Fortsetzung Der Saisonkoch – Sommersaison


Jetzt bin ich nicht so genau über die Italienischen Gesetze informiert. Claudia kam für mich einfach etwas unvorbereitet.

„Wie lange darf denn ein Lehrling arbeiten?“

„Bis zwanzig Uhr.“

Leo kommt gerade in die Küche.

„Bis zwanzig Uhr dürfen Lehrlinge arbeiten?“

„Ja. Das wird recht streng durchgesetzt. Sie erzählen das in der Schule und dann bekommen wir Ärger.“

„Dann brauchst du auch keine Pause mehr, Claudia.“

„Wir haben vier Anreisen“, sagt Leo.

„Normale Menüs? Claudia. Lege uns bitte vier Salatteller.“

„Ja.“

„Dann lege uns bitte vier Kalte Vorspeisen und vier Salatteller.“

„Was ist die Vorspeise?“

„Ein Speckbrettl. Etwa eine Viertel von einem Speckbrettl im a la carte.“

„Mach mir eins vor.“

Ich lege schnell eine Vorspeise vor. Schon bei der ersten Platte, die sie nach legt, stelle ich eine gewisse Ablehnung fest. Ich kann am ersten Tag schlecht sagen, ob es Vorsatz ist oder einfach Mangel an Talent. Trotzdem gehe ich davon aus, dass ein Mensch, der einen Beruf erlernen möchte, dabei ein gewisses Interesse zeigt. Das vermisse ich.

„Das wird ein schwieriger Gang für uns“, sagt Leo zu mir. Dabei erzählt er mir noch von anderen Begebenheiten, die mich schwer zweifeln lassen. Nun sind wir Zwei aber Deutsche. Und die haben gewiss eine andere Sicht auf den Charakter unserer Gastgeber als unsere Gastgeber selbst. Warten wir ab, was Agnes dazu sagt. Leo erzählt mir, Agnes arbeitet früh als Lehrerin und abends im Hotel. Das ist eine erstaunliche Arbeitsleistung. Auf alle Fälle hat sie gelernt, wie man mit dieser Kategorie Mensch umgeht. Agnes bekommt das letzte Wort.

Ich selbst habe bereits über einhundert Lehrlinge ausgebildet. Die bewerteten meine Methoden stets positiv. Immerhin habe ich sie alle durch die Prüfungen gebracht und später, sehr oft Komplimente bekommen dafür. So falsch kann ich eigentlich nicht liegen. Innerlich rüttelt das trotzdem gewaltig in einem. Die Nacht könnte schlaflos werden deswegen.

Wie sagt der Volksmund? Eine neue Arbeit bringt viele schlaflose Nächte. Bei uns im Handwerk. Jetzt kann sich Jeder gut ausmalen, wie das Sprichwort wirkt, wenn ich in einem Monat zwanzig verschiedene Betriebe besuche. Oft frage ich mich, wie man in diesem Zustand eine ganze Saison überstehen kann. Nicht selten geht mir in den Pässen durch den Kopf, lenkst du jetzt ein oder nicht. Aber meine liebe Frau allein lassen, das geht nicht. Also, stehen wir durch.

Genau diese Gedanken quälen einen Menschen, der bis auf die Knochen ausgebeutet und geplündert wird. Menschen mit einem anderen Charakter oder aus anderen Kulturen, würden schon zur Waffe greifen. Köche sind bewaffnet. Und ziemlich gut geschult im Zerlegen von faulem Fleisch. Ich glaube, daher kommt auch der Respekt in gewissen Kreisen.

Die angebliche Fachlichkeit ist oft nur Täuschung. Man möchte wissen, ob es der Koch auch unter Stress allein kann. Trotzdem Lohnkosten absetzbar sind, werden sie eben gern gespart. Offensichtlich gibt es genug Möglichkeiten auf der Personalliste. Die mit helfenden Familien sind groß.

Der Heimweg ist notwendige frische Luft. Die braucht es jetzt. Die Dunkelheit scheint nur ganz bestimmte Menschen auf die Straße zu bringen. Der größte Teil fährt im Auto. Frauen so und so. Man hat schon eine gewisse Angst, nachts auf der Straße. Wir sind nicht in der DDR. Unfallflucht ist immerhin ein Leistungssport hier zu Lande. Alle meine Unfälle auf Arbeitswegen wurden durch die Unfallflucht der Verursacher vergoldet. Nicht für mich.

Joana ist wach. Sie hat bereits geschlafen. Der Rhythmus ist trotzdem nicht gut für sie. Joana braucht einen durchgehenden Schlaf. Sie schleppt sonst zu viel schlechte Gedanken in den neuen Tag. Sie hat mir etwas zu Essen gekocht.

„Das muss nicht sein. Ich bin Koch und esse beim Kochen und Probieren genug.“

Ich knabbere aus Liebe ein zwei Bissen an. So kommen wir zu etwas Unterhaltung. Ich müsste mich sofort hin legen und schlafen. Aber das, kann doch kein Leben sein. Dann könnte ich auch im Zimmer übernachten. Arbeiten, Fressen und Schlafen. Da haben selbst unsere Rinder auf der Weide mehr Freizeit.

Fortsetzung Sommersaison – Frühjahr


Wegen des Mittagessens, sage ich zu Leo, wir könnten die Nachfrage eventuell im Rahmen unseres Personalessens bedienen.

„Wenn du das schaffst, dann machen wir das.“

„Lass das die Gäste einfach zum Frühstück bestellen. Sie bekommen damit frisches Essen und wir kochen nicht zu viel.“

„Das machen wir ab morgen.“

„Hast du für mich ein Personalzimmer?“

„Natürlich.“

„Ich möchte zur Mittagspause etwas ausruhen.“

Leo führt mich in ein Zimmer. Ein Hotelzimmer, das nicht mehr genutzt wird. Ein Teil der Decke hat sich gelöst. Auch Tapeten von der Seitenwand.

„Hier regnet es herein. Das Dach darüber ist nicht ganz dicht. Wir wollen das bauen. Reicht dir das bis wir ein anderes Zimmer haben?“

„Ich denke, für zwei Stunden Ruhe geht das.“

Am ersten Tag gleich mit Forderungen aufwarten, ist eigentlich nicht meine Gewohnheit. Zu oft hat sich das aber als Nachteil heraus gestellt. Leo und Agnes machen nicht den Eindruck, mich über den Tisch ziehen zu wollen.

„Wie viele Kollegen essen bei uns zu Mittag?“

„Zwei Zimmermädchen, ein Hausmann, ich und du.“

„Das ist recht übersichtlich.“

„Manchmal kommen die Eltern von Agnes mit dazu. Die geben uns aber Bescheid.“

„Aha.“

Wie üblich, warte ich etwas ab, bis die einzelnen Zugaben kommen. In einigen Betrieben hat sich das so weit entwickelt, dass wir das locker als Restaurant bezeichnen könnten. Die Familie wurde zusehends größer. Nicht selten kamen dann auch noch Nachbarn und Freunde dazu. Kein Koch kann das ausreichend berücksichtigen, wenn er keine Kenntnis davon hat. Ab dem Punkt, leidet dann auch das Menü für die Gäste.

Das Wetter ist schön. Am ersten Tag könnte ich eigentlich nach Hause fahren. Nützen kann das wenig. Joana kommt erst nach Vier zu Hause an. Und zu der Zeit, müsste ich schon wieder fahren. Damit stellt sich heraus, wir sehen uns wieder kaum in der kommenden Zeit. Für meinen Arbeitsweg benötige ich bei günstigem Verkehr zwanzig Minuten. Ein paar Geschwindigkeitsübertretungen sind mit eingerechnet. Anders würde ich das in der Zeit nicht schaffen. Rechne ich hier vier Arbeitswege zusammen, käme ich auf einhundert Kilometer täglich. Ich würde wieder für Agip arbeiten. Sicher nicht für mein Konto. Preiswerter ist einfach keine Arbeit zu bekommen. Ich frage Leo, ob er sich daran beteiligen würde.

„Gerne.“

„Auch an der Zeit?“

„Zur Hälfte.“

Das Angebot ist gut. Nebenbei erfahre ich, Leo ist Deutscher. Ein Franke, der Agnes geheiratet hat. Ein fleißiger deutscher Mann heiratet eine fleißige Südtiroler Frau. Man könnte sich reichlich Südtiroler Nachwuchs wünschen für die Beiden.

Zum Abendmenü ist mein Lehrling im Haus.

„Würdest du Claudia ausbilden? Sie benötigt nur noch etwas Hilfe für die Abschlussprüfung.“

„Ich versuche es. Claudia, bringe mir bitte deine Unterlagen mit. Ich muss wissen, auf welchen Stand du bist und wo wir ansetzen müssen.“

„Mach ich morgen.“

Sie wirkt nicht gerade aufgeweckt, aber zumindest etwas interessiert an dem Abschluss. Am ersten Tag zeige ich ihr natürlich, wie man eine Ausgabe organisiert. Auf dem halben Weg dahin, klingelt ihr Telefon. Sie bricht blitzartig ihr Interesse ab. Es geht um den Rest des heutigen Abends. Die Ausgabe richte ich inzwischen her. Nach fast zwanzig Minuten ist sie wieder ansprechbar.

„Morgen kommst du bitte ohne Handy oder stellst es ab in der Küche.“

Und schon habe ich mir die junge Dame zur Feindin gemacht. Eigentlich hätte sie recht, wenn sie zehn oder zwölf Stunden auf Arbeit wäre. Das ist sie aber nicht. Bei Lehrlingen zählt streng das Arbeitsrecht. Und darauf klopfen die jungen Leute natürlich.

„Zur Pause kannst du das Handy nutzen. Das musst du mit deinen Freunden und Freundinnen aber absprechen.“

Sie schaut etwas freundlicher. Mein Entgegenkommen nutzt sie aber sofort schamlos aus. Sie deutet das als Schwäche.

„Dann mache ich jetzt Pause.“

Fortsetzung Der Saisonkoch – Sommersaison


Die Einstellung ist an sich gar nicht verkehrt. Unsere leider zu zahlreichen Restaurants wollen auch Etwas verkaufen. Und wie wir die Busunternehmen kennen, legen die eh reichlich Pausen ein.

Ich gehe also gleich an die Arbeit. Das Menü ist einfach. Das Knödelbrot steht schon bereit. Agnes hat sogar schon die Salatteller fast fertig.

„Die lege ich noch fertig. Möchtest du Etwas trinken?“

„Kaffee, wenn es recht ist. Einen Liter.“

Leo muss lachen.

„Wie ich.“

Wir servieren eine Cremesuppe, Rinderbraten – Knödel und einen Strudel.

Der Strudel muss noch schnell gerollt werden. Die Zutaten für einen Mürbteig sind im Haus. Der Wareneinsatz sollte vier Euro nicht groß überschreiten. Also stelle ich den Mürbteig mit gesund – gelobtem Öl her. In deutschen Artikeln über Gesundheit wird unsere Butter so und so als giftig beschrieben. Wir wollen unsere Gäste an unseren Tischen doch keinem Herzschlag aussetzen. Die folgenden Klagen nach deutschem Recht, wären unser Untergang.

Immerhin wird in deutschen Gerichten entschieden, wer auf dem Garda wen versenken darf und wer nicht.

Wir kochen also nach deren einfältigem Recht und lassen sie das essen, was sie zu Hause sogar noch schlechter bekommen. Dafür importieren wir extra deren drei Mal gewaschenes Gammelfleisch.

Beim Auspacken des Rindfleisches fällt mir die außerordentliche Festigkeit dieses Produktes auf.

„Das bekommen wir heute nicht mehr gar als Rinderbraten.“

„Dann kochen wir eben ein Gulasch“, sagt Leo.

„Als Gulasch bräuchten wir dafür auch drei Stunden. Wir kochen das als geschmortes Schnitzel.“

„Gut.“

„Sollen wir Zwiebelrostbraten schreiben?“

„Passt.“

Gegen Mittag kommen die ersten Gäste und fragen uns nach einem Mittagessen. Die sind im Hotel geblieben, während die Anderen mit dem Bus ins Martelltal gefahren sind.

„Wir sind kein Restaurant“, antwortet Leo.

„Bei uns bekommen sie Übernachtung mit Halbpension.“

„Wo ist das nächste Restaurant?“

„Im Ort. Sie müssen fünfhundert Meter laufen.“

Kaum haben uns die Drei verlassen, stehen die nächsten Zwei in der Tür.

„Haben sie ein Hausprospekt?“

„Das liegt vorn auf dem kleinen Tisch am Eingang.“

wir haben fünf Minuten für unsere Arbeit. Die Tür öffnet sich. Zwei Mädchen und ein Junge stehen in der Tür. Die Mädchen haben das Telefon in der Hand und stieren auf den Bildschirm. Die größte fragt –

„Wo können wir heute Abend tanzen gehen?“

„Am Montag ist das schwer möglich bei uns.“

Die Blicke werden finsterer. Ein Mädchen hebt fast drohend den Blick vom Handy. Was denken die jungen Leute, wo sie sind?

„Im Nachbarort ist eine Musikbar.“

„Sonst nichts?“

„Nein. Wir haben im Nachbargebäude einen Fernsehraum mit einer Musikanlage. Dort können sie tanzen.“

Die Drei schauen sich an. Sie sehen nicht so aus, als könnten die sich selbst unterhalten. Sie ziehen still schweigend ab.

Jetzt glauben wir tatsächlich, unsere Ruhe zu haben. Leo schaut mir interessiert zu und will helfen. Ich setze ihm den Knödelteig an und zeige ihm wie ich die mit dem Löffel absteche und forme.

„Nocken. Die sehen gut aus.“

„Und sie gehen schnell.“

Leo stellt sich ganz patent an. Es geht wirklich schnell bei ihm.

„Morgen kommt ein junges Mädchen aus dem Nachbarort. Ein Lehrling. Sie kommt drei Tage die Woche.“

„Ist sie eine Hilfe oder eher eine Last?“

Für einen Alleinkoch ist die Frage berechtigt. Ausbildung kostet Zeit.

„In den anderen Betrieben wurde sie gekündigt. Sie hat zu oft unentschuldigt gefehlt. Sie ist im dritten Lehrjahr.“

„Dann wäre sie eigentlich schon ein Koch. Lass uns das probieren.“

Fortsetzung Der Saisonkoch – Sommersaison


Wegen diesem Treffen schaffe ich natürlich Bozen nicht. Ich schreibe eine Email.

„Ich komme etwas später.“

Jetzt brauche ich Ruhe. Joana schläft zum Glück wieder. Ich schleiche ins Bett. Es ist weit nach ein Uhr.

Am Morgen nehme ich meine Unterlagen mit und sicherheitshalber, ein kleines Messer und einen Stein. Ich weiß nicht mehr genau, ob der Anruf von Leo ein Hilferuf war.

Die Fahrt um diese Zeit in diese Richtung ist recht gemütlich. Auf der Gegenseite staut es schon. Bei dem Anblick frage ich mich immer wieder, warum der internationale Lastverkehr ausgerechnet zum Werksverkehr durch den Vinschgau muss. Grausam, was den Arbeitern hier angetan wird. Das ist eine Dauerfolter schlimmsten Ausmaßes.

Kaum bin ich in Vezzan, kann ich endlich abfahren. Hier staut es nicht. Obwohl sich der Verkehr in meine Richtung verdichtet.

Kaum stehe ich vor dem schönen Hotel, das sich mitten in der Apfelplantage befindet, empfängt mich schon Leo. Das Hotel scheint gut zu laufen. Leo steigt gerade aus einem recht beachtlichen Benz. Agnes sehe ich durch das Küchenfenster. Sie winkt mir zu.

Das kurze Gespräch findet in der Bar bei Kaffee und einem frischen Brötchen statt. Kaum reden wir zusammen fünf Minuten, kommen schon die ersten Neugierigen. Deutsche Gäste, die mit einem Bus angereist waren.

„Das ist unser Hauptgeschäft“, trällert Leo.

„Wir benötigen einen Koch, der das beherrscht.“

Offensichtlich hat Leo meine Unterlagen gut verstanden. Das berüchtigte Stoßgeschäft ist praktisch meine Leidenschaft. Ich verliere eben nicht die Nerven. Manchmal schon. Vor allem, wenn ich es mit extremer Dummheit oder Faulheit zu tun habe.

Das ist in unserem Gewerbe keine Seltenheit. Es gibt viele Kollegen, die ihre Arbeit gern auf andere Kollegen abwälzen. In den Kreisen wird einfach etwas langsamer gelaufen und sehr selten das Gehirn benutzt. Eigentlich sind das Kollegen, die in Beamtenstuben besser aufgehoben wären. Unser Beruf wird eben größtenteils mit den Beinen, Händen und Kopf ausgeübt. Das nennt sich Handwerk.

Die Küche – was soll ich sagen, ist älter als alt. Ziemlich ungepflegt zu dem. Kein Wunder. Die Zwei stehen von Früh bis in die Nacht in diesem Bau. Unterbrochen wird ihre Tätigkeit am Gast nur von Einkauf und Abrechnungen. Und wie wir unsere Gäste kennen, lassen die uns keine fünf Minuten allein. Keine Frage ist zu dusslig, um nicht gestellt zu werden.

Die aktuelle Belästigung will wissen, wo hier der nächste Geldautomat ist. Leo überlegt. Agnes weiß die Antwort und hilft.

„Knappe zwei Kilometer in Richtung Ortsmitte.“

Offensichtlich ist das schon zu weit. Das Gesicht der Dame lässt das vermuten.

„Ich fahre in zehn Minuten einkaufen. Sie können mitfahren“, sagt Agnes.

Es wird nicht lange dauern und ihr Auto sitzt voller Passagierinnen. Einkauf ist eine Art Wecksignal in weiblichen Ohren. Keine überhört das. Auch nicht durch meterdicke Mauern. Agnes wird ganz sicher für etwas längere Zeit weg bleiben, denke ich mir.

„Kannst du gleich anfangen?“

„Ja. Ich muss nur Joana anrufen.“

„Uns ist der Koch samt Beikoch weg geblieben.“

Also doch. Eine Notsituation. Aber die Entschuldigung hörte ich schon ziemlich oft. Die hat sich im Nachhinein oft als Lüge heraus gestellt. Man wollte mit mir einen erstrittenen Urlaub überbrücken.

„Die Köche sind nicht zufällig im Urlaub?“

Leo lacht.

„Ganz sicher nicht. Der arbeitet jetzt in einem Konkurrenzbetrieb.“

„Also, wurde er abgeworben.“

„Ja.“

„Sehr viele Freunde scheinen sie nicht zu haben unter ihren Kollegen.“

Leo beantwortet das nicht.

„Die Gäste bekommen heute ein Menü. Drei Gänge und einen Salatteller.“

Endlich mal ein Salatteller, denke ich mir. Leo hat das schon begriffen, wie sich billig – reisende, deutsche Gäste an Buffets schadlos halten. Würden wir das Buffet nicht farblich markieren, wären selbst die Tischplatten und das Geschirr in Gefahr. Ich weiß nicht, mit welchen Taschen die unterwegs sind. Klein sind die sicher nicht.

Bei Agnes bemerke ich noch eine Überraschung. Sie legt selbst das Frühstück auf einen Teller pro Person. Portioniert. Die Brötchen werden in einem Körbchen angeboten. Ein Bäckerbrötchen, vor allem ein Vinschgerle, kostet hier immerhin den Preis von zwei Ein – Kilo – Broten der DDR. Deswegen werden wir hier auch etwas schneller satt. Es sei denn, das kostet nichts.

Unseren Gästen ist das egal. Die essen nach ihren Gewohnheiten. Und die werden von Aldi und Lidl, zu Hause, bestens bedient.

Fortsetzung Der Saisonkoch – Sommersaison


Noch an diesem Abend, schreibe ich wieder dutzende Bewerbungen. Ich habe mir alle Betriebe, bei denen ich mich bereits bewarb, mit Emailadresse und Telefonnummer hinterlegt. Mittlerweile sind das hunderte. In den neuen Anzeigen wird oft nur noch eine Telefonnummer angegeben. Dort rufe ich direkt an, um heraus zu bekommen, mit wem ich rede. Selbst das gelingt nur mit dem Einsatz von mehreren Minuten Gesprächszeit. Die Leute, die eine Arbeit suchen, sind sicher keine reichen Leute. Und wir spüren, selbst dort wird mit unserem schwer verdienten Geld umgegangen, als wäre es nicht unseres. Die Gespräche zahlen wir von unserem schwer verdienten Geld. Auch die Fahrten zu den Vorstellungsterminen. Ihr bezahlt die uns nicht! Auch nicht das Land. Irgendwie entsteht der Eindruck, mit einer Verschwörung konfrontiert zu sein. Die Ansprechpartner möchten uns irgendwie dazu bringen, uns selbst unsere Arbeit zu bezahlen. Anders kann ich mir das nicht erklären. Nur, mit deren Maserati die Uferstraße in Bozen auf und ab fahren, gestatten die uns nicht.

Natürlich versende ich meine Bewerbungen wieder landesweit. Hunger und finanzielle Verpflichtungen, zwingen mich zu dem Vorgehen. Kurz nach dem Absenden der Emails klingelt mein Telefon.

„Wie oft wollen sie sich noch bei uns bewerben?“

„So oft, wie sie Suchanzeigen aufgeben.“

„Sie haben sich in diesem Monat schon drei Mal bei uns beworben.“

„Könnte es sein, sie haben in diesem Monat drei Mal einen Koch gesucht?“

„Nein. Unsere Anzeige läuft nur ein paar Wochen.“

„Ich habe aber keine Anzeige gesehen, in der steht, sie haben einen Koch gefunden. Mit wem rede ich denn?“

Bis jetzt hat mein Anrufer sich weder vorgestellt noch den Namen seiner Firma gesagt. Die Rufnummer ist unterdrückt.

„Ja, hier ist Hotel Fgplomas.“

„Von wo aus rufen sie denn an. Ich verstehe den Namen nicht.“

Wir haben schon zehn Minuten Gespräch hinter uns. Mit einem Handy geführt von der Gegenseite. Das kostet mich auch Geld. Mein Portemonnaie scheint einen Magnet zu haben. Langsam bekomme ich den Eindruck, mein Gesprächspartner ist strotz besoffen.

„Mit wem rede ich bitte?“

Eine Frau hat das Gespräch übernommen.

„Sie bewerben sich schon das dritte Mal bei uns in diesem Monat.“

„Kann es sein, ich lese ihre Anzeige schon das dritte Mal in diesem Monat?“

Der Zirkus beginnt von Vorne.

„Wir haben einen Koch gefunden.“

„In ihrer Anzeige kann ich das nicht finden. Mit wem spreche ich?“

„Hier ist das Hotel Pluga in Bozen.“

„Ihre Anzeige sehe ich in fünf Portalen. Da müssen sie sich bei mir nicht beklagen über meine Bewerbung.“

Die speichern sich nicht mal die Daten der Bewerbung. Wenn ich das nächste Mal suchen müsste, würde ich mir doch wenigstens die Ausgaben für eine Annonce sparen. Zuerst würde ich jene Adressen anschreiben, die sich bei mir schon beworben haben. Ganz anonym. Außer ein paar Köchen, würde das Keiner merken. Auch kein Konkurrent.

Das Pluga habe ich also in meinem Adressbuch. Ich schaue kurz nach, ob ich von Denen schon die Telefonnummer habe. Ich habe sie. Ich rufe an und bemerke, besetzt. Also, die richtige Nummer. Wer dachte als junger Koch, eine Bewerbung würde sich fast wie eine Ermittlung gestalten?

„Was wollen sie denn verdienen?“

Ich soll Denen sagen, was sie für einen Koch bezahlen können oder wollen? Dümmer geht nimmer.

„Was können sie denn für einen Koch zahlen?“

Wir sind bereits bei zwanzig Minuten Gesprächszeit.

Ich stelle mir gerade vor, jede Bewerbung würde diese Zeit in Anspruch nehmen. Das allein wäre ein Vollzeitjob. Natürlich zu meinen Lasten.

„Ich muss erst sehen, was sie können.“

„Wenn sie schon einen Koch haben, können sie schlecht nachsehen, was ich kann.“

Die Logik scheint Keinen zu überzeugen. Meine Südtiroler Kollegen hätten den Hörer wahrscheinlich schon aufgelegt. Diese Latscherei geht denen ungemein auf den Geist. So, wie ich sie kenne. Die Not lässt mich ausharren und geduldig zuhören.

„Kommen sie doch morgen zu einem Vorstellungsgespräch.“

„Sie haben doch einen Koch. Ist das notwendig? Die Fahrt kostet mich Geld. Ich habe keins.“

Ich rede noch nicht von der reinen Unfallgefahr. In Bozen ist die sicher nicht zu verachten.

„Bis morgen! Kommen sie gegen zehn Uhr.“

Ich suche natürlich als Erstes auf der Karte, wo sich dieses Hotel befindet. Der Weg wäre erträglich. Zehn Uhr? Bis etwas nach Neun, ist in Bozen die Hölle los. Der Werksverkehr überschneidet sich mit dem frühen Konsumverkehr.

Kurz nach dem Abschied, darf ich verblüfft eine Feststellung registrieren. Offensichtlich ist diese Zeit, die beste Zeit für Bewerbungen. Also, weit nach Zehn, abends.

Die ersten Emails kommen zurück. Auch wieder ein Anruf. Wahrscheinlich lässt der Mangel an Köchen die Wirte nicht ruhen.

„Wir suchen einen Koch. Ich bin Leo aus Morter.“

„Sind sie ein Hotel?“

„Ja. Das Hotel Almer.“

„Ich komme früh vorbei.“

„Am besten, zur Frühstückszeit.“

„Gut. Ich komme gegen acht?“

„Besser ist, gegen Neun.“

Fortsetzung Der Saisonkoch – Sommersaison


Der Sonntag beginnt bei uns wie jeder Sonntag. Joana steht zuerst auf und weckt mich mit der Kaffeemaschine. Das Sprudeln des kochenden Wassers über dem Kaffeefilter verleiht der Luft auch den typischen Kaffeegeschmack. Keine Kochnase kann dem widerstehen. Mir scheint manches Mal, der Duft trägt in sich schon das Koffein, welches wir zum Aufstehen benötigen.

Sonntags Morgen geht mir immer ein Gedanke durch den Kopf.

„Du hast wieder zwei Wochen Arbeit geschafft.“

In einer Woche, muss ich anfügen.

Auf dem Arbeitsweg begegnet mir niemand. Niemand ist gut gesagt. Radfahrer. Die brechen früh auf. Wie wir. Gelegentlich begegnen mir auch Radfahrer im Auto. Dem Nummernschild und der Richtung nach, fahren die nach Hause. Kostenlos. Über das Naturschutzgebiet Reschen. Dort herrscht meistens der Wind, der den Naturschutz nach Norditalien verfrachtet. Über die kann man dann lästern. Wehe es ist Südwind.

„Die Walschen schicken uns wieder ihren Schmutz“, dröhnt es dann aus allen Lautsprechern. Bei uns dürfen wir dann nur noch mit dem Fahrrad in die Stadt. Die Walschen dürfen nur an einem Tag des Wochenendes mit dem Auto fahren.

„Das haben die sich auch verdient“, ballert der Lautsprecher hinter her. Wieso geben die den Deutschen überhaupt Betten und Nahrung in ihrem „Dreckstall“?

Ich bin kaum auf dem Platz vor dem Restaurant, passiert eine Schlange Autos mit Campinganhängern und dem gesamten Garageninhalt unseren Parkplatz. Mir scheint, die Schlange möchte kein Ende nehmen.

Die Scheibe eines Autos senkt sich. Eine Tüte kommt geflogen. Fast trifft die mich. Auf dem Bitumen platzt sie. Man könnte fast denken, vor mir liegt der Darminhalt eines Kamels. Der wäre mir lieber. Der eignet sich wenigstens für den Gartenbau.

In den meisten Autos der Schlange sitzen Frauen auf der Beifahrerseite. Die sorgen wenigstens für Ordnung im Auto. Naja. Bis auf den überdimensionierten Farbkasten vielleicht.

Heute ist die Tür offen. Im Büro brennt Licht. Ich sehe Hannes aufgeregt telefonieren. Gabriel steht bei ihm. Ohne Engelsflügel.

Kaum bin ich im Vorraum des Restaurants, geht die Bürotür auf. Gabriel schaut traurig.

„Das war unsere erste und einzige Disco.“

„Was ist passiert?“

„Walter möchte sein Geld.“

„Hast du nicht bezahlt?“

„Ich schon.“

Mir fährt ein Schreck durch die Beine. In der Küche brennt auch schon Licht. Die ganze Familie von Hannes ist da. Simon, der Sohn von Hannes, richtet Getränke für die Bar. Melanie, die Tochter, hilft ihm dabei. Elena hat ihr Barkleid an und eine Schürze darüber gezogen. Erwin ist beim Gläser polieren. Die Tische sind schon gedeckt. Ich komme mir vor, als wäre ich zu spät auf Arbeit gekommen.

Als Tagesgericht habe ich einen Rostbraten vorgesehen. Den schiebe ich als Ganzes. Rosa. Hier wird er gern in sehr dünnen Scheiben serviert. Mit einer guten Bratensauce.

Paolo kommt. Er setzt den Teigkneter an mit frischem Pizzateig.

Der Sonntag beginnt auf Hochtouren.

Das Mittagsgeschäft läuft sehr gut. Wir bekommen reichlich Gäste. Auch Fremde, die auf Durchreise sind. Es sind Deutsche dabei und sogar Landsleute aus dem Süden.

Paolo kommt hastig in die Küche gestürmt. Er benötigt Zutaten für den Pizzabelag. Gleichzeitig setzt er die Teigmaschine an. Er scheint zu schwimmen. Bei mir hält sich das in Grenzen.

Im Gastraum sind reichlich Kindergeräusche zu hören. Hannes kommt mit zwei Kleinen in die Küche. Wie ich das mit bekomme, sind das die Kinder von Freunden oder Nachbarn.

Der Tag läuft gut bisher. Die Kasse scheint zu klingeln. Schon am dritten Tag. Wenn das so weiter geht, sehe ich eine hoffnungsvolle Zukunft.

Die Mittagspause fällt aus – heute. Ich habe noch zwei große Blechkuchen gebacken. Auch drei Strudel. Wir spekulieren auf ein Kaffeegeschäft. Das hat sich aber als Flop erwiesen. Die Familie und die Kollegen streiten sich um die Backwaren. Vier Stück ins Büro. Drei Stück an die Bar. Greti, Eva und Erwin verkosten den Kuchen in der Küche.

Das Abendgeschäft beginnt fast nahtlos. Man könnte den Eindruck bekommen, unsere Gäste wären sitzen geblieben. Ich höre die gleichen Laute und Stimmen, wie zum Mittagstisch. Bis auf ein paar Schnitzel, bekomme ich kaum Arbeit. Paolo hingegen, hat Hochbetrieb. Im Gastraum und an der Bar stehen Gäste, die ihre Pizza mit nach Hause nehmen möchten. Sie verlassen das Haus mit Stapeln an Kartons, in denen sich die Pizzen befinden.

Ich soll ihm wieder Belag für die Pizza nach schneiden. Paolo lacht. Er freut sich über das Geschäft. In unserem Beruf sehe ich selten Gesichter, die sich so über die Arbeit freuen wie Paolo. Er wirkt wie aufgezogen. Zwischendurch lädt er eine Pizza bei mir in der Küche ab.

„Das ist eine falsche Bestellung. Nimm sie deiner Frau mit nach Hause.“

„Jetzt balzt der schon indirekt mit meiner Frau“, denke ich. Kein Wunder, dass Pizzaioli unter Frauen so beliebt sind.

„Ich habe sie extra scharf gemacht“, trällert er dazu, kneift das Auge und formt mit dem Zeigefinger und dem Daumen ein O.

Der Abend bricht wie auf Signal, plötzlich ab. Als hätte ein Polizist die Polizeistunde ausgerufen. Nur am Tresen sitzen noch ein paar Gäste. Unsere Stammgäste. Ein paar Bauern und Handwerker aus der Nachbarschaft.

Hannes kommt mit Elena in die Küche. Er drückt mir zwei Hunderter in die Hand.

„Das ist unser letzter Tag, Karl.“

Ich bin schockiert.

„War mein Essen nicht gut genug?“

„Doch. Wir schließen.“

Er drückt mir noch eine Flasche Wein in die Hand.

„Gute Nacht.“

„Soll ich dir eine Empfehlung schreiben“, fragt Elena.

„Viel wird das nicht bringen bei dem kurzen Auftritt.“

„Man weiß nie“, sagt sie lachend.

„Ich hänge sie an deine Lohnunterlagen.“

„Danke.“

Wieso sage ich Danke? Für was? Das ist mir wahrscheinlich so raus gerutscht. Ich plappere zu viel, wenn ich aufgeregt bin. Und nach der Mitteilung, bin ich etwas aufgeregt. Ich muss mir etwas Zeit lassen, bevor ich das Motorrad besteige. Zwei Zigaretten vorm Haus werden mich beruhigen.

Kaum stehe ich vor der Tür, kommen mir unsere Polizisten entgegen. Wir schwätzen etwas. Komisch. Sie wissen von unserem letzten Arbeitstag. Die wird doch nicht etwa Walter bestellt haben?

„Hannes schuldet Walter Geld. Der Betrieb wird geschlossen.“

Steinschlag im Suldnertal ist fertig


 Herzlichen Glückwunsch, Ihr Taschenbuch „Steinschlag im Suldnertal“ wurde auf Amazon veröffentlicht. Wenn Sie Ihr Buch mit Aktualisierungen erneut veröffentlicht haben, sind Ihre Änderungen nun live.

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Herzlichen Dank an das Amazon-Team. Das Buch ist jetzt für Alle in gedruckter Form greifbar. Beachten Sie bitte, das ist ein Rohdruck. Ich hab Ihnen das in 12 Pt. A5 gedruckt. Kleinere Schriften sind zwar etwas preiswerter, aber dafür auch für das moderne Auge ziemlich belastend. Wer es größer möchte, kann sich bei mir das Ebook holen. Ebooks können Sie bis 32Pt vergrößern. Auf die Veröffentlichung bei Books on demand müssen Sie noch etwas warten. Die Ausgaben müssen sich optisch von denen auf Amazon etwas unterscheiden. Das bearbeite ich gerade. 

Kurze Mitteilung


Ich habe jetzt „Steinschlag im Suldnertal“ auf Amazon veröffentlicht.

Liebe Grüße an die Ratgeber und Helfer am Stilfser Joch und in Prad.

Das dauert ein paar Tage, dann können Sie das Ding für 10,50 € kaufen.

Die BoD – Editionen von „Die Saisonpause“ und „Steinschlag im Suldnertal“

muss ich noch etwas bearbeiten. 

In etwa zwei Wochen sind die Bücher auch dort erhältlich.

Die Ebooks sind bei mir auf Der Saisonkoch.blog in Form von 

PDF erhältlich. Die kosten 4.-€. 

Heute frage ich die Konverto wegen der Umstellung auf WP.

Dann können wir dort meine Ebooks in Südtirol abrechnen.

Leseproben lasse ich unter der jeweiligen Rubrik im Blog.

Übrigens:

Meinen Südtiroler Imbissführer.com 

schiebe ich auch komplett auf WP. 

Die Domain werde ich etwas umbenennen, damit sie von Suchmaschinen und damit von Ihnen besser gefunden wird.

Fortsetzung Der Saisonkoch – Sommersaison


Das Mittag hält sich in Grenzen, Dafür lerne ich neue Mitarbeiter kennen. Irgendwie kennt man sich im Zusammenhang mit anderen Tätigkeiten. Jetzt bin ich wahrscheinlich ein Angestellter in einem Mischunternehmen. Schaden kann das nicht, denke ich.

Am Abend wird es bei uns belebter. Disco ist heute keine. Gabriel sagt mir, er plane eine Veranstaltung mehr pro Woche. Damit würde er die Disco rentabel machen. Es braucht noch Genehmigungen. Ausgerechnet im Bereich Jugendarbeit, werden die meisten Genehmigungen verlangt. Und das bei sich jährlich ändernden Gesetzen. Wie soll ein Betrieb diese Anforderungen bedienen? Man will keine Jugendarbeit ohne Kreuzchen im Hintergrund. Ein Schützengraben scheint den Verantwortlichen der richtige Platz für die Jugend zu sein. Mir scheint, in der DDR war es bedeutend leichter, der Jugend eine anständige Freizeitgestaltung zu ermöglichen. Leider haben unsere Besatzer die Unterlagen in Bunkern archiviert. Die Hintern der falschen Bürokraten kleben darauf. Eine manche Gemeinde könnte viel lernen. Vor allem, unsere Südtiroler Gemeinden. Wer so Etwas achtlos in die Hände von Kreuzchenschwingern gibt, dem liegt nicht wirklich etwas an der eigenen Jugend. In erster Linie ist Jugend ein soziales Projekt.

Abends begrüßen wir die ersten Familien. Die Gemütlichkeit zieht ein. Bisweilen kommt Erwin in die Küche mit einem Bier für mich.

„Das haben Dir die Gäste ausgegeben.“

„Trink du es. Ich kann leider kein Bier trinken.“

„Ich sag es den Gästen in Zukunft.“

„Ich trinke Kaffee.“

„Ich weiß. Recht viel, wie mir scheint.“

„Das brauch ich auch.“

„Verstehe.“

Erwin muss nur abends arbeiten. Er fängt trotzdem schon zu Mittag an. Verglichen mit meiner Arbeitszeit, könnte ich das schon fast als Urlaub bezeichnen. Wobei ich sagen muss, mit den Gästen heutzutage, ist das eher mit einer Tätigkeit in einem Kindergarten vergleichbar. Ich schätze, im Kindergarten befinden wir uns trotzdem noch auf einem höheren Niveau.

Die Gastronomie ist der Kindergarten der angeblich Erwachsenen. Bisweilen entsteht sogar der Eindruck, wir würden in einer Behindertenanstalt arbeiten. Kein Psychologe verfügt über die Kenntnisse, über die ein Gastronom verfügt. Selbst bei der Behandlung diverser Charakterschwächen, zeichnen sich Gastronomen als bedeutend konsequenter aus. Im Volksmund wird das oft als Durchblick bezeichnet. Vielleicht ist es auch die praktische Geradlinigkeit, die Gastronomen auszeichnet. Nicht alle. Aber, sehr viele.

Ich komme sehr spät aus dem Betrieb. Joana schläft sicher schon fest. Meine Küche ist sehr groß. Die allein zu reinigen, benötigt schon seine Zeit. Jetzt denken vielleicht Leser, wo wir nicht arbeiten, muss auch nicht geputzt werden. Das ist im Fall von Küchen leider ein Irrtum. In der Küche sind der Dampf, das Fett und der Staub die Transportunternehmen für Schmutz. Nicht die Zeitung und das Fernsehen. Hausfrauen mit einem Sinn für Reinlichkeit, wissen wovon ich rede. Auch die Kontrolleure von Hygienevorschriften. Und die finden jedes Ritzchen. Wobei sich da etwas anfügen lässt. Kämen die Frauen zu uns ohne Unterwäsche, würden wir ihnen vielleicht allein verraten, wo unsere Schwächen zu finden sind.

Genug geträumt. Ich fahre nach Hause. Es ist fast Zwölf. Paolo steht immer noch an seinem Ofen.

„Jetzt ist aber Schluss“, hat er gesagt.

„Bis morgen. Tschüss.“

Joana schläft tatsächlich fest. Trotzdem hört sie mich und mein Motorrad. Ich schleiche ins Zimmer und sie spielt, fester Schlaf. Den hellen aber sanften Schnarchton vermisse ich um diese Zeit.

„Du bist aber spät heute.“

„Typischer Samstag.“

„Gab es viel zu tun?“

„Ich schätze, zu wenig für den Betrieb.“

„Wie viel Essen hast du denn gekocht?“

„Keine fünfzig.“

„Ihr habt aber auch Pizza.“

„Paolo arbeitet noch.“

„Gute Nacht.“

Es gibt ein Küsschen und einen leichten Klaps auf den nackten Hintern. Das Verlangen, das entzückende Teil zu Kneten, muss auf den Ruhetag verschoben werden.

Nachtschicht beendet, Pause

Fortsetzung Der Saisonkoch – Sommersaison


Am Morgen frühstücken wir zusammen. Danach kann ich mich noch eine Stunde hin legen. Zum Einschlafen lege ich mir einen Film ein. Mir geht zu viel durch den Kopf.

Um diese Zeit hat Joana normal das Glück, auf wenig Verkehr zu treffen. Heute könnte das etwas anders sein. An Wochenenden beginnt der Rückreiseverkehr recht zeitig. Natürlich kostenfrei über die Vinschger Straße und den Reschen. Dafür stehen wir auch gern im Stau und riskieren einen Unfall. Für was zahlen wir Versicherung?

Zu der Zeit, zu der ich fahre, steht bereits das gesamte Vinschgau. In alle zwei Richtungen. Ich überlege, ob der Weg durch die Obstplantagen günstiger wäre. Ich bin aber sicher nicht der Einzige, dem dieser Gedanke kommt. Ich versuche es auf der Hauptstraße. Mit dem Motorrad wird mir das schon gelingen.

An der Hauptstraße angekommen, sehe ich schon die ersten Frühstücksbeutel an unseren Straßenrändern liegen. Bei dem Anblick frage ich mich oft, ob es nicht günstiger wäre, den Leuten einfach ein Päckchen Kekse mit zu geben. Der Rest liegt eh am Straßenrand. Schade. Bei dem Verkehr trauen sich nicht mal unsere Köter an die Beutel. Die jedenfalls, scheinen zu wissen: Für ein billiges Essen riskiere ich nicht mein Leben. Durch den Tunnel kann ich heute nicht fahren. Ich versuche den Umweg durch Naturns. Oft geht mir durch den Kopf, wie hier früher der Verkehr stand. Kein Anwohner traute sich über die Straße. Es gab viel Verletzte und Tote. Heute steht in dem Ort auch Alles. Das gleiche Bild trotz Umgehung. Ich muss ankommen. Was bleibt mir übrig? Ich nutze den Fußweg. In allen Straßen und Seitengassen stehen Autos. Die Mehrzahl mit ausländischem Kennzeichen. Zum Glück ist heute Samstag. Samstags ist das Mittagsgeschäft nicht so hart wie sonntags.

Ich stelle mir gerade vor, in einem Haus brennt es. Die Feuerwehr käme nicht einen Schritt vorwärts. Das ist kein Zustand. Das ist eine Katastrophe. Wann wird endlich eine Maut für den Transit verlangt? Die Leute müssen weg von dieser Straße. Zu einer touristischen Erschließung gehört ein Gesamtkonzept. In kapitalistischen Ländern gibt es das nicht. Der Markt regelt Alles, sagt man entschuldigend. Ich sehe keinen Markt. Und schon gar keine Regeln, die eingehalten werden. Anarchie und Bußgeld. Gehirn? Fehlanzeige.

Der Parkplatz vorm Restaurant ist ziemlich belegt. Die Türen sind alle verschlossen. Ich fahre an die Hinterseite. Walter ist schon wieder beim Aufräumen.

Der Hof steht voller Flaschen und Dosen.

„Die Jugend bringt sich Alles von zu Hause mit“, stöhnt er.

„Bei den Preisen, verstehe ich das.“

Wir schauen gerade auf die Werbung für einen Drink.

9,90 Euro.

„Eine Runde unter Freunden kostet einen Monatsgehalt.“

Walter lacht.

„Für die Miete braucht es vierhundert von denen“, füge ich hinzu. Walter scheint das Lachen nicht zu vergehen.

„So ein Haus ist teuer.“

Das kann ich nicht beurteilen. Wir haben hier kein Haus in der Größe.

„Der Unterhalt sind Kosten. Kannst du die nicht absetzen?“

Er kann es sicher. Ich will jetzt nicht mit ihm darüber diskutieren.

„Ich muss das Essen vorbereiten.“

„Was kochst du heute?“

„Ich habe noch ein paar Koteletts.“

„Dann komme ich auch mal schauen.“

Ich bin mir sicher, er kommt nicht. Irgendwie scheint das Verhältnis zwischen Hannes und ihm etwas angespannt. Ich kenne den Grund nicht. Wie ich unsere Gastgeber kenne, kann es sich nur um Geld handeln. Vielleicht ist Hannes im Rückstand. Und das, am Eröffnungswochenende.

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