Fortsetzung Die Saisonpause


Der Weg in die Lauben ist trotz der scheinbaren Kürze eine ziemliche Anstrengung. Es geht bergauf und das in Motorradsachen. Ich muß als Erstes erfahren, wie lange der Dienst hier geht. Komme ich erst zu einer Zeit frei, in der kein Nahverkehr mehr läuft, kann ich das vergessen. Zu meiner Arbeit fahren, geht hier wahrscheinlich nicht. Obwohl ich Oben, Fahrzeuge treffe. Ich muß mich erkundigen. Da denke ich, über Meran Bescheid zu wissen; Irrtum. Wahrscheinlich werden die Regeln schon monatlich umgeschrieben.

Das Gedränge in den Lauben ist jetzt schon ziemlich belastend. Ganze Busladungen schlendern schnatternd durch die Gassen. Ich könnte mein eigenes Wort nicht verstehen. Irgendwie ist es frustrierend zu wissen, von diesen Leuten leben zu müssen. Mir gefallen solche Abhängigkeiten nicht. Man kommt sich immer vor, als würde man diesen Leuten, bettelnd, den Dreck hinterher räumen. Bei Kindern würde ich das ja verstehen. Aber bei angeblich Erwachsenen? Aschenbrödel hätte es relativ leicht, den Spuren verschiedener Touristenströme zu folgen. Die Spuren führen immer zu Eisständen und Plunderhändlern. Wenn ich irgendein Kleidungsstück probieren wöllte, könnte ich mit Sicherheit sagen, in diesem Teil steckten schon vierzig Leute, die ihre Größe nicht kennen. Für uns ist diese Geschäftslage unerschwinglich. Was unterscheidet uns von Bustouristen?

Ich komme an dem Restaurant an. Es ist scheinbar noch geschlossen. Beim Eintreten sehe ich aber schon Gäste. Die stehen am Ausschank und trinken einen Gespritzten. Viele von ihnen tragen die traditionellen blauen Schürzen und einen typischen Filzhut. Es wird Mundart gesprochen. Ich verstehe nur die Hälfte.

Am Tresen frage ich nach dem Chef. Die Frage muß ich zwei Mal stellen. Mein Sächsisch erregt sofort Aufmerksamkeit und ein freundliches Lächeln.

Ein Gast versucht, mir in Sächsisch zu antworten: „Nu da.“

Der Chef kommt gerade aus einem Nebenraum. Er bittet mich, ihm zu folgen.

Schon stehen wir in der Küche. Mich begrüßen sechs Kollegen aus allen Erdteilen der Welt. Ich komme mir vor wie auf den Jugendfestspielen in Berlin.

„Ich suche einen Zweiten Koch“, sagt mir der Chef.

„Hat der Chefkoch frei?“

„Er ist nicht da.“

„Wann soll ich anfangen?“

„Morgen.“

„Kann ich mit dem Motorrad direkt bis hier her fahren. Gibt es eine Garage?“

„Hier nicht. Aber in der Nähe gibt es einen Hinterhof. Dort kannst du dein Moto abstellen.“

„Wann beginnt der Dienst?“

„Wir fangen um Neun an. Was hast du im letzten Betrieb verdient?“

„Zweitausend und vierhundert.“

„Wir sind ein Ganzjahresbetrieb. So viel kann ich dir nicht geben.“

„Na dann. Bis morgen.“

„Ich rufe an.“

‚Ich rufe an‘, ist eigentlich schon wieder eine Absage. Der Weg war scheinbar umsonst.

„Was willst du trinken?“

„Einen Kaffee.“

„Cappuccino?“

„Gerne.“

Beim Kaffee entschließe ich mich, den anderen Betrieb doch noch zu besuchen. Zum Glück geht es jetzt bergab. Durch geschwitzt will ich mich nicht unbedingt vorstellen.

Das Motorrad nehme ich mit. Die kleine Schleife um den ganzen Block, ist mein Umweltbeitrag für Meran.

Gegenüber von Sabines Eisladen ist die Einfahrt in die Tiefgarage. Die Schranke ist gesenkt. Das Lautsprecher knistert. Für einen Vier-Sterne-Lautsprecher etwas zu lästig, scheint mir. Die Stimme ist nicht einheimisch. Ich dachte, die hätten Einheimischen, Arbeit versprochen. Wie scheint, ist das am Lautsprecher der Chefetage anders. Die klang so, wie ich eine Stimme vom Westriesenrad auf Rummelplätzen in Erinnerung habe. Oder war es die Geisterbahn? Egal. Alles fürchterlich… und zu teuer.

Ich parke draußen. Mal sehen, ob ich wenigstens durch die Garage nach Oben gehen kann. Ich krabbel unter der Schranke durch und begebe mich suchend in Richtung Fahrstuhl. Zum Glück steht auf dem Etagenknopf – Reception. An der Reception frage ich nach dem Chef .

„Ich habe einen Vorstellungstermin.“

„Das macht hier nicht der Chef.“

„Naja. Dann melden sie mich bitte bei dem Termin an.“

Namen hat die slowakische Tante mir nicht genannt. Alles anonym. Nur der Akzent gibt mir die Richtung. Naja. Gastronomie ist eben ein internationales Befangen. Billig und geil, gewinnt.

Ich soll Platz nehmen.

„In Kürze kommt Jemand zu ihnen.“

Jemand? Naja. Ein Geist, sozusagen. Ich frag mich ernsthaft, wer in so einer Einrichtung, Urlaub machen möchte. Sicher keine Menschen oder Arbeiter.

Fortsetzung Die Saisonpause


Auf die Frage, ob ich meine Unterlagen schicken soll, erfahre ich die Emailadresse vom Chef. Die Post geht zum Chef persönlich. Das häusliche Büro der Rezeption soll das nicht erfahren. Wahrscheinlich haben die Bürodamen auch eine ausgeprägte Spamallergie. Sie möchten sicher vermeiden, von einem Koch erwähnt zu werden. Immerhin sitzen in dem Büro mehr Angestellte als in unseren Küchen zu finden sind. Würde ich denen erzählen, dass meine Mutter oder ich selbst, Hotelbuchungen zur Küchenarbeit, allein und fehlerfrei gemacht haben, bekäme ich glatt ein beleidigendes Gegacker zu hören. Würde ich dazu unsere Zimmerzahl erwähnen, hätte ich umgehend das Erlebnis, mich in einem Hühnerstall zu befinden. Im Hintergrund höre ich schon das Geschnatter. Ich glaube, vier verschiedene Stimmen zu hören. Jetzt frage ich mich besorgt, wie viele Zimmermädchen das Hotel hat. Sicher weniger als einheimische Büroangestellte. Wenn dann die Zimmermädchen noch deren Abfallplatz aufräumen sollen, fragt sich der normale Arbeiter, wie es zu solchen Verhältnissen kommen kann. Könnte es sein, ich rede mit einem Harem? Ausgerechnet aus diesem Raum kommen die meisten Beleidigungen unserer muslimischen Mitarbeiter.

Der Chef lädt mich ein, nachmittags bei ihm vorbei zu schauen. Die Uhrzeit ist wie immer so angelegt, bei der ich dem Kontakt mit anderen Küchenmitarbeitern entgehe. Fast immer wird mir die Ablösung eines Chefkoches oder dessen Zweiten angedeutet. Wenn der Chefkoch tatsächlich gegangen wäre oder gekündigt hat, kann man das wohl offen sagen.

Die gerade herein kommende Nachricht klingt für mich etwas verlockender. Sie kommt aus Algund. Also, um die Ecke. Vier Wege dahin und zurück, würden meine Haushaltkasse nicht zu schwer belasten. Ich sage gleich einem Treffen zu. Zumindest klingt das dringend. Die Einladung aus Schenna vereinbare ich danach. Dort wäre inzwischen zu der Zeit die Küchenmannschaft wieder im Betrieb. Nach dem Rückruf vereinbaren wir eine Zeit, bei der ich die Küchenmannschaft nicht treffe. Für Algund bleibt also wenig Zeit.

Zuerst muss ich mich etwas frisch machen. Nach den Erfahrungen der letzten Tage fällt mir das schwer. Beim Zähne putzen verspüre ich ein leichtes Ziehen. Mir fehlt das Geld, um einen Zahnarzt aufsuchen zu können. Ich glaube auch nicht an eine wirkliche Hilfe in dem Zusammenhang. Eher an ein Verkaufsgespräch mit traumhaften Versprechungen. Bei nur drei Besuchen dieser Ärzte wurde mir schnell klar, hier geht es nicht um medizinische Hilfe. Mit einer Zahnreinigung für eintausend Euro, habe ich mir eine Folter der besonderen Art gestattet. Die hat mir tatsächlich ein halbes Jahr geholfen. Sie hat das schmerzfreie Einschlafen verhindert. Und das, ohne Kaffee. Die Hauptarbeit dieser Ärzte besteht im Ziehen der Zähne. Nur so, kann man dem Opfer nach einiger Zeit Zahndübel und andere Unarten andrehen. Den Arzt gibt es jetzt nicht mehr bei uns in der Nähe. Ich glaube, der hat jetzt bei Leuten angefangen, die der Folter nachgehen. Das Praktikum hat der schon mal bestanden. Würden wir in ähnlicher Qualität unser Essen abliefern, dürften wir uns vielleicht auch Doktor nennen.

Der Weg nach Algund ist kurz. Unsereiner muß abkürzen über die örtlichen Straßen. Auf der Vinschger Straße ist heute ein Lastverkehr, der seines Gleichen sucht. Ich sehe kein einziges einheimisches Kennzeichen an den Lastwagen.

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Zur Not blieben mir noch die hohen Lagen. Deren Saison beginnt erst später. Leider erst im Juni. Wie soll ich bis dahin Geld verdienen? Jetzt wäre eine gute Gelegenheit, in meinen Winterbetrieben nach zu fragen, wo denn mein restlicher Lohn geblieben ist. Plötzlich fällt mir ein, ich habe meine Sachen und vor allem, mein Werkzeug liegen lassen. Ich gehe zurück. In der Küche angekommen, sehe ich Marco schon mit meinem Werkzeug hantieren.

„Marco. Das muss ich jetzt mitnehmen. Tur mir Leid.“

„Ist schon gut. Viel Glück bei deiner Suche.“

„Danke. Machs gut.“

Jetzt bin ich beladen wie ein Kamel. Im Heckkoffer ist kaum noch Platz. Ich ziehe die Regenkombi an, um etwas Platz zu schaffen.

Zu Hause angekommen, will ich Joana meinen Lohn übergeben. Der Umschlag ist weg. Verloren. Ich springe umgehend auf mein Motorrad und fahre den Weg zurück. Immerhin hat mir die Chefin einen beträchtlichen Betrag ausgezahlt. Im Scheinwerferlicht mache ich mir schon Hoffnung, den Umschlag ziemlich schnell wieder zu finden. Fünf Stunden dauert die Suche. Nichts. Die gesamte Abrechnung ist dabei. Joana macht mir Vorwürfe. Ich würde mit Unterlagen zu schlampig umgehen, sagt sie. Joana fährt mit dem Auto. Auf einem Motorrad ist das schon anders. Wegen zwei zu langen Messern, konnte ich die Tanktasche nicht komplett schließen. In den Heckkoffer paßten die auch nicht rein.

Joana steht drei Uhr dreißig auf. Ich komme gerade rechtzeitig zum gemeinsamen Frühstück. Einem freudlosen Frühstück. Am Monatsanfang wird unsere Rate abgebucht. Wir befürchten, uns diesen Monat täglich mit Pasta bianco ernähren zu müssen. Das ist wenigstens das preiswerteste Butterbrot.

Gleich, nachdem Joana zur Arbeit gefahren ist, schicke ich um die hundert Bewerbungsschreiben weg. Die abgesprochenen Termine scheinen mir zu unsicher. Bis Pfingsten ist noch Zeit. Trotzdem sehe ich eine Chance. Im Moment ist die Jahreszeit für die Kaffeefahrten aus Deutschland. Deren Menüs bringen in die neuen Küchenkollektive viel Unruhe. Die Hochburgen sind Schenna und Dorf Tirol. Dort sehe ich etwas Hoffnung.

Fortsetzung Die Saisonpause


Einem Koch muß ich sicher nicht zeigen, wie wir Menüs kochen. Schon gar keinen jungen Südtiroler Koch. Jeder Koch hat seine Vorstellungen von Menüs. Marco ist sich noch etwas unsicher. Ich glaube, er hat immer noch Probleme, die benötigten Rohstoffe zu finden. Der Zeitverlust ist extrem hoch. Bei jeder Suche gehen wertvolle Minuten verloren. Zu Zweit ist das kein Problem. Allein, kann das dramatisch enden.

Das Haus füllt sich nur zur Hälfte. Ich dachte erst, das wird mehr im Laufe der Feiertage voll. Irrtum. Im Gegenteil. Wir haben Abreisen. Viele Gäste sind nur auf der Durchreise und haben bei uns eine Pause eingelegt. Die wollen entweder ans Meer oder an den Garda. Verstehen kann ich das nicht. Es ist aber deren Entscheidung, die mich nichts angeht. Ich vergleiche nur innerlich, weil ich die Berge, das Meer aber auch den Garda kenne.

Die Laune unserer Chefin scheint sich zu verschlechtern. Wer bekommt das zu spüren? Wir in der Küche. Die Köche scheinen das teuerste Personal zu sein. Ausgenommen die Hotelbesitzer. Damit sind wir in knappen Zeiten das Ziel des Frustes. Wir bekommen das umgehend bewiesen. Zu Mittag stehen bereits Bestandteile des Menüs fertig in der Küche. Unsere Chefin kommt wie erwartet zur Probe. Ein paar Gäste wollen das Haus nicht verlassen und bei uns Mittag essen. Genau zu der Zeit, möchte auch die Familie einkehren. Selbst Werner ist schon da. Die Kinder müssen nicht geholt werden. Mir scheint, die Tische sind jetzt besser besucht als zum Abendmenü. Der Speiseraum ist gut gefüllt. Marco wirkt jetzt aufgerieben und etwas konfus.

Das Mittagessen ist schnell vorbei. Es gibt wieder keine Probleme. Selbst die Familie hat sich heute mit Extrawünschen zurück gehalten. Werner kommt zu uns und lobt uns wieder. Kurz vor drei Uhr können wir die Küche verlassen.

Auf den Straßen ist es unerwartet ruhig. Zumindest auf der Straße bis Forst. Jetzt wird es komplizierter. Ich komme nicht heraus in Richtung Vinschgau und muß tatsächlich den Umweg über Algund fahren. Die Gäste haben wieder keine Zeit im Urlaub.


Fortsetzung Die Saisonpause


Im Kühlhaus entdecke ich die Schlutzkrapfen. Sie sind vakuumiert. Also Frischware. Die kochen natürlich etwas schneller als die getrockneten. Nachdem ich sie in das Wasser gelegt habe, renne ich schnell noch mal raus.

„Mit Brauner Butter?“

„Nein! Mit Tomatensauce!“

Tomatensauce ist keine im Haus. Ich muß schnell eine Dose öffnen. Es ist bereits nach vierzehn Uhr. Ab jetzt beginnt meine Freizeit. In meiner Freizeit koche ich allgemein für meine Familie. Für sonst Niemand. Damit spare ich mir auch das extra vakante Würzen. Nur das Nötigste kommt rein. Ich warte in der Küche. Bedienen gehe ich zu meinem Feierabend, Keinen außer meiner Frau. Ich warte, warte… . Werner kommt.

„Oh. Hast du Alles schon fertig?“

„Ja bitte.“

Werner nimmt das Essen mit. Die Schlutzer dürften jetzt weich genug sein.

„Dein Essen steht dann hier“, sage ich zu Werner. Ich habe das Essen in einer Pfanne angerichtet. Auf den Teller kann er sich das selbst legen.

„Bis heute Abend.“

Ich ziehe schnell meine Regenkombi an. Die ist zweiteilig. Die Lederkombi muß ich auf zwei Mal mit nehmen. Sie passt sonst nicht in meinen Heckkoffer.

Nach Hause nehme ich eine Abkürzung. Eigentlich müßte ich bis Marling fahren. Von dort nach Meran und über Meran nach Hause. Wer sich das hat einfallen lassen, war ganz sicher ein Umweltschützer. Die zweite Möglichkeit wäre, an der Forstbrauerei nach Algund abzubiegen und über die Ausfahrt Algund in Richtung Reschen zu fahren. In Algund bin ich Linksabbieger, bergauf. Der Einfall ist ganz sicher so intelligent wie der über Meran. Gut. Nehmen wir es, wie es ist. Ich versuche, an der Ausfahrt Forst, nach Links abzubiegen. Eine Ampel steht dort schon. Warum ausgerechnet diese Richtung nicht mit einer Ampel bedient wird, bleibt das Geheimnis der Verkehrswissenschaftler. Hauptsache, die Straße hat auf der Mitte ein schönes Blumentöpfchen. Lassen wir das. Auch bei schweren Geburten wird mitunter etwas Intelligenz gespart.

Zu Hause angekommen, lege ich mich natürlich gleich etwas hin. Die Ruhe ist kostbar. Ich habe genau fünfzig Minuten zum Ruhen. Danach werde ich vor Kraft nur so strotzen. In der Zwischenzeit kommt Joana nach Hause. Sie fragt mich, ob mir die neue Arbeit gefällt. Ich bin noch ganz verschlafen. Joana schaut mir ins Gesicht. Sie merkt schon, ich bin dort nicht so glücklich wie sonst. Sie schaut mich etwas mißtrauisch an.

„Am ersten Tag bin ich schon etwas überfordert. Zu viele Eindrücke müssen verarbeitet werden.“

Fortsetzung Die Saisonpause


Joana ist fertig und wir können gehen. Das erste Mal, seit wir hier in Südtirol sind, gehen wir gemeinsam in den Feierabend. Nach fünfzehn Jahren. Wir fühlen uns wie Umweltschützer, die gemeinsam in einem Auto, zum Feierabend fahren. Schon morgen wird sich das ändern. Ich muss wieder mit dem Motorrad fahren. Joana nimmt lieber das Auto.

Joana hat es mal mit einem Scooter probiert. Sie ist gestürzt. Rippenbruch und Vorwürfe des Chefs ob ihres Krankenstandes. Seit dem hat sie fürchterliche Angst vor so einem Zweirad. Auf sie einreden, bringt nichts mehr.

Die Finanzierung unserer Wohnung hat Vorrang. Ein einfaches Dach über dem Kopf bestimmt den Lebensinhalt. Ein Grundrecht.

In Österreich haben wir mit Kollegen gearbeitet, die zusammen in einem Wohnmobil hausten. Selbst Zigeuner zu sein, bringt ein ganz neues Lebensgefühl. Wehe, du bist in der Situation nicht mit einer weißen Hautfarbe gesegnet. So wirst du wenigstens noch mit einem Tourist verwechselt. Schale Blicke erntest du aber immer. Sagte die britische Kollegin und ihr Mann. Sie arbeitete als Bedienung und ihr Mann auf dem Bau. In einem Wohnwagen haben sie wenigstens die Miete gespart. Und die ist in Touristengebieten üppig. Dort werden nicht nur die Touristen ausgenommen. Das Personal bringt den meisten Gewinn. Den Mehrwert, von dem Herr Marx schrieb.

Das Preisniveau in Touristengegenden ist unglaublich hoch. Mehl wird fast so teuer wie Gold gehandelt. Und wehe, du benötigst ein Produkt, welches von der örtlichen Gastronomie verwendet wird.

Zu Hause warten bereits Neugierige. Die paar Fragen meiner Mitbewohner können auf dem Weg in die Wohnung beantwortet werden. Lange Gespräche sind erst Mal nicht nötig. In zwei Tagen kann ich schon genauere Auskunft geben. Unsere Nachrichtenzentrale muss mit wahrhaften Meldungen beschickt werden. Falschmeldungen schaden Allen.

Zur Feier des Tages genehmigen wir uns eine Pizza von Karib bei Doris. Im äußeren Gästebereich sitzen schon Touristen. Wir hören Stimmen der Heimat. Wenn ich die Sächsische Sprache vernehme, hält mich kaum Etwas. Ich muss sofort Kontakt suchen. Joana schaut mich böse an. „Bleib sitzen!“, zischt sie. Ich soll zuerst einmal etwas lauschen, was denn unsere Nachbarn so von sich geben. Jetzt, nach einiger Zeit, muss ich Joana Recht geben. Mein Kontaktversuch wäre nach Hinten los gegangen. Die Angepeilten waren froh, nicht mehr in der DDR zu leben. Dem Gespräch folgend, gehe ich von Ärzten aus. Früher dachte ich, ein Arzt fühlt sich den Menschen und dem Sozialen verbunden. Irrtum. Ich schäme mich für meine Landsleute.

Doris kommt mit unserer Pizza. Sie sagt leise zu mir: „Deine Landsleute.“

„Die falschen“, flüstere ich zurück. Doris zwinkert mich an und fragt mich, was ich trinken möchte. Jetzt, nach einem Jahr, könnte ich mir eigentlich ein zweites Bier genehmigen. Nach der Bestellung bemerkt Joana, „du trinkst noch ein Bier?“ Allgemein bricht dann Joana auf und geht. Sie ist der Meinung, ich würde bereits nach dem zweiten Bier, besoffen reden. Joana meidet Betrunkene. Ich muss ihr in der Beziehung Recht geben. Zu viel Alkohol verleidet mich zu Selbstmitleid. Ein Mann darf in der Öffentlichkeit nicht weinen. Schon gar nicht in Gaststätten.

Fortsetzung Die Saisonpause


Er stellt sich als Vater vor. Es dauert nicht lange, öffnet sich die Tür wieder und die Großeltern betreten die Küche. Das Vorstellungsgespräch wird jetzt zum Beschau. Nur die Kinder und Enkel fehlen noch. Auf alle Fälle wird mir umgehend klar, hier ist auch für eine ziemlich große Familie zu kochen.

Das Hotel liegt eigentlich günstig und bietet einen Blick auf Meran. Leider wird es mit der Abendsonne ziemlich dunkel dort. Uns als Köche interessiert das wenig. Wir sehen eh kaum Sonnenstrahlen.

Aktuell ist das Hotel zu einem Drittel gefüllt. Ich habe also Zeit, mich anständig warm zu kochen. Die mir vorgestellten Menüs zeigen ein mittel gehobenes Dreisterneniveau.

„Wir hätten das gern etwas besser“, sagt mir die Chefin.

„Das verteuert aber den Einkauf“, antworte ich ihr. Mit der Antwort konnte ich umgehend eine Verfinsterung des Blickes feststellen. Wahrscheinlich soll ich zaubern.

„Ich bin nur Koch. Zauberer bin ich keiner.“

Allgemein verteuern sich die Einkaufspreise mit Saisonbeginn. Wir leben immerhin im Kapitalismus.

„Der Markt reguliert uns den Preis“, sage ich lächelnd zu einer Befürworterin dieses Gesetzes. Schließlich hebt sie die Preise doch auch an zu Saisonbeginn. Wir trösten uns mit der Feststellung, von unserem Preisniveau leben immerhin die Südtiroler.

Wir begehen gemeinsam das Lager. Dabei erzählt mir die Chefin, alle Bestellungen soll ich ihr zur Kontrolle übergeben. Das finde ich natürlich in Ordnung. Ich hasse unkontrollierte Betriebe. Sie verspricht mir, es gibt keine Einschränkungen. Das wiederum kann ich nur als Gag bezeichnen. Sie würde schön reagieren, wenn ich den Dreisterne Betrieb mit einem Fünfsterne Einkauf beglücke.

„Ich produziere so und so fast Alles selbst, wenn ich die Zeit dazu habe.“

Die Einschränkung überhören sehr viele Arbeitgeber. Sehr wohl, bewusst. Wenn die Familie, zum Beispiel, meine Arbeit zu sehr bindet, bleibt weniger Zeit für die Gäste. Ich bemerke aber, sie hört meinen Beschreibungen nur halbherzig zu. Um so begeisterter ist die Frau, die gerade die Küche betritt. Sie ist ein Zimmermädchen, wie ich etwas später erfahre. Sie ist nicht einheimisch. Dem Akzent nach, würde ich auf Polen tippen.

Wir sind uns soweit einig. Ich soll morgen anfangen. Zum Frühstück. Auf meine Frage, wann das beginnt, antwortet mir die Chefin, sechs Uhr dreißig.

„Ich komme also fünf Uhr dreißig“, antworte ich.

„Eine halbe Stunde Vorbereitung reicht“, ist die Antwort.

„Auch am ersten Tag?“, frage ich.

„Ist gut. Kommen sie fünf Uhr dreißig.“

„Wie lange dauert das Abendmenü?“

„Neun Uhr dreißig sind alle unsere Gäste fertig mit dem Essen.“

Naja. Dann darf ich wenigstens sieben Stunden schlafen zwischen der Arbeit.

Fortsetzung Die Saisonpause


Antonia, unsere Nachbarin fragt, ob unser Urlaub schon zu Ende ist. Sie lacht dazu. Ich erzähle von Marling. Es kommt genau die Antwort, die Joana schon befürchtete. Das macht mich stutzig. Trotzdem ist mein Optimismus kaum gebrochen. Am Telefon verspreche ich, vorbei zu schauen. Vor einem Vertrag möchte ich natürlich die Küche sehen und Genaueres erfahren. Schon heute soll ich vorbei kommen. Natürlich fahre ich mit dem Motorrad.

Die Küche sieht annehmbar aus, obwohl sie sehr alt ist.

Als Erstes leuchtet mir wieder ein alter Bekannter entgegen. Ein Ölofen. Ich muß lachen. Warum erfrage ich das nicht vorher? Wohl in dem Wissen, nie wirklich die Wahrheit zu erfahren. Beim Gespräch stellt sich schnell heraus, mit dem Ölofen wird nicht mehr gearbeitet. Mir fiel das auch gleich auf. Die Kochmöglichkeiten reichen auch so. Der Ofen scheint eine Art Reserve zu sein. Man misstraut der Landesregierung. Keine hundert Gäste sind zu verpflegen. Scheinbar. Oft wird erst nach der Anstellung bekannt gegeben, die Gäste der Nebengelasse sind auch mit zu bekochen. Nicht die Garagen und Hühnerställe werden vermietet, sondern eher die Gebäude von gescheiterten, auf gekauften Mitbewerbern. Das Wachstum ist mitunter zu rasant. Nicht nur das Personal wird überfordert, sondern ziemlich oft auch der Betreiber selbst. Der geschäftliche Zwang verändert das Gemüt der Betreiber. Oft wird ein innerfamiliärer Streit vor dem Personal ausgetragen. Verdeckt, natürlich. Einer sagt Ja, der Andere, Nein. In meinem Fall sagt eben der Eine, es schmeckt und der Andere, zum Kotzen.

Bei der Anstellung wird die Probearbeit betont. Zehn Tage soll sie dauern. ‚Dann ist Ostern gelaufen‘, denk ich mir. Ab Ostern, wenn es spät fällt, geht der Betrieb normal so weiter wie zu Ostern. Oft noch besser. Zu Ostern teilen sich oft noch die Gäste in Skifreunde und Sonnenhungrige. Kein Betrieb ist wirklich voll. Mit ein paar Apfelblüten und bunten Eiern kann man nicht wirklich Gäste anziehen. Etwas Frisches gehört schon auch dazu. Die Ansprüche an Menüs und Versorgung scheinen fast unmöglich. Gelegentlich bekommen Köche den Eindruck vermittelt, zu Ostern ist ganz was Ausgefallenes, Neues, zu bereiten. Der Erwartungsdruck scheint grenzenlos.

Als Erstes möchte ich wie üblich, erfahren, auf welchem Niveau sich der Betrieb bewegt. Die Schilderungen dazu sind oft zu unklar. Manchmal auch vorsätzlich. Es kann auch sein, die Betreiber suchen ein neues Konzept und vertrauen deshalb den Leistungen des Kochs. Trotzdem bestehe ich darauf, die Menüs meines Vorgängers zu sehen. Ich möchte schon wissen, auf welcher Basis meine Leistungen aufbauen sollen. Die Chefin zeigt mir ein paar Zettel. Kein Menübuch und keine anderen Aufzeichnungen. Ich frage sei, ob sie vielleicht gedruckte Menüs der vorherigen Saison hat. Immerhin stehe ich in meiner Freizeit hier und nicht etwa, weil ich lange Weile habe.

Die Küchentür öffnet sich und ein junger Man betritt die Küche. Er stellt sich als der Junior des Geschäftes vor. Seine Stimme kommt mir ziemlich hell vor. Sein Auftreten ist fast weiblich. Genau das fehlt seiner Mutter. Sie unterbricht ihn schnell. Fast schon schamvoll. Als hätte sie vor, mir Etwas zu verbergen. Der Sohn errötet leicht. „Ich bin dann im Büro“, sagt er kurz und geht. Kaum ist er draußen, öffnet sich die Tür wieder. Ein etwas dickerer Mann betritt die Küche. Er hat ein blaue Schürze an.

Die Erdpyramiden in Klobenstein

Fortsetzung Die Saisonpause


Der Abschied ist herzlich familiär. Mutter hat sich mit Lisa wieder verabredet. Man geht zusammen Baden und Kuren. Wir bekommen wieder reichlich neue Versprechen. Joana glaubt sie nicht. Sie scheint einen Unterton zu vernehmen. In unserer Familie hat die Oberflächlichkeit gewonnen. Ich bin enttäuscht. Im Nu wird man zum Einzelgänger. Zum Glück hält meine liebe Joana und ihre Familie zu mir. Ich wäre sonst wo anders hin ausgewandert. Sozusagen, auf nimmer Wiedersehen.

Bei Mutter zu Hause blinkt das Telefon. Es hat Jemand angerufen. Wir schauen nach der Nummer. Eine italienische. Joana ahnt bereits, was kommt.

„Ich gehe packen“, sagt sie trocken.

Natürlich rufe ich zurück. Ein Hotel möchte mich zur Probearbeit einladen. In Marling. Ich freue mich riesig.

‚Nach so vielen Jahren in Südtirol darf ich endlich in der Nähe meiner Frau arbeiten‘, denke ich mir. Joana sieht das etwas skeptischer. Mutter auch.

„Du bist immer gleich zu euphorisch“, warnt sie mich.

In der DDR war ein Wort, ein Wort. Zu leicht vergesse ich, mit der Änderung des Systems, kommen auch deren Gewohnheiten. Die Lehre ist schmerzhaft und ziemlich teuer.

Noch an diesem Abend brechen wir auf. Mutter hat uns Kuchen vom örtlichen Bäcker, belegte Brote und reichlich Kaffee eingepackt. Die Wurst von unserer lieben Herta ist auch dabei. Das ganze Auto duftet danach. Es sind nicht nur Konserven in der Tasche. Auch feine, frische Blut- und Leberwurst. Deren Oberfläche ist schon leicht getrocknet. Die Wurst schmeckt jetzt um so besser. Der Schinken ist extra stark geräuchert. Herta hat ein Kärtchen mit rein gelegt. Ein Familienfoto. Unsere Oma ist mit drauf. Auch Manfred. Mit einer Zigarette im Mund. Ich muss schnell an dem Päckchen mit dem Tabak riechen. Ein Genuß.

Tagsüber ist die Fahrt nach Südtirol eine Folter. Da gesund durch zu kommen, können wir schon als Glück bezeichnen. Wir wollen die Autobahnroute wählen. Alle anderen Strecken sind wahrscheinlich überlastet. Es herrscht schon reger Osterverkehr. Arbeiter diverser Branchen, legen ihre freien und Feiertage zusammen, damit ein relativ langer Urlaub entsteht. Aus drei Tagen wird so leicht eine Woche und mehr. Natürlich haben wir immer den Verkehrsfunk an. Schon auf den Straßen der DDR herrscht reger Verkehr. Auf der Autobahn in Richtung Hof ist reichlich Lastverkehr unterwegs. Zwei von einhundert Nummern sind deutsch. Die DDR Bürger fahren auch in Richtung West. In allen Autos sitzen auch reichlich Kinder. Wir entschließen uns, die Regensburger Autobahn zu nutzen. Die zwei Spuren wirken auf uns heute etwas ungefährlicher. Unsere Spekulation geht soweit auf. Wir kommen fast ohne Behinderung nach Österreich. Im Radio hören wir, am Brenner staut es gewaltig. Es gibt mehrere Stunden Verzögerung. Kurzerhand entschließen wir uns, über den Reschen zu fahren. Dort haben wir immerhin mehrere Möglichkeiten, Umwege zu nutzen. Ich kenne mich dort sehr gut aus. Joana sieht das gelassen.

Kaum sind wir in Südtirol, stehen wir. Der Blick auf die Uhr verrät uns, wir sind bereits zwölf Stunden gefahren.

Sobald der Verkehr steht, haben wir die Möglichkeit, unsere Straßenränder genau zu sehen. Die haben sich inzwischen in Müllhalden verwandelt. Scheinbar werden die Autos immer größer, während der Platz darin für ein paar leere Verpackungen schwindet. Komisch. Gefüllt, hatten die Verpackungen, Platz. Wir haben es offensichtlich mit absoluten Dreckschleudern zu tun. Für eine angemessene Maut könnten wir vielleicht Leute einstellen, die den Dreck der Dreckschleudern weg räumen. Günstiger wäre es, die Dreckschleudern weg zu räumen.

Fortsetzung Die Saisonpause


Von Reitzenhain fahren wir zurück. Wir kommen nach Marienberg. Dort war zu DDR Zeiten eine schöne Kaserne. Die Besatzer haben andere Fahnen gehißt. Jetzt geht es auch nicht mehr um die Verteidigung des Volkseigentums. Die neu erklärten Gegner sind Untermenschen. Egal, welcher Hautfarbe. Ich schätze, der Umgangston hat sich damit auch gewaltig geändert.

Die, in ihrer Heimat Vertriebenen, werden jetzt Flüchtlinge und Ausländer genannt. In dem Atemzug fällt auch oft das Wort: Russe. DDR Bürger sind schon seit der Wende, Menschen zweiter Wahl.

Wir fahren zügig vorbei. Eigentlich sind wir jetzt eine Runde um Zschopau gefahren. Ich frage meine Begleiterinnen, ob sie noch nach Augustusburg wollen. Sie winken ab. Meine Frauen sind Stadtmenschen. Ich spüre das. Einer Landfahrt können sie nichts abgewinnen. Das erklärt mir auch, warum sie uns bis jetzt nicht in Südtirol besucht haben. Ich erneuere meine Einladung. Bis auf freundliche Bekundungen werden wir nichts Anderes bekommen. Die Wende scheint bis in das Schlafzimmer zu wirken.

Karl-Marx-Stadt wollen wir uns heute sparen. Wir fahren zügig durch, soweit wir können. Der Werksverkehr hat schon begonnen. Eine kluge Umfahrung wäre vielleicht angebrachter. Zu spät. Lisa schickt mich auf den Südring. Komisch. Sie kann sich eigentlich gar nicht auskennen. Lisa fährt kein Auto. Sie hat keinen Führerschein. Karin hat sie oft mitgenommen. Barbara etwas seltener. Trotzdem kennt sie die Straßen gut und redet mir sogar rein. „Du mußt jetzt Links abbiegen“, sagt sie in einem ruhigen Ton. Ich komme mir vor wie an einer Sexhotline.

„Du könntest fast in einer Sexhotline arbeiten“, antworte ich und lache.

„In Chemnitz Nord ist eine“, antwortet sie mir.

„Hast du dich dort schon beworben?“

Lisa lacht.

„Ich bin dafür zu alt.“

„Ja, aber dich sieht doch keiner.“

Meine Damen lachen.

Eigentlich könnten wir noch einen Kaffee trinken gehen.

Der Vorschlag wird breit abgelehnt. Wegen der Figur. Zucker ist das neue Gift. Brot nicht. Wir sehen, das logische Denken hat verloren in unserer Familie. Traurig.

Die Besatzer scheinen auch das Gehirn mit gestohlen zu haben. Der Ersatz wirkt etwas kümmerlich.

Zu Hause bei Lisa gibt es jetzt Kaffee. Lisa hat beim Kaffee kaufen keine so glückliche Hand. Sie kauft scheinbar einheimisch. Die Besatzer versuchen auf die Art, ihre minderwertige Ware zu vertrödeln. Der Kaffee schmeckt nach einer schlechten Bohne. Dritte Wahl.

„Kannst du den nicht reklamieren?“

„Das kostet mich mehr als ihn weg zu werfen.“

„Westkultur!“

Der Schutt ist trotzdem verkauft.

„Es war ein Angebot“, sagt mir Lisa.

„Ein Angebot ist Werbung. Und wenn eine Firma damit wirbt, naja. Dann ist sie eine Schuttfirma. Im Westen hat das Kultur.“

Lisa hat früher „Meine Hand für mein Produkt“ gelebt. Man hat sich bei der Partei beschwert, wenn ein Kollege eine Zweite Wahl zur Ersten gelegt hat. In knapp dreißig Jahren haben sie das vergessen. Wir hätten es ihnen einprügeln sollen, könnte man denken.

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