Fortsetzung Das Ende unseres Hotels


Joana hat plötzlich den Wunsch, zu heiraten. Wir entschließen uns, kurzfristig zu heiraten und so unseren neuen Lebensabschnitt zu meistern. Ein Liebesbeweis der ganz besonderen Art. Montag ist das Aufgebot bestellt. Wir laden eh nur die Eltern und Geschwister ein. Gefeiert wird nicht groß. Schon am Mittwoch geht es zu Steffen und Karin. Der lang ersehnte Urlaub ruft. Nach der ergebnislosen Rückkehr wollen wir uns in Deutschland kümmern, ob da ein Plätzchen für uns ist.

Wenn nicht, geht die Suche in Europa los.

Mit der Pfändung unseres Hauses habe ich mich obdachlos gemeldet. Auf die Frage nach einer Postanschrift, durfte ich antworten: „Ich erwarte von Besatzern keine Post!“

„Sie dürfen ein Auto kaufen. Aber bitte keinen Luxusschlitten“, sagt mir der Banker am Telefon.

Wir gehen zum Händler und kaufen einen Memes. Nicht neu, aber mit nur zwanzig Tausend Kilometern. Er schwört mir, „der Wagen hält länger als Sie. Der hat noch Garantie und auch eine Zusatzgarantie für Sie.“

Immerhin waren diese Leute unsere Essenskunden. Das war sozusagen, ein Abschiedsgeschenk der Belegschaft.

Wir setzen uns rein und das Ding fährt wie auf Schienen. Die Belegschaft hat uns ein Hochzeitsträußchen drauf montiert. Eigentlich fehlen nur noch Radeberger Büchsen hinten dran.

Mit dem Auto fahren wir zum Standesamt. Alle Familienmitglieder sind da. Auch unsere italienischen. Die haben es gerade so geschafft. Wir hören John Bon Jovi, Aerosmith und Guns and Roses. Nur das Feinste. Nach anfänglicher Kritik, weinten unsere Mütter literweise Wasser. Die gute Titelauswahl hat dafür gesorgt. Ich habe nur die allerfeinsten Herz- und Seelentröster gewählt. Die Standesbeamtin wollte umgehend das Band. Ich glaube fast, sie hat die Marsch- und Blasmusik auf den Eine – Mark – Scheiben aus dem Westen ins Feuer geworfen.

Fortsetzung Das Ende unseres Hotels


In der Woche gibt es noch viel zu planen. Das Essen ausfahren ist schon fast Nebensache. Ich rufe Steffen an uns sage ihm Bescheid. Zunächst wollen wir einen Urlaub mit Suche nach einem Arbeitsplatz antreten. Karin hört mit und ruft: „Wir fahren mit!“ Steffen sagt, „wir buchen und bezahlen das.“ Langsam kommt der Punkt, an dem ich mich schäme. ‚Er hat das sicher nicht so gemeint‘, denk ich mir.

Ich bitte alle Angestellten und Helfer, bei der Lieferung zu sagen, wir arbeiten die letzte Woche. Unter der Woche gibt es kaum Probleme. Wir sind bei sieben Hundert und Fünfzig angekommen. Pünktlich am Freitag, liegen alle Umschläge und diverse Geschenke bereit. Angefangen bei Socken, Badehosen und Bikinis in DDR Qualität, sind auch Präsentkörbe und wirklich schöne Karten dabei. Das Postfach für Emails quillt über. Der Provider mahnt schon, Platz zu machen.

Zwischendurch bin ich noch auf das Kreisamt gefahren. Ich hab die Schließung samt Konkurs bekannt gegeben.

„Was wollen Sie jetzt tun?“, fragt mich die Beamtin.

„Haben Sie irgend ein Angebot?“

„Sie könnten bei uns Sozialarbeiter machen.“

„Also, ich soll die Leute trösten, die Sie beklaut und betrogen haben?“

„Naja. Zumindest unsere Sozialfälle.“

„Das tut mir Leid. Ich kann Ihnen unmöglich die vielen Handwerker, Pendler, Kollegen und deren Angestellte aus den Särgen holen. Gehen Sie bitte zu einem Richter. Die sind dafür zuständig.“

„Tut mir sehr Leid um Sie. Wir haben gern bei Ihnen und Ihrer Familie gegessen.“

„Ich schreibe ihnen, wenn wir in einer echten Ersatzheimat wieder Essen kochen.“

Sie weint etwas. Ich weiß nicht, ob gekünstelt oder nicht.

Ich frage den Banker, ob wir uns ein Auto kaufen dürfen für unsere Arbeitssuche. Oder ob sie uns das weg pfänden. „Ich schreibe einen Freistellungsantrag. Morgen kann ich Bescheid geben.“

„Danke. Wir lassen Ihnen Alles zur Verwertung stehen wie es ist.“

„Wir werden das Haus versteigern und kümmern uns um die Konkursmasse.“

Das Gespräch ging schnell und unbürokratisch.

Fortsetzung Das Ende unseres Hotels


Der Abend geht noch lange. Unsere Jugend, unsere Freunde und Bekannten, verabschieden sich und gehen zu Jochen in die Bar. Das Spektakel vertreibt sie förmlich. Mischa hat dem Filmteam ein kleines Buffet gerichtet. Belegte Brote und ein paar Happen. Sonja, die Betrunkene, stürzt sich wie besessen auf die sauren Gurken und Zwiebeln. Ihren Namen hörte ich nebenbei aus dem Mund eines ihrer Kollegen, der versuchte, sie zu beruhigen. Nach dem Verzehr ging es ihr plötzlich etwas besser. Sie entschuldigte sich bei mir und griff mit fester Hand in meinen Schritt. Noch so ein Griff und ich kann zukünftig auf Sex verzichten. Und das nach dem schönen Nachmittag.

Andrea geht zu Jochen und Renate verabschiedet sich mit einem Küsschen. Mischa geht mit Andrea. Ich soll ihnen bei Gelegenheit folgen. Joana hält Wache. Sie lässt sich bei dem Filmteam selten sehen. Es fehlen nur noch die offenen Fenster. Die Musik ist schon ziemlich laut. Vater hätte jetzt klassische Musik aufgelegt und teilweise aufgestuhlt. Das Team macht keine Anstalten, schlafen zu gehen. Und das nach dieser Woche.

Gegen Fünf verabschiedet sich Alex. Er kommt extra in die Bar zu mir. Wir haben zwischenzeitlich etwas Billard gespielt. Jochen lässt mir gerade den sechsten Kaffee durch. Alex gibt mir einen Breshnew – Kuss und steckt mir zweihundert Mark extra zu. „Für Deine Mühe“,sagt er. Er hat keinen Schluck getrunken. Ich lade ihn zu einem guten Cognac ein. Den habe ich mal im Delikat gekauft. Ein kleines Glas trinken wir zusammen. Ein Genuss.

„Ich muss jetzt schnell ins Bett. Nach dem Schnaps bin ich besoffen.“

„Wir gehen zusammen, mein Freund.“

Joana hat schon das Licht ausgeschaltet und wartet.

„Die Letzten musste ich fast raus schmeißen. Die Frau hat noch gestrippt. Mein Gott! Die Unterwäsche sah aus. Pfui!“

Alex entschuldigt sich mehrfach. Auch bei Joana.

„Wann kommt ihr frühstücken?“

„Gegen Acht. Wir reisen morgen auch ab.“

„Das wissen wir von Klaus.“

„Wir lassen trotzdem unser Gepäck bei Euch, bis wir mit dem Drehen fertig sind.“

„Ist gut, Alex. Wir legen Alles in ein Zimmer“, antworte ich ihm.

Fortsetzung folgt

Das Ende unseres Hotels


Das Ende unseres Hotels

Zur Trauerfeier unseres Dachdeckers musste ich das erste Mal etwas weinen. Ein Handwerker, wie er im Buche steht, verlässt uns. Wir fühlen uns allein. Unsere gemeinsamen Pläne betreffs des Saales, gehen mit ihm dahin. Fast zweihundert Gäste, Geschäftsfreunde und Genossen verabschieden sich von ihm. Steffen und Karin haben ein Telegramm geschickt. Die Familien kennen sich noch von Bauprojekten in Berlin.

Die Postfrau hat geheult bei der Übergabe des Telegramms. Sie wohnt in der Nachbarschaft und kann das nicht fassen. Dazu trägt auch der Abriss unserer Brücke bei, die von allen Nachbarn rege genutzt wurde. Über diese Brücke wurden vor allem die sperrigen Dinge bewegt. Auch Baugerüste.

Bei der Trauerfeier gelangen Gerüchte zu uns, die uns langsam besorgt werden lassen. Man projektiert ohne unser Wissen, ein Altersheim auf unserem Grund. Eigentlich wäre dafür sogar noch Platz bei uns. Es würde uns zu dem, an Wochenenden reichlich Umsätze garantieren. Dem Reden nach wird die Rechnung ohne uns gemacht.

Wir sind davon nicht überrascht. Gastwirte haben das Ohr am Volk. Wir können uns gut vorstellen, man hat die freie Fläche für gebührenpflichtige Parkplätze der Besucher des Altenheimes eingeplant. Was ist wertvoller als ein Parkplatz?

Vom angeblichen Bürgermeister kommt bis jetzt keine Antwort auf meine Anfragen. Am frühen Nachmittag ist er wieder nicht erreichbar. Ich gewinne den Eindruck, der verweigert sich uns gegenüber. Die Trauergemeinde bestätigt mir meinen Verdacht. Die Handwerker haben schließlich ein Ohr in der Gemeindestube.

Fortsetzung folgt

Fortsetzung Der Erpressungsversuch


Wir haben im Ort eine kleine Druckerei. Dort lasse ich uns das Hausprospekt samt Umleitung drucken. Ich werbe mit Ruhe und diskreter Abgeschiedenheit. Die Druckerei will das Prospekt bereits am Wochenende fertig haben.

Freitags reisen sowohl die Finanzbeamten als auch unsere Monteure ab. Wir sind das Wochenende allein. Klaus hatte uns eigentlich eine Buchung vorhergesagt. Ich rufe bei ihm an. „Die haben abgesagt. Wegen Krankheit“, ist seine Antwort. Jetzt bleibt mir nichts Anderes übrig, als beim Fremdenverkehrsamt und bei meinen Kollegen anzurufen. Das Amt hat keine Buchungen, meine Kollegen sind auch leer bis halb leer. „Saure Gurkenzeit“, sagt mir ein Kollege aus dem Nachbarort. „Ferien sind doch erst in zehn Tagen“, antworte ich ihm. „Naja. Viele nehmen ihre Kinder schon eine Woche vorher aus der Schule und fahren vor der Saison in Urlaub. Das ist billiger.“

„Das geht doch eigentlich nur mit einer Krankmeldung.“

„Bei mir sind zwei Familien, deren Kinder bei ihrer Anreise einen Verband trugen. Jetzt sind sie wieder gesund.“

„Alles klar. Danke. Wiederhören.“

Unser Hotel ist kein Ferienhotel. Die Menschen aus der Stadt wollen in die Natur. Und die vom Land? Die fahren wohl eher in Stadthotels. Wegen dem Einkauf.

Nach unserer Essenslieferung klingelt das Telefon. Mutter ist dran. „Vater ist im Krankenhaus.“

„Wie das?“

„Er ist zusammengesackt. Ich schätze, ein Herzinfarkt.“

„Wir kommen mal vorbei.“

Joana fährt die Tour in die Kreisstadt. Damit fährt sie auch täglich bei unserer Mutter vorbei. Ich rufe Joana an und sage ihr das. Sie möchte unsere Mutter mitbringen. Wir wollen zusammen zu meiner Mutter fahren. Ich bereite gerade ein Schild vor „Wegen Krankheit geschlossen“, da kommt der Sohn unseres Dachdeckers in die Gaststube.

Fortsetzung Der Erpressungsversuch


Der Morgen beginnt wie immer mit den Ansätzen für unser Lieferessen. Ich bin schon fünf Uhr runter gegangen. Komisch. Andrea kommt zu spät. Eigentlich ist sie um die Zeit schon da. Kurz vor Sechs höre ich sie. „Guten Morgen, Karl. Die Brücke ist weg.“

„Unsere Einfahrt?“

„Ja.“

„Wo bist Du rein gekommen?“

„Hinten. Zu Fuß. Ich habe das Auto oben stehen lassen.“

Ich habe Andrea eines unserer Lieferautos für den Arbeitsweg überlassen.

„Wir müssen schnell den Zaun öffnen. Unsere Gäste kommen sonst nicht auf Arbeit. Andrea, Du musst unseren Gästen heute erklären, wie sie raus und wieder her kommen.“

„Die zwei naheliegenden Straßen sind Einbahnstraßen. Die können sie nicht nehmen. Die Gäste müssen unten am Werk schon abbiegen und die innere Dorfstraße benutzen.“

„Busse können auf der Straße nicht fahren.“

Ich befürchte Schlimmstes.

„Stehen schon die Umleitungsschilder?“

„Ich habe keine gesehen.“

An dem Bach, der durch den Ort führt, bauen die jetzt schon das zweite Jahr. In einem Nachbarort haben sie das auch getan. Seit dem leidet die Bevölkerung unter Überschwemmungen. Viele sind weg gezogen. Das droht uns auch zusätzlich noch in Wunderbachwitz. Unser Bach speist sich aus mehren Quellen und Zuflüssen. Gerade im Frühjahr hat dieser Bach schon gewaltige Hochwasser gebracht. In den Ausdehnungsflächen haben Besatzer schon ihre Häuser gebaut. Die Natur wird uns von diesem Unrat befreien. Im Nachbarort hat das jedenfalls gewirkt. Die zweihundert Zugezogenen waren schnell weg. Jetzt hat der Ort wieder seine ursprüngliche Größe. Die Bauern können jetzt auch wieder den ganzen Tag, ihre neuen Traktoren aus dem Westen fahren. Sie stören keinen mehr. Ein richtiger Bauer fährt mit dem Traktor auch einkehren bei meiner Mutter.

Zumal sich der Schmied und der Friedhof gleich in der Nachbarschaft befinden.

Nach dem Kochen rufe ich auf der Gemeinde an. „Der Bürgermeister ist nicht da“, schnarrt seine Westsekretärin ins Telefon.“Schicken sie ihn heute zu mir. Auf dem kürzesten Weg bitte! Der Weg über die abgerissene Brücke wäre mir der liebste.“

„Das haben wir aber im Dorfanzeiger gedruckt.“

„Den stellen Sie leider nur ihren Kirchenmitgliedern zu!“

Der Postmann findet den Weg. Ich muss zwei Einschreiben unterzeichnen. Es sind Pfändungsbescheide. Die GEZ von den Goebbels Nachfolgern will Rundfunkbeiträge. Die Kreisverwaltung will den Abtransport unseres Komposthaufens bezahlt haben. Die Aufschläge betragen jeweils tausend Mark und mehr. Ich tippe ihnen zwei Widersprüche, adressiere sie und nehme sie mit zur Post. Mal sehen, ob das Etwas bringt.

Fortsetzung folgt

Fortsetzung Der Erpressungsversuch


Einer der Finanzbeamten rät mir, ich müsste Widerspruch einlegen, wenn falsche Forderungen kommen. Uns DDR Bürgern ist das neu. Für diese Woche müsste ich sozusagen, vier Widersprüche schreiben. Wer kocht und liefert in der Zeit mein Essen? Im Briefkasten ist noch ein kleiner Umschlag. Eine Kündigung. Die Dragonia kündigt mir den Bestellvertrag. Sie würden jetzt selbst Kochen und Liefern.

Mittlerweile haben die selbst einige Altenheime übernommen und sich dabei intakte Küchen eingeheimst.

In den Altenheimen hängt jetzt nicht mehr Erich Mühsam und Lenin, sondern Jesus Christus als übergroßes Bild.

Die schönen Bilder von Glasbläsern, Neubaugebieten und Stahlwerkern wurden übermalt. Die Altenheime werden jetzt von Kreuzen und Kirchtürmen verziert. Ein wahrer Fortschritt. Fehlt nur noch, dass man unseren Senioren, geöffnete, wieder verwendbare Särge in den Speiseraum stellt.

Die Kunden der Dragonia muss ich natürlich ersetzen. Mir fehlt sonst der Umsatz. Eine Werbeaktion mit dem Faxgerät soll mir neue Kunden bringen. Meine zwei Lehrlinge, Mischa und jetzt auch Renate, helfen mir in der Küche ganz routiniert. Sie schaffen mir die Freizeit, die ich benötige, um die jeweiligen Telefonnummern heraus zu schreiben. Bei einhundert Adressen fange ich an. Es sind die Adressen von Handwerkern, Kleinbetrieben, Ämtern und Büros. Schon am Abend nach dem Ausliefern unseres Essens, treffen bei uns über zweihundert Bestellungen ein.

„Wir müssen noch mal schnell einkaufen fahren. Unser Essen reicht sonst nicht.“

„So viele Bestellungen haben wir bekommen?“

„Ich finde, weil wir in Karl-Marx-Stadt einkaufen, könnten wir auch in Röhrsdorf und in dem Gewerbezentrum Werbung für uns machen.“

„Das ist eine gute Idee.“

„Ich habe die Nummern schon raus geschrieben.“

Im Gewerbezentrum warten immerhin eintausend potentielle Kunden auf uns. Dort gibt es zwar dutzende Imbissmöglichkeiten, aber Wettbewerb schadet keinem.

„Ich muss langsam mal zu meinem Kind“, sagt Renate. Renate sieht schon erheblich glücklicher aus als am Vortag. Die Abwechslung scheint ihr gut zu tun. Jetzt steht bald sie Frage, für wen sich Renate entscheidet. Für Jochen oder für meine Frauen. Ich hoffe doch innigst, der Gummi gewinnt.

Abends kommen unsere Finanzbeamten zum Essen und selbstverständlich die Monteure. Die Monteure wollen mehrheitlich ein Schnitzel essen. Die Beamten wollen das auch und bieten mir einen Mehrpreis an. Mich freut das. Wir haben nämlich nichts übrig von heute. Im Gegenteil. Ich musste mehrere Bestellungen absagen. Heute Abend komme ich recht zeitig ins Bett, schätze ich. Nur Mischa kommt gefahren und fragt, ob er mir morgen helfen kann. Ich bitte ihn, recht früh zu kommen. Irgendwie sind zu viele Probleme auf einmal zu lösen. Ich kann sie nicht liegen lassen. Von der Gemeinde ist ein Bau angekündigt. Sie wollen unsere Einfahrt sperren.

Steffen kommt noch einmal mit Karin herunter. Andrea hat sich schon aus dem Haus geschlichen. Sie wollte mich nicht stören, sagt Karin.

„Wir fahren morgen früh. Du brauchst das Zimmer.“

„Für Euch Zwei habe ich immer ein Zimmer frei.“

„Willst Du noch eine Behandlung?“

„Dafür bin ich viel zu kaputt heute. Mir stünde nicht mal der kleine Zeh.“

„Und schon bist du wieder im alten Trott“, sagt Steffen.

Fortsetzung folgt

Der Erpressungsversuch


Der Erpressungsversuch

Der Montag beginnt mit einem Telefonat. Meine Frauen sind alle bei der Arbeit und recht lustig. Ich bin froh, Joana etwas abgeschirmt zu haben von den Erpressungsversuchen. Sie hört aber misstrauisch meinen Telefonaten zu.

Die Angestellten der Steuerbehörde checken ein und bestellen auch gleich ihr Abendessen. Ich biete ihnen das Tagesmenü an, welches wir ohnehin auch ausliefern. Darüber freuen sie sich. Auf diese Art sparen sie sich etwas von dem üppigen Trennungsgeld, das sie bekommen. Die Westbeamten bekommen immerhin mehr Trennungsgeld als wir in der Sowjetunion, sechstausend Kilometer entfernt von der Familie. Offensichtlich gibt es in diesem System nur Trennungsgeld für jene Leute, die sich selbst keinen Pfennig mit Arbeit verdienen. Deren Chefs greifen wahrscheinlich in eine offene, recht üppige, kaum versiegende Beutekasse. Es gibt reichlich Beute in der DDR. Wie sagt ein Sprichwort? „Ein wohl duftender Haufen zieht reichlich Schmeißfliegen an.“

Wir werden damit Zeuge, wie sich die einzelnen Besatzungsnetzwerke um die Beute streiten. Immer wieder fragen uns Vertreter und Berater aus dem Westen, ob wir uns etwas Geld bei Seite schaffen. Was soll ich sagen? Die kennen ihre Landsleute. Uns sind diese kriminellen Seilschaften unbekannt. Eines dürfen wir aber registrieren. Wenn die Besatzer ausgerechnet unsere Stasi als Seilschaft bezichtigen, folgen sie einer goebbelschen Strategie:

„Was ich selber denk und tu, trau ich jedem Anderen zu.“

Das Sprichwort ist ein fester Bestandteil echter, plündernder Besatzungspolitik. Kriminelle haben immer das Interesse, von ihren abscheulichen Taten abzulenken.

Beim Telefonat mache ich den Bürgermeister darauf aufmerksam, es bestünde schlicht die Möglichkeit, eine Messung unseres Wassers in der Kläranlage oder an ihrem Auslauf durchzuführen. Gleichzeitig zeige ich den Riesenmisthaufen des Nachbarn an, dessen Gülle in meine Regenabwassersysteme läuft. Die Reaktion dieses Kreuzschwingers fällt bescheiden aus.

„Ich kümmere mich darum.“

„Regenwasser ist Trinkwasser, Herr Meister!“

Ich fordere eine Aufklärung des Diebstahles meines Komposthaufens. Immerhin kostet Kompost dieser Qualität in Baumärkten der Besatzer, zehn Mark pro fünfundzwanzig Kilo. Ich rede von zwei bis drei Tonnen.

Dazu mache ich dem „Meister“ -Bürger- in dem Namen muss ich meiden, darauf aufmerksam, bei uns gilt DDR Recht und nicht das der Besatzer! Kein Mensch der DDR hat dieses Recht gewählt oder beschlossen. Ich merke schnell, der Meister wünscht sich seine Drehbank von früher zurück, an der er für tausend DDR Mark monatlich, sein Morgenschläfchen abhalten durfte.

Fortsetzung der Druck wächst


Andrea und Jochen übergeben mir die Kasse. Sie haben gut verdient an dem einen Tag. Ich gebe Jochen zu seinen Prozenten noch eine Prämie. Er kann es kaum fassen. „So viel Geld!“ Es ist etwa der halbe Monatslohn im Vergleich zu dem, von den Westbesatzern.

„Die haben Deinen Komposthaufen weggebaggert“, sagt Andrea. „Ich gehe jetzt mit Joana und Karin nach Oben.“

„Sag es bitte Joana nicht. Willst Du Renate mit nehmen?“

Karin ruft Renate und die möchte mitgehen.

Ich gehe schnell an den Briefkasten. Dort haben diese Gangster einen Umschlag reingesteckt. Er ist ziemlich dick.

Den Monteuren gebe ich die Zimmerschlüssel und sie verschwinden umgehend.

„Hat die Bar heute offen?“

„Aber sicher. Jochen wartet auf Euch.“

Der Komposthaufen war für meine Blumenästen vor den Fenstern geplant. Jetzt haben die Besatzer mir den geklaut. Im Schreiben steht, ich hätte das Gesetz gebrochen und müsste die Entsorgung bezahlen. Das Gesindel verlangt von mir glatte acht Tausend Mark. In einem anderen beigefügten Schreiben steht, mein Trinkwasser würde nicht den Normen entsprechen. Dabei haben wir eine Klärgrube, die erst zehn Jahre alt ist. Eine Drei-Kammer-Klärgrube der DDR. Die gibt es noch nicht mal im Westen. Am örtlichen Bach hätten sie bei einer Wasserprobe, Kolibakterien und Fäkalienrückstände gefunden. Sie blasen zu Angriff, die Verbrecher. Ich schätze, deren Finanzierung steht fest.

Das sind nicht die einzigen Schreiben. Die Hygiene hat sich auch angekündigt. Wahrscheinlich wollen sie Wasserproben ziehen. Für den kommenden Montag steht viel Arbeit an.

Fortsetzung folgt

Fortsetzung Der Druck wächst


In der Disco ist es nicht ganz wie früher. Es gibt etwas mehr Lichteffekte und die Musik ist fast schon zu laut. Mir fehlen etwas sie Fernsehstars vom DDR Fernsehen. Zwei Verbliebene geben dennoch ihre Show zum Besten. Sie begrüßen uns persönlich. Wir kennen sie noch von der Trasse und dem folgenden Zusammensein in der Küche. Horst, einer der Künstler, schwärmt heute noch von den Massen an Kaviar und feinem Lachs. Wir haben davon so viel gefressen, dass im gesamten Leben nie wieder ein brennender Appetit danach entstand.

Die Kundschaft der Bar hat sich mit der Wende gewaltig geändert. Bürger der DDR sind einfach keine mehr anzutreffen. Um uns herum lungern Snobs aus dem Westen und wedeln mit kleinen Scheinen um sich. Der Raum war gefüllt mit polnischen Nutten. Die lassen sich von diesem Klientel kaum beeindrucken. Ein paar Schweden zeigen kurz ihre Brieftasche und schon sitzen sämtliche Nutten bei ihnen auf dem Knie. In der einst schönsten Bar der DDR wird es uns stink langweilig.

„Das ist ein Puff“, grölte Kato. „Lass uns gehen!“

Wir fahren geschlossen zurück zwischen die Neubauten. Dort stehen noch zwei wirklich gute Kulturzentren mit Klubräumen und Gaststätten. Einheimische führen die Betriebe. Der kühle Charme der Betreiber als auch deren Musikangebot, laden uns zum Tanzen ein. ‚Mein Gott. Wie lange haben wir nicht mehr getanzt?‘, denk ich mir. Karin und Stafanie fangen an. Sie werden von Kato und Stefan abgeklatscht. Der Abend scheint doch noch lustig zu werden.

Die Preise bei dem Wirt sind erheblich ziviler als in der Bar. Der Wirt kommt zu uns und begrüßt uns. Ich traue meinen Augen kaum. Er ist unser ehemaliger Bäcker von der Trasse. Mario. Mario hat den passenden Nachnamen für einen Gastwirt. Hundertmark. Er bekommt sofort Tränen in den Augen vor Freude. „Sehen wir uns doch mal wieder! Damit hätte ich nie gerechnet, Karl. Was machst Du jetzt?“ Ich stelle ihm Joana vor und sage ihm, wir wären jetzt Hoteliers.

„Da könnt Ihr Euch auf Einiges gefasst machen!“

Die Worte Marios sollten sich später als richtig erweisen. Mario selbst wurde auch schon von Investoren bedroht.

„Wir gehen, wenn die kommen. Meine Familie ist schon so gut wie weg.“

„Wohin wollt ihr gehen?“

„Nach Norwegen.“

„Ein ganzes Volk wird von Besatzern vertrieben.“

„Von Kriegsverbrechern“, sagt Mario. Alle in der Runde nicken zustimmend.

„Bist Du Pächter hier?“

„Ja. Das ist jetzt angeblich eine Wohngenossenschaft. Die Chefs sind alle von Drüben. Meine Miete hat sich verzehnfacht.“

Fortsetzung folgt