Fortsetzung Steinschlag im Suldnertal


Monika kann nicht fassen, welches bürokratisches Durcheinander allein wegen ein paar Erfindungen gemacht wird. Der Erfinder oder Verbesserer einer Technik wird für seine Leistung auch noch nachhaltig bestraft. Dazu drohen ihm noch Diebstähle seiner Erfindungen. Unglaublich. Monika fragt sich, ob sie es überhaupt noch mit einem Rechtssystem zu tun hat. Langsam liegt schon der Verdacht nahe, sie verfolgen die Falschen.

Nach ein paar Andeutungen hat Marco an neuen Pedalen gearbeitet. Die Pedalen mit dem in die Sohlen eingearbeiteten Profilen waren Marco nicht gut genug. Dadurch gibt es mehr Stürze, die vermieden werden könnten. Bei seinem System sitzt der Fuß fest und läßt sich leicht lösen. Die Familienangehörigen sagen, es gibt starkes Interesse für das System. Was das genau bedeutet, sagen sie leider nicht. Das rückt auch die Familienmitglieder in den Verdacht. Toni sagt ihnen das. Umberto, Renato und Marisa sind die Geschwister von Marco. Sie kommen gerade zum Tisch im Garten von Luisas Hotel. Reinhold frag sofort, ob sie etwas trinken möchten. Sie lehnen nicht ab. „Eistee.“

„Eistee?“ Den hat Reinhold nicht im Haus. Er fährt sofort los in den Ort und holt ein paar Tetrapack. Im Geschäft fragt die Nachbarin, ob sich schon Etwas ergeben hat mit dem Tod Marco P’s.

„Ich weiß es nicht.“

Seine Nachbarn wissen, er versteht bestenfalls die Hälfte.

Kaum ist Reinhold zurück, geht Toni bei den Familienmitgliedern ans Eingemachte. Alle beantworten die Fragen so gut sie können. Es gibt keine Verdachtsmomente für Toni. Nach deren Äußerungen hat sich Marco P intensiv mit Riemenantrieb und Pedalen beschäftigt. Auch mit der Art der Gangschaltung und dem Sitz.

Toni kommt langsam zu der Überzeugung, sich einem wissenschaftlichem Gebiet zu nähern. Langsam erklärt sich Toni auch die Anzahl der Räder in Marcos Besitz. Es sind acht verschiedene Räder. Die Familienangehörigen sagen, es wären alle ihre Erfindungen und Verbesserungen. Teilweise sind sie auch schon vom Verband genehmigt.

„Gibt es Fälle von Spionage?“, fragt Monika.

Damit hat sie wahrscheinlich den Volltreffer gelandet.

„Ja. Reichlich.“

„Wie haben sie das gemerkt?“

„Man hat unsere Rennräder fotografiert und in den Technikpunkten der Rennleitungen auch protokolliert.“

„Damit sind ihre Erfindungen ja jetzt Allgemeingut.“

„Eigentlich nicht. Kunden müssen bei uns schon nach fragen. Bei Interesse haben sie auch zu bezahlen.“

Langsam scheint Geschmack in die Ermittlung zu kommen. Ein Motiv kristallisiert sich gerade heraus.

Wahrscheinlich müssen Toni und Monika die Labore ersuchen, genauer auf Neuentwicklungen zu schauen. Ein paar Techniker wären nicht fehl am Platz. Das wird schwierig.

Federico und Colo sind wahrscheinlich die Spezialisten, die von den Beiden benötigt werden. Frederico ist noch unterwegs. Die Familie bestätigt, Frederico, Paolo und Colo sind in das Projekt gut eingeweiht.

„Sie sind wie unsere Familienmitglieder“, sagt Mama Julia. Pedro, Marcos Papa, gibt die Zustimmung.

„Wir essen täglich gemeinsam.“

Das will schon etwas heißen, denkt sich Toni. Nach dem Kontakt mit der Familie, glaubt er nicht an einen Schuldigen in diesem Umfeld. Monika auch nicht.

Jetzt wäre noch interessant, heraus zu bekommen, wo sich denn die Mitglieder des gesamten Teams aufgehalten haben zum vermutlichen Tatzeitpunkt.

Und schon leuchten die ersten Probleme. Keiner kann sich so recht erinnern. Im Grunde nicht besonders verwunderlich. Eher normal. Wer führt Protokoll über seinen Tagesablauf? Wenige. Eigentlich lässt sich die Frage leicht beantworten. Die gesamte Familie arbeitet in der eigenen Werkstatt und den dazu gehörigen Laden. Gelegentlich geht ein Familienmitglied etwas einkaufen oder besorgen. Keiner meldet irgend etwas Auffälliges.

Die Befragung ist zu Ende. Die Familie bedankt sich sehr höflich für das Interesse Tonis und Monikas. Toni soll Marco nach Bozen einen schönen Gruß ausrichten. Die Familie bedankt sich auch bei ihm für sein Engagement und das ausgesprochene Mitgefühl.

Die Herzlichkeit ist eine Lebensart der Familie. Das gibt Monika zu bedenken.

Fortsetzung Steinschlag im Suldnertal


Eigentlich will Toni erfahren, ob alle Familienmitglieder anwesend sind. Sein Telefon klingelt. Marco ist dran. Das Labor hat Fingerabdrücke an Marcos Rennrad gefunden. Die sind nicht von Marcos Trainer und Technikern. Es sind mehrere verschiedene.

Marco hat die Österreichischen und Schweizer Kollegen gebeten, vom Team Frickel und vom Team Draft, alle Figerabdrücke zu nehmen. Auch von den Technikern, und Trainern. Auf die Frage nach dem Grund, antwortete er seinen Kollegen: Mordverdacht. Das reicht, um die Proben zu ziehen. Sämtliche andere Proben waren negativ. Bis auf zwei Ausnahmen. Der Techniker vom Team Kette und die Masseuse – Kuiken vom Team – Schoko.

„Wie kommen ausgerechnet denen ihre Fingerabdrücke auf Marcos Fahrrad?“, fragt Toni.

„Gab es vielleicht ein Techtelmechtel zwischen Marco und der Masseuse?“

„Bei dem Aussehen, kein Wunder“, antwortet Marco.

Monika hört aufmerksam zu als die Zwei von Titten und Gestänge reden. Als sie sich über ihren festen Griff unterhielten, griff Monika ein.

„Ihr Ferkel. Wenn das Jemand mit hört, gibt es Schlagzeilen.“

„Trotzdem müssen wir Kuiken befragen.“

„Untersteht euch!“

„Dann musst du zur Massage.“

Monika wird rot bei der Ansage. Warum, weiß sie selbst nicht. Sie spürt das nur. Toni schaut ihr tief ins Gesicht.

„Wie scheint, bist du einverstanden.“

Die Zwei müssen Lachen.

Marco ruft zurück.

„Die zwei Teams sind bei einem Rennen in Verona dabei. Dort können wir deren Fingerabdrücke nehmen.“

„Glück gehabt“, antwortet Toni. Er kennt die Schwierigkeiten mit den Österreichern und Schweizern. Die sind immer verrückt darauf, sich selbst die Kronen aufzusetzen. Die Südtiroler Ermittler spielen bei ihnen die zweite Liga. Das Land ist zu klein. Frei nach der Methode, der Größere gewinnt.

Oft genug haben die Deutschen und Italiener, die Südtiroler Erfolge als eigene ausgegeben. Wobei die Italiener eher dazu berechtigt sind. Erst beim letzten Fall mit dem Schnalser Stausee standen in Österreich die Zeitungen voll. Beim Lesen konnte man den Eindruck bekommen, die Österreicher hätten den Fall geklärt. Toni kann sich gut vorstellen, welche Beförderungen das brachte in der höheren Ebene.

Monika macht sich auf den Weg ins Hotel Mücke. Sie möchte eine Massage buchen. Auf Landeskosten.

Toni bereitet sich auf die Befragung der Familienmitglieder vor. Luise redet kurz mit der Familie am Frühstückstisch. Sie sind alle einverstanden. Luise glaubt, auch etwas helfen zu können. Bei Befragungen nutzen die Italienischen Landsleute gern Worte, die in Südtirol nicht ganz so geläufig sind. Luise kennt ein paar dieser Ausdrücke. Nicht alle. Sie denkt aber, das kann helfen. Außerdem ist Luise etwas neugierig. Sie möchte schon gern wissen, wer bei ihr übernachtet. Bei der Vorstellung, Kriminelle beherbergt zu haben, wird ihr übel. Zumal sie eine recht familiäre Beziehung zu dieser Familie pflegt.

Als Erstes befragt Toni Marcos Mama. Sie setzen sich dazu in den Garten. Mama trägt einen Schal aus Pelz. Toni kennt sich mit Fellen nicht so genau aus. Er schätzt, es ist Biber. Vielleicht auch Otter. Das Fell ist ziemlich langhaarig und daher von der preiswerteren Sorte. Otter scheint es demnach nicht zu sein.

Zur Befragung, die ja ansatzweise schon statt fand, stellt sich heraus, Marco war im Großen und Ganzen ziemlich beliebt in der Familie. Toni möchte aber etwas von Feindschaften erfahren. Und nun wird er konkreter.

„Gab es in der Familie Streit, der nicht bei gelegt werden konnte?“

„Reichlich. Es ging immer um Geld. Vor allem dann, wenn Marco ziemlich hohe Preisgelder einnahm.“

„Gibt es denn in der Familie weniger erfolgreiche Mitglieder?“

„Sie arbeiten alle in der Fahrradbranche. Wir haben eine Werkstatt und einen Handel.“

„Wie sieht es aus mit den Neuentwicklungen von Marco?“

„Deswegen gab es reichlich Streit.“

„Um die Prozente oder um die Lizenzen?“

„Lizenzen gibt es sehr wenige bei uns. Wir können uns die Lizenzgebühren auch nicht leisten.“

„Also werden die eher auf dem Schwarzmarkt gehandelt?“

„Den Eindruck habe ich. Das ist ein sehr kriminelles Geschäft. Wir als Familie, halten uns da raus.“

„Marco macht aber sicher Notizen über seine Erfindungen?“

„Ja. Wir haben dafür ein Archiv. Sicher ist sicher. Wir legen dort, datiert, die Fotos, die Beschreibungen und das Ergebnis ab.“

„Das reicht mir fürs Zweite.“

Die kleine Pfütze da unten ist der Kalterer See

Fortsetzung Die Saisonpause


Wie unsere Wintersportler zum Beispiel. Unsere Ausbeuter hätten das gerne.

Joana sagt mir, sie könne mich an ihrem freien Tag gern begleiten auf die Seiser Alm. Wir nehmen uns vor, Morgen, ganz früh, aufzubrechen. Mit dem frühen Aufbruch möchten wir den Kontakt mit diversen Kontrollpersonal entgehen. Die kurze Fahrt würde sonst zu einer kostspieligen Tagesreise. Die arbeitslosen Mitbewohner sind sozusagen vom Besuch dieser Alm von Vornherein ausgeschlossen. Ich möchte dort aber arbeiten. Kein Grund, sich schon am Eingang ausnehmen zu lassen.

Die Fahrt ganz früh, hat sich als goldige Entscheidung heraus gestellt. Wir können kostenlos dem Sonnenaufgang folgen. Leider habe ich den Fotoapparat vergessen. Das könnte immerhin der letzte Besuch dieser Alm sein. Bei den Waffen, die allein in den Tälern Südtirols und dem Trentino liegen, dürfen wir bei einer Antwort der angegriffenen Macht davon ausgehen, diese Berge das letzte Mal zu sehen. Und wer weiß bei den Diktaturen so recht, wann der Punkt erreicht ist. Die Gier ist grenzenlos. Die eingesetzten Vertreter sind verrückt genug.

Rudolf erwartet uns schon. Auf dem Parkplatz vorm Hotel stehen noch zwei Autos. Eigentlich dachte ich, die Autos der Familie zu kennen. Für gewöhnlich stehen die teuren Schlitten eine Etage tiefer. Vielleicht hat der Sohn eine neue Freundin. Oder gar die Tochter einen neuen Freund?

Im Büro angekommen, empfangen mich schon zwei Kollegen. Hiesige. Rudolf stellt sie mir vor. Nach deinem Kaffee bekommen wir trocken mitgeteilt, die zwei Kollegen sind mein Ersatz. Ich sei aus dem Rennen. Hiesige Kollegen gehen vor.

„Ich kann einen Kollegen von hier unmöglich einem Fremden vorziehen“, ist die trockene Antwort. Die Zwei zeigen etwas Mitgefühl. Das war es. Joana ist stinksauer.

„Kein Geld?“

„Du wolltest mir noch einen offenen Rest bezahlen“, sag ich zu Rudolf. Rudolf greift in die Schublade seines Schreibtisches und zückt einen Umschlag.

„Unterschreiben? Wo muss ich unterschreiben?“

„Das ist nicht notwendig heute.“

„Na denn. Tschüss.“

Wie mir scheint, ist das die Abfindung. Bedanken muss ich mich dafür nicht. Ich habe ja gearbeitet dafür.

Die Suche beginnt von Neuem. Wir bleiben nicht auf der Alm. Der Appetit kommt etwas kurz bei der aktuellen Stimmung. Wir könnten noch bei anderen Betrieben vorbei schauen. Aber eine große Tour auf der Alm ist ausgeschlossen. Dort drohen schon erhebliche Busgelder. Ob die Förster mich noch kennen wollen, ist fraglich.

Auf der Rückfahrt müssen wir kurz anhalten. Die Schranke bleibt unten. Ich gehe ins Häusel und frage, was das denn kostet, zur Arbeit auf die Alm zu fahren. „Es gibt einen Pass dafür. Der kostet zehn Euro.“

„Was? Ich soll zehn Euro drücken um da zu arbeiten?“

„Ja.“

„Sie finden das normal?“

„Ja.“

„Na denn, schönen Tag noch.“

Die Schranke geht nicht auf. Wir fahren den Abzweig durch den Ort. Etwas Stolz muss sein.

Zurück zu Hause, schaue ich natürlich sofort nach, bei wem ich mich beworben habe. In Frage kommen Betriebe, bei denen ich noch nicht vorstellig war. Das Passeier lockt. Dort rufe ich an. Die Antwort der Chefin klingt verlockend. Natürlich frage ich jetzt Freunde, ob sie den Betrieb und sie Chefin kennen. Der Arbeitsweg wäre kurz. Das lockt. Der Nachteil ist, ich müsste zwei Mal durch Meran. Im Trockenen geht das. Bei Nässe und den vielen lackierten Fußgängerüberwegen, kann ich von einem ziemlich hohen Risiko sprechen. Dank diverser Gesetze sind die Fußgänger auch nicht mehr die gleichen wie früher. Man stürzt heute mit dem Handy vorm Gesicht über die Straße. Ein Blick nach oben? Vielleicht in den Verkehr? Aussichtslos. Die Stadt gehört den Dümmsten. Irgendwie scheint auch Keiner mehr das Leben und die Gesundheit zu schätzen.

Ich werde schon morgen zum Termin eingeladen. Joana kann nicht mitfahren. Sie muss uns schon wieder den Lebensunterhalt verdienen. Das hatten wir uns etwas anders vorgestellt. Joana ist gelernte Verkäuferin. Komisch. Gelernte Verkäuferinnen werden nicht benötigt. Fast wie bei den Köchen.

Ich schätze, die vier Arbeitswege hin und zurück, müsste sie auch bezahlen als Verkäuferin. Lassen wir es so. Als Zimmermädchen hat sie wenigstens acht Monate Arbeit. Zumindest, wen sie den Streit der Saisonbetriebe untereinander aus dem Weg gehen möchte.

Die Einladung zum Termin hebt etwas die Stimmung bei uns. Wir belohnen uns mit einer Pizza von Doris aus der Nachbarschaft. Etwas Luxus muss ein.

Fortsetzung Die Saisonpause


Wie vermutet. Ich bin selbst daran Schuld. Da bleibt mir noch, Agnes anzurufen. Agnes geht ran.

„Mach dir keine Sorgen. Ich hatte deine Anmeldung nur noch nicht abgeschickt.“

Mir fällt ein Stein vom Herzen. Also doch ein Wegeunfall. Wenn Alles gut geht.

Trotz des Wegeunfalls ließ die Rechnung nicht lange auf sich warten. Die Beköstigung. Eine Rechnung von fast tausend Euro. Ich staune. Wir haben das nicht gewusst. Dann hätte ich die Kost natürlich abgelehnt. An sich war die Kost nicht schlecht. Krankenhauskost eben. Trocken Brot, etwas Butter oder Speckfett und bisweilen ein Stück Wurst oder Käse, hätten mir gereicht. Wer den ganzen Tag in überhitzten Küchen steht, hat eigentlich keinen Appetit auf warmes Essen. Warmes Essen regt den Appetit an. Man frisst zu viel. Bei dem gleichen Essen in Kalt, würden wir uns mit der Hälfte begnügen.

Ich frage jetzt bei der Gewerkschaft, ob es für das Essen eine Hilfe gibt. Nein. Es gibt ein Tagesgeld und das habe ich bekommen. Schön zu wissen, das Tagegeld der Gewerkschaft in der Krankenhauskasse wieder zu finden. Für ein Menschenrecht. Für Essen.

Wir schwören uns, zukünftig auf die Leistung dieses Etablissements zu verzichten. Das Menschenrecht des Essens im Krankenhaus müssen wir in Zukunft selbst in die Hand nehmen.

Zu Hause habe ich natürlich als Erstes den Kontakt mit Rudolf aufgenommen. Bis zum Saisonbeginn dauert es noch knapp zwei Wochen. Ich soll unbedingt mal vorbei kommen. Mit dem Motorrad wird das nichts. Das muss noch gebaut werden. Dafür habe ich kein Geld. Markus in der Werkstatt sagt mir, dafür gäbe es eine Landesversicherung. Die zahlt bei Schäden, die durch Steinschläge auf den Landesstraßen verursacht werden. Bei der Frage, wo ich diese Leute erreiche, wird Markus etwas stummer. Also, nutze ich meinen Urlaub, um den Mann zu finden, der mir den Schaden bezahlt. Die Suche samt Telefonaten dauert. Wie scheint, habe ich es mit einem streng versteckten Amt zu tun. Keiner kann mir Auskunft geben. Die Recherche verläuft im Sand. Dabei habe ich sicher fünfzig Telefonate geführt. Mit einem Handy zum Kartentarif hätte ich tausend Euro bezahlt. Zum aktuellen Stand sieht es so aus, als würde ich für die Suche nach Arbeit einen Kredit benötigen. Das ist schon ein starkes Stück – Freiheit. Ich stelle das mir gerade vor. Auf die Frage nach Sicherheiten bei meiner Südtiroler Sparkasse sage ich, Arbeitssuche. Das Gelächter könnte ich draußen auf der Algunder Straße hören. Nun weiß ich nicht, ob das so gewollt ist. Ab einem gewissen Alter jedoch, empfinde ich das als Schikane. Im günstigsten Fall. Ich frage mich, mit welcher Laune dann ein Arbeiter seine Stelle antritt. Und schon sehe ich die Begründung der Sprachlosigkeit meiner neuen Landsleute. Die kennen das System zu gut. Es ist ein Unterdrückungssystem. Uns DDR Bürgern ist das völlig unbekannt. Trotzdem wir bisweilen einen ähnlichen Vorwurf zu hören bekommen. Das ist leider eine Lüge, die meinen neuen Landsleuten eingetrichtert wurde. Dabei gilt einfach zu wissen; sobald ein sozialistisches Land besser mit seinen Mitbürgern umgeht als ein kapitalistisches, wird es um einhundert Jahre zurück gebombt und restlos geplündert. Ein fadenscheiniger Grund findet sich immer in westlichen Propagandastuben. Die Verantwortlichen jammern dann vor Tribunalen, wenn sie erwischt werden.
„Ich habe von Nichts gewusst.“

Leider steht ihnen aber das Recht im Weg. Das nennt sich, niederer Beweggrund. Sie haben es für Geld getan. Und wer hat schon Mitleid mit Söldnern?

Der Söldner ist damit ein bewaffneter Prolet. Dazu zählt auch der Maulsöldner. Würde der Söldner dem gesellschaftlichen Fortschritt dienen, sprich – der gerechten Verteilung von Arbeit und Erlös, wäre sicher eine Zieländerung das Ergebnis seiner Arbeit. Leider haben diese Söldner die gleichen Lebensschulen besucht wie unsere neuen Gastgeber.

Die falschen. Sie sind der Meinung, für ein gutes Leben muss man sich erbärmlich schinden. Oder gar das Leben riskieren.

Fortsetzung Steinschlag im Suldnertal


„Er hat auch ein Motorrad bei uns stehen. Das bringt immer ein Lieferwagen von ihm.“

„Jetzt fehlt nur noch, Fahrräder sind auch dabei.“

„Richtig geraten. Drei Stück.“

„Das ist wohl eine Art Messe für den Mann.“

„Er zeigt gern, was er hat.“

„Die fleißigen Leute kennen wir gut.“

Andrea lacht.

„Wir auch. Zu gut.“

„Wie sieht es aus mit Damenbesuch?“

„Da würde ich an deiner Stelle mal mit unserem Zimmermädchen reden. Die fährt gern mal aus mit ihm.“

„Ist die im Haus?“

„Nein.“

„Dann vielleicht morgen?“

„Ich muss ihr das sagen.“

„Dann lass das bitte erst mal so. Sie würde ihm das sagen. Das will ich nicht.“

„Alles klar.“

„Wir sehen uns sicher wieder“, sagt Toni und verabschiedet sich. Carlo grüßt freundlich hinterher und schaut Monika etwas auf den Hintern. Monika scheint das zu spüren. Sie dreht sich um und winkt zum Abschied. Toni dreht sich auch um. Er hat das in der Glastür gesehen. Monika hat also nichts gespürt.

Sie hat es auch in der Glastür bemerkt.

„Aus dem bekomme ich Alles raus“, sagt sie zu Toni. Beide lachen.

„Jetzt bleiben noch die Hotels weiter Oben.“

„Wir müssen die fragen, ob sie Mannschaften im Haus haben. Das macht Marco.“

„Ich schätze, wir lernen das Gebiet genauer kennen, als wir vorher dachten.“

„Wenn dann noch Sulden dazu kommt. Die schlechte Straße dahin. Oje.“

„So schlecht ist die nun auch nicht.“

„Die Hotels dort sind aber viel teurer. Dazu haben die jetzt noch Ski – Saison.“

„Gut. Wir fragen dort nur per Telefon und Email.“

„Trafoi und Stilfs haben wir noch.“

„Sag das bitte Marco. Der ruft an.“

„Auf alle Fälle war das heute schon ziemlich aufschlussreich.“

„Trotzdem müssen wir den Trainer und die Mannschaft noch vernehmen. Das machen wir morgen.“

„Jetzt fahren wir zu Luise und schauen nach der Familie von Marco P.“

„Die hat aber Marco in Bozen schon vernommen.“

„Ja. Trotzdem müssen wir die Gesichter sehen.“

„Gut.“

Luise steht schon wieder in der Küche. Die Familie möchte Etwas zu Mittag. Hauptsächlich für ihre Kinder. Sie verlassen das Haus nicht. Alle sind in Schwarz gekleidet. Drei Kinder spielen im Garten. Reinhold hat ihnen ein Kinderfahrrad gegeben. Mit Stützrädern. Den Kindern sieht man den Verlust nicht an.

Durch ein offenes Fenster hören die Zwei etwas Streit. Wie scheint, geht es um die Hinterlassenschaft. Bei Marco P ist da sicher Einiges zusammen gekommen. Monika spekuliert etwas. Toni zischt – Psst.

Fortsetzung Steinschlag im Suldnertal


Der schöne Abend ist schnell vorüber. Die Zwei möchten nicht erst in die Boxerhütte fahren. Sie bleiben in Tonis Hütte. Die ist etwas kalt. Toni stellt zuerst das Warmwasser zum Duschen an. Danach schaltet er den Heizlüfter ein. Er ist damit

knapp unter drei Kilowatt im Gesamtverbrauch. Essen kochen müssen sie keins mehr nach dem Spanferkel.

In knapp zwanzig Minuten ist das Wasser zum Duschen im akzeptablen Bereich. Monika geht als Erste. Toni schaut sich das Kino an. Wunderschön. Monika reizt ihn zusätzlich mit ein paar ungeschickten Bewegungen. Seine Bettdecke hebt sich im Hüftbereich. Monika kommt zum Abtrocknen vor den Heizlüfter. Toni ist nicht mehr zu halten. Er muss dringend unter die Dusche. Die Bettdecke verfängt sich in seinem Schritt. Monika muss laut lachen.

„Höchste Zeit, wie scheint.“

Am Morgen ist die Hütte schön warm. Und jetzt, haben sie fast umsonst geheizt. Die kommende Nacht werden sie wahrscheinlich nicht hier verbringen.

Zum Frühstück gibt es kalten Braten vom Spanferkel. Den hat sich Toni vorsorglich einpacken lassen. Marco hat das genehmigt. Der Koch hat den Zweien vier Brötchen mit gegeben. Nur den Kaffee muss Toni kochen. Zum Glück hat er sich eine gute Italienische Kaffeemaschine zugelegt. Eine Filtermaschine. Die stellt er vor dem Waschen ein und danach ist er mit Toni zusammen, fertig. Monika liegt noch etwas träumend im Bett. Der Kaffeegeruch treibt sie in die Duschecke. Monika duscht. Die gleiche Prozedur wie am Abend.

„Du willst wohl, dass wir zu spät kommen?“, fragt Toni.

„Die paar Sekunden fallen doch nicht auf.“

„Ich bin doch nicht Al Bundy.“

„Gestern Abend warst du es.“

Wie scheint, ist Monika etwas zu kurz gekommen. Sie protestiert hörbar. Toni bleibt nichts Anderes übrig als nach zugeben. Das Frühstück scheint sich zu ziehen.

Monika geht noch einmal duschen. Toni nicht. Er wäscht sich.

„Du Ferkel!“

„Eine Katzenwäsche muss reichen. So ist immer ein Teil von dir, bei mir.“

Das hört Monika zu gern.

Die Zwei gehen los. An der Seilbahn stehen schon ein paar Wanderer.

Zuerst möchten sie ins Hotel Pradwurst fahren. Das Team Sattel ist dort. Es gibt ein paar Fragen dort. Der Trainer und der Manager waren bei der ersten Kontrolle nicht im Haus.

Kaum sind die angekommen, sehen sie vor dem Hotel einen roten Ferrari stehen. Sie fragen an der Rezeption, wer das ist. Der Besitzer steht selbst am Empfang. Er stellt sich mit Carlo vor. Die Zwei hören einen leichten Akzent. Carlo sagt, er ruft den Manager.

„Der Manager ist hier. Der Ferrari ist seiner.“

„Was managt der bei dem Auto?“

„Ihm gehört noch ein Autohaus für diese Art Luxusautos“, antwortet Andrea, die gerade dazu kommt. Andrea stellt sich als Chefin vor. Sie klingt einheimisch.

Fortsetzung Die Saisonpause


Das Mittaggeschäft ist ziemlich umfangreich. Ich komme sehr spät zur Mittagspause. Der Abend beginnt zeitiger als ich erwarte. Schon fünf Uhr stehen Gäste vor dem Restaurant. Damit habe ich keine Stunde, Ruhe gehabt. Addiert mit der sehr kurzen Nacht, ergäbe das keine sechs Stunden, Ruhezeit. Das ist eindeutig zu wenig für diese Arbeit.

Für einen Monat und das Geld, das wir brauchen, wäre das in Ordnung. Zur Saison auf der Seiser Alm würde ich aber ziemlich verbraucht antreten. Vielleicht kann ich noch ein – zwei freie Tage vor dem Saisonbeginn heraus schindern. Ich muß fragen.

Agnes sieht mir meine Sorgen an.

„Hast du etwas?“

„Ja. Es geht um die Arbeitszeit und den Saisonbeginn oben auf der Alm. Ich muss da recht frisch sein. Zwei – drei Tage vor Saisonbeginn hätte ich gern frei.“

„Das geht ohne Weiteres. Es haben sich auch schon Köche auf unsere Anzeigen gemeldet.“

Das Abendgeschäft schlägt Alles. Im Ort ist ein Trubel und jeder Gast sucht ein Restaurant. Wahrscheinlich sind sehr viele Ferienwohnungen gebucht. Hotels versorgen in Halbpension. Es kann aber auch sein, viele Gäste haben die Halbpension abgebucht und nehmen nur Frühstück. In Wandergebieten ist das keine Seltenheit. An jeder Ecke steht ein Imbiss oder eine Hütte. Es gibt einfach zu viele Restaurants. Man könnte fast denken, Essen wäre der eigentliche Urlaubszweck. So viel kann kein Mensch fressen.

Gehe ich von einem Menschen mittleren Alters aus, der vielleicht noch etwas Diät machen möchte im Urlaub, ist das Angebot einfach viel zu groß. Seien wir ehrlich. Ein Büroangestellter benötigt am Tag um die eintausend fünfhundert Kalorien. Wohlgemerkt; wenn er seine Figur behalten möchte. Die Kalorien, die er zum Wandern benötigt, werden leicht mit Getränken bedient. Ein Menü, wie wir es bieten am Abend, als dritte Mahlzeit am Tag, würde ohne die anderen Mahlzeiten völlig reichen. In einem Restaurant packen wir die Teller voll bis zum Rand. Zwei Mal am Tag. Wir rechnen, das Frühstück wird in den Ferienwohnungen sehr oft ausgelassen. Die Gäste bereiten es sich dort selbst zu.

Eine knappe Woche geht das gut. Am Wochenende ist auf der Kastelruther Straße Stau. Auch zu meinem Feierabend. Ich muss über die Völser Straße fahren. Dort erwarte ich etwas weniger Stau. Für den Verkehr in Richtung Bozen besteht dort eine größere Gefahr. Besonders für Zweiräder. Die Ränder der Linkskurven grenzen an eine zweihundert Meter tiefe Schlucht. Abends und in der Nacht, fahre ich diese Kurven fast in Schrittgeschwindigkeit. An Wochenenden sind dort sehr viele Ochsen unterwegs. Die glauben, die Völser Straße gehört ihnen allein. Der weithin sichtbare Lichtkegel interessiert die nicht. Vielleicht wissen sie auch damit nichts anzufangen.

Just an diesem Wochenende, passiert mir ein unglaublicher Unfall. Nicht in einer Linkskurve. Nein. In einer Rechtskurve. Die ist aber verdeckt und dunkel. Genau dort ziehe ich es vor, auch in Schrittgeschwindigkeit zu fahren. Das hilft aber in diesem Fall nicht. Vor mir liegt ein Riesenbrocken. Natürlich unbeleuchtet. Und in diesem Riesenfels steckt ein Panda. Die drei Meter Reaktionsweg sind auch bei Schrittgeschwindigkeit zu wenig. Man könnte fast denken, als Fußgänger würde ich auch auf das Auto auflaufen. Dessen Rücklichter waren aber beleuchtet. Etwa in Kerzenlichtstärke. Der Fahrer sitzt noch drinnen. Mir hat es die vorderen Stoßdämpfer fast bis an den Krümmer geschoben. Ich halte mich natürlich am Lenker fest, um zu reagieren. Doch ausgerechnet das scheint ein Fehler zu sein. Mein Lenker hat mich auf den Panda geschleudert. Wie ein Katapult. Beinahe hätte ich den Fels erwischt. Rekordverdächtig. Zum Glück bin ich mit meiner Lederkombi unterwegs. Ich hätte mir alle Knochen gebrochen bei dem Flug.

Fortsetzung Steinschlag im Suldnertal


Mit den Fahrern der Mannschaften kommen die Zwei zwar in Kontakt. Die verweigern aber jede Aussage.

„Wer nicht will, der hat schon“, sagt Toni zu Monika.

Einer der Trainer will Etwas sagen, wird aber vom Team Manager zurück gepfiffen.

Toni sagt zu Moni,

„Hier müssen wir unsere Carabinieri einschreiten lassen.“

Gesagt – Getan. Toni ruft gleich den Mariciallo Carlo an.

„Mariciallo, ihr müsst morgen hier einmarschieren.“

„Das besprechen wir heute Abend auf dem Ascheberg.“

„Du hast wohl schon Alles vorbereitet?“

„Bis heute Abend.“

Toni kann jetzt nur noch spekulieren. Er schätzt, der Einsatz findet in seiner Abwesenheit statt. Die Zwei sind jetzt fertig hier. Monika möchte noch einmal bei Luise und Reinhold vorbei schauen. Die Zwei verabschieden sich von Julia. Julia richtet schöne Grüße an Luise aus.

Bei Luise treffen sie bereits die Eltern von Marco P. Die restlichen Familienangehörigen kommen noch. Toni sagt den Eltern, sie sollten sich morgen bei Marco im Bozner Büro einfinden. Marco wird sie sicher abholen lassen. Die Eltern hören das mit Wohlwollen und bedanken sich herzlich bei Toni. Toni bemerkt keine Tränen. Auch die Trauer hält sich in Grenzen. Entweder sind die Eltern sehr gefasst oder sie haben damit gerechnet. Wahrscheinlich haben in der Familie schon entsprechende Gespräche statt gefunden. Toni will jetzt nicht spekulieren. Die Anhaltspunkte sind noch zu schwach.

„Morgen gehen wir ins Hotel Pradwurst. Dort ist das Team Sattel. Mal sehen, was die uns so berichten können.“

Monika findet das gut. Dann wäre ihre Befragungsrunde schon mal komplett für heute. Die Zwei fahren jetzt auf den Aschbach. Die Kollegen warten dort schon. Das Motorrad lassen sie Unten stehen. Sie fahren mit der Seilbahn nach Oben. Marco hat die Seilbahn bestellt und bezahlt. Für die Nacht hat er ein Taxi bestellt. Richard‘ s Shuttle aus Rabland holt sie Oben ab.

Kaum sind sie da, werden sie mit Musik empfangen. Marco hat tatsächlich einen Teil der Algunder Musikkapelle hier her eingeladen. Zünftiger geht es schon gar nicht mehr.

Marco Namensvetter und Vorgesetzter, der Brigadegeneral, ist zugegen. Er freut sich über die Ankunft der letzten geladenen Gäste. Toni ist nicht mehr überrascht. Der Brigadegeneral nimmt die symbolische Beförderung seines Namensvetters vor. Für die Gäste. Marco wurde schon auf der Kommandantur befördert. Es gibt Spanferkel. Nicht nur eins. Zwei. Toni tropft der Zahn.

Marco ist etwas aufgeregt. Er steht in seiner neuen Uniform vor Toni und Monika. Seine Brust scheint zu schwellen. Immerhin ist das eine der schönsten Uniformen Europas.

Im Laufe des Abends erwähnt Marco gegenüber Toni, die Prader Kollegen sind gerade im Hotel Suldenklotz.

„Wir werden morgen einige Ergebnisse hören.“

Toni ist hoch zufrieden. Das ist wahrscheinlich die einzige Methode, dort Antworten zu bekommen. Toni schätzt, die Kollegen werden einige Sachen mitnehmen, um die Teammanager zu zwingen, ins Bozner Büro zu kommen. Deren Aussagen sind dann Protokolle. Wenn zufällig ein paar Spritzen oder medizinische Gerätschaften gefunden werden, wird es schon reichlich Protest hageln. Dagegen sind nur die Carabinieri gefeit. Toni und Monika waren das Angebot, die Ermittlung recht friedlich zu führen. Offensichtlich wollen die Mannschaften eine anständige, kostenlose Werbung in den Medien. Toni würde sich nicht wundern, wenn alle Fahrer und Teammitglieder in leuchtenden Trikots mit reichlich Plakaten und Fahnen zu sehen sind. Natürlich müssen dann auch die Produkte der Partner gut präsentiert werden.

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