Fortsetzung Die Saisonpause


Die Küche sieht relativ gut aus. Sauber ist sie auch. Im Lager entdecke ich eingeschweißte, vorgefertigte Flammkuchen. Für uns hier ginge das vielleicht als unbelegte Pizza durch. Für deutsche Touristen ist das passend und sicher ausreichend. Mit einheimischen Speck belegt, könnte Unsereiner ein relativ neues Gericht kreieren. Der Ansatz gefällt mir.

In der Not sehe ich den Betrieb natürlich positiv. Im Zuge leichter Euphorie meinerseits, werden wir uns schnell einig.

Bei der Absprache über den Beginn der Probearbeit, wird mir beiläufig gesagt, wir kochen hier keine Menüs. Die Gäste essen a la carte. Typisch deutsch, denke ich mir. Wobei der Weg an sich, für die heimische Gastronomie, vorteilhaft zu sein scheint. Der Nachteil ist, im a la carte kann kein Koch frisch kochen. Das sehe ich nicht als mein Problem. Ich wollte schnell zu Hause anrufen. Verbindung gibt es keine in der Küche.

Auf dem Nachhauseweg stoppe ich die Zeit noch einmal etwas genauer. Ohne Zwischenstopp. Fast eine Stunde. Die gleiche Zeit habe ich für den Weg zur Seiser Alm benötigt. Ich muß mich darauf einrichten, meine liebe Frau jeden zweiten Tag zu sehen. Es sei denn, das Wetter ist schön. Dann könnte ich auch jeden Tag an die frische Luft. In Küchen ist diese Luft, Mangelware. Sonne auch.

Bei der Entfernung arbeite ich natürlich für die Mineralölgesellschaft. Ich rechne mit drei Mal Tanken pro Woche bei täglicher Fahrt nach Hause. Das macht, ohne Reifen- und Werkstattkosten, schon mal dreihundert und fünfzig Euro pro Monat. Ich bin kein Politiker. Die bekommen das Doppelte als Spesenzuschlag. Es gibt noch einen Unterschied. Ich möchte meine Familie sehen. Wie würden die sich fühlen – allein in einem Zimmer oder in ihrer Wohnung? Nach einem Fünfzehn Stunden Arbeitstag. Das hebt auf alle Fälle die Suizidrate im Land.

Der Mensch ist ein Gesellschaftswesen. In der Küche kann einem der Gedanke erst mal nicht unter laufen. Und wenn, braucht der Koch nur das Essen versauen. Dann bekommt er sicher genug Besuch.

Joana freut sich über die Stelle. Sie weiß nicht, wie weit das ist. Ich werde ihr den Weg mal auf einer Tour zeigen. Das hat aber einen Nachteil. Sie macht sich dann täglich Sorgen um mich. Zum Glück ist die Saison dort äußerst kurz. Zwei ein halb Monate.

Bei dem Arbeitsweg, gehe ich natürlich noch weiter suchen. Kommt ein besseres Angebot, werde ich dort absagen. Selbst bis nach Sterzing benötige ich nicht diese Fahrzeit unter den Gefahren. Im Passeiertal herrscht ein recht wilder Verkehr. In Touristenzeiten ist es dort extrem gefährlich. Das Tal ist auf Touristen in dieser Anzahl einfach nicht vorbereitet. DDR Politiker würden jetzt von einem schlechten Plan reden. Die hätten zuerst eine Verkehrsanbindung projektiert, ehe sie an große Hotelkomplexe denken. Zumindest im Angesicht der wachsenden Mobilität.

Ich habe bei der Heimreise versäumt, die Kontrollkästen für Geschwindigkeiten zu zählen. Sind es zwanzig oder gar dreißig? Dabei gilt für Arbeiter in der Gastronomie, sich zu Zeiten zu bewegen, in denen keine Touristen unterwegs sind. Die Stoppuhren stehen trotzdem. Fahre ich jetzt in der vorgeschriebenen Geschwindigkeit, verlängert sich meine Dienstreise um genau das Doppelte. Damit verbietet mir die Landesregierung, meine Frau oder eine Familie zu besuchen. Ganz einfach mit der Verlängerung der Reisezeit. Wenn ich zu einem Fünfzehn Stunden Dienst noch vier Stunden Weg dazu rechne, erübrigt sich die Frage der Nachtruhe. Ich gehe also mit der Hoffnung auf Arbeit, die Gäste meiner Einrichtung mögen bitte so gnädig sein, mir eine Zimmerstunde zu gewähren. In der könnte ich dann wenigstens den fehlenden Nachtschlaf ergänzen. Wie gesund das ist, laß ich mal bei Seite. Ich stelle mir gerade vor, wie die Gesichter in dem Parlament aussähen, wenn sie annähernd diesem Rhythmus folgen würden. Vielleicht würde uns das vor deren unsinnigen Entscheidungen schützen. Ich weiß es nicht.

So gehe ich davon aus, wenn die Verkehrsinfrastruktur steht, sind die angeschlossenen Betriebe bereits pleite. Dann ist die Struktur nur noch dafür da, der Bevölkerung das fluchtartige Verlassen des Tales zu ermöglichen. Eine ganz neue Art von Umweltschutz.

Ich rechne also damit, auf meinen Arbeitswegen, nicht nur mit Benzinkosten konfrontiert zu werden. Man holt sich auch gern den Monatslohn als Bußgeld ab.

Den zwei Hoteliers habe ich versprochen, erst Mal auf Probe zu arbeiten und die Kosten genau zu berechnen. Auf alle Fälle liebe ich die Bewegung auf Arbeit und zurück. Wer den ganzen Tag in einem Loch lebt, freut sich über jeden Kontakt mit Luft und Leuten. Gerade das Motorradfahren ist dafür die geeignetste Sportart. Mit dem Motorrad fahren, werden alle Sinne und der Körper trainiert. Stellen wir uns mal vor, ich würde diese Strecke mit einem Fahrrad absolvieren. Das Hotel in dieser Lage, gäbe es nicht. Zumindest nicht in dieser Art. Die Wirtsleute müßten es selbst tun. Ich bezweifle ein Wachstum unter diesen Bedingungen. Leider dringt das selten in die Köpfe von gelangweilten Bürokraten.

Zu Hause angekommen, erfreue ich mich an neuen Reisezielen für die kommenden Tage. Es gibt Interesse. Ich habe mittlerweile landesweit Bewerbungen verschickt. So lerne ich das Land besser kennen. Leider habe ich nur allein diesen Genuß. Meine Joana kann ich nur mitnehmen, wenn sie frei hat. Ich will sie aber nicht mit ungemütlichen Touren quälen. Der einzige frei Tag in der Woche ist der wirklichen Erholung reserviert. Und selbst von diesen Tagen, werden ihr reichlich Anteile für ungemütliche Amtsgänge geraubt. Von diversen Arztbesuchen möchte ich gar nicht erst anfangen. Arbeiter in unserem Gewerbe haben darauf zu verzichten. Es reicht, wenn die Nutten und Angehörigen der Chefs gut versorgt sind. Sie verdienen auch unser ehrliches Mitgefühl.

Nachdem wir unser Veroneser Hühnchen innen gewürzt haben, pinseln wir es außen mit Nußöl ein

Fortsetzung Die Saisonpause


Alois muß weiter. Er verabschiedet sich und wünscht mir viel Glück bei der Suche.

„Kann ich das Moto noch etwas hier stehen lassen? Ich muß noch auf die Promenade.“

„Ausnahmsweise.“

„Danke.“

Jetzt wartet der Termin auf der Promenade. Der Betrieb ist eine beliebte, preiswerte Adresse. Ich rechne mit einem Haufen Arbeit. Die Familie kennt mich noch von früher. Der Seniorchef wollte mich früher gern abwerben. Wir haben bei ihm gern mal ein Bier getrunken mit den Kollegen. Bei ihm gab es die besten Haxen in ganz Dorf Tirol. Wir haben deswegen sogar oft unser Abendessen im Betrieb ausgelassen. Und das ist in Vier – Sterne – Betrieben sehr schwer.

Kaum betrete ich den Gastraum, grüßt der Juniorchef. Der kennt mich auch noch.

„Unser alter Koch, der Schorsch, kommt wieder“, sagt Andreas.

„Was? Der Schorsch arbeitet noch?“

„Der kann es nicht lassen.“

„Schorsch ist doch sicher schon Siebzig.“

„Vier und Siebzig.“

„Sag ihm bitte einen schönen Gruß von mir.“

Der Termin hat sich also erledigt. Kommt noch ein Termin auf dem Klosterweg. Ein Drei – Sterne – Hotel. Der Familie habe ich schon einmal gedient. Vielleicht habe ich bei denen einen guten Eindruck hinterlassen. Immerhin wollte mich der damalige Chef weiter verpflichten. Ich habe einen Kollegen vertreten, der einem Unfall zum Opfer fiel. Den wollte ich natürlich nicht verdrängen. Das finde ich unkollegial. Etwas unsicher bin ich mir trotzdem. Es könnte sein, die Familie nimmt mir die Absage übel. Vielleicht war der Unfall nur erfunden. Vielleicht gab es Streit. Mal sehen.

Auf dem Klosterweg treffe ich Alois wieder. Er winkt. Bei ihm stehen gerade ein paar Touristen. Dem Gesichtsausdruck von Alois nach zu urteilen, ist der Anlaß des Gespräches kein freundlicher. Wie es aussieht, haben die Gäste, Müll weg geworfen.

Der letzte Termin im Dorf ist schwer an zu fahren mit dem Motorrad. Die Auto fahrenden Gäste müssen ein paar Meter laufen. Die Garage des Hotels ist etwas oberhalb. Ich stelle dort auch mein Motorrad ab. Der Fußweg ist nur fünfzig Meter.

Auf der Terrasse sitzen viele Gäste. An einer leicht geöffneten Hintertür höre ich Küchengeräusche. Dort vermute ich den Eingang zur Küche. Der Abspüler kommt mir gerade entgegen. Er hat einen riesengroßen Müllsack im Schlepptau. Sein fragender Blick animiert mich, ihm beim Verladen des Sackes helfen zu wollen. Das nimmt er dankend an. Weit müssen wir den Sack nicht tragen. Unter einem Schober steht die Mülltonne.

Der Chef des Hauses kommt uns entgegen. Er möchte den Müll kontrollieren. Es gab Probleme damit. Er fragt den Abspüler, ob auch wirklich keine Speisereste darin sind. Der letzte Container hat zu stark gestunken. Die Gäste haben sich beschwert. Ich muß leicht in mich

lachen. Die Gäste beschweren sich über ihren Müll. Auf die Frage, wer ich bin, nenne ich ihm den Grund meines Besuches. Wir wechseln nur ein paar Sätze. Er wollte wissen, wo ich bisher gearbeitet habe. Bei dieser Gelegenheit nannte ich ihm sein Familienmitglied.

„Ich melde mich“, ist das Ergebnis der Vorstellung. Eigentlich wieder eine Absage. Vielleicht hätte ich die Familie nicht erwähnen sollen. Bisweilen vertragen sich meine Gastgeber auch innerfamiliär nicht besonders.

Wie man es tut – es scheint immer falsch zu sein. Mir fehlt die genaue Ortskenntnis. Vielleicht rede ich auch etwas zu viel. Vater hat mich schon vor meinem unbekümmerten Mundwerk gewarnt.

„Das wird dir mal viel Ärger bringen.“

„Wer das nicht mag, braucht nicht mit mir zu arbeiten“, habe ich damals geantwortet. Das gilt für mich auch heute. Die Heimlichtuerei hinter dem Rücken, lehne ich ab. Ich bin eben für ehrliche Verhältnisse. Offensichtlich ist das nicht mehr gefragt in diesem System.

Das Pollo zuerst teilen, dann Innen mit Rosmarinsalz würzen

Fortsetzung Die Saisonpause


Langsam fallen mir schon Stellenanzeigen im Eggen- und Brixental auf. Auch im oberen Vinschgau werden schon wieder Stellen vergeben. Am heutigen Morgen kann ich über vierzig Bewerbungen abschicken. Langsam aber sicher bildet sich eine Datenbank mit immer den gleichen Namen. Kann es sein, dass es diesen Wirten geht wie mir? Sie haben noch nicht den passenden Partner gefunden. Auf alle Fälle lerne ich auf diesem Weg, Südtirol bis in den letzten Winkel kennen. Auch die kleinen Unterschiede der jeweiligen Täler. Bin ich jetzt der bessere Südtiroler?

In manche Täler Südtirols fahre ich mit dem Motorrad länger als mit dem Auto nach Hof in Franken. Und das will schon was heißen. Ich bin mir sicher, viele meiner Gastgeber kennen die Täler ihres Landes gar nicht. Ihre Landsleute. Ihr Land. Ich bin mir auch sicher, die Südtiroler können mir mehr über Hurghada erzählen als über das obere Martelltal.

Im Vergleich, hatten DDR Bürger auf alle Fälle die Möglichkeit, ihr Land besser kennen zu lernen. Und selbst dafür reichte die Jahrzehnte lange Westblockade nicht. Die DDR ist auch etwas größer als Südtirol. Interessant finde ich aber die am meisten gefragtesten Urlaubsorte. Und das scheinen wir uns wirklich zu gleichen. Die DDR Bürger haben zu gern Urlaub am Meer oder an Seen gebucht. Warum, kann ich nur vermuten. Offensichtlich haben bei den Urlaubswünschen, die Frauen das Sagen.

Machen wir uns nichts vor. Urlaub am Meer ist eintönig, langweilig und sicher weniger gesund als in den Bergen. Von der Umwelt will ich gar nicht erst anfangen. Die Millionen Dosen und Flaschen mit Sonnenschutzmitteln, übersteigen das Vermögen der Natur, die zu beseitigen. Im Meer scheint das aber besser zu verschwinden als in den Bergen. Wenigstens aus dem ersten Blick der Touristen. Wenn sie wegschauen.

Am Morgen begebe ich mich nach Dorf Tirol. Den Weg dahin habe ich gleich mit gestoppt. Das Dorf kommt mir vor wie mein Wohnzimmer. Wir haben dort zwei Jahre gelebt. In der Zeit hat sich viel verändert. Ich finde keinen Parkplatz für mein Motorrad mehr. Überall Verbotsschilder.

Das Hotel ist im Ortszentrum. Der Etschblick. In der Fußgängerzone, die dort beginnt, stehen zwei Autos. Ich stelle mein Moto daneben. Das Hotel hat eine Terrasse, auf der ein paar Gäste sitzen. Den Kellner kenne ich noch. Ein ungarischer Kollege. Andreas. Ich winke. Andreas gibt kaum eine Reaktion von sich. Er nickt und lächelt etwas. Ein paar Jahre genügen, alte Schwüre von Treue, Gefolgschaft und Freundschaft, einschlafen zu lassen. Die Gruppen lösen sich auf. Kollektive bestehen eine Saison. Die Oberflächlichkeit gewinnt. Auch im Privatleben. Ganz schnell stellt sich heraus, Freunde sind eine andere Kategorie als Kollegen, Nachbarn oder Bekannte.

An einer winzigen Rezeption empfängt mich ein Mann meines Alters. Ich überlege, ob ich den von Früher her kenne. Nicht. Aber er erkennt mich.

„Karl?“

„Ja.“

„Wo wohnst du jetzt?“

„In Partschins.“

„Ich will ehrlich sein. Das ist nichts für dich.“

„Oh. Danke für den Hinweis.“

„Willst du einen Kaffee?“

„Gerne. Danke.“

Wir gehen gemeinsam in die Küche. Jetzt muss ich meinem Gegenüber, Recht geben.

„Wir schwimmen noch. Ich weiß nicht, ob uns das gelingt.“

„Ich kann euch eventuell mit ein paar Tipps versorgen.“

„Gerne. Wir machen das aber später.“

„Ciao. Wir hören uns.“

Der Termin war kurz. Jetzt kann ich mich auf die anderen Termine konzentrieren. Allein im Dorf Tirol stehen noch zwei Gespräche an. Danach darf ich durch das Passeiertal fahren. Der Urlaub wird langsam zum Genuß.

Auf der Liste steht jetzt im Ort noch das Hotel Schwalbe. Hoffentlich kann ich wenigstens da parken. Der Gemeindepolizist steht schon vor meinem Motorrad und will gerade einen Zettel ausfüllen. Ich setze den Helm ab. Er erkennt mich.

„Hallo Karl.“

„Entschuldige bitte. Ich war nur zur Vorstellung hier.“

„Dir gefällt es bei uns.“

„Ja sicher. Ich hab mich hier immer sehr wohl gefühlt.“

„Bis auf die Ausnahmen.“

Alois lacht bei der Bemerkung. Er meint einen kleinen Skandal mit einem Kollegen. Den hatte die Gemeindepolizei wegen Störung des Gemeinwesens mit einem Gaststättenverbot im gesamten Ortsgebiet belegt. Die örtliche Bevölkerung war sehr aufgeregt wegen dem. Meine Zeugenaussagen wurden damals benötigt. Zumal der auch in unserem Betrieb gewaltige Mengen Alkohol gestohlen hat.

Italienisches Maishuhn

vergleichen Sie das mit ihrem blassen, verhungertem Huhn aus dem Reich

Fortsetzung Die Saisonpause


Außer einem kleinen Schild am Reverse, wird in diesen Kreisen nicht mit Namen agiert. Und schon gar nicht persönlich. Wer weiß, ob das Schild geliehen ist? Nach einer knappen halben Stunde kommt eine Frau. Das vermute ich bei dem Anblick.

„Herr Karl?“

„Ja.“

„Wir suchen keinen Zweiten Koch mehr.“

„Na dann. Wiedersehen.“

Komisch. Mich fragt tatsächlich Keiner, was mich die Anreise, die Bewerbung, die Unterlagen usw. kostet. Gehen die mit ihrer Nutte zum Kaffeetrinken und Kuchen lecken, verlangen sie sofort eine Quittung. Selbst die Pariser wollen die absetzen. Was sollen wir diesen Halunken noch bezahlen? Den Puff in der Karibik?

Stellenausschreibungen sind Kosten. Bewerbungen zählen dazu.

Was ist das für eine Fabrik?

Unverrichteter Dinge trödele ich zu Sabine. Jetzt brauche ich eine Abkühlung.

„Schoko-Vanille, bitte.“

Sabine ist selbst im Laden.

„Im Dorf Tirol suchen sie einen Koch. Die haben neu auf geschlossen.“

Sabine hat dort Oben eine Filiale, die wir in unserer knappen Freizeit oft besucht haben. Als Urlaubs- und Freizeitersatz.

Das kann heiter werden. Vier Wege ins Dorf Tirol. Täglich. Auch bei Regen. Und dort regnet es häufig. Hin und zurück, durch Meran. Mit dem Zweirad über das schmückende, Frauenschuh-freundliche Kopfsteinpflaster. Wer schön und pünktlich sein will, muß leiden. Krankengeld gibt es immerhin drei Tage lang nach einem Sturz. Danach kann der Gefallene ja wieder arbeiten.

Mit den guten Nachrichten ziehe ich mich erst mal nach Hause zurück. Es sind noch mehr Angebote eingegangen. Die kann ich aber in meinem Urlaub, locker in diverse Rundfahrten durch die Dolomiten einbinden. Wie scheint, liegt Keinem an einem Arbeitsverhältnis mit einem Koch aus der Nähe.

Zu Hause schreibe ich plötzlich alle Bewerbungen um. Das ist zwar zwecklos, weil ich mich praktisch schon mindestens einmal beworben habe. Sozusagen, müßte ich bekannt sein wie ein gescheckter Hund. Ich frag mich eh, wieso ich den Kram immer wieder neu aufsetzen muß.

Ab sofort streiche ich alle dokumentierten Weiterbildungen, Meisterbriefe und Stellen, in denen ich schon gedient habe. Ich hänge ein paar Zeugnisse an und Ruhe. Schade; mit einem Email kann ich schlecht die Haare eines Kuhschwanzes verschicken. Damit bekäme ich garantiert eine Stelle. Jetzt, wo Bildung nichts mehr zählt.

Zeugnisse will mir so und so Keiner schreiben. Am besten wäre es, ich stelle mich als Polnischer, Slowakischer oder Ungarischer Koch der Umschulung vor. Einmal massenhaft so und ein anders Mal, massenhaft so. Kopien fremdsprachiger Zeugnisse gibt es mittlerweile im Überfluß. Sogar kostenlos. Wer unbedingt beschissen werden möchte, bekommt eben was er sich wünscht.

Damit passe ich bestens in das System. Oder glaubt tatsächlich Jemand, Massagen, Chlorwasser und desinfizierte Saunen sind für die Gesundheit? Na, gute Nacht. Gleiches gilt natürlich auch für das Essen. Wer glaubt, Glukose, behandelte Kräuter oder gepoltertes Fleisch in EU-Norm wäre gut für die Gesundheit, der glaubt auch an die Auferstehung von irgend Jemand. Die Auferstehungen im Geist gibt es tatsächlich. Leider waren das ausgerechnet keine Vorbilder der menschlichen Gesundheit und des Wohlergehens. Die uns heute die Pflanzenschutzmittel verkaufen, haben früher das Gas gegen Menschen entwickelt und mit reichlich Gewinn, verkauft. Alles aus einer Hand, sozusagen. Der Bluff ist der Führer der alten, neuen Gesellschaft. Da zählt keine Bildung.

Mir scheint langsam, je älter ich werde, desto länger wird mein Arbeitsweg. Das nennt sich hier Dank für die bisher erbrachte Leistung.

Langsam aber sicher, freunde ich mich wieder mit dem Gedanken an, täglich zwei Mal eine Dolomitenrundfahrt absolvieren zu dürfen.

Genau betrachtet, ist das oft sogar günstiger als vier Mal am Tag durch den Stadtverkehr zu rauschen.

Ich frage mich immer wieder, wann in diesem Land endlich der menschenfeindliche geteilte Dienst abgeschafft wird. Sicher erst dann, wenn auch der letzte Ausländer diese Region meidet. Die neuen Zwangsarbeiter müssen dann, wie im Deutschen Reich, herbei gebombt werden.

Ein Stück feinstes Rabland

burst

Fortsetzung Die Saisonpause


Der Weg in die Lauben ist trotz der scheinbaren Kürze eine ziemliche Anstrengung. Es geht bergauf und das in Motorradsachen. Ich muß als Erstes erfahren, wie lange der Dienst hier geht. Komme ich erst zu einer Zeit frei, in der kein Nahverkehr mehr läuft, kann ich das vergessen. Zu meiner Arbeit fahren, geht hier wahrscheinlich nicht. Obwohl ich Oben, Fahrzeuge treffe. Ich muß mich erkundigen. Da denke ich, über Meran Bescheid zu wissen; Irrtum. Wahrscheinlich werden die Regeln schon monatlich umgeschrieben.

Das Gedränge in den Lauben ist jetzt schon ziemlich belastend. Ganze Busladungen schlendern schnatternd durch die Gassen. Ich könnte mein eigenes Wort nicht verstehen. Irgendwie ist es frustrierend zu wissen, von diesen Leuten leben zu müssen. Mir gefallen solche Abhängigkeiten nicht. Man kommt sich immer vor, als würde man diesen Leuten, bettelnd, den Dreck hinterher räumen. Bei Kindern würde ich das ja verstehen. Aber bei angeblich Erwachsenen? Aschenbrödel hätte es relativ leicht, den Spuren verschiedener Touristenströme zu folgen. Die Spuren führen immer zu Eisständen und Plunderhändlern. Wenn ich irgendein Kleidungsstück probieren wöllte, könnte ich mit Sicherheit sagen, in diesem Teil steckten schon vierzig Leute, die ihre Größe nicht kennen. Für uns ist diese Geschäftslage unerschwinglich. Was unterscheidet uns von Bustouristen?

Ich komme an dem Restaurant an. Es ist scheinbar noch geschlossen. Beim Eintreten sehe ich aber schon Gäste. Die stehen am Ausschank und trinken einen Gespritzten. Viele von ihnen tragen die traditionellen blauen Schürzen und einen typischen Filzhut. Es wird Mundart gesprochen. Ich verstehe nur die Hälfte.

Am Tresen frage ich nach dem Chef. Die Frage muß ich zwei Mal stellen. Mein Sächsisch erregt sofort Aufmerksamkeit und ein freundliches Lächeln.

Ein Gast versucht, mir in Sächsisch zu antworten: „Nu da.“

Der Chef kommt gerade aus einem Nebenraum. Er bittet mich, ihm zu folgen.

Schon stehen wir in der Küche. Mich begrüßen sechs Kollegen aus allen Erdteilen der Welt. Ich komme mir vor wie auf den Jugendfestspielen in Berlin.

„Ich suche einen Zweiten Koch“, sagt mir der Chef.

„Hat der Chefkoch frei?“

„Er ist nicht da.“

„Wann soll ich anfangen?“

„Morgen.“

„Kann ich mit dem Motorrad direkt bis hier her fahren. Gibt es eine Garage?“

„Hier nicht. Aber in der Nähe gibt es einen Hinterhof. Dort kannst du dein Moto abstellen.“

„Wann beginnt der Dienst?“

„Wir fangen um Neun an. Was hast du im letzten Betrieb verdient?“

„Zweitausend und vierhundert.“

„Wir sind ein Ganzjahresbetrieb. So viel kann ich dir nicht geben.“

„Na dann. Bis morgen.“

„Ich rufe an.“

‚Ich rufe an‘, ist eigentlich schon wieder eine Absage. Der Weg war scheinbar umsonst.

„Was willst du trinken?“

„Einen Kaffee.“

„Cappuccino?“

„Gerne.“

Beim Kaffee entschließe ich mich, den anderen Betrieb doch noch zu besuchen. Zum Glück geht es jetzt bergab. Durch geschwitzt will ich mich nicht unbedingt vorstellen.

Das Motorrad nehme ich mit. Die kleine Schleife um den ganzen Block, ist mein Umweltbeitrag für Meran.

Gegenüber von Sabines Eisladen ist die Einfahrt in die Tiefgarage. Die Schranke ist gesenkt. Das Lautsprecher knistert. Für einen Vier-Sterne-Lautsprecher etwas zu lästig, scheint mir. Die Stimme ist nicht einheimisch. Ich dachte, die hätten Einheimischen, Arbeit versprochen. Wie scheint, ist das am Lautsprecher der Chefetage anders. Die klang so, wie ich eine Stimme vom Westriesenrad auf Rummelplätzen in Erinnerung habe. Oder war es die Geisterbahn? Egal. Alles fürchterlich… und zu teuer.

Ich parke draußen. Mal sehen, ob ich wenigstens durch die Garage nach Oben gehen kann. Ich krabbel unter der Schranke durch und begebe mich suchend in Richtung Fahrstuhl. Zum Glück steht auf dem Etagenknopf – Reception. An der Reception frage ich nach dem Chef .

„Ich habe einen Vorstellungstermin.“

„Das macht hier nicht der Chef.“

„Naja. Dann melden sie mich bitte bei dem Termin an.“

Namen hat die slowakische Tante mir nicht genannt. Alles anonym. Nur der Akzent gibt mir die Richtung. Naja. Gastronomie ist eben ein internationales Befangen. Billig und geil, gewinnt.

Ich soll Platz nehmen.

„In Kürze kommt Jemand zu ihnen.“

Jemand? Naja. Ein Geist, sozusagen. Ich frag mich ernsthaft, wer in so einer Einrichtung, Urlaub machen möchte. Sicher keine Menschen oder Arbeiter.

Fortsetzung Die Saisonpause


Darf ich erwähnen, in der DDR wurde selbst verurteilten, kriminellen Gefangenen der Tariflohn für den ausgeübten Beruf ausgezahlt. Wenn ein ehrlicher Unternehmer oder Gründer eines Unternehmens, den Tariflohn nicht zahlen kann, ist er zumindest angehalten, den geschuldeten Wert in Form von Firmenwertanteilen zu überschreiben. Damit ist wenigstens das Risiko gerecht geteilt. So wären in Südtirol sicher einige Firmen in Streubesitz. Verteilt auf ganz Osteuropa. Es gibt sicher auch einige Einheimische, die auf gleiche Art beschissen wurden.

Eine Vorstellung in Meran ist fällig. Dort habe ich mich der Not und des extrem kurzen Arbeitsweges halber, als Salatkoch beworben. Sozusagen, als Dritter, der ganz sicher auch Teile des Desserts mit zu fertigen hat. Von der Küchenreinigung und dem Drumherum ganz zu schweigen. Der Gedanke, in diesen Kreisen keine Verantwortung tragen zu müssen, war mir sympathisch.

Die Einladung nehme ich sofort an und wir verabreden uns auf den frühen Vormittag. Bei unseren täglichen Staus kann ich kaum auf die Minute genau einen Termin vereinbaren. Meine Arbeitgeber wissen das. Das Restaurant liegt direkt an der Passer. Dort kann Unsereiner mit reichlich Arbeit und einem Jahresengagement rechnen. Ich möchte also zum Sandplatz fahren und von dort das Restaurant Passerblick aufsuchen. Schon an der Brücke zum Sandplatz empfängt mich ein Verbotsschild. Drunter sind Zeiten geschrieben, die noch nicht erreicht sind. Ich passiere das Schild, um zu sehen, ob überhaupt Jemand auf dem Sandplatz oder dem Besucherparkplatz steht. Auf den Sandplatz stehen wie immer, reichlich motorisierte Zweiräder. Ich denke mir, das gilt auch für mich. Vor dem hiesigen Gesetz sind wir schließlich Alle gleich. Ein Plätzchen findet sich gerade so zwischen Rollern und Motorrädern. Die Fahrräder stehen extra. Meist an Stellen, wo man sie anketten kann. Am Arbeitsamt bemerke ich eine Schlange, die sicher mit den Meldungen zum Abschluß der Wintersaison zu tun hat. Ich freue mich, dieses Mal nicht in dieser Schlange stehen zu müssen.

Der Empfang am Passerblick fällt bescheiden aus. Ich treffe Kollegen. Wie scheint, die besseren. Zuerst gehen wir durch die Küche. Alle Kollegen grüßen. Ich höre wieder sämtliche Europäische Sprachen.

„Warte mal draußen. Der Chef kommt gleich“, bekomme ich gesagt. Am Tisch auf der Terrasse frage ich mich, was denn in einem Restaurant für ein Umsatz erwartet wird, der diesen Personalaufwand rechtfertigt. Immerhin zähle ich ein Dutzend Kollegen. Der Gedanke erzeugt in mir etwas Mißtrauen.

Nach etwa zwanzig Minuten begrüßt mich ein Kollege. Meine Unterklagen hat der nicht gelesen. Darin bin ich mir sicher. Trotzdem hat er meine Unterlagen mit. Er will sie wahrscheinlich mit mir zusammen lesen. Die vielen Fragen, ob ich kochen kann oder die einheimische Küche beherrsche, bleiben mir erspart.

„Wie lange bist du schon bei uns?“

„Fünfzehn Jahre.“

„Warum willst du als Dritter Koch arbeiten?“

„Keine Verantwortung, kurzer Arbeitsweg und damit wenig Kosten.“

„Was willst du bei uns verdienen?“

„So viel wie möglich.“

Damit sage ich ihm, ich erwarte zumindest den Tarif. Mit der Forderung ist er einverstanden. Scheint mir.

„Ich melde mich. Danke für deine Vorstellung.“

Die Aussage interpretiere ich als Absage. Das war es. Ich soll mir noch ein Getränk bestellen. Natürlich bestelle ich einen Kaffee. Nebenbei schaue ich auf das Telefon. Meine Emails und Anrufe von zu Hause, lasse ich mir am Telefon anzeigen. Ich rufe gleich am Tisch zurück.

Wie sich heraus stellt, sind es zwei Antworten aus Meran auf meine Bewerbung.

Eine kommt von Gegenüber. Ich schätze, aus unserem neuen Badeparadies. Das befindet sich aber nicht in Südtiroler Hand. Der andere Anruf kommt aus den Lauben. So richtig sicher bin ich mir nicht. Das Restaurant scheint ziemlich versteckt. Egal, denke ich mir. Hauptsache in unserer Nähe.

Zuerst gehe ich in die Lauben vom Sandplatz aus. Der Plan war gut. Ich muß nicht zu lange in meinen Motorradklamotten laufen. In den Gassen ist es früh schon zu heiß.

Fortsetzung Die Saisonpause


Angekommen beim Hausarzt, sagt mir dieser nach der Untersuchung:

„Für ein entzündetes Auge gibt es im Italienischen Gesetz keine Krankmeldung.“

Nebenbei haben wir bei der Untersuchung festgestellt, mich hat eine Art Herpes an den Augen befallen. Und nicht nur da. Ich habe sie am ganzen Körper bekommen. Gut ausgebildete Köche kennen deren Ursachen. Ärzte anscheinend nicht. Auch dafür gibt es keine Krankmeldung. Das wäre auch schade, eine Krankmeldung wegen hygienischer Zustände auszustellen.

„Wenn es hier keine Krankmeldung gibt, werde ich es höchstens, Unten bei der Notaufnahme versuchen.“

„Mach das nicht. Das gibt viel Ärger!“

„Gut. Dann muß ich eben ohne Krankenschein und Krankengeld, unbezahlt, frei nehmen.“

„Das scheint mir der beste Weg.“

Der Doktor wird plötzlich zum Rechtsberater. Per Gesetz hätte man mich jedenfalls mit einem zu geschwollenem Auge und mit einer ansteckenden Krankheit, wieder auf Arbeit geschickt. Das nenne ich Freiheit. Nun wissen wir endlich, mit welcher Fürsorge für Arbeiter, ansteckende Krankheiten bekämpft werden.

Die nun erlangte Freiheit verpflichtet natürlich meine Joana wieder zum Lebensunterhalt. Wie soll ich mich fühlen dabei?

In sechs Tagen haben wir das geschwollene Auge weg bekommen. Die Herpes in und an den Augen noch nicht. Die winzige Tube mit dem Mittel, kostet mich zehn Euro pro Tube. Das angebliche Original, das siebenfache. Das nenne ich wahre Volksgesundheit.

Selbst den Mund muß ich mit einem Extramittel gegen Herpes behandeln. Das Mittel kostet nur die Hälfte. Dafür scheint der Tubeninhalt auch etwas geringer. Die Verpackung dieser Reagenz ist aber riesig. Sicher auch der Gewinn. Der Gewinn des Dealers und Herstellers. Bei mir scheint dieses Wundermittel nur begrenzt zu wirken.

Zu meinem Glück hatte ich mir Auszüge aus Schafgarbe, Salbei, Kamille, Zitronenmelisse, Pfefferminz und Rosmarin selbst hergestellt. Wie scheint, ist meine Hausapotheke des Mittelalters, hilfreicher als die teure Pseudomedizin der angeblichen Neuzeit. Wir können also davon ausgehen, die medizinische Entwicklung im Kapitalismus hat endlich den Stand der Antike erreicht. Alle Achtung.

Die Melisse hat geholfen. In kürzester Zeit. In drei Tagen war der Alptraum beendet. Ich rufe Gustl an und sage es ihm.

„Ich kann bei Dir leider nicht dienen. Wegen des Herpes. Da bekomme ich einen Rückfall.“

Es dauert etwas am Telefon. Gustl ist einverstanden. Ich habe ihm von den Äußerungen meines Hausarztes ein paar Brocken mitgeteilt. Dazu habe ich ihm empfohlen, dringend etwas zu unternehmen.

Die Meldung meines neuen Status auf dem Amt, ist dagegen etwas komplizierter. Welchen Status der Arbeitsbeendigung geben wir an? Die Bürokraten rätseln. Gesundheitliche Ursachen können sie nicht schreiben. Das würde sie vielleicht zu einer Umschulung verpflichten. Ich weiß es nicht. Die Beamten sagen es mir auch nicht. Der Dumme soll dumm bleiben. Man lächelt etwas aufgesetzt dazu. Hauptsache ist der eigene Lohnscheck am Monatsende.

Die anderen Ausdrücke unterstellen mir fast eine kriminelle Handlung.

„Wie kann sich dieser faule Hund entscheiden, von Arbeit fern zu bleiben?“

Für die Fehlzeit gibt es jedenfalls kein Geld. Krankengeld? Fehlanzeige.

Nebenbei wird mir noch eine Untätigkeit unterstellt. Ich hätte mit dem Nahverkehr nach Schenna fahren können. Auf die Frage, wie sie das bei geteilten Dienst hinbekommen wollen, gibt es ein trockenes Lächeln. Auslachen wäre der richtige Begriff dafür. Ich glaube fast, mit einer Wand hätte ich erfolgreicher verhandelt.

Mir wird umgehend klar, warum sich die Arbeiter meiner Gastgeber in diesem Sektor der angeblichen Hauptwirtschaft Südtirols, nicht wirklich wohl fühlen möchten. Zum Glück haben meine Gastgeber ein gesundes Selbstwertgefühl. Aber. Ewig funktioniert das nicht mit importierten Sklaven. Unter Sklaven spricht sich das auch schnell herum.

In vielen Ländern Europas hat das zum Zusammenbruch der angeblichen Gastfreundschaft geführt. Schauen wir mal. So lange die NATO Faschisten ständig neue Länder bombardieren, beklauen und ausrotten, ist der Nachschub jedenfalls gesichert.

Mit dem Nachschub wächst aber auch eine Opposition gegen diese Verhältnisse. Eine zweite Gesellschaft dazu.

Jetzt darf ich das Gebäude am Sandplatz unverrichteter Dinge wieder verlassen. Hilf dir selbst, sonst hilft dir Keiner.

Also, geht es nach Hause, Anzeigen studieren. Der Spielraum wird enger.

In der Nähe gibt es schon wieder Anzeigen. Bei diesen Anzeigen fällt auf, die in Aussicht gestellten Vergütungen werden zunehmend geringer. Mir scheint fast, bestimmte Kreise von Arbeitgebern, suchen bewußt diesen Zeitraum. Selbst tarifliche Vereinbarungen werden kalt hintergangen. Nach dem Modell: Frei verhandelbare Gehälter für Chefköche. Im Rennsport nennt sich diese Gilde: Lumpensammler. Das ist die letzte Streife, die verunfallte Rennfahrer mit einem Lastwagen einsammelt. Da gab es schon mal Zeiten, in denen wurden diese Transporte noch anders, fast liebevoller umschrieben. Nur, deren Ziel war anders gewollt. Soll ich Zwangsarbeit erwähnen?

Fortsetzung Die Saisonpause


Der Weg nach Hause ist relativ einsam. Ich wundere mich. Zum Abendessen kommen sehr viele Gäste und trotzdem sind die Straßen fast menschenleer. Kein Stau und nirgends Behinderungen.

Wegen der entzündeten Augen muss ich das Visier der Helmes zu klappen. Zugluft würde der Entzündung noch den Rest geben. Oder eine Fliege. Die sammeln sich um diese Zeit schon reichlich an unseren Abfallbehältern. Warum sollen die mit einem goldenen Hinterteil geschmückten Weiber der Fliegen nichts von Ostern haben? Sie können ja das Osternest mit ihren Eiern bereichern.

Ich fahre die Abkürzung durch die Stadt. Über Sinich sind es einfach zehn Kilometer mehr. Bei vier Fahrten wären das vierzig Kilometer. Die ohnehin hohen Spritkosten würden dadurch um ein Drittel höher. Neben den Kosten für die Reinigung der Berufswäsche, wäre das einer unserer großen Posten, der teurer ist als unser sparsames Essen. Wir hätten nie gedacht, für die Bewegung zur Arbeit und die Reinigung der Arbeitskleidung, mehr ausgeben zu müssen als für unsere Ernährung. Ein seltsames Land. Ich stelle mir gerade vor, die gleichen Wege mit dem Fahrrad fahren zu müssen. Solche Gedanken können nur Gehirnen entweichen, die auf irgendwelchen Bürotischen schlummern.

Joana schläft schon. Sie muß zu früh raus. Sie kann nicht auf mich warten. Wir treffen uns praktisch nie. Nur schlafend.

Joana hat sich zur Angewohnheit gemacht, früher schlafen zu gehen. Deswegen kann sie mit mir ein paar Minuten plaudern. Wir erzählen uns unsere Tageserlebnisse. Mir ist wichtig, zu erfahren, was Joana zu meiner Arbeit sagt.

Wie jeden Tag, hat mir Joana ein paar belegte Brote fertig gemacht. Sie sind mit Liebe hergerichtet. Etwas Gemüse ist dabei. Saure Gurken und ein paar saure Champignons. Unsere gemeinsame Zeit ist schnell vorbei.

Joanas Wecker höre ich heute auch. Ich stehe gleich mit auf. Mein Auge ist verklebt und entzündet. Ich muß ins Bad gehen, und versuchen, es mit angefeuchteten Toilettenpapier zu öffnen. Im Spiegel sehe ich das Dilemma. Ein zweihundert Kilo schwerer Japaner würde sicher mehr durch seine Schlitzaugen sehen, als ich. Wenn ich das nicht hin bekomme, muß ich zu einem Arzt.

Mit diesem Auge kann ich unmöglich Motorrad fahren. Das wäre der sichere Tod. Mit einem Auge kann ich weder die Balance halten noch mit meinen Messern in dieser Küche arbeiten. Geht nicht. Ich setze mich an den Computer und schicke eine Email an Gustl. Der Sicherheit halber; wenn ich ihn per Telefon nicht erreiche.

Eigentlich bin ich das nicht gewohnt. Ich war nie krank und hatte meinen einzigen Krankenstand in den Lehrjahren. Aber nicht wegen einer Krankheit. Wegen eines Streites. Mein damaliger Chef kannte meine Mutter gut und rief sie deswegen an. Mutter dachte, ich wäre schon außer Haus. Meine Eltern traf ich höchstens nach meinem Dienst in der Küche oder im Gastraum unseres Gasthofes. Morgens war ich immer allein.

Jona fährt zur Arbeit. Ich überlege, wie ich nach Naturns zum Arzt komme. Vielleicht mit der Bahn? Oder sollte ich eher nach Meran ins Krankenhaus fahren? Der Hausarzt gewinnt. Ich fahre mit der Bahn nach Naturns. Zuerst muß ich nachsehen, wann eine Bahn fährt. Eigentlich hören wir die. Sie fährt an unserem Haus direkt vorbei. Leider ist der Weg etwas zu weit, um dann loszulaufen, wenn ich sie höre.

Halb Sieben rufe ich Gustl an und sage ihm, was mir passiert ist. Gustl ist nicht begeistert.

Fortsetzung Die Saisonpause


Schon beim Kommen bemerke ich das volle Restaurant. Alle Stuben sind gefüllt und sogar die Terrasse. Um diese Zeit ist mir das neu. Eigentlich kenne ich das nicht aus Restaurants und Hotels. Da beginnen die Abendmahlzeiten erst nach neunzehn Uhr. Gut. Wir haben bisweilen Gäste, die sich schon eine halbe Stunde vor dem Menü am Eingang des Speiseraumes treffen. Oder an der Bar.

„Das sind die Deutschen“, wird hierzulande hinter versteckter Hand erzählt. Die Äußerungen werden meist von einem Gesichtsausdruck begleitet, den wir als abfällig bewerten würden. Südtiroler Gastgeber versuchen, genau die Mitte der Mahlzeiten anzubieten, die zwischen Italien und Deutschland liegen. In Deutschland wird relativ zeitig zu Abend gegessen und in Italien, nicht vor zwanzig Uhr. Um die Zeit, zu der in Deutschland zu Abend gegessen wird, kommen Italiener von der Arbeit. Wer in Italien etwas zeitiger Feierabend hat, trifft sich zu der Zeit eher mit seinen Freunden in einer Bar für einen Aperitiv.

Der Chef ist noch nicht in der Küche. Milos hat schon Salate vorbereitet. Ich sehe, wie Milos die Salate mit einem Löffel auf den Teller legt. Kein Koch tut das und schon gar nicht einhändig. Wir waschen uns anständig die Hände und ich zeige ihm, wie man in Sekundenschnelle, flott, Salatteller legt. Jetzt erklärt sich mir auch, warum Milos mir mittags nicht folgen kann. Und das, trotzdem die Fertigung der Hauptspeise um Einiges länger dauert als das Legen eines Salattellers. Ich komme zu der Überzeugung, der Mann hat nie Koch, Bäcker oder Metzger gelernt. Sein Blick mir gegenüber zeigt keine Dankbarkeit für das Gezeigte. Eher eine verdeckte Wut. Ich schätze, er hat bemerkt, was ich bemerkte und deshalb Angst, ich würde das dem Chef sagen. Wahrscheinlich hat er in seinen Bewerbungsunterlagen den Koch herbei gelogen. Tja. Lügen schaffen eben keine Freunde und schon gar keine Kollegen. Nur Gleichgesinnte. In dem Sinne, dürfen wir Saisonarbeiter davon ausgehen, mit einer Mehrheit von Gleichgesinnten zu arbeiten. Echte Kollektive entstehen in derartigen Verhältnissen, keine. Eher einzelne Gruppen in einer Zweckgemeinschaft. In solchen Brigaden entsteht auch keine Qualität. Nur eine Art, Täuschung, die in jedem Fall, abhängig von einzelnen, engagierten Arbeitern ist. Ein trauriger Zustand. Leider kann ein Chefkoch dieses Grundproblem seiner Küche nicht angehen. Auch dann nicht, wenn er seine Kollegen zu gemeinsamen Sauftouren einlädt.

Dabei lernt man sich vielleicht etwas kennen. Die Lügen werden dann eher akzeptiert als beseitigt.

Saisonkräfte sind in Not geratene Vertriebene auf der Suche nach einer Arbeit. Es wird das genommen, was gerade anliegt. Die eigene Berufserfahrung und Ausbildung wird sofort hinfällig. Die Nachfrage entscheidet, welchen Beruf ich in meinen Bewerbungen angebe. Ein paar Arbeitsämter der Länder, aus denen unsere neuen Kollegen kommen, bieten diverse Umschulungen an. Jetzt mal ehrlich: Wer kann in einem drei monatlichen Kurs, Kochen und die damit verbundene Systematik lernen? Unsere Lehrzeiten würden sich umgehend an diese Zeiten anpassen. Im Kapitalismus ist die fachgerechte Ausbildung der Arbeitskräfte das Teuerste der Personalkosten. Und die will jeder Kapitalist sparen. Selbst Waffengänge und Überfälle zur Eroberung von ausgebildeten Proleten, sind billiger als die Ausbildung von Fachkräften. Sogar Studenten sind wegen der Eigenfinanzierung der Ausbildung, Bestandteil eines wirtschaftlichen Prozesses, der aus reiner Ausbeutung besteht.

Das Abendgeschäft wird fast ein Grauen. Die Kartoffeln für Röstkartoffeln gehen zur Neige. Fleisch muss nachgeschnitten werden. Nachschub muss aus den Lagern geholt werden.

Neben der massenhaften Bestellung von preiswerten Gerichten, fällt gelegentlich eine Prunkbestellung an. Mit der wird die gesamte Küchenmannschaft zur Unterbrechung der Routinen gezwungen. Die folgenden Bestellungen werden darunter leiden.

Eigentlich wäre gegen ein und zwanzig Uhr, Schluß mit der warmen Küche. Die aufgelaufenen Bestellungen, die besonders zahlreich, kurz vor Neun eintreffen, reichen für Arbeit bis weit nach zwei und zwanzig Uhr. Danach wird geputzt.

In den Schweiß, der Köchen ins Gesicht läuft, mischt sich das verbrannte Fett, der Dunst von verkohlten Speiseresten und überhitzten Reinigungsmitteln. In gut gelüfteten Küchen mag das ja teilweise funktionieren, diese Abgase zu beseitigen. Der Koch bekommt trotzdem den größten Teil ab. Nirgends gibt es wirklich funktionierende Lüftungssysteme. Auf Bildern schon.

In DDR – Küchen gab es die. Aus so einer Küche kamen wir nicht mit diesem Geruch stinkend nach Hause.

Fortsetzung Die Saisonpause


Das erklären mir dann auch die glasigen Augen.

„Ich würde hier zunächst mal zwei Bain Maries und eine große Bratplatte einrichten“, sage ich zu Gustl.

Gustl zeigt sofort Interesse.

„Deine Zubereitungszeit wird sich erheblich verringern. Der Service geht zügiger.“

Gustl stürzt zum Telefon und ordert gleich so eine Platte. Auch zwei Bagno Marias.

„Damit sparst du auch Gas“, sage ich anschließend. „Du mußt nicht mehr alle Flammen anschalten. Zwei stellst du auf Vollgas im Geschäft, wenn du es brauchst und zwei auf Sparflamme. Auf denen kannst du die Saucen und Beilagen erwärmen.“

Gustl ist begeistert. Ich kann nicht ausmachen, ob das ehrlich gemeint oder geheuchelt ist. Gustl‘ s Gesichtszüge lassen sich schon nicht mehr lesen.

„Hast du Durst? Möchtest du ein Bier?“

Auf die Frage habe ich gerade noch gewartet. Man sucht einen Mitsäufer.

„Ich fahre mit dem Motorrad!“

„Kaffee?“

„Am liebsten trinke ich den Frühstückskaffee.“

„Den haben wir reichlich.“

„Danke.“

Wir haben etwas um die zweihundert Portionen zubereitet. Es ist nach Zwei Uhr. Geputzt ist die Küche recht schnell. Die Tür geht auf. Ein junger Mann kommt in die Küche. Er stellt sich mit Yusuv vor.

„Ich bin der Abspüler“, sagt er zu mir in recht gutem Deutsch.

„Du hast jetzt Zimmerstunde“, sagt Gustl zu mir.

Meine Kochsachen riechen wie eine alte Fritteuse. Ich stinke meilenweit, kommt mir vor. Die Sachen will ich zu Hause ausziehen und gleich in die Waschmaschine stecken. Nach drei Tagen würde sonst unsere Wohnung diesen Geruch annehmen.

Die Motorradjacke lasse ich gleich in der Garage hängen, nehme ich mir vor. Die stinkt auch schon.

Der Verkehr um diese Zeit ist nahezu unerträglich. Wenn ich einen Weg wüßte, mit dem ich diesen Dauerstau umfahren könnte, wäre mir sehr geholfen. Auf der Schenner Straße ist das ausgeschlossen. Vielleicht bieten sich ein paar Wege durch Obermais an? Oder durch die Apfelplantagen? Ich muß das erst stoppen und probieren. Nicht gerade heute. Der Dunst in dieser Bude raubt mir fast den Verstand. Im Gas verbranntes Fett. Einfach ungesund, stinkend und hoch giftig. In drei Jahren hätte ich dort nicht nur Haarausfall und Krampfadern aller Größen, sondern sicher auch erhebliche Lungenschäden. Nicht etwa vom Rauchen, wie hierzulande gerne behauptet wird.

Auf der Heimfahrt fällt mir auf, meine Augen jucken gewaltig. Ich kenne das Gefühl. Beim Grillen auf Holzkohle macht sich bisweilen dieses Gefühl bemerkbar. Aber nur, wenn ich den Grill falsch aufgestellt habe und mir der Wind den Dunst in die Augen bläst.

Der Weg nach Hause dauert heute vierzig Minuten. Das ist die Zeit, die ich zukünftig für den Arbeitsweg kalkuliere. Ich gebe fünf Minuten dazu. Bei vier Wegen macht das zusammen, drei Stunden. Jeden Tag. Arbeitszeit mit erhöhtem Unfallrisiko. Söldner in einem Krieg, haben ganz sicher weniger Risiko zu verunglücken. Jetzt wundert mich kaum noch, warum sich so viele Jugendliche für diesen einzigen Beruf neben unserem, der ihnen angeboten wird, entscheiden. Die uns bekannte Wildnis ist sicher humaner. Jetzt bekommt der Spruch von Rosa Luxemburg, Sinn. Sozialismus oder Barbarei.

Auf dem Weg zum Abendgeschäft herrscht wieder Stau. Ich bewege mich wahrscheinlich wieder unter Berufskollegen. Touristen sind zahlreicher darunter als morgens. Beim genauen Hinschauen stelle ich fest, die Touristen stellen die deutliche Mehrheit in der Stadt und auf der Landstraße. Deswegen staut es auch besonders an der Ortseinfahrt. Wieso stelle ich mein Motorrad nicht einfach vor einem anderen Hotel ab und laufe das Stück? Beim genauen Betrachten dieses Wunsches wird mir schnell klar, selbst die Fußgänger haben Probleme, in den Ort zu gelangen. Und dann noch ein fremder Parkplatz. Da würde schnell klar, wir dienen nicht dem gleichen Gästekreis.

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