Ich nicke ihm zu.

Marco st der Hahn im Korb. Der hat‘s gut.

Im Zimmer setze ich uns den Kaffee an. Joana kommt mit einem Kuchen. Den hat ihr Alia, unsere Masseuse gebacken. Sie soll den mal probieren.

Wir besprechen meinen Sonntag und die Vorstellung. Joana ist skeptisch. Das reicht zur Einschätzung.

Ich vertröste sie auf Montag. Da möchte ich eine Vorstellungstour in Südtirol machen.

Der Kuchen von Alia ist ein Gedicht. Viele würden jetzt sagen, er wäre etwas zu süß. Ja, aber mein Kuchen, den ich esse, soll süß sein. Salzgebäck ist etwas für Säufer. Und das sind wir eben nicht.