Fortsetzung Der Wandel


Plötzlich wollen die ganzen verkappten Gastwirte des Westens ein Geschäft machen. Sie wollen ihre herunter gewirtschafteten Mühlen teuer verschleudern oder unter verpachten. Auf DDR Gastwirte wartet ein Heer von Kriminellen. Angefangen bei Geschirrvertretern. Gefolgt von Anzeigenvertretern und nicht zuletzt, von Kreditvermittlern. Von einem Tag zum anderen, tritt vor unsere Türen der gesamte kriminelle Abschaum dieser Erde. Begleitend dazu, hat man auch gleich die DDR Gesetze beseitigt. Freie Fahrt für westdeutsche Kriminelle. Die umfassende Plünderung durch ein kriminelles Gesindel kann also beginnen. Das nennt sich dann in ihrem Deutsch, Wirtschaftswunder. Selbst aus der Schweiz und Holland kommen Vertreter, die sich anbieten, Gewinne oder Bargeld ins Ausland zu transferieren. Sagen wir einfach Klauen dazu. Vater ist fast am Verzweifeln. „Wenn ich die Tür öffne, steht immer ein Verbrecher davor!

Für dieses abscheuliche Gesindel hast Du ein Leben lang gearbeitet.“ Vater hat früher anders vom Westen gesprochen. Ein Tag, und er ist nachhaltig geheilt.

Gastwirtschaften sind eigentlich Gebäude mit einer offenen Tür für Gäste. Wenn diese Gäste ausnahmslos aus Verbrechern bestehen, ändert sich auch die Einstellung der Gastwirte. Ab genau dem Tag, sind sie keine Gastwirte mehr.

Die DDR steht also jetzt zum Verkauf. Die Kammer unterrichtet uns, wir könnten jetzt unseren Betrieb retten, in dem wir ihn kaufen. Es gibt jetzt eine Treuhand. Schon der Name müsste jeden DDR Bürger nachhaltig erschrecken. DDR Bürger bestehen zum großen Teil aus Bürgern der Gebiete, die schon unter Hitler besetzt waren. In Folge des verlorenen Angriffskriegs wurden unsere Eltern und Großeltern umgesiedelt. Das war natürlich eine Enteignung. Und genau diese Enteignung erleben diese Leute jetzt das zweite Mal. Nicht etwa durch die medial verhassten Kommunisten. Nein. Es waren die alten Herren der früheren Jahre. Kriminelle und Völkermörder.

Unsere Kammer empfahl uns also, auf die Treuhand zu gehen und dort um ein Objekt anzusuchen.

Fortsetzung Der Wandel


Auf der Heimfahrt überholen uns wieder Autos mit irren Geschwindigkeiten. Ein Stau an einer unübersichtlichen Stelle und der Fahrer nebst Opfern ist fällig. Auf der Autobahn können wir die Gewissenlosigkeit von den Kriminellen nachvollziehen. An drei Stellen stehen weinende Leute am Rand neben Schrott. Särge sind auch dabei. Das ist feinster Aufbau – Ost. Zumindest für das Beerdigungsgewerbe. Mich würde jetzt nicht wundern, wenn die DDR Beerdigungsunternehmen plötzlich Westpartner hätten.

Zu Hause angekommen, erwartet uns eine Überraschung der besonderen Art. Elias ist da mit Familie. Jürgen und Andrea sind bei ihnen. Andrea kommt zu mir und sagt, sie würden mit Elias zusammen ein Hotel bauen wollen.

„Was bedeutet das für mich?“, frage ich sie.

„Ja. Wir haben Eigenbedarf und möchten den Pachtvertrag auflösen.“

Und ich habe gerade erst Geld ausgegeben für Einrichtungen. Das fehlt mir noch.

„Kauft Ihr mir die Einrichtung ab?“

„Nein. Wir reißen die Gaststätte ab.“

Naja. Ich stehe nur im Verlust. Aber wenigstens schuldenfrei.

Unsere Währung ist halbiert worden. Die Schulden auch. Das ließ sich jetzt aus dem Portemonnaie bezahlen. Wir sind also über Nacht, blank.

„Was ist mit der Wohnung und den neuen Möbeln?“

„Wir brauchen die nicht. Die kannst Du abholen.“

Was machen wir jetzt? Ziehen wir zu meiner Mutter? Zu Joanas Eltern ins Kinderzimmer?

Zuerst rufe ich die Brauerei an und frage, was wir mit der Ware und den Rechnungen tun.

„Wir holen das ab. Offene Rechnungen hast Du nicht. Wir haben aber ein Angebot für Euch. Komme einfach mal vorbei.“

Ein Hoffnungsschimmer zeigt sich. Wir verabreden uns auf den kommenden Tag. Die Nacht war für mich keine ruhige. Joana konnte auch nicht schlafen. Wir saßen zusammen und rätselten, was wir tun können. Neben dem Brauereibesuch, wollen wir zunächst unsere Kammer anrufen, wie das nun weiter gehen soll.

Am kommenden Morgen rufe ich an und erbitte einen Termin.

„Sie sind einer von Zehntausend, die gerade anfragen.“

Ich habe wirklich nicht gewusst, dass wir so viele Kollegen haben. Der Termin fällt dementsprechend spät aus. In einem Monat. Darauf werden wir wohl verzichten müssen, schätze ich. Das dauert zu lange. Wir brauchen etwas zum Leben.

Das Angebot der Brauerei hört sich da etwas besser an. Unsere Brauerei hat plötzlich eine Partnerbrauerei aus Bayern. Irgend Jemand muss ja die Gewinne klauen. Der Brauereichef bietet uns eine Pachtgaststätte in seinem Ort an. Die würde gerade frei werden. ‚Wenn der uns eine Gaststätte anbietet, gibt es sicher noch Gaststätten in anderen Gegenden‘, denke ich mir. Wir kaufen also Zeitungen und lesen die Anzeigen. Und siehe da, der gesamte Westen sucht Gastwirte. Und das ausgerechnet in der besetzten DDR. Wenn das kein Plan ist, was dann?

Fortsetzung folgt

Fortsetzung Der Wandel


Irgendwie bin ich nach meinem Vater gekommen. Der hatte ein Leben lang, eine Lederjacke an. Mutter hat ihn oft wegen dieser bäuerlichen Sparsamkeit kritisiert. Obwohl er die anfangs nicht mochte, hatte er die gleiche Gewohnheit wie unsere Genossen. In der DDR war eine Lederjacke ein Sparziel der besonderen Art. Für den Preis bekam ich locker ein gutes Moped von Simson. Ich kann jetzt nicht mit genauer Präzision sagen, was von Beiden länger hielt. Vaters Jacke jedenfalls, schien unverwüstlich.

Genau das war jetzt auch der Suchgegenstand bei unserem ersten Westbesuch. Das Angebot war groß, aber nicht in allen Größen. Wir waren es gewohnt, von einem Produkt die volle Größenpalette angeboten zu bekommen. Dadurch hat sich oft der Eindruck aufgedrängt, es gäbe eben nur dieses Produkt. Hier stehen vor mir Verkäufer, die sagen: „In Ihrer Größe haben wir das nicht. Wir können Ihnen das aber bestellen.“ Und schon sind wir wieder bei Mangelware und Lieferzeiten. Komisch. Der Vergleich drängt sich bei jeder Gelegenheit, unwiderstehlich auf. Die Westpropaganda ist so tief sitzend und verlogen, dass sie einem einfach nicht aus dem Sinn geht. Von wegen, „volle Regale“. Ein einziger Einkaufstag reicht, um uns von einer großen Lüge zu heilen.

Nun soll es nach München gehen. Wir haben es satt in dem stinkenden Kaff. Wir gehen zum Parkplatz und bekommen gleich eine völlig neue Art von Belästigung gezeigt. Auf unserer Autoscheibe kleben neben zehn Werbezetteln, ein Busgeldbescheid. Wir hätten die Parkzeit überschritten. Das sollte unser gesamtes Restbudget verschlingen. Joana nimmt den Zettel und schaut in die Runde. Und siehe da, unweit geht eine nicht unterernährte Tante mit einem großen Vorrat an Zetteln, zwischen den Autos spazieren. Joana geht zügig hin zu der Zosse, die kaum ohne Berührung zwischen den Autos durch kommt. Sie poliert mit ihrem Riesenhinterteil die Heck- und Frontpartien der Autos.

„Was soll das? Was haben wir falsch gemacht?“

„Das ist ein Parkplatz mit Zeitbegrenzung. Sie haben keine Parkuhr.“

Joana ruft mich. Ich frage die Zosse, ob es eventuell mal eine Ausnahme gibt, weil wir das nicht kennen. Die Zosse bleibt stur. Warum arbeitet die nicht in der örtlichen Brauerei und rollt Fässer? Sie will dreißig DM.

„Hab ich nicht“, sage ich zu ihr.

Sie nimmt den Sprechfunk und ordert einen Kollegen an.

„Die wollen uns wohl verhaften hier?“, fragt mich Joana.

„Sieht so aus.“

Der Kollege von der Zosse kommt. Er sieht etwas freundlicher aus, hat aber auch gelbe Augen und eine rote Nase.

„Lass die Zwei gehen. Die haben Nichts gemacht“, sagt er zu der Zosse.

„Hat es Ihnen bei uns gefallen? Wo soll es denn hingehen?“

„Wir wollten eigentlich noch nach München“, antwortet Joana.

„Die Autobahn ist gesperrt. Da war eine Massenkarambolage.“

„Gibt es Umwege?“

„Ja. Die Regensburger Autobahn. Aber auf der werden Sie auch nicht vorwärts kommen.“

„Danke.“

Wir suchen schnell eine Telefonzelle, um in München anzurufen. Der Besuch muss abgesagt werden. Jonas in München ist nicht begeistert. Er hätte schon Alles eingekauft. Die Zwei wollten natürlich glänzen vor uns. Dem entsprechend groß, wird der Einkauf gewesen sein.

Wir konnten beim besten Willen nicht ahnen, dass im Westen eine Reise von Hof nach München, zwei Tage dauert. In der Zeit haben mich Russen per Bahn durch die halbe Sowjetunion befördert.

Leider konnten wir nicht mit der Westbahn fahren. Dafür hätten wir einen beachtlichen Kredit benötigt.

Irgendwie war der Plan auch zu kurz durchdacht. Wir hätten unterwegs tanken müssen. An eine Panne oder gar einen Unfall, wollte ich gar nicht erst denken. Also, kehren wir um. Die Schule der Reisefreiheit hat umgehend gewirkt.

Auf dem Nachhauseweg sind wir noch in unsere Autobahnraststätte gegangen, um wenigstens Etwas zu essen. Zu vernünftigen Preisen. Ich glaube fast, das war unser letztes Schnitzel für unter fünf Mark in einer Raststätte. Wir hätten das fotografieren sollen.

Fortsetzung folgt

Der Wandel


Über die Wochen entwickelte sich unser Betrieb immer besser. Der Straßenverkauf ging etwas zurück. Die Themen am Stammtisch drehten sich immer mehr um die Wiedervereinigung. Jeder prahlte am Stammtisch mit ein paar Westmark. Die Gäste erzählten sich untereinander, was sie von ihrem ersten Westgeld gekauft haben. Die Urlaubsplanungen unserer Stammgäste klangen für uns utopisch.

Für uns lag erst Mal ein Besuch der Familienmitglieder an. Immerhin haben wir sie jahrelang nicht gesehen. Dazu wollten wir jetzt endlich Westgeld sehen. Es war einfach keine Zeit für einen Besuch.

Wir setzten uns in den Trabi und fuhren los. Bewaffnet waren wir mir einer Landkarte der DDR. Selbst unser Land war uns zu diesem Zeitpunkt, teilweise fremd. Es gab sehr viele Gebiete, in denen wir noch nicht waren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es bei uns Leute gibt, denen es bei uns zu eng geworden sein soll. In unserer Familie leben Bauern, die selten über die Kreisgrenzen hinaus kamen. Eine Fahrt in den Nachbarbezirk oder gar in die CSSR, war eine Weltreise für sie. Weite Reisen waren bei uns etwas für Prahler. Denen hörten wir schon gern zu. Selten kam der Wunsch auf, es ihnen gleich zu tun.

Erzählte ich ihnen etwas von der Sowjetunion, aus Sibirien, wo ich gearbeitet habe, wurden die Ohren spitz. Als Tourist sieht man sein Gastgeberland aus einem anderen Blickwinkel. Man sieht die Fassade. Nicht das soziale Leben der Gastgeber.

Wir fuhren über die Autobahn. Es war reichlich Betrieb. Unsere Volkspolizei stand überall. Sie führten reichlich Geschwindigkeitskontrollen durch. An ihren Standorten, den Parkplätzen, befanden sich fast ausnahmslos Westautos mit Westnummern.

In der DDR gab es für Vergehen im Verkehr, Stempel. Viel Spielraum hatten wir nicht. Beim fünften Stempel war Schluss mit Lustig. Bei Alkohol, egal in welcher Menge, war sofort Spazierengehen angesagt. Bei recht viel Alkohol, hatte der Betreffende auch genug Zeit, an unserem Aufbauprogramm teilzunehmen. Wir hatten genug Plätze in der DDR, an denen Sand gesiebt oder Ziegel geformt werden konnten. Es gab auch genug Waldschäden durch Stürme, die dringend beseitigt werden mussten. Zu guter Letzt, standen uns auch reichlich Tagebaue zur Verfügung, wo jede hilfreiche Hand benötigt wurde. Das Betätigungsfeld für Sünder jeder Art war praktisch endlos.

Wir fuhren an unseren Rastplätzen vorbei in Richtung Grenzübergang Vogtland. Die Autobahn war in einem recht erträglichen Zustand. Teilweise neu gemacht mit Betonguss. Unser Trabi fuhr einhundert und zehn Stundenkilometer. Die mit Bitumen gefüllten Stöße der Fahrbahnplatten störten uns kaum. Obwohl wir während der Fahrt, keinen Kaffee trinken konnten. Dafür haben wir angehalten. An uns rauschten gelegentlich große Westkutschen vorbei. Deren Scheiben waren teilweise abgedunkelt. Das erste Mal sahen wir eine Gesellschaftsschicht, die Angst hatte vor der anderen. Und das ziemlich zahlreich. Wir kannten keine Autos mit schwarzen Scheiben. Kann man durch die Scheiben sehen? Oder, wollen die Nichts sehen? Die kleine Reise sollte ziemlich interessant werden. Auf den paar Kilometern bis zur Grenze, durften wir sechs Unfälle registrieren. Das ist pro zehn Kilometer, einer. Wenn das der neue Durchschnitt wird, brauchen wir uns nicht wundern, dass deren Autoindustrie floriert. Die brauchen tatsächlich die vielen Autos, weil sie nicht fahren können.

An der Grenze stehen unsere Grenzer und winken uns freundlich durch. Auf der Gegenseite müssen wir uns schon ein paar Beleidigungen anhören.

„Was ist der Grund Ihrer Reise?“

Ich frag mich, ob der schon aufgewacht ist. Der wirkt auch nicht gerade nüchtern. Er hat gelbe Augen und eine ziemlich rote Nase.

„Sie haben uns Reisefreiheit versprochen.“

Das war dem zu frech.

„Öffnen Sie mal den Kofferraum. Was haben Sie da drinnen?“

„Fließen.“

Jetzt lacht der Trottel auch. „Mangelware.“

Kurz nach der Grenze kommen wir nach Hof. Die Straßen waren ziemlich gut. Die Häuser waren in einem schlimmeren Zustand als in unseren zerbombten Städten. Es stinkt fürchterlich. Feucht und muffig. Wenn uns das erwartet, danke

vielmals. So riecht es nicht mal im unteren Elbetal wie hier. Das Einzige, das in diese traurige Gegend etwas Farbe bringt, sind Werbeplakate. Und die, gibt es hier reichlich.

Fortsetzung folgt

Fortsetzung Joana als Wirtin


Wir sitzen am Stammtisch zusammen mit Joana und vertreiben uns die Zeit mit ein paar Erinnerungen. Vor der Gaststätte stehen wieder Fotografen. Sie fotografieren unser Lokal.

‚Was gibt es hier schon zu fotografieren‘, denk ich mir.

Die Tür geht auf und vier Leute kommen herein. Eine Familie, wie es aussieht. Die zwei Jüngeren werden begleitet von zwei ziemlich alten Personen. Die Jüngeren helfen den Alten aus der Jacke. Alle setzen sich.

Joana geht hin, um sie zu fragen, was sie möchten.

Sie bestellen Kaffee und fragen, welchen Kuchen wir anzubieten haben. Zum Glück haben wir nicht Alles gegessen. Joana kann Etwas vorweisen. Unsere Gäste nehmen die Windbeutel, Liebesknochen und ein paar Stücke Kirmeskuchen.

„Der Kaffee ist gut. Ich nehme noch ein Kännchen.“

„Reicht Ihnen der Kuchen“, fragt Joana.

„Der ist sehr gut. Den Bäcker kennen wir“, sagt der Opa am Tisch. Er ist sicher um die Achtzig.

Kurt sitzt noch am Stammtisch und gibt ein paar Geräusche von sich. Ich habe es nicht verstanden. Der Opa am Tisch, schon. Er schaut, schaut nochmal, steht auf und geht zum Stammtisch.

„Kurt, bist Du es?“

„Mischa, äh Elias. Schön, Euch mal wieder zu sehen.“

„Karl“, sagt Kurt, „das waren mal die Besitzer Deiner Kneipe.“

„Ich bin jetzt etwas überrascht.“

„Nebenan, das ist ein Kino. Das gehörte dazu.“

„Ich dachte, unser Kino ist unten im Kulturhaus.“

„Früher war das hier. Das ging gut.“

„Das war immer voll“, sagt Elias.

Seine Frau bekommt feuchte Augen. Joana gibt ihr eine Serviette. Sie stellt sich mit Zine vor.

„Wir sind hier enteignet worden. Nicht von den Kommunisten. Von den Faschisten.“

„Wollen Sie das wieder haben?“

„Wir haben es beantragt“, sagt Elias.

Wir unterhalten uns noch etwas. Unsere Gäste möchten auch Abendbrot essen. Der nicht mehr so junge Sohn, eigentlich auch fast ein Rentner, möchte gern noch das Haus anschauen. Wir gehen zusammen eine Runde durchs Haus.

„Hier hat sich Nichts geändert. Sehr schön. Genau so, wie Vater es gebaut hat.“

„Ins Kino kann ich leider nicht rein. Wir müssten Andrea fragen.“

Die Runde ist recht lustig und die Geschichten stimmen mich trotzdem nachdenklich. ‚Wie kann ein Mensch, nach so einem Grauen, so lustig davon erzählen.‘

„Sie waren im Ort sehr beliebt unter uns Bergleuten. Wir haben ihnen Nichts getan“, sagt Kurt.

Elias entkräftet etwas die Aussage. „Ein paar Verräter gab es schon zu der Zeit.“

Joana versucht mit der Frage: „Darf es noch Etwas sein?“, einen Streit zu verhindern.

Das war nicht notwendig. Elias sagt, Kurt und seine Kollegen hätten dafür gesorgt, dass die ungeschoren weg kommen. Die Kneipe und das Kino waren sie trotzdem los. Auch die Wohnung samt Inhalt. Ihre Eltern haben es nicht geschafft. Sie wurden später gegriffen.

Wir gehen nicht genauer darauf ein.

Kurt möchte nach Hause. Der Abend ist so gut wie gelaufen. Die anderen Stammgäste verlassen uns auch gruppenweise. Es wird stiller. Ein Nachbar , der Krankenwagenfahrer, ist noch da. Seine Eltern kennen die Altwirte auch noch persönlich. Er soll sie recht lieb grüßen von den Vieren.

„Wir kommen bei Gelegenheit wieder“, sagt Zine zu mir. Sie wirkt etwas abwesend. Der Sohn hat sich noch nicht vorgestellt. Seine Frau auch nicht. Sie stellen sich bestimmt das nächste Mal vor.

Joana sagt zu mir: „Das klingt nicht gut.“

„Kommt Zeit, kommt Rat“, antworte ich ihr.

Fortsetzung Joana als Gastwirtin


Praktisch verging kaum ein Tag ohne Trauerfeier. Das wurde langsam zu unserem Stammgeschäft. Trauerfeiern wurden in der DDR ziemlich üppig gefeiert. Wir haben den Hinterbliebenen unserer Stammgäste natürlich auch den gefüllten Umschlag gegeben. Damit wurde der Kauf des Grabsteines gestützt und ein angemessener Respekt bezeugt. Ich will jetzt nicht behaupten, dass ich als Gastwirt die helfende Hand des Abganges war. Obwohl mir manchmal der Verdacht unterlief. Auf alle Fälle, war ich der Ersatz für einen Pfarrer. Bei den Lebenden genauso, wie bei den Toten. Viele meiner Stammgäste bekamen am Stammtisch einen Platz nach ihrem Ableben. Ihre Bilder wurden langsam zu einer Galerie der Unvergessenen. Zwei meiner Stammgäste waren in Spanien. Andere an der Ostfront. Auf beiden Seiten. Und genau diese Bilder säumten meinen Stammtisch. In meinen Augen, war das die Galerie von Helden. Die haben unser Land wieder aufgebaut und uns erzogen.

Immer öfter kamen Westautos. Vor allem, an Wochenenden. Meist waren es Familienangehörige von Ortsansässigen. Selbst ganze Familienfeiern wurden in den Osten verlegt. Das war billiger für die Westler, die uns abfällig mit Osten beleidigten. Bei den Tauschsätzen. Die haben praktisch für das eh preiswerte Bier, ein Viertel bezahlt. Es war damit billiger als sie und ihre Preise in den Kaufhallen. Büchsenbier war praktisch nur noch eine Geschenkgabe in den verhungerten Osten. Wir sammelten auch noch die leeren Büchsen. Damit wurden wir schon zeitig zur Müllgrube des Westbesuchers. Die Sammelwut ließ blitzartig nach.

Mit den Westbesuchern kamen auch reichlich Leute mit Fotoapparaten. Als Hobbyfotograf wunderte ich mich, warum die ausgerechnet Häuser und Motive wählten, die kaum einen Fotografen interessieren. Zu der Zeit, kam ein entwickeltes Foto, zwei Mark. Und die Filme waren auch nicht gerade billig. Kurt gab mir den Hinweis. „Die haben hier mal gewohnt. Die sind nach dem Krieg in den Westen gegangen.“

„Was? Was wollen die hier?“

„Das ist die Familie, denen mal Deine Gaststätte gehörte. Ich glaub, das sind Juden.“ Kurt neigt etwas zur Spekulation. Er glaubt, die Leute zu erkennen.

„Die wurden von Adolf enteignet.“

„Wieso sind die dann in den Westen gegangen?“

„Propaganda bewirkt Wunder, Karl. Jeder sucht sich seinen Henker selbst.“

Kurt wirkt etwas bissig.

„Ich hab bissl Hunger. Mach mir mal ne Scharfe Sache.“

Die „Scharfe Sache“ war eine Kreation meiner Mutter. Es war Schweinebraten, kalt, auf einer doppelten Schwarzbrotschnitte, die mit Senf bestrichen, mit Meerrettich und saurer Gurke gefüllt wurde. Das Gericht hatte ich in meine Gaststätte mitgenommen. Das Gericht wurde mit Schweinebraten der Keule kalkuliert und mit Braten der Schulter serviert. Auf diese Art, konnte ich mir ein paar Pfennige extra verdienen. Zumindest gab es mir die Möglichkeit, meine Verluste zu verringern. Die Kontrolleure der ABI haben das großmütig übersehen. ABI war die Arbeiter- und Bauerninspektion, welche die Preise und ihre Einhaltung kontrollierten. Die ABI bestand zu achtzig Prozent aus Frauen. Mit denen war kein gut Kirschen essen. Die waren unbestechlich. Trotzdem waren die Frauen realistisch. Verluste konnte ich ihnen gut erklären. Alles lag im Rahmen.

Kurt aß langsam. Er hatte erst frisch einen Stiftzahn bekommen. Den soll er noch etwas schonen, sagt er. Kurt kam fast täglich. Er trank immer ein Bier. „Gemütlich“, sagt er. Mit einem Bier ist der halbe Liter gemeint. Zu besonderen Anlässen, genehmigte er sich einen Kirschlikör. Heimlich, wenn er allein bei mir war, durfte es auch ein Eierlikör sein. Vor seinen Kollegen schämte er sich, das Weibergetränk zu konsumieren. Joana gab ihm manchmal ein Stück Kuchen vom Bäcker. Kurt war ein heimlicher Süßhahn. Seit Joana bei mir ist, bleibt er länger. Seit einem Jahr, ist er allein zu Hause. Seine Frau, Berta ist gestorben. Sie war auch eine Spanienkämpferin. Sie war aus dem Ruhrpott und ist nach dem Krieg bei Kurt geblieben. Berta trug immer das Abzeichen der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft am Revers.

Fortsetzung folgt

Die Grenzöffnung


Die Grenzöffnung

Unser Stammtisch ist leer. Zwei alte Bergmänner sitzen bei uns und wir reden von der offenen Grenze.

„Das bringt nichts Gutes!“, säufst Kurt. „Ich muss da nicht hin. Die haben Angehörige meiner Familie jahrelang eingesperrt, weil sie Kommunisten waren.“

„Du bist doch gar kein Kommunist, Kurt.“

„Ich habe die Vereinigung mit der SPD nicht mit gemacht.“

„Ja. Aber Du bist ja Verfolgter des Naziregimes.“

„Mich graust bei der Vorstellung, die kommen jetzt ungestraft hier her.“

Joana hat Kurt einen Kirschlikör ausgegeben. Kurt trinkt keine harten Schnäpse. Er, mit seiner Bergmannslunge, kommt dabei fürchterlich ins Husten. Kurt hat mir immer seine Monatsration von Bergarbeiterschnaps verkauft. Ich habe den zu Kirschlikör gemacht. Schwarz. Das Zeug hat sich gut verkauft. Mitunter habe ich daraus mit Puddingpulver, Eierlikör hergestellt. Der verkaufte sich zeitweise, extrem gut in Schokobechern. Unsere Frauen waren verrückt nach diesem Gesöff. Viele Kollegen fragten mich neidvoll, woher ich die Schokobecher habe. Das war zeitweise Mangelware wegen der hohen Nachfrage. Jetzt, da Joana da ist, finde ich bisweilen die Zeit, ein paar Dutzend zu gießen.

In den kommenden drei Tagen konnten wir uns auf unseren Einzug konzentrieren. Andrea hat uns mit Jürgen zusammen, die Wohnung geräumt. Neben einem Bett, einem Schrank und dem Fernseher brauchten wir nicht viel für unsere erste gemeinsame Wohnung. Unser Leben spielte sich in den Gasträumen und beim Einkauf ab.

Zwischendurch fanden wir schon die Zeit, an unseren Ruhetagen im Sommer, baden zu gehen. Wie fast alle DDR Bürger, bevorzugten wir FKK. In unserer Nähe gab es reichlich Badeseen und Bäder mit diesem Angebot. Unser neues Auto war dafür das beste Bewegungsmittel.

Im Spätherbst fuhren wir eher in die CSSR, um uns da Dinge zu kaufen, die wir bei uns eher seltener fanden. Ölsardinen und Dorschleber waren bei uns Zweien eine beliebte Schmuggelware. Schon deshalb, weil wir die selbst gern aßen. An Ruhetagen fuhren wir nach Prag, in den Harz oder ins Erzgebirge.

Mit der Grenzöffnung änderte sich das. An den ersten drei bis vier Tagen gab es hundert kilometerlange Staus in Richtung Franken. Wir hatten mit dem Ruhetag nach der Grenzöffnung das Glück, nicht endlos im Stau stehen zu müssen. Es lag eine Woche dazwischen. Im Grunde wollten wir nur etwas Westgeld holen und dabei Land und Leute kennen lernen. An zwei Ruhetagen ist kaum mehr möglich. Bei uns am Stammtisch trafen schon die Ersten ein, die Drüben waren. Die Gesichter zeigten uns keine Begeisterung. Den Erzählungen nach, könnte das eher am Stau und den Warteschlangen vor den Geldausgabestellen gelegen haben. Das erste Mal in meinem Leben, hörte ich, wie DDR Bürger, Ihresgleichen schlecht machten. Ein Tag und die Gesellschaft war gespalten. Das setzte sich am Stammtisch rege fort. Wir wurden neugierig, was es da zu sehen gab, das so viel Streit auslöste.

Am Wochenende gab es wieder eine Trauerfeier. Unser Nachbar wurde beerdigt. Er wurde keine siebzig Jahre. Seine Kinder lebten im Westen. Sie waren zugegen.

„Wieso habt Ihr zwei Ruhetage? Unsere Gastwirte machen einen pro Woche.“

„Wir haben bei uns die Vierzig-Stunden-Woche. Sie nicht?“

Joana und ich waren schockiert von dieser Frechheit. Was glaubt dieser Trottel, wer er ist?

„Sind Gastwirte keine Menschen?“

Fortsetzung folgt

Joana als Gastwirtin


Weil Joana Verkäuferin gelernt hat, lag es uns natürlich am Herzen, dass sie die Bedienung und den Service übernimmt. Die Entscheidung war gar nicht so übel. Joana bekam einfach mehr Trinkgeld als ich. Zu aller Erst musste meine Joana lernen, Bier zu zapfen. Das Anschreiben und Abrechnen war ihr eine Leichtigkeit. Joana verlor auch nicht den Überblick. Zusehens spürten wir, der Beruf macht Joana extrem glücklich. Sie fand es einfach besser als im Laden zu stehen. Meine Gäste fanden das auch besser. Von einem Tag zum Anderen, war ich nicht mehr ihr Ansprechpartner. Sie verlangten immer Joana als Bedienung von mir.

Damit konnte ich mich endlich mehr um die Küche bemühen. Im Nu waren wir Gesprächsthema Nummer zwei im Ort. Also, kurz nach den aktuellen Neuigkeiten.

Unsere Staatsführung gab das alte Preisniveau teilweise auf. Wir Gastwirte bekamen plötzlich das Angebot, eine neue Preisstufe beantragen zu können. Wir sollten das neue Delikatsortiment in unsere Kalkulationen einfließen lassen. Das war natürlich auch abhängig von der Preisklasse. Ich konnte also nicht über Nacht, Champignons auf alle Gerichte schmeißen. Auf die Art, versuchten viele Kollegen, ihr Angebot etwas zu verteuern. Es lockte eine etwas größere Handelsspanne. Plötzlich gab es wieder endlos beliebte Likörsorten. Leider gab es wenig Nachfrage, bei den Preisen. Dafür gab es aber harte Diskussionen am Stammtisch. Joana konnte diese Diskussionen gut abmildern. Im Grunde blieb Alles beim Alten. Der Einkauf wurde für mich etwas komplizierter.

Neuerdings kamen zu uns unsere vietnamesischen Freunde. Sie hatten oft Dinge im Gepäck, die bei uns am Stammtisch ziemlich gefragt waren. Es entwickelte sich ein kleiner Zusatzmarkt. Sozusagen, Straßenverkauf mit Prämien als Zusatzangebot. Darunter waren auch Körpersprays aus dem Westen oder zumindest mit einem Westmarkenname. Unsere vietnamesischen Freunde hatten praktisch die Überschüsse der DDR Lizenzproduktion an den Mann gebracht. Die Produkte waren nicht billig. Zudem waren sie wirklich schwer absetzbar. In der DDR gab es Besseres zu günstigere Preisen. Aber damit wurde am Stammtisch eine Welle erzeugt, die ernstere Folgen provozierte. Ich bekam jetzt häufiger Besuch von unserer Volkspolizei auf der Suche nach Schwarzhändlern. Ich wurde auch erwischt beim Verkauf. Sämtliche Waren wurden konfisziert und ich durfte mir einige Tage lang, schwere Vorwürfe, Schulungen und Belehrungen anhören.

Die Volkspolizei war sehr engagiert, uns Sündenböcke nachhaltig aufzuklären.

Montags, zu unserem Ruhetag, fanden jetzt komische Versammlungen auf unseren großen Plätzen der Kreisstadt statt. Teile unserer Stammgäste luden uns zu so einem Treffen ein. Wir gingen einmal mit. Als Sprecher und Sprecherin stranden ausgerechnet Ärzte auf dem Podium. Und die schwätzten etwas von Demokratie. In einer Demokratie, von der die da schwärmten, wären sie nie Arzt geworden. Das verschwiegen die uns. Die Leute machten sich damit lächerlich. Die knapp zweihundert Zuhörer gingen kopfschüttelnd vom Platz. Wahrscheinlich wurden solche Treffen, wöchentlich abgehalten. Ehrlich gesagt, Gastwirte haben für so einen Stuss einfach keine Zeit. Mittwochs war das natürlich Thema bei uns im Lokal. Es gab auch ein paar Antragsteller auf Ausreise in den Westen. Zwei meiner Stammgäste waren da und gaben sich alle Mühe, die Leute von der Realität im Westen zu überzeugen. Joana konnte etwas mitreden bei dem Thema. Sie hatte Westverwandtschaft und auch eigene Geschwister da.

Bei uns trafen sich immer mehr junge Paare und junge Leute. Wir diskutierten über Partys, Konzerte, gemeinsame Abende und anstehende Feiern. Es entwickelten sich gute Freundschaften. Wir glaubten das zumindest. Zwei der Paare wollten in den Westen und hatten einen Antrag zu laufen. Es konnte also jeden Tag die Nachricht eintreffen, dass deren Ausreise genehmigt wird.

Die Schwester eines befreundeten Ehepaares hatte sich bereits verhurt im Westen und galt als deren Vorbild. Sie hat sich einem windigen Geschäftsmann geangelt und haute gewaltig auf die Welle. Eine alte Kollegin von Joana, auch eine Verkäuferin, war dadurch in den Verwandtschaftskreis dieser Dame geraten. Sie kam mit ihrem Mann häufig zu uns. Er war Hilfsarbeiter, später Heizer. Ein gut bezahlter Beruf in der DDR. Man feierte praktisch, ein halbes Jahr lang, den endgültigen Abschied von der DDR. Von diesen Feiern ließen sich natürlich auch ein paar vereinzelte, trinkfeste Stammgäste anstecken. Die wollten plötzlich auch ausreisen. Die alten Bergmänner und Genossen an meinem Stammtisch winkten ab: „Um die ist es nicht schade.“ Ein alter Lehrer sagte: „Das Ventil hätten wir eher öffnen sollen.“

In unsere Vereinszimmer, in dem mit dem Billard, trafen sich neuerdings zwei Züchtervereine. Der eine züchtete Rassekaninchen und die anderen waren eine Gartengemeinschaft. Der wirklich rege Betrieb bescherte uns die Möglichkeit, ein gebrauchtes Auto kaufen zu können. Es war ein Trabant mit vergrößertem Tank, extra Geräuschdämmung zum Motorraum und einem Faltdach. Den bekam ich für runde zehntausend Mark. Ab jetzt war der Einkauf einfacher und zudem ein mancher Ausflug möglich. Endlich konnten wir mit Herbert und Brigitte zusammen, Ausflüge unternehmen. Die Zwei haben sich das wirklich verdient. Herbert wurde zusehens stolzer auf Joana und mich.

Es gab einen Nachteil, den wir schnell abstellen wollten. Joana hatte noch keinen Führerschein. Sie kam nach ihrer Mutter. Die wollte keinen. Herbert hatte auch keinen. Es hat einige Zeit gedauert, Joana davon zu überzeugen, einen Führerschein zu erwerben.

Doch plötzlich stehen wir am Stammtisch, hören mit unseren Gästen Radio und hören von einem Zug aus Dresden in Richtung Prag. In Prag würden DDR Bürger begehren, in den Westen zu kommen. Kaum kommt die Nachricht im Radio, springen ein paar Stammgäste auf und wollen mit diesem Zug fahren oder zumindest, den Insassen zuwinken. Ich dachte, jetzt wäre ich endlich die problematischsten Trinker für immer los. Wenn die in den Westen gehen, müsste bei mir kein Volkspolizist mehr stehen und die Polizeistunde durchsetzen.

Die Freude war etwas zu früh. Am Tag darauf waren wieder Alle da. Ab dem Tag bestand ich darauf, nicht mehr anzuschreiben. Die Anschreiber mussten sofort zahlen. Das wirkte besser als die Revolution von 1917. Ab da, musste ich nie wieder einen Gast rausschmeißen. Disziplin zog ein.

Nach der Öffnung der Grenzen starben mir viele Genossen weg. „Dafür haben wir jeden Samstag Subotniks gemacht?“ „Für diese Verräter?“ Binnen drei Wochen starben mir vier echte Genossen; Bergmänner der ersten Stunde. Beste Freunde. Ich konnte zusehen, wie sie von ihren zwei Bier auf ein Bier und eine Limo und später, nur auf eine Limonade umbestellten. Kein Bier mehr, kein Schnäpschen. Schon am folgenden Tag kamen die Meldungen über deren Ableben. Der Schock war überwältigend.

Plötzlich kommt die Meldung, die Grenze wäre offen. Man könnte in den Westen fahren und bekäme noch Geld dafür. Joana sagt mir, wir könnten ja unsere Verwandtschaft besuchen fahren. „An unserem Ruhetag, ja.“

Fortsetzung Der Beginn


Nach der Besichtigung fahren wir wieder nach Hause zu Joana. Ich bekomme einen Platz mit ihr zusammen im Kinderzimmer. Der wurde frei, als ihre Schwestern in die BRD umsiedelten. Sie sind mit ihren Männern ausgewandert.

In der DDR war das scheinbar nicht einfach. Funktioniert hat es aber trotzdem, wie wir sehen durften. Und sie haben das sogar lebend geschafft. Und das, ohne arbeitslos zu werden oder gar in Not leben zu müssen. Ausreisewillige wurden in der DDR von ihren Kollegen eher etwas heimlich belächelt. Von ihren Freunden hingegen, wurden sie bewundert. Witzigerweise sind jene, von denen wir dachten, sie würden sicher gehen wollen, geblieben.

Unseren ersten Arbeitstag verbrachten wir zusammen. Joana wollte sich bei mir als Gaststättenhilfe anmelden und bei sich auf Arbeit, kündigen. In der DDR gab es dafür keine Fristen. Auf der neuen Arbeitsstelle, konnte der Betreffende, sofort neu anfangen. Ich weiß jetzt nicht mehr wie das hieß. Ich schätze, wir haben einen Aufhebungsvertrag gemacht. In aller Regel wurden beliebte Mitglieder eines Kollektives, mit einem kleinen Fest verabschiedet. Das wurde von den Kollegen organisiert. Wir feierten das bei uns in der Gaststätte, die wir auf die Art auch gleich den Kollegen vorstellten.

Als Gastwirt war ich natürlich selbstständig. Uns blieb also nicht erspart, die Anmeldung selbst durchzuführen. Und schon da zeigte Joana ihre besondere Fähigkeit, mit Beamten umgehen zu können. Schon in der DDR war mir das ein Graus. Irgendwie bin ich zu einer Art Eigenbrötler erzogen worden von meinen Eltern. Vielleicht komme ich auch zu sehr nach meinem Vater. Der hatte grundsätzlich Probleme damit, Beamte zu mögen.

Abends redeten wir gern über unsere Pläne, träumten zusammen von einer Zukunft und versprachen uns, keine Kinder zu wollen. In der DDR ging das leicht zu realisieren. Wobei ich eigentlich einen großen Fehler gemacht habe. Ich hätte mich sollen sterilisieren lassen. Zwei Kinder aus der ersten Ehe sind eigentlich schon Belastung genug für einen Vater. Für die Mutter natürlich auch. Aber in der DDR fiel das nicht so gravierend auf, wie heutzutage im Kapitalismus. Die Belastung des Vaters trägt natürlich auch seine neue Frau mit. Und das ist eigentlich das Böse an diesem System. Zuerst müsste also die Frage gestellt werden: Wer wollte die Kinder? Und genau das sollte auch ein Vertragsgegenstand einer Ehe sein.

Wir Zwei wollen keine Kinder und Joana steht dazu. Und das ist ein Liebesbeweis, den ich selten von einer Frau erwarten kann. Frauen bevorzugen Kinder als Erpressungsmittel. Ob ausgesprochen oder nicht. Deren Ehe steht sozusagen, auf einer kriminellen Basis. Auf Grundlage dieser Basis, kann sich unmöglich eine feste Liebe entwickeln. Auf dieser Basis entwickelt sich eine Zweckgemeinschaft. Das kennen wir aus den Rechtsformulierungen. Dort wird das Zugewinngemeinschaft genannt. Die Ehe wird damit ein Sachgegenstand. Liebe ist in so einer Ehe, Zufall.

Fortsetzung Der Beginn


Herbert wollte gleich ein Bier probieren. Ein Fassbier. Brigitte wollte einen Kaffee. Den hat Joana für sie gemacht. Unweit der Gaststätte gab es eine Bäckerei. Der Bäcker war ein Mal mein Gast. Seine zwei Kinder waren bei mir fast Stammgäste. Sie gehörten der gut organisierten Jugendgruppe an. Ich rannte schnell hin, um uns ein paar frische Windbeutel zu holen. Windbeutel waren in der DDR äußerst beliebt. Die Bäckerin bot mir noch ein paar Liebesknochen an, die sie heute auch frisch gemacht hatten. Liebesknochen war die Bezeichnung für einen mit Sahne gefüllten Eclair. Die Liebesknochen wurden mit reichlich Schokoladenüberzug versehen und waren vergleichbar mit einer Portion Stracciatella. In dem Fall, durften wir die Verpackung aber mit essen.

Unser Kaffeetrinken war damit schon mal gerettet und ich habe meinen zukünftigen Schwiegereltern sicher ein gutes Bild abgeliefert.

Nach dem Kaffeetrinken machte Herbert einen Rundgang durch meine Gaststätte. Er bewunderte das Billard.

„Spieln mer ne Runde?“, hab ich ihn gefragt.

„Das kann ich nicht“, antwortet mir Herbert. Herbert war ein leidenschaftlicher Skatspieler. Das hatte sicher mit seinem Beruf zu tun. Herbert war Brigadier in einer Straßenbaufirma. Bei schlecht Wetter haben die eher geknobelt oder Skat gespielt. Billards gab es nur in wenigen Gaststätten.

Gebäck wollte er keins. Herbert war zuckerkrank. Schon in den kommenden Minuten durfte ich miterleben, wie er sich spritzte.

„Wie oft musst Du Dich spritzen am Tag?“

„Ein bis zwei Mal. Kommt darauf an, was ich esse und trinke.“

Andrea die Bäuerin kommt herein.

„Oh. Das sieht recht gut aus hier. Hast du frisch tapeziert?“

„Ja. Gefällt‘ s Dir?“

„Das ist schön! Willst Du oben die Wohnung sehen?“

„Gerne.“

Wir gehen im Haus zur ersten Etage hinauf und sie schließt uns die Wohnung auf.

„Ich räume aus, was Du nicht brauchst.“

„Ich brauche eigentlich nur ein Zimmer und ein Badezimmer.“

Sie zeigt uns das Badezimmer. Der Badeofen ist elektrisch. Der geht auch als Durchlauferhitzer.

„Im Grunde reicht das. Den Rest haben wir Unten.“

„Übermorgen ist das fertig ausgeräumt.“

„Danke. Wollt Ihr die Miete offiziell oder schwarz?“

„Am liebsten offiziell. Das Andere gibt Probleme. Die wollen wir nicht.“

Schön, dass wir uns so schnell einig sind. Das wäre sozusagen, unser erstes gemeinsames Nest. Joana freut sich darüber.

Eigentlich wäre es jetzt die Zeit, mein Motorrad mit hier her zu nehmen. Das erleichtert mir den Einkauf. Joana ist begeistert. Gelegentlich können wir so auch auf den Automarkt fahren und schauen, ob für uns ein Auto da steht. Ein gebrauchtes. Am besten, ein Kombi.