Fortsetzung Die Suche


Vor dem Paternoster stehen neben unseren verschiedenen ehemaligen Werksleitern, die Blaumäntel. Man sieht sich nicht besonders freundlich an untereinander.

„Ganoven“, sagt der Leiter vom Vorrichtungsbau zu mir. Er sagt es laut, wie üblich in der DDR.

„Erst klauen sie uns die Maschinen und und dann verkaufen sie uns die Ruinen.“

Die Blaumäntel schweigen dazu. Keiner redet auch nur ein Wort. Wie Zinnsoldaten. Alle sind mit ungeheuren Aktentaschen bewaffnet. Zwei haben sogar einen Träger dabei. Die Zuträger sind normal gekleidet und wirken etwas freundlicher. Joana rempelt einen etwas an. Sie hat uns einen Kaffee aus dem Automaten geholt und balanciert die heißen Becher durch das Gedränge. Der Angerempelte entschuldigt sich bei Joana. Auch ein Westler, wie wir hören. Ich schätze, es sind Praktikanten. In der DDR gibt es keinen Namen für Praktikanten von Verbrechern. Gehilfe oder Helfer? Mitangeklagter, wäre vielleicht das richtige Wort. Naja. Dafür bräuchten wir erst wieder ein Nürnberger Tribunal.

Oben treffe ich wieder Gerd. Dieses Mal ist seine entzückende Frau und seine weniger schöne Tochter dabei. Seine Frau hat der Familie das Geld verdient. Als Barfrau zu den zahlreichen Tanzveranstaltungen.

„Wir unterschreiben heute. Ein Gartenverein hat uns sein Klubhaus verkauft. Das müssen wir hier genehmigen lassen.“

„Was! Der Verkauf des Klubhauses eines Gartenvereins wird von diesen Dieben genehmigt?“

„Wir haben im Moment eine verkehrte Welt, mein Freund.“

„Angeblich haben sie nur noch Kulturhäuser übrig. Eventuell wäre noch ein Weg bei Margret, Deiner alten Nachbarin offen.“

„Das hat sie mir auch angeboten. Mir war das etwas zu wacklig mit den komischen Partnern.“

„Schade. Wir müssen in kürzester Zeit, neue Gesetze und Gepflogenheiten lernen. Die Fehler, die uns dabei passieren, sind nicht wieder gut zu machen.“

„Der Gartenverein verkauft ohne Bank. Zumindest sind wir die los.“

„Das müssen wir bei Gelegenheit feiern.“

Fortsetzung folgt

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„Die ersten Zwei hat mir Karin gemacht. Schon unter der Dusche.“

„Das wundert mich schon. Ich dachte immer, Karin kann nur mit Männern umgehen. In der Sowjetunion jedenfalls, war sie eine große Nummer. Steffen hat das nie gestört. Er liebt Karin über Alles und Karin liebt Steffen. Steffen hat in Etwa das gleiche Gemüt wie ich.“

„Das habe ich sofort bemerkt. Er ist wie Du.“

Die Heimfahrt dauert lange. Von Großenhain bis Dresden Nord ist ein wirklich fester Stau. In Dresden Nord ist ein Flugplatz und einen Abzweig in Richtung Polen. Zwei Stunden haben wir allein dort verloren. Wir hätten umfahren können. Ich stelle mir vor, der Rest will den Stau auch umfahren und kennt teilweise die Gegend nicht. In dieser Gegend sind die Straßen etwas schmaler. Es gibt viele Alleen.

Joana schläft neben mir. Sie ist zufrieden. Ich freue mich, ihr zufriedenes Gesicht anschauen zu können.

Nach rund zehn Stunden Fahrt kommen wir in Karl-Marx-Stadt an. Wir überlegen, ob wir in unser Kinderzimmer fahren oder zu meiner Mutter. Das Kinderzimmer von Joanas Mutter hat gewonnen.

Bei ihr zu Hause angekommen, müssen wir feststellen, Joanas Vater geht es nicht gut. Er soll ins Krankenhaus gebracht werden. Genau da ziehen jetzt noch mehr Westärzte ein. Der Chefarzt ist schon einer von denen. Er ordnete an, sämtliche DDR Medikamente gegen angeblich bessere Westmedikamente auszutauschen. Vater hat jetzt darunter schwer zu leiden. Sein Lebenswille scheint dadurch akut zu schwinden. Es gibt massive Unverträglichkeiten im Zwölffingerdarm. Dabei war Vaters Zuckerkrankheit vor der Annexion durch den Westen, leicht mit Spritzen behandelbar. Jeder Zuckerkranke wurde gut geschult bei der Berechnung der benötigten Dosen. In der Nacht wird Vater geholt. Damit war auch unsere Nachtruhe vorüber. Mutter kocht uns Kaffee und wir sprechen zusammen von der Treuhand. Sie ist sehr skeptisch.

„Das sind doch alles Schwindler und Verbrecher.“

„Einen anderen Weg sehen wir aber erst Mal nicht.“

„Deine Mutter könnte doch ihr Geschäft auf Euch überschreiben.“

„Das haben wir schon ein paar Mal angesprochen. Die Zeit ist nicht reif genug dafür. Sie wollen sich nicht trennen von dem Geschäft.“

„Das wird nicht gut enden, Karl.“

„Naja. Wir versuchen es bei der Treuhand. Vielleicht können wir ein Bergmanns- oder Arbeiterdenkmal retten.“

„Vater ist mit Euch in der Beziehung.“

Es ist noch etwas Zeit und wir können uns noch einmal hinlegen. Joana hat die Tasche von Karin im Auto gelassen. Sie traute sich nicht, es Mutter zu zeigen. Mutter geht so und so immer etwas kontrollieren. Es war ihre Gewohnheit. Fünf Kinder mussten auch ordentlich überwacht werden. Diese sehr sympathische Gewohnheit konnte Mutter nicht ablegen. Joana hat die Gewohnheit übernommen. Das bewirkt irgendwie eine ständige Unruhe. Steffen und Karin ist das aufgefallen.

„Das lässt sich behandeln“, hat Karin gesagt.

„Du musst das übernehmen. Das ist Deine Aufgabe.“

Ich dachte erst, die Zwei haben sich zu sehr auf ihre Gummispielzeuge eingeschossen. Aber irgendwie haben sie recht. Joana wirkt jetzt ruhiger rund ziemlich ausgeglichen. Sie steckt selbst das Dilemma mit unserem Vater gut weg.

Die Nacht geht schnell vorbei und wir bereiten uns auf den Besuch der Treuhand in Karl-Marx-Stadt vor. Den Kaffee koche ich. Mutter ist etwas zu sparsam bei der Portionierung des gemahlenen Kaffees. Wir haben ihr extra einen Löffel mit dem DDR Kaffeemaß besorgt. Den nutzt sie aus innerer Sturheit nicht. Eine große Familie benötigt das eigene Maß. Joana rennt schnell zum Bäcker in der Nachbarschaft.

Wir fahren wieder nach Karl-Marx-Stadt zu der Treuhand. Dort treffen wir endlich ein Mal Kollegen und Freunde von Betrieben, die bei uns oder bei unserer Familie, Betriebsfeiern abhielten.

Sie standen Schlange für den Erwerb ihrer Betriebe. Keiner von ihnen lächelte dabei. Die Besatzer bekamen die Werke geschenkt und sie sollten sie überteuert kaufen.

„Auf Dich wartet das gleiche Los“, sagt der Chef eines Vorrichtungsbaus. Er war ziemlich gut im Bilde.

„Wir werden jetzt zwei Mal geplündert. Erst ist das Werk weg und danach zahlen wir mit überhöhten Zinsen das Ganze noch einmal.“

Ich ahne nichts Gutes. Welchen Preis wollen die Besatzer für unser Eigentum, ist jetzt die Frage.

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„Sie müssen mit dem Hefter nach Chemnitz. Wir haben den Akt schon hin gesendet.“

Wir verabschieden uns und verlassen die heiligen Hallen.

Kaum sind wir vor dem Palast der Republik, winken uns Steffen und Karin zu.

„Wie war es?“

„Wir wissen nicht Bescheid und sollen nach Karl-Marx-Stadt.“

„Gehen wir noch Essen?“

„Das wäre schön.“

„Wir gehen in den Palast. Die haben jetzt eine Grillbar.“

„Die Grillbar haben die schon lange.“

„Das weißt Du?“

„Ich war zur Eröffnung mit eingeladen. Leider war ich damals bei der NVA. Ich bin da als UE, unentschuldigt, hingegangen.“

„Ich war strafversetzt und bekam keinen Ausgang. Da bin ich abgehauen.“

„Und. Haben sie Dich erwischt?“

„Damals war das DDR Fernsehen dabei und die haben mich mit gefilmt. Der Stabschef hat das gesehen und mich erkannt. Danach haben sie Streifen an alle Haltestellen von Bussen und Bahnen gestellt. Sie brauchten nur warten. Ich war sternhagel voll.“

„Und?“

„Sieben Tage Arrest. Eine Wohltat war das. Ich konnte Laub rechen, Rasen scheiden und frische Luft atmen. Der Stabschef hat laut gelacht bei meiner Festnahme.“

„Wurdest Du versetzt?“

„Ja. Dieses Mal in Rote Luch. Küche. Das war sehr schön.“

Das Essen schmeckte besser als erwartet.

Karin hat sich mit Joana wieder aus dem Staub gemacht. Ich glaube, sie sind schnell noch Etwas einkaufen gegangen.

„Joana hat viel gelernt, sagt Karin. Wir haben Euch fast mein gesamtes Handelssortiment eingepackt. Du wirst staunen.“

Steffen schaut so verschmitzt. Ich ahne, was er meint.

„Bleibt unbedingt mit mir in Verbindung. Ich rufe bei Deiner Mutter an.“

Die Zwei kommen wieder. Joana hat wieder eine Riesentasche in der Hand. Sie wirkt so locker.

Wir müssen uns verabschieden. Morgen wollen wir früh nach Karl-Marx-Stadt. Wenn es geht, ausgeschlafen.

„Kommt gut nach Hause und fahrt vorsichtig! Du weißt, die Wessis können nicht fahren.“

„Danke, Ihr Lieben. Ich überlege mir, wie wir das wieder gut machen können.“

„Du musst uns Nichts gut machen. Du bist unser Freund und Joana unsere Freundin.“

Nach zwei Startversuchen springt unser Wartburg an. Steffen und Karin stehen lange und winken. Steffen zeigt mir auch gestenreich, wie ich fahren soll. Ich wäre beinahe falsch abgefahren.

Auf der Autobahn fängt Joana an, zu erzählen. Wir reden miteinander über Alles. Sie fängt an, die Tasche auszupacken. Bei dem Anblick fahre ich fast an die Leitplanke. Eine Tasche voller „Gummischniepl“ würde ein Sachse sagen. Gemeint sind Dildos in allen Formen und Größen.

„Die habe ich alle probiert mit Karin.“

„Ja und. Wie war es?“

„Karin hat mir vor gemacht, wie man sie benutzt. Sie hatte laufend Orgasmen. Nicht gespielt. Die waren echt. Da bin ich schon etwas neugierig geworden.“

„Und deswegen bist Du jetzt so gelassen und ruhig? Du hättest Dich normal, bei der Tante in der Treuhand, riesig aufgeregt, bei dem was sie sagte.“

„Tja, ein Wunder!“ Sie kichert. „Die Dinger sind besser als Du.“

„Und das auch noch?“ Ich lache mit.

„Naja. Die müssen ja nur mit Dir arbeiten und sonst mit Niemandem. Mit der schönsten Frau im Ort.“

„Du Schmeichler. Ich merke schon, dass Dich das freut.“

„Ich muss eigentlich Nichts gestehen. Du weißt, wie es nervlich um mich steht. Und genau deshalb freue ich mich für Dich.“

„Ich hatte sieben Orgasmen.“

„Dafür bräuchte ich zwei Tage. Mit Deiner Hilfe. Man könnte fast denken, unsere DDR Politik trägt Früchte. Restlos zufriedene Frauen.“

Joana gibt mir während der Fahrt ein Küsschen. Normal bekomme ich das morgens und abends.

Joana steht mit mir zusammen auf und geht mit mir schlafen. Wir können nicht getrennt sein.

„Naja. Wie ich mir gerade vorstelle, habe ich in der kommenden Zeit, tausende Dokumente zu lesen und hunderte zu schreiben. Und nichts wünsche ich mir mehr, als eine zufriedene Ehefrau, die zu mir hält.“

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Im Foyer des Tempels stehen dieses Mal ein paar bewaffnete Polizisten. Sie haben ein kleines Maschinengewehr am Körper. Was soll das? Ist schon die Gestapo eingezogen?

Der Paternoster dreht und mit uns wollen drei Blaumäntel aufwärts. Wir warten, bis die weg sind. Die freundlich geheuchelten Grüße beantworten wir mit einem murmelnden Nicken. Sie sollen nicht bemerken, dass wir Sachsen sind.

Vor dem Büro sollen wir etwas warten. Dort steht auch so eine bewaffnete Ordnungskraft. An den Worten merken wir, ein Wessi. Die haben Berlin besetzt!

Aus dem Büro kommen zwei Blaumäntel gefolgt von Einem im schwarzen Anzug mit zwei riesengroßen Aktentaschen. Der sieht fast so aus wie ein Anwalt. Gearbeitet hat der noch nie. Der läuft wie ein verwundeter Balletttänzer. Die Frau im Büro bittet uns rein. Der Hefter liegt vor ihr.

„Herr Karl, wie es aussieht, sind die kleineren und scheinbar lukrativen Objekte alle schon verkauft.“

„Und jetzt?“

„Naja. Wir haben noch ein paar ehemalige Kulturhäuser, eine ehemalige Schulküche und eine Arbeiterversorgung. Die müssen alle noch etwas repariert werden.“

„Und was ist der Preis von den Dingern? Bekomme ich die auch für eine Mark?“

„Die Gemeinden legen den Preis fest. Reden Sie mit den Leuten. Wir geben nur Empfehlungspreise.“

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Sie tippt den Hebel an, wie eine Fee. Und das funktioniert. Wir kommen bei Steffen zu Hause an. Seine Wohnung ist eigentlich nur ein Nest. Die Eltern haben ein Häuschen gebaut zu DDR Zeiten. Dort hat er sicher auch sein Lager. Mit dem Fahrstuhl fahren wir fast bis nach ganz Oben. Einen Stock tiefer wohnen Steffen und Karin. Das Haus wirkt leer und ziemlich ruhig. Ich frage Steffen, wie das kommt.

„Die sind alle weg gezogen. Investoren haben viele Wohnungen gekauft. Die wollen wahrscheinlich zu viel.“

Die Wohnung ist das Büro von Steffen. Sie schlafen im Wohnzimmer. Im Schlafzimmer zeigt mir Steffen sein Fotostudio. Dort machen sie die Fotos von den Produkten, die er anbietet. Schön.

Joana sagt, sie ist schon fertig geduscht. Sie wirkt etwas müde, aber gleichzeitig ziemlich zufrieden und aufgeweckt. Sonst rennt sie nervös, wie aufgezogen umher. Sie kichert etwas, als ich ihre den Hintern streichel und einen Gute Nacht Kuss gebe.

Steffen lädt mich ein, noch einen kleinen Schluck aus der Hausbar zu trinken.

„Aber wirklich nur etwas Süßes.“

„Ich habe etwas Besseres.“

Karin will sich auch schon hinlegen. Das Wohnzimmer ist jetzt unser. Karin geht zu Joana. Steffen und ich trinken noch etwas, schalten den Fernseher an und schauen Filme vom Videorecorder. Filme von der Trasse. „Die habe ich kopiert von meiner Kamera.“

Es sind wirklich feine Filme dabei mit echter Künstlerprominenz aus der DDR. Sehr schön waren die Filme mit den russischen Tanzgruppen und Künstlern. Wir könnten fast eine Woche am Stück, Filme anschauen. So viele hat Steffen gefilmt. Mir ist das dort kaum aufgefallen.

Steffen weckt mich. Wir haben acht Uhr. „Frühstück“, ruft er.

Karin hat für mich vier Eier gekocht. Joana hat ihr verraten, dass ich, wenn ich früh esse, nur Kaffee, Tabak und Eier brauche. Steffen fragt mich, ob ich immer noch meine Zigaretten rolle.

„Das ist Familientradition. Unsere Familie hat schon immer Tabak angebaut.“

„Zeig mir mal, wie Du das machst.“

Ich zeige es ihm. Zuerst rolle ich Watte oder Krepppapier zu einer Art Zigarette. Aus den Zigaretten schneide ich die Filter. Die rolle ich neu mit Tabak zusammen und rauche eine verkürzte Filterzigarette. Schon zu DDR Zeiten hatten Köche wenig Zeit zum Rauchen. Und die russischen Belomorkanal und Herzegowina Flor waren mir dabei ein Vorbild geworden.

„Sollen wir Euch wieder zu der komischen Treuhand fahren?“

„Mir wäre das Recht“, antwortet Joana.

„Hoffentlich finden wir unser Auto wieder.“

„Wo habt Ihr denn geparkt?“

Ich beschreibe Steffen, wo unser Wartburg steht.

„Hoffentlich ist er noch da“, scherzt er.

Als würde uns Jemand einen Wartburg klauen. Noch zumal, einen mit dem alten Zweitaktmotor.

„Ich hab hier schon Pferde kotzen sehen.“

Wir haben den Parkplatz unweit des Palastes der Republik gewählt. Der ist leicht zu finden und gut bewacht.

Wir fahren und der Abschied von den Zweien fällt uns schwer. Wir würden sofort da bleiben. Karin gibt mir ein Küsschen und bei der Berührung erinnere ich mich an die seidenweiche Haut von Karin. Nicht mal bei unseren Kindern habe ich so eine Haut berührt. Was macht sie für diese Haut?

Die war aber schon in der Sowjetunion so unbeschreiblich weich. Steffen küsst Joana und mir gibt er einen Händedruck mit dem dringenden Wunsch, uns wieder sehen zu wollen. Karin hat Joana ein großes Päckchen mit gegeben. Ich frage nicht, was drinnen ist. Ich kann es mir denken.

Steffen fragt mich noch zum Abschied, ob ich noch Rolf und Kato aus Rostock kenne.

„Die wollen Dich auch unbedingt mal treffen. Ich kümmere mich mal drum.“

„Bis dann, Ihr Lieben.“

Jetzt wird es Zeit, in den heiligen Tempel zu schreiten.

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„Den Gastwirt kenne ich persönlich. Den könnten wir mal zu Hause besuchen. Er baut gerade ein Hotel.“

„Im Moment sieht es ungeheuer schlecht aus bei mir. Ich habe weder einen Betrieb noch irgendeine Aussicht, eine halbwegs bezahlte Arbeit zu finden.“

Das Essen bei dem Griechen war wirklich sehr gut.

Der Chef fragt Steffen, ob ich sein Freund wäre. Er erzählt von unserer gemeinsamen Zeit in Sibirien.

„Unsere warme Stube habt Ihr also gebaut?“

„Außer etwas persönlichem Stolz ist uns nicht viel geblieben“, antworte ich ihm.

„Naja. Das ist die Zeit für einen guten Metaxa.“

Christos geht in die Küche und kommt mit einem Metaxa wieder. Den haben wir schon in der DDR schätzen gelernt. Ein edles Gesöff.

„Läuft Dein Geschäft gut, Steffen“, fragt Christos.

„Besser als ich je gedacht hatte.“

„Was machst Du denn“, frage ich ihn.

„Ja. Ich verkaufe Dildos.“

„Und das funktioniert?“

„Naja. Neben Karin habe ich noch zwei Freunde, die Du auch von der Trasse kennst. Die helfen mit.“

„Und Ihr könnt gut leben davon?“

„Das Auto ist jedenfalls bezahlt. Wie ich das sehe, könnte Joana auch bald diese Helfer benötigen. Bei dem Druck, den Du hast, sicher.“

Steffen hat schon irgendwie recht. Joana bestätigt das mit ihrem Blick. Karin sagt zu Joana: „Ich muss an die frische Luft. Gehen wir eine Runde?“

Mein Gott. Wenn ich Karin so hinter her schaue. Steffen bemerkt das.

„Kannst Du Dich noch gut erinnern?“

„Lass uns einen Metaxa ein und wir vergessen den Stress erst mal für einen Tag.“

Christos lässt die Flasche gleich auf dem Tisch stehen. Irgendwie hat der ein Abkommen mit Steffen. Das hinterfrage ich nicht.

„Wie ich das sehe, bist Du momentan ziemlich klamm.“

„Das ist schon recht bescheiden ausgedrückt.“

„Du musst versuchen, Allianzen aufzubauen. Bei Deinen Beziehungen geht das sicher.“

„Naja. Ratschläge bringen jetzt erst mal Nichts. Wir müssen erst mal eine neue Gaststätte bekommen.“

„Die Kredite von diesem Pack sind teuflisch. Pass auf!“

„Du hast es ohne geschafft.“

„Natürlich. Ich habe nur im richtigen Moment angefangen. Aber jetzt brauchen wir schon auch fast eine Lagerhalle.“

„Und die Steuer?“

„Die waren bei mir schon vier Mal die Bücher prüfen. Komisch. Bei meinen Westnachbarn waren die noch nie. Die haben sich schnell, billig, freie Wohnungen gekauft. Seit dem schlafen in unserer Nachbarschaft, Flüchtlinge und Migranten. Viele Russlanddeutsche. Die wollen fast Alle wieder nach Hause.“

„Da hast Du ja Glück. Deine Nachbarn verstehst Du gut.“

„Du wirst staunen. Es sind auch Tataren dabei.“

„Jetzt vermisse ich schon fast den schönen Ural.“

„Jaja. Die Maikäfer -, Ameisen – und Mückensaison.“

„Vergess die Holzböcke nicht. Schwein vom Grill und das Brot von Hermann.“

Karin und Joana kommen zurück.

„Wir gehen inzwischen“, sagt Karin zu Steffen.

„Was? Zu Fuß?“

„Aber sicher. Joana möchte etwas testen.“

„Naja. Dann saufen wir eben noch ne Runde“, sagt Steffen zu mir.

„Lass doch die Zwei mit dem Auto fahren. Sie können uns dann abholen. Besoffen können wir eh nicht fahren.“

„Darauf einen Metaxa“, ruft Steffen, der sichtlich etwas angeheitert wirkt.

Karin lächelt zu dem Geschehen. Sie kennt das noch aus Trassenzeiten. Ich freue mich so sehr darüber, gerade die Zwei zusammen zu sehen. Ein Paar wie aus dem Bilderbuch.

„Deine Joana ist eine sehr schöne Frau. Wann willst Du heiraten. Wir kommen sicher.“

„Ich weiß nicht, ob wir überhaupt heiraten oder heiraten müssen. Die neuen Gesetze geben mir schwer zu Denken.“

„So, wie ich das sehe, braucht Ihr nicht heiraten. Ihr gehört einfach zusammen.“

„Das sehe ich und Joana auch so.“

„Wenn Ihr wieder beisammen seid, fahren wir zusammen zu Christos nach Griechenland.“

„Einen Urlaub könnten wir schon gebrauchen. Bei dem Theater.“

Die Flasche ist fast leer. Christos bringt die nächste und setzt sich jetzt auch etwas mit zu uns. Er hat im Lotto gewonnen und baut zu Hause ein Hotel. Er bleibt nicht mehr hier. Ehrlich gesagt, hat er auch nicht das Gemüt, um in so einer Stadt zu hausen. Das stellt sich schon nach den ersten Worten so dar. Das Heimweh foltert Christos. Miriam, seine Frau, kommt gerade zu uns. Miriam ist eine schöne Frau, die etwas maskulin wirkt. Typisch, südländisch. Christos springt sofort auf und macht ihr Platz, als sie kommt. Er holt sich einen Stuhl.

„Das Möbel ist von uns zu Hause“ betont er. „Handarbeit.“

„Nehme es wieder mit. Es passt nicht zu den Herren hier. Die schmeißen Alles, was ihnen nicht passt, ins Feuer.“

Christos lacht und Miriam nickt. Steffen sagt, Christos wäre Mitglied der KKE.

„Also, liebe Genossen“, antworte ich ihm.

„Das kannst Du für voll nehmen.“

Miriam steht auf, rennt in die Küche und kommt mit einem Dessert wieder.

„Bei den Mengen Metaxa, braucht Ihr sicher einen Kuchen.“

Sie hat einen Hefekuchen in der Hand, der dem Panettone sehr ähnelt. Die Stücken werden abgerupft. Sehr schön.

Karin und Joana kommen uns abholen. Es gibt Küsschen und das Versprechen, Christos und Miriam zu Hause zu besuchen. Christos und Joana helfen mir etwas beim Hinaus gehen. Ich bin besoffen. Steffen schleppt sich bis an die Tür, wo ihn die Beiden auch abholen.

Karin fährt sehr gut und flüssig. Das erinnert mich an meine Fahrlehrerin, die auch Rennen gefahren ist und jetzt als Taxifahrerin arbeitet. Sie hat auch Busse gefahren. Karin hat an der Trasse auch gelegentlich unseren Bus gefahren. Wie sie mit dem Schalthebel umgeht, sucht Ihresgleichen.

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Wir setzen uns in ein Cafe. Bei den Preisen wird sich das wohl auf eine Tasse beschränken. Kaffee ist es auch keiner. Eher Hauskaffee. Von dort rufe ich Thomas, Klaus, Micha und Steffen an. Steffen hat für uns ein Bett. Er braucht kein Kinderzimmer. Das ist frei.

„Bist Du denn noch mit Karin zusammen?“

„Aber natürlich. Du wirst staunen.“

Steffen hatte Karin an der Trasse geheiratet. Das war ein Fest. Unsere Sowjetischen Gastgeber haben die Ehe mit einer Jakuten – Schmanin gesegnet. Karin hat ihren zukünftigen Ehemann wirklich gewissenhaft gesucht. Sie wohnte mit ihren Kolleginnen zwei Zimmer weit entfernt von unserem. Karin hat bei uns Kassiererin und Essensausgabe gemacht. Abends hat sie bisweilen in der Bar geholfen. Sie war begehrt und ihr Zimmer wurde sehr gut besucht. Karin war die erste Frau, mit der ich fremd gegangen bin. Sie sagte mir, es wäre für sie ein Kinderspiel gewesen, mich rum zu bekommen. Kein Wunder. Manchmal war ich ein halbes Jahr am Stück in Sibirien. Mitunter hatten wir das Gefühl, die weniger schönen Frauen, hätten in Sibirien alle einen Man gefunden. Das wirkte natürlich anziehend für diese Frauen. Zumal Schönheit, eine wirklich persönliche Ansichtssache ist. Karin hingegen war eine Art Lichtschein unter ihren Kolleginnen. Gut gebaut, nicht zu viel Brust, klug und redselig. Eine Idealgestalt in Engelsform. Unwiderstehlich. Und sie wusste das. Sie nutzte es auch aus. Es dauerte nicht lange und sie hatte das gesamte Lager des Verkaufssortimentes unter ihrer Verantwortung. Obwohl es uns an Nichts fehlte, haben verschiedene Lieferprobleme oft die zuteilende Hand Karins benötigt. Gerade in Winter- und Schmelzzeiten hatten unsere Lieferzüge oft schwere Unterbrechungen.

„Wo seid Ihr gerade“, fragt Steffen.

„Wir sitzen in dem Cafe.“

„Wir holen Euch ab. Nach Marzahn zu kommen, ist etwas kompliziert.“

Die polnische Bedienung fragt uns, ob uns der Kaffee geschmeckt hat.

„Ist Ihr Chef ein Ossi oder ein Wessi?“

Sie lacht.

„Eine Wessi aus Hannover.“

„So schmeckt der Kaffee!“

Sie lacht schon wieder.

„Ich trinke hier keinen Kaffee.“

„Den Personalkaffee müsst Ihr sicher auch bezahlen.“

„Jaja.“

Steffen kommt im dreihunderter Benz. Bei ihm sitzt Karin. Es scheint, als wären die Beiden jünger geworden.

Wir begrüßen uns, fragen uns gegenseitig, wie es geht und warum wir in Berlin sind.

„Wollen wir noch etwas Essen gehen?“

„Naja. Bei der Küche hier….“, antworte ich Steffen.

„Halt, Halt. Ich kenne einen Griechen, bei dem schmeckt es Dir.“

Steffen kennt meine Abneigung gegen preußisches Essen. In Berlin haben wir nie gut gegessen.

„Griechisches Essen? Gut. Probieren wir das.“

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Wir werden wieder in ein Büro gerufen. Schon beim Eintreten bekomme ich den Eindruck, wir wären in der Filiale eines Drogeriemarktes gelandet. Neben dem Geruch der Mixture aus den oberen Regalen der Parfümerieabteilung, liegen sämtliche Sonderangebote der Drogen für die Schmerzbehandlung. Nicht nur das. Das Angebot ist riesig. Es fehlen nur die Preisschilder. Um die Stuhllehnen hängen die offenen Handtaschen. Prall gefüllt mit Schmiere für Augenbrauen, Lippen, Visage und, ich dachte ich sehe nicht richtig, Vaseline. Das Büroleben muss wirklich unglaublich hart sein. Die Schreibtische sind teilweise nicht verblendet. Die Zwickelschau für die Chefetage könnte man fast schon mit einem Werbeaushang der Herberststraße in Hamburg vergleichen. Die Postengeilheit in diesem Büro scheint unübertroffen. Ich habe fast den Verdacht, die Frauen in der Herbertstraße sind klüger als die in dem Büro.

Eine scheinbare Ausnahme, anständig gekleidet und nicht verkleistert, winkt uns gerade zu ihrem Schreibtisch.

„Was wünschen Sie?“

Ich lege den Hefter auf den Tisch und sage ihr, wir kämen aus dem Raum Karl-Marx-Stadt. Unsere Gaststätte haben Alteigentümer wieder bekommen und wir wurden gekündigt.

„Die Kündigung ist nicht rechtens.“

„Wie soll ich das verstehen?“

„Naja. Die Familie Elias hat das Objekt nicht wieder bekommen. Sie wurden nicht von der DDR enteignet.“

„Verstehe ich die Welt richtig? Die Enteignung 1933 war rechtens?“

„Naja. So ist erst Mal das Gesetz.“

„Damit ist die Familie schon das zweite Mal enteignet worden. Sind es die gleichen Enteigner wie damals?“

„Was suchen Sie jetzt konkret. Eine Gaststätte?“

„Wenn es geht, nicht zur Pacht sondern in Besitz. Ich habe kein Vertrauen in die neuen Besitzer.“

„Sie wollen also kaufen.“

„Das wäre, glaub ich, der idealste Schritt.“

„Ich liste Ihnen bis morgen alle Objekte in Ihrer Umgebung mit dem Verkaufspreis auf. Ist ihnen das recht?“

„Wie läuft das dann weiter?“

„Damit gehen Sie zu einer Bank und beantragen das Darlehen für den Kauf.“

„Kennen Sie irgendein Hotel hier in der Nähe?“

Sie kommt gewaltig ins Lachen.

„Im Umkreis von hundert Kilometern werden Sie kein Hotel finden.“

„Und wenn doch?“

„Eine Nacht in dem Hotel, in dem ich schlafe, kostet 550.-DM. Das ist kein Palast.“

„Ich schätze, das Hotel hat schon einen Westbesitzer.“

„Bis morgen. Auf Wiedersehen.“

„Wo schlafen wir heute?“, fragt mich Joana.

„Wir müssen mal schauen. Ich habe mehrere Kollegen, die mit mir an der Trasse gearbeitet haben. Die rufen wir an.“

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Beim Betreten des Büros kommt uns eine Wolke entgegen, die Joana sofort dazu zwang, sich die Nase mit dem Taschentuch zu bedecken. Saufen die das Kölnisch-Wasser schon literweise? Dabei sind diese Gestalten total verschmiert. Ich dachte, ich stehe in Hamburg auf dem Strich. Wer malt diese Kreaturen an. Der Plakatanbringer einer Litfaßsäule? Nehmen die vierziger Rasierpinsel für den Kleister?

„Wir sind hier, weil wir eine Gaststätte suchen.“

„Hier ist die Liste aller uns zur Verfügung stehenden Objekte.“

„Haben Sie auch eine Liste aus unserem Kreisgebiet? Ich möchte nicht den Bekanntenkreis wechseln.“

„Die Gesamtliste ist nach Verwaltungseinheiten sortiert. Sie müssen nur Ihre suchen.“

„Wo muss ich dann den Antrag abgeben?“

„Hier in Chemnitz.“

„Sie meinen Karl-Marx-Stadt?“

„Wie Sie das nennen, ist mir egal. Bei mir heißt das Chemnitz.“

„Dazu hab ich nur die Frage. Sie verwechseln nicht zufällig den Campingplatz bei Großkotzenburg mit Karl-Marx-Stadt? Kommen Sie aus diesem Kaff.“

„Ich habe jetzt Termine.“

„Mit dem Wollmantel vor der Tür?“

„Auf Wiedersehen.“

Der Hefter war etwa zehn Zentimeter dick. Woher wissen die von einem Tag auf den anderen, welche Objekte von der Treuhand verschachert werden sollen? Die Liste muss, bei dem Arbeitstempo dieser dummen, leichten Damen, schon vorher geschrieben worden sein. Die Kreatur dort Drinnen jedenfalls, wusste weder, von welchem Kreis wir reden noch Irgendetwas von den Objekten.

Wir blättern in dem Hefter und finden, man glaubt es kaum, unsere alte Gaststätte darin. Joana fragt mich besorgt, was hier los ist.

„Ich weiß es auch nicht.“

Wir kommen auf die letzten Seiten dieses Kataloges. Dort steht beschrieben, wie wir uns um ein Objekt bewerben sollen. Wir bräuchten eine Machbarkeitsstudie, eine Vermögensaufstellung, Darlehenszusagen von Banken und einen Businessplan. Das sollte von einem Steuerbüro, von vereidigten Wirtschaftsberatern und vereidigten Anwälten ausgefertigt werden. Natürlich von Westdeutschen, zu deren Kosten.

Strohdummes, versoffenes, verhurtes Gesindel sollte uns beraten, wie wir eine Wirtschaft in der DDR zu führen haben. Die haben das nicht kostenlos gemacht. Joana sah schwarz für unsere Zukunft in Deutschland. Etwas Hoffnung hatte ich noch.

„Wir fahren nach Berlin und versuchen dort unser Glück.“ Ich dachte, auf die Provinz haben sie die Unfähigsten geschickt.

Unsere Nachbarin Julia, die in der Brauerei arbeitet, möchte uns den Trabi abkaufen. Ein anderes Auto kann sie nicht fahren, sagt sie. Sie bietet uns sieben tausend Westmark. Das waren praktisch vierzehntausend Mark. Wir werden uns schnell einig. Das Auto ist jetzt weg. Wir sind Fußgänger. Zu der Zeit scheint das ein Nachteil zu sein.

Just an dem Tag ruft mich meine Mutter an und sagt, sie hätte jetzt ein Westauto. Der Wartburg von ihr ist jetzt frei. Die Freude ist groß. Wir brauchen jetzt dringend ein Auto. Ein Auto, Westgeld und schon kann der Kampf um eine Gaststätte beginnen. Wir treten jetzt gegen Mitbieter an, die ihre eigenen Bürger im Westen schon anständig beraubt haben und gegen Glücksritter. Selbst vorher ausgereiste DDR Bürger finden plötzlich ihre Heimat wieder attraktiv. Sie spielen sich jetzt als kenntnisreiche Westdeutsche auf. Alte Bekannte grüßen sie auf einmal wieder. Sie heucheln eine Gemeinsamkeit.

„Wir kommen ja von hier.“

Sie sagen nicht, „im Westen ist mein Traum zerplatzt und Alles ist schief gelaufen.“ Das wäre ja ein Offenbarungseid an ihre verlogenen Ausreisegründe. Sie spielen jetzt Chef. Sie sind etwas Besseres und reichlich überheblich. In dem Umfeld wird es wirklich schwer, den Boden zu behalten. Dank Joanas Eltern und ihrer Geschwister, blieben wir auf dem Boden.

Auf der Fahrt nach Berlin ärgern wir uns, mit dem Auto gefahren zu sein. Selbst unsere Feldwege waren in einem besseren Zustand als die Wege dort, die sie Straße nennen. Endlose Staus und an jeder Ecke mindestens ein Unfall. An den Straßenrändern stehen nahtlos Nutten, die mit Polizisten ums Schutzgeld schachern. Unsere Parks verkommen zu Bumsecken. Besucher laufen dort bereits flächendeckend auf gefüllten Parisern. Erde ist dort keine mehr zu sehen. Vor jeder Toilette steht irgendeine Mafia und will selbst für kleine Geschäfte, drei Mark. Ein Jahr, und aus einer wirklich schönen, sehenswerten Kulturstadt, wird ein mit Nutten und Kriminellen verseuchtes Drecksloch. Ich frag mich, wer in diesem Umfeld ein Geschäft machen möchte. Das, was wir in amerikanischen Filmen zu sehen bekamen, ist Wirklichkeit geworden.

Ausgerechnet im Haus der DDR Ministerien siedelt sich eine Verbrecherorganisation an, die schon in früheren Reichszeiten für Millionen Zwangsarbeiter sorgte. Schon beim Betreten der mir bekannten Flure, begegneten uns wieder die dunkelblauen Wollmäntel. Dieses Mal, massenhaft. Alle mit kantigen Aktentaschen der gleichen Marke. Und diese gewissenlosen Kreaturen, wollen über unsere Menschen der Volkskammer oder des Politbüros lästern. Das ist, als würde sich stinkendes Abwasser über die Vorrichtung beschweren, die es geruchslos beseitigt.

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Die Suche


Die Suche

Wir hatten also ab jetzt, die Möglichkeit, reichlich Fehler zu begehen. Der Rat mit der Treuhand war an sich nicht schlecht. Die Treuhand wurde in der Bezirkshauptstadt eingerichtet. Für uns war das Karl-Marx-Stadt.

In diesen Tagen wurden über Nacht, Millionen DDR Bürger arbeitslos. Lohnzahlungen blieben aus und verschwanden. In der Nacht fuhren tausende Lastwagen durch das Land in Richtung Westen.

Darauf waren unsere Maschinen und Fabrikeinrichtungen. Darunter modernste Technik.

Unsere Großeltern fragten bei unserem Besuch, ob die Russen wieder da seinen.

„Nein. Es sind angeblich unsere Landsleute.“

„Und die klauen unsere Maschinen?“

„Ja. Das haben die doch auch in der Sowjetunion gemacht. Offensichtlich können die sich nicht von ihren Gewohnheiten verabschieden.“

„Das geht nicht gut aus!“

Vor nahezu jeder Haustür standen Kriminelle aus dem Bruderland. Sie boten Zeitungsabonnements, Versicherungen, Tauschgeschäfte, bösartige Kredite und reine Betrugsartikel. Nach DDR Recht, wären über Nacht sämtliche Gefängniszellen der DDR, nachhaltig ausgebucht mit diesem Gesindel. Im Arbeitseinsatz hätten diese Lumpen unsere Braunkohletagebaue komplett begrünen können. Selbst Banken mutierten zu reinen Betrugsgesellschaften. Wahrscheinlich sind auch Banken dabei, die schon die UdSSR im Zeiten Weltkrieg beraubten. Traditionsbanken nennen die sich auch noch.

Wir fuhren also zu einer Filiale der Treuhand in unsere Bezirkshauptstadt. Einen Ruhetag hatten wir noch. Und den wollten wir sinnvoll verbringen.

Die Filiale ist ausgerechnet in einem Betrieb untergebracht, den wir von unseren Hygiene- und Reinigungsmitteln her kennen. Die Arbeiter dieser Firma sind jetzt arbeitslos. Sie dürfen jetzt die Grünanlagen davor pflegen, die wir bei unseren Subbotniks dort anlegten. Schade. Die Berberitzen haben nicht deren Einzug verhindern können. Wir betreten den Tempel und werden schon beim Empfang im Westjargon bedient. Jetzt reden wir nicht mehr mit unseres Gleichen. Im Wartesaal des Gebäudes treffen wir viele Kollegen und ihre Familienmitglieder. Sie sind teilweise empört über den Umgangston in diesen Stuben. Gelegentlich kommen aus dem Paternoster Typen mit weißem Hemd, schräg gestreiftem Schlips und dunkelblauem Wollmantel.

„Was ist das für eine Uniform?“, fragt mich Gerd, ein Kollege aus dem Nachbarort.

„Gestapo?“, fragt Jens aus dem Jugendclub eines anderen Nachbarortes. Er lacht noch dabei. Eine Stunde später war ihm das Lachen vergangen. Sein Club wurde verschenkt. An ein Anwaltsbüro.

„Den Club habt Ihr doch erst frisch gebaut“, sagt Joana zu ihm.

„Wir sind gerade fertig geworden. Auch mit unserer Wohnung oben drüber“, antwortet Agnes, die Frau von Jens.

„Dann musst Du aber schnell aufräumen. Wenn die Dein kommunistisches Agitationsmaterial finden, wird es richtig lustig.“

Unsere Jugendclubs waren auch FDJ – Treffpunkte und Schulungszentren. Die FDJ war im Westen immerhin verboten. Die hatten eben keine braune Hemden. Nur blaue.

„Wenn die unsere Unterlagen finden, werden sie vielleicht auch Menschen“, antwortet Jens lachend.

„Sind das DDR Anwälte?“

„Nein. Alle vom Westen.“

„Aha. Das Unrecht hält Einzug mit Unrecht. Dann erwarte ich auch bei unserem Ansuchen, kein Recht.“

„Was willst Du hier?“

„Wir brauchen eine neue Gaststätte. Vielleicht können wir etwas DDR Kulturgut retten.“

„Da sehe ich schwarz bei den neuen Herrschaften.“

„Naja. Du musst jetzt auch neu suchen.“

„Das wird eine finstere Zeit, denke ich.“

Fortsetzung folgt