Mein Zweiter Teil von „Der Saisonkoch“ ist fertig


Das ist der Karersee im Eggental in Südtirol im Frühjahr.

Tag 60


Tag 60

Wir stehen zusammen auf. Ich setze uns einen Kaffee an, während Joana im Bad ist. Joana weiß schon Bescheid. Ich hab es ihr erzählt. Sie ist nicht überrascht deswegen. „Das war meine Vermutung“, sagt sie ganz trocken. „Hast Du andere Bewerbungen zu laufen?“

„Genug. So, um die zehn.“

Wir gehen nach dem Kaffee zusammen runter zu Marlies. Geld sparen und bei Marlies frühstücken. Dursun und Alfred stehen bei Marlies. Alfred fragt, warum ich gestern so ins Haus geschlichen bin.

„Ich bin schon wieder arbeitslos.“

„Joana hatte es mir schon angedeutet. Mein Beileid.“

Eigentlich müsste ich jetzt aufs Arbeitsamt und mich arbeitslos melden. Im Grunde ist der Aufwand höher als der Nutzen. Ich rufe auf dem Arbeitsamt an. Ein paar Sachbearbeiter kenne ich schon persönlich. Ich bin schon fast Stammgast dort als Saisonkraft. Zu den Saisonenden steht man dort stundenlang für die Abmeldung. Eigentlich erwarte ich, dass wir das irgendwann einmal per Email machen können. Der einkunftsfreie Arbeitslose muss nicht unbedingt noch mit touristischen Bus- und Bahnpreisen schikaniert werden. Dazu wäre jetzt eine günstige Gelegenheit, sich von einem Arzt anständig untersuchen zu lassen. Oder gar, an einem Sprachkurs teilzunehmen. Leider kostet das Geld, das wir nicht haben. Schade.

So müssen wir leider immer wieder auf die Bildung zurückgreifen, die wir in der DDR oder in unseren sozialistischen Bruderländern, kostenlos erhielten.

Die Ausbildung wird ja nur für die Arbeit benötigt, von der wir leben, nicht unsere Arbeitgeber.

„Was ist den in unserer Nähe? Gibt es da keine Arbeit?“

„Eigentlich wollte ich zurück nach Südtirol. Die langen Arbeitswege sind mir irgendwie zu teuer.“

„Ich kann mal schauen, ob einer meiner Kollegen einen Platz hat“, bietet mir Alfred an.

„Schön wär‘s. Danke Alfred.“

Marlies geht in den Kühlschrank und holt eine luftgetrocknete Blutwurst.

„Das ist ja eine Rarität!“, rufe ich. „Die letzte luftgetrocknete Blutwurst habe ich vor dreißig Jahren bekommen. Bei meinem Onkel.“

„Wir machen die nicht mehr all zu oft. Die will Keiner.“

„Für mich kannst Du die immer machen. Soll ich sie bei Dir bestellen?

„Du bist zu arm dafür“, antwortet mir Marlies.

„Mir reicht es, wenn Ihr sie macht. Trocknen kann ich mir die selbst.“

„Probier die erst mal.“

Marlies holt mir eine frische Semmel. Sie schneidet ein paar Scheiben von der Blutwurst ab und will sie in die Semmel legen.

„Mach bitte reichlich Butter unten drunter.“

„Keinen Senf?“

„Ja nicht! Schon gar nicht den blöden Estragonsenf von Euch.“

„Schmeckt der Dir nicht?“

„Das ist Müll. In Italien gibt es einen Senf, der ist wirklich Natursenf. Wenn ich einen anderen Geschmack möchte, kann ich mir diesen Senf selbst abschmecken. Ich gebe zum Beispiel Honig rein, Andere, Tomaten- oder Peperonipaste.“

„Und das schmeckt?“

„Probier das mal. Du wirst staunen.“

Die Blutwurst schmeckt spitze. Sie ist fast so gut abgeschmeckt wie die zu Hause.

„Habt Ihr einen sächsischen Knecht?“

„Bei uns sind das Gesellen, keine Knechte.“

„Ja. Aber, bescheißen tut Ihr sie auch. Oder?“

„Bei uns hat der Geselle freie Kost, Logis und zwölfhundert Euro netto.“

„Das ist eigentlich ein guter Lohn.“

„Normal machen das die Kinder der Bauern, wenn sie später den Hof übernehmen wollen.“

„Mein Vater war auch Geselle bei seinen Eltern, also, bei meinen Großeltern. Ich schätze, die Bezeichnung ist eine Bauerntradition.“

„Im Handwerk ist das auch so“, sagt Alfred.

„Unser Geselle ist Thüringer. Du hast Recht mit der Wurst. Er macht sie bei uns.“

„Als hätte ich es geahnt.“

Alfred gibt mir ein Kompliment für meinen Geschmack.

„Weißt Du auch, woher Italiener sind, wenn Du deren Tomatensauce isst?“

„Nicht ganz. Aber, ich bin mir fast sicher, meine italienischen Landsleute ahnen das beim Essen.“

Mein Handy klingelt. Ich entschuldige mich bei meinen Gesprächspartnern und gehe vor das Haus. Dort stehen gerade paar Deutsche aus dem Westen, so, wie die angezogen sind. Ich nehme an, melde mich mit meinem Namen und entferne mich etwas weiter. Die Deutschen spitzen mir ihre Ohren zu sehr. Sie haben blitzartig aufgehört, miteinander zu reden. Ein schreckliches Volk.

Zuerst verstehe ich nur die Hälfte. Mein Anrufer ist ein Südtiroler. Ich frage zwei Mal nach, wer er ist und wie er heißt. Er stellte sich nicht mit seinem Namen vor. Das hat wahrscheinlich Tradition in Italien. Niemand meldet sich mit seinem Namen dort. Er ruft aus der Mensa an, bei der ich mich beworben habe. Ich solle mal kommen und mir einen Tagesablauf anschauen und eventuell etwas mithelfen. Allgemein schlage ich das bei meinen Bewerbungen vor. In den Betrieben, die mich interessieren, möchte ich sehen, wie sie dort arbeiten, Teller anrichten und wie groß die Portionen sind. Ich finde das ungeheuer wichtig, um anfängliche Missverständnisse und Streit zu vermeiden. In Küchen wird allgemein sehr stark gemobbt. Neue Kollegen werden mit hundert Augen beobachtet und bewertet.

Zuerst suche ich Joana im Haus. Sie ist noch in den Zimmern. Die Zimmer sehen aus wie verwüstete Schlachtfelder. Ich frag mich, wie sich Menschen in so einem Müllberg wohl fühlen können. Wenn Joana nicht lüften würde, käme ich allein bei dem Gestank schon an die Kotzgrenze. Joana sagt zu mir: „Schau mal ins Bad.“

Wir sollten, statt das Bad zu fließen, einen Blecheimer in den Wald stellen. Die Tanten schmeißen immer wieder ihre Hoseneinlagen und Binden in die Toilette. Dursun ist schon unterwegs. Generell würde ich vor der Abreise das Bad und die Toilette kontrollieren. Bei Verstopfungen, käme bei mir eine fünfhundert Euro – Rechnung dazu an der Rezeption.

Ich erzähle Joana von meinem Vorstellungsgespräch.

Nach dem Abschied setze ich mich in Bewegung. In Schöneben ist reichlich Betrieb. Auch auf dem See.

Auf den Parkplätzen stehen reichlich Busse. Die Busfahrer stehen teilweise rauchend vor den örtlichen Cafe‘s. In Richtung Mals ist Alles geräumt. Ich komme recht flott voran. Den üblichen Stau gibt es heute nicht. Ich bin dafür zu spät unterwegs. Die Einzigen, die ich treffe, sind Lieferanten. In Schlanders ist schon der Einkaufsverkehr unterwegs. Angekommen in Vezzan, muss ich mir erst mal einen Parkplatz suchen. Alle besetzt. Ich fahre direkt in das Gelände. Dort ist ein Platz direkt am Haus frei. Da stehen zwei Leute und rauchen. „Der Parkplatz ist besetzt“, sagt mir Einer von den Beiden. „Ich bin nicht lange da.“

„Uns geht das Nichts an.“

Ich suche den Eingang zur Mensa. Die Tür steht offen. In der Küche steht ein Kollege, der mich freundlich begrüßt. „Bist Du Karl?“

„Ja.“

„Wir kochen hier für einhundertzwanzig Gäste. An manchen Tagen sind es einhundertachtzig.“

„Von wann bis wann geht die Ausgabe?“

„Mittags von Elf bis Eins. Frühstück von halb Sieben bis Neun.“

„Oh, ganztags.“

„Aber sicher. Nach der Essenausgabe musst Du noch putzen und abrechnen.“

„Bin ich allein?“

„Zur Ausgabe kommt eine Kassiererin, die Dir etwas hilft.“

„Zeig mir mal die Menüs, die zu kochen sind.“

„Du hast früh belegte Brote, vielleicht etwas Kuchen und eine süße oder herzhafte Suppe. Mittags sind Salatteller

Suppe

Vorspeise

Hauptgang und

Dessert fällig.

Die Küche ist gut eingerichtet und damit dürften die Speisen kein Problem sein. Vorausgesetzt, die Technik geht auch. Sie geht. Alois, der Koch, stellt sich vor und ich mich auch.

„Was habe ich hier zu tun?“

„Ich soll Dich testen.“

„Soll ich Dich vertreten?“

Keine Antwort. Okay. Mach mer uns ans Werk.

Heute gibt es:

Salatteller

Brühe mit Ei

Pasta Napoli

Hühnchenkeule, Pilaw, Mischgemüse

Vanillepudding

Vom Frühstück liegen noch ein paar belegte Semmeln da und etwas Kuchen. Das präsentiert Alois extra als Geschenk.

Die Salate macht in aller Regel, Luise, die Kassiererin.

„Du kannst mir mal die Pasta kochen. Der Pastakocher läuft bereits. Die Tomatensauce ist schon fertig.“

Allgemein wird Pasta in diesem Umfang vorgekocht. Die Spaghetti koche ich also so weit, dass ich sie in sehr kurzer Zeit, aufwärmen kann. Zu Hause wird Pasta al dente gegessen. Bei den Arbeitern, die bei uns essen, sind viele Italiener dabei. Die essen die Pasta etwas fester als unsere Einheimischen. Das ist das Rätsel dieser Ausgabe, sofern Keiner sagt, wer ein Italiener ist. Meine neuen Kollegen kennen ihre Kunden. Da habe ich Nichts zu befürchten. Mein Kollege ermahnte mich, die Pasta rechtzeitig abzukühlen. Ich mache einen Test und sage: „Einen Moment noch.“

„Die sind zu weich!“, ruft Alois.

Ich bezweifle das. Ich habe schon für unsere Landsleute in den Skibetrieben gekocht und kenne deren Pastagewohnheiten genau. Das sage ich Alois zur Beruhigung. Er gibt Ruhe. Pasta wird hier nicht abgeschreckt. Sie wird aber geölt und dann umgerührt.

Man legt sie breit, damit sie schnell abkühlt. In der Küche ist genug freier Platz dafür.

Die Ausgabe läuft reibungslos. Die Gäste fragen Alois, ob ich der Neue bin. Viele stellen sich persönlich vor und Einige sagen, wo sie arbeiten. Sie sind allesamt, freundliche, liebevolle Kollegen. Es gibt nicht einen einzigen Stänker dabei. Im Vergleich zu einem Touristenhotel, ist das direkt ein Erholungsort.

Alois gesteht: „Die Pasta war richtig.“

Hätte ich sie raus genommen, als Alois das wollte, müsste ich sie länger erwärmen; sozusagen, nachkochen.

Alois zeigt mir noch die Abrechnung. Das kann mitunter extrem zeitaufwendig sein. Es gibt verschiedene Abrechnungsarten. Barzahler, Essenmarken mit unterschiedlichen Abrechnungsmodalitäten und Essenmarken des Eigenverkaufs. Das muss sortiert und gezählt werden. Anfangs wird das meine Arbeitszeit weit überschreiten. Überstunden werden sicher nicht vergütet. Nennen wir das Lehrgeld.

Louise und Alois verabschieden mich und wünschen mir eine angenehme Fahrt. Wir verabreden uns auf morgen Früh, sechs Uhr. Ich soll eine Schicht komplett kochen und ausgeben. Mich freut das.

Irgendwie bin ich ganz aufgeregt in Vorfreude, das Joana mitteilen zu können. Die Fahrt auf den Reschen vergeht wie im Flug. Ich habe nie gedacht, dass ich mich als Meisterkoch fühlen darf wie ein Lehrling im Ersten Lehrjahr. Dank Südtirol darf ich das. Leider werde ich nicht jünger dabei.

Joana fragt mich, wie es war. Alfred steht auch mit da und spitzt die Ohren. Ich erzähle ihr es. „Das ist ja die Arbeit, die Du gelernt hast!“, freut sich Joana.

Tatsächlich habe ich in zig verschiedenen Betriebsküchen und auch in Mensen gearbeitet. Als Chefkoch und auch als Partiekoch. Ich könnte es den Leuten praktisch lernen. Das wollen sie leider nicht.

Ich bin eben nicht von hier.

Tag 59


Tag 59

Wir stehen zusammen auf. Joana beginnt ihren Dienst heute genau dann, wenn ich das Haus verlassen muss. Nach einem Kaffee gehen wir zusammen zu Marlies. Dursun steht bei ihr. Alfred auch. Dursun sagt mir, in der Nacht war strenger Wind. Ich muss damit etwas eher losfahren als geplant. Marlies packt mir eine Thermoskanne mit Kaffee ein. Marlies und Alfred mahnen mich, vorsichtig zu fahren. Joana gibt mir ein Küsschen und ich gehe.

Auf unserem Hotelparkplatz sind kleine Schneewehen entstanden. Dursun hat die schon teilweise geschoben.

Am See und außerhalb der Ortschaften sind kleine Schneewehen zu sehen. Da gibt es keine Behinderungen. Trotzdem steht schon ein Schild da. Der Pass ist gesperrt. Auf dem Schild ist ein Lastkraftwagenbild. Darunter, über siebeneinhalb Tonnen. Dursun hat mir eine kleine Schaufel ins Auto gelegt. Er wusste nicht, dass wir schon eine drin haben.

Auf der Heide wird es schon wesentlich interessanter. Ich sehe die Straßenränder nicht. Jetzt gilt es zu raten, wo sich die Straße befindet. Zum Glück bin ich schon öfter gefahren hier. Trotzdem bin ich mir an manchen Stellen nicht ganz sicher. Ich muss da aussteigen und probieren. Stellenweise sind auch die Seitenmarkierungen verdeckt. Witzigerweise sind auf der Abfahrt in Richtung Mals weniger Wehen. Dafür sind an ganz bestimmten Stellen, recht hohe Wehen. Die sind aber schön locker und nicht so fest. Ich schaufele immer eine Autobreite frei. Ich denke, der Gang wird nicht lange halten.

Unterhalb Mals liegt nicht ein Korn Schnee. Die Straßen sind trocken und ich kann wirklich Schwung geben. Ich treffe kaum einen Menschen in meine Richtung hier Oben. Ab Spondinig wird das anders. Jetzt herrscht Betrieb. Es sieht aus wie reger Werksverkehr.

In Schlanders ist Stau. Den habe ich um die Zeit erwartet. Ich brauche den nicht umfahren. Der einheimische Verkehr fließt im Ampelrhythmus.

Pünktlich stehe ich vor meinem Arbeitsplatz. Die Tür zur Garderobe ist offen. Die warme Luft von Innen verwandelt sich unmittelbar an der Tür zu Nebel.

Rolfo steht oben an der Bar und trinkt Kaffee. Als er mich sieht, bestellt er noch einen. Einen Großen. Auch hier wird der bisweilen Haferl genannt. Im Italienischen bestelle ich oft einen Doppio Melitta. Zumindest hier wird die sächsische Erfinderin des Filterkaffees noch genannt und damit geehrt. Espresso wird ja in dem Sinne nicht gefiltert. Es handelt sich auch um eine andere Röstmethode. Trotzdem darf ich festhalten, der Kaffee schmeckt, richtig gemacht, wie Filterkaffee. Vor allem dann, wenn wir ihn im Süden bestellen. Als Doppio Macchiato schmeckt er mir am besten. Doppio Macchiato besteht nicht, wie vielleicht die Leser vermuten, aus doppelt Milch und einem Kaffee, sondern aus doppelt Kaffee mit doppelt Milch. Mit Milch wird bei einem Macchiato gespart. Dafür gibt es den Cappuccino.

Rolfo setzt als Erstes seinen Teig an. Er will mir die Maschine frei halten, wenn ich sie benötige.

Ich überlege noch, was ich heute als Menü anbiete. Es ist schwer. Sollte ich gleich ein Gulasch kochen? Ich hatte gestern erst Rindfleisch. Die Woche war eh etwas rindfleischlastig. Montags wird eigentlich ein Schnitzel serviert. Das Montagsschnitzel. Das müsste ich aber heute aus Putenbrust oder Hühnerbrust herstellen. Ich entscheide mich für das panierte Hähnchenschnitzel. Vielleicht wäre sogar die Pariser Variante eine gute Abwechslung?

Salatteller

Erbsencremesuppe

Spaghetti carbonara

Hähnchenschnitzel „Wiener Art“, Rosmarinkartoffel, Fenchelgemüse

Heidelbeerjoghurt

Im Grunde ist das schon ein Haufen Arbeit. Wie üblich, befülle ich als Erstes meinen Pastakocher. Den Dämpfer beschicke ich mit gewaschenen Kartoffeln. Den Fenchel dämpfe ich gleich mit. So, wie er ist. Die Hähnchenbrüste teile ich und plattiere sie etwas. Jetzt kann ich sie gleich würzen und mit Dunst mehlieren. Kurz vorm Panieren gebe ich Ei dazu und rühre das um. Das hat noch etwas Zeit, denke ich. Die Erbsensuppe koche ich gleich auf der Induktion in einem Drittel-Behälter der Gastronorm. Den brauch ich dann nur einhängen. Inzwischen setze ich die Bain Maries an. Die Carbonarasauce koche ich. Carbonara wird zwar normal, einzeln gefertigt. Aber in Anbetracht der Menge und der zur Verfügung stehenden Zeit, ist eine fertige Sauce das beste Argument. Jetzt steht der Heidelbeerjoghurt an. Ich hoffe, Rolfo kann mir den in Schalen verteilen.

Zuerst hole ich die gefrorenen Heidelbeeren und zuckere die ein. Mit dem Pizzateig ist er fertig und die Maschine hat er schon geputzt. Ich gebe jetzt zwei Liter Frischsahne samt Zucker zum Schlagen rein und schlage die bis zur Rose. Mit Rose ist die Spur gemeint, die ein Schneebesen in dem Schlaggut hinterlässt. Das heißt, die Sahne ist nicht zu steif und weit weg von Überschlagen. Jetzt gebe ich die gleiche Menge Joghurt hinzu. Das zusammen schlage ich jetzt bis zur Sahnesteife von servierbarer Schlagsahne. Das Ergebnis nennen wir jetzt mal Sahnejoghurt. Den fülle ich jetzt um und stelle ihn kühl. Die Kartoffeln sind jetzt angedämpft. Das mache ich hauptsächlich wegen der Reinigung. Ich nehme sie raus, spüle sie noch mal gründlich und schneide sie in Keile. Die Keile würze ich mit Rosmarin-Knoblauch-Öl, etwas Pfeffer und Salz. Wenn der Dämpfer frei wird, gebe ich das bei zweihundert Grad rein und röste sie fertig. Die Spaghetti koche ich jetzt vor. Zum Abkülen gieße ich sie in zwei Eineintel Gastronorm. Ich denke, die werden heute zahlreich bestellt, wenn unsere Gäste das Menü lesen. Ich lasse schnell noch den Salat durch und machen den an. Portionieren kan ich die Teller kurz vor und während der Ausgabe.

Vor meinen Schalter tauchen plötzlich vier Personen auf. Lebensmittelkontrolle. „Gute Morgen!“, sage ich zu ihnen. Einer antwortet, der Andere und die zwei Damen nicht.

Sie verlangen von mir als Erstes die Gefahrenanalyse des HACCP Konzeptes. Ich schicke sie zum Chef.

„Ich bin neben dem Pizzaiolo hier der Alleinkoch in Probezeit. Mein Chef sitzt drüben im Büro.“

„Hat der Chef mit Ihnen HACCP – Schulungen gemacht?“

„Nein.“

Der Chef kommt. Wahrscheinlich hat ihn Jemand gerufen. Ich weiß es nicht. Das ist eine Spekulation neben anderen Vermutungen, die da Rolfo äußert.

Aus meinen Erfahrungen in Südtirol, kenne ich solche Aufmärsche nur in Folge von Anzeigen. Im alten Lebensmittelrecht hat man auch gern die Carabinieri mitgebracht, damit Keiner die Küche verlassen oder Waren verstecken kann. Angesichts diverser Reaktionen, war diese Handlungsweise durchaus angebracht. Die Hygienekontrolleure gehen ziemlich zielgerichtet auf die Gefrierbestände meines Chefs.

Sie rufen mich und fragen mich, wann ich angefangen habe. Ein Kollege von ihnen geht zum Chef und fragt den, ob er eine leere Mülltonne hat. Der schickt irgendeinen Hausmann, eine Tonne besorgen. Und jetzt würde jeder Koch, Beifall klatschen für das, was folgt. Die Kontrolleure schmeißen Alles, was nicht beschriftet ist, in die Tonne. Allgemein haben wir das als Chefköche schon getan bei Übernahmen von Kollegen. Unsere Handlungen wurden stets streng verurteilt und wir wurden als überhebliche Typen bezeichnet, die keinen Respekt vor Geld und dem Unternehmertum hätten. Wehe dem, ich hätte ein Produkt weggeschmissen. Man hätte mir das vom Lohn abgezogen. Die Tonne wurde voll. Natürlich haben die Kontrolleure mich in Verantwortung gesetzt. Darauf hin wurde ich zu einer Schulung verknackt, die in meiner Freizeit stattfindet. Das Argument ist einleuchtend: „Sie hätten das wegschmeißen müssen!“

„Ich bin aber hier Angestellter und dem Chef untergeordnet. Der sagt mir, was ich tun soll und was nicht.“

„Haben Sie denn keine Bedenken geäußert?“

„Wenn Sie das auf keinem Protokoll finden, ist es egal, was ich Ihnen antworte.“

Ich habe den Eindruck, die Kontrolleure verstehen mich.

Im Kapitalismus zählt nur ein System, das Abhängigkeitssystem. Aus dem Grund, ist kein abhängig Beschäftigter verantwortlich.

Grundsätzlich habe ich eine Kontrollpflicht. Die verpflichtet mich im Rahmen meiner Möglichkeiten, die Verlässlichkeit und Güte des Produktes zu bewerten, das ich verarbeiten soll. Und genau das, tu ich.

Ich schmeiße ein Produkt erst weg, wenn es meine fachliche Kontrolle nicht besteht oder bei mir Zweifel hervorruft. Letztendlich bin ich der, der das Produkt final bearbeitet. Den Letzten beißen die Hunde.

Ich bin also verantwortlich, wenn von meinem Essen, ein Kunde einen Nachteil erleidet. Vorher nicht.

Persönlich bin ich dankbar für die kostenlose Schulung gerade in Hinblick HACCP. Normal müsste ich das bezahlen. Ein Witz des Systems. Wir sollen für unsere Arbeit bezahlen. Wieso sollen wir uns nicht selbst den Lohn mitbringen? Ich habe in der DDR, Hygiene, nahezu sechs Jahr studiert in meiner Ausbildung. Die Kontrolleure könnte ich mit dieser Ausbildung schulen.

Aktualisierungen wurden uns in der DDR im Rahmen des Berufes, kostenlos, während der Arbeitszeit vermittelt. Ansonsten wurden wir frei gestellt und zu Schulungen delegiert. Und genau das ist der Unterschied.

Jetzt wird mir die Zeit etwas knapp. Ich muss die Schnitzel noch braten. Ich frage die Kontrolleure, ob sie mich von der Begleitung der Kontrolle entlassen, weil ich für Arbeiter koche. Sie sind freundlich mit mir und geben mich frei. Nebenbei bemerke ich, wie sie den gefüllten Abfallkübel mit einem scharfen Reinigungsmittel befüllen, damit die Lebensmittel auch wirklich unbrauchbar werden. Man kennt sich aus zu Hause. Der Blick auf das Gesicht meines Chefs, verrät mir Alles. Ich glaube fast, Tränen bemerkt zu haben.

Ich brate schnell die Schnitzel und gebe die Rosmarinkartoffeln in den Ofen. Die Schnitzel halte ich nicht warm. Ich positioniere sie neben der Bratplatte und erwärme die bei Bedarf. In der Ausgabe benötige ich heute eine Induktionsplatte neben der Bratplatte. Heute bräuchte ich vier Hände. Mit meinem Menü habe ich mich selbst überlistet. Ein Bratplattenhälfte stelle ich auf einhundertsechzig Grad und die andere auf einhundert. Damit will ich die Rosmarinkartoffeln und die gebratenen Schnitzel warm halten. Ich lege Küchenkrepp unter. Unser Profiküchenkrepp ist nicht so bunt bedruckt wie das für Hausfrauenhaushalte.

Rolfo hat mich nach dem Joghurt gefragt. Den hätte ich beinahe vergessen bei dem Trubel. Die Heidelbeeren sind inzwischen mit dem Zucker aufgetaut. Ich rühre das in den Joghurt. Rolfo probiert und schmatzt. Er füllt sich eine Extraschale ab. Das reicht mir zur Beurteilung.

„Du willst wohl heute Heidelbeerpizza backen?“, frage ich ihn. Er lacht laut.

„Morgen kommt die Köchin wieder.“

„Was? Die, die angeblich gekündigt hat?“

„Genau die!“

„Naja. Dann kommt heute zum Dienstende sicher der Chef und sein Stab.“

„Das ist sicher!“

„Darf ich spekulieren? Dann hat er die Hygienekontrolle bestellt.“

„Das denke ich auch.“

Wir müssen das Maul halten. Der Chef kommt gerade mit seiner Frau. Man hat den Eindruck, hier haben Wände, Ohren. Rolfo springt gleich vor und fragt, ob er Pizza haben möchte. Ein gescheiter Kollege. Ich habe Glück. Die ersten Gäste kommen. Oh. Ich bemerke, dass mir noch Eigelb und geriebener Käse fehlen. Das muss ich schnell noch holen.

Die ersten Gäste verlangen natürlich Carbonara als Hauptspeise. Ich rechne das im Kopf hoch. Das kann durchaus zum Nachkochen führen, wenn das so weiter geht. Wir verkaufen heute alle Spaghetti. Das waren rund fünfzig Portionen als Vorspeise. Nebenbei lässt sich bemerken; eine Arbeitervorspeise wäre für uns ein Hauptgericht. Man fragt sich oft, wo sie das hin essen.

Nach einen vollem Teller Spaghetti bekämen wir, Nichts mehr rein. Die Hähnchenbrüste waren ebenso alle. Wen jetzt noch Jemand käme, müsste ich improvisieren. Es kommt Keiner mehr. Wir können putzen und Alles wegräumen. Ich wische grade den Gang, da kommen die Kontrolleure wieder und wollen meine Unterschrift.“Gehen Sie bitte zum Chef. Ich kann Ihnen Nichts unterschreiben.“

Der Chef war schon da und unterschrieb das Protokoll.

Die Kontrolleure verabschieden sich freundlich und geben mir ein Kompliment für die Carbonara. Ich wusste nicht, dass die mitgegessen haben. Bei mir haben die Nichts abgeholt.

Der Chef ruft mich zu sich und sagt, ich hätte die Probezeit nicht bestanden. Er lässt mich einen Lohnzettel unterschreiben, auf dem etwas über zweihundert Euro stehen. Naja. Als Tankgeld reicht es gerade so. Er möchte sich von mir nich tim Bösen trennen. Vielleicht braucht er mich noch mal. An Witzen spart er also nicht. Dafür hat er mir eine gute, aber nicht kostenlose Unterhaltung beschert.

Rolfo winkt mir zu und gibt mir zwei dicht belegte Pizzas mit. Er hat sie gleich im Karton verschwinden lassen. „Heute haben auch die Wände Augen“, sagt er zu mir. Wir verabschieden uns und vereinbaren ein späteres Treffen im Blauen. Köche können keinen Termin vereinbaren, an dem sie sich treffen wollen.

Nach dem Umziehen, nehme ich mir die Zeit, gemütlich den Weg zum Reschen anzugehen.

Tag 58


Tag 58

Joanas Wecker klingelt. Ich hör ihn und setze uns den Kaffee an, während Joana im Bad ist. Ich habe heute frei. Nicht mit Joana zusammen. Der eine gemeinsame Tag wird uns genommen. In der aktuellen Beschäftigung ist es nicht möglich, zusammen, frei zu nehmen. Das ist sozusagen, das Maximum an Entfremdung. Weg von der Heimat. Weg von den Eltern. Weg von den Geschwistern. Weg von den Kindern. Weg von den Freunden und dann noch, weg vom Ehepartner. Hoch lebe der Kapitalismus nebst den kriminellen Plünderern und Besatzern der DDR.

Zu was nutze ich heute den freien Tag? Ganz einfach. Zur Arbeitssuche. Ich muss ja nicht zum Doktor, auch nicht auf das Arbeitsamt oder gar zur Steuerabrechnung ins Patronat. Ich stelle mir gerade vor, ich müsste das Alles erledigen. An einem freien Tag. Der normale Saisonkoch hat neben seinem täglichen Doppeldienst, nur diesen einen freien Tag, seine privaten Dinge zu regeln. Dazu zählt auch der Einkauf von dringend benötigtem Material. Es wirklich wenige Leute, die annähernd nachvollziehen können, was das bedeutet. Eine Mangelwirtschaft kann dabei nicht entstehen. Selbst wenn wir das Geld hätten, wir können es nicht ausgeben. Schon gar nicht für unser Vergnügen. Damit ist dann schon teilweise erklärt, warum bei uns in Südtirol, Busgelder zehn mal höher sind als anderswo.

Wenn ich den Leuten keine Zeit lasse, das Geld selbst für Erholung auszugeben, hole ich es eben mit der Polizei. Der Trick ist ganz einfach gestrickt. Ich verknappe die Freizeit und zwinge damit meine Bevölkerung, Arbeitswege besonders zügig zu gestalten.

Joana geht runter auf Arbeit und ich lege mich wieder hin. „Hauptsach, mir san gsund und de Woiber ham ne Oarbeit“, würde jetzt ein Tiroler sagen.

Nach einer Stunde wecke ich wieder auf. Ich schalte den Laptop ein und suche eine Arbeit. Genauso gut könnte ich ein Märchenbuch lesen. Für die eiskalte Ausbeutung wird selbst der Himmel versprochen. Zumindest, die erste Woche nach Dienstantritt, auch eingehalten. Danach wird es schnell dunkel.

Die Stelle, auf der ich mich beworben habe, wird immer noch angeboten. Ich schicke ihnen meine Email-Adresse. Etwas Hoffnung brauche ich auch. Dazu gibt es eine Stelle ganz in unserer Nähe. Eine Neueröffnung. Das hat sich mittlerweile zu einem Spezialgebiet für mich entwickelt. Ich bewerbe mich auf allen Stellen. Wir brauchen das Geld. Koste es, was es wolle. Kilometer spielen keine Rolle mehr. Ich weiß nur noch nicht,wie ich das mit den Vorstellungsterminen regele. Heute habe ich etwa zwanzig Bewerbungen weggeschickt.

Ich gehe runter zu Marlies. Dursun ist nicht da, aber Marco. Marco kocht heute ein Galamenü. Das geht heute gut. Das Haus ist nur halb belegt. Alfred kommt zu uns. Er hat etwas schlechte Laune. Wegen der schwachen Belegung, schätze ich. „Nur Streit bei den Abreisen. Geplatzte Schecks und Kreditkartenzahlungen und so weiter“, murrt er. Alfred zählt für mich nicht zu den Leuten, die sich vor ihrem Personal ausheulen. Es muss besonders schlimm sein in diesem Jahr. Bei dem Galamenü gab es etwas Streit. Ursprünglich war das Menü, Alfred etwas zu teuer. Marco hat es umgewandelt.

Heimisches Bullendörrfleisch auf Rucola zu Almkäsespänen

Kraftbrühe Royal

Mit Spinat gefüllter Palatschinken

Erdbeersorbet

Hirschroulade an Germknödel und Preiselbeerrotkohl

Bacio Mousse

„Du hast Dir viel vorgenommen heute, Marco“, sage ich zu ihm.

„Dursun macht die Palatschinken heute.“

„Dann is ja gut.“

Ich gehe wieder hinauf und lege mich hin. Irgendwie bin ich müde. Im Fernsehen kommt eh Nichts. Und einen Film anschauen, will ich auch nicht.

Im Foyer fängt mich Alfred ab. Er fragt mich, ob ich mit ihm eine Runde Billard spiele. Manchmal spielt er es mit Dursun. Der hat aber keine Zeit. Er braucht etwas Abwechslung, sagt er mir.

Der Billardraum ist sehr schön und gut gepflegt.

„Ist der für Gäste“, frag ich ihn.

„Ich lasse nicht Jeden rein.“

Es ist ein Poolbillard. Ich erzähle Alfred von unserem Billard zu Hause.

„Mit Kegeln spielt ihr? Das ist sicher interessant.“

Alfred spielt ausgesprochen gut und setzt sich auch sehr gut die Folgestände. Ich verliere. Poolbillard habe ich leider viel zu wenig gespielt, um es so zu beherrschen wie Alfred. Er gibt mir trotzdem Komplimente. Nach einer und einer halben Stunde kommt Margret und holt Alfred ab. Er würde jetzt gebraucht. Dem Gesicht von Margret nach zu urteilen, gibt es wieder Ärger mit Gästen. Die Ruhephasen in der Saison sind einfach zu kurz. Für Gastgeber und deren Angestellte. Das wird häufig schamlos ausgenutzt. Auch in diesem Fall, wie ich unbeabsichtigt mithöre. Ein aufgetakeltes Paar hätte seine Freunde mitgebracht und empfohlen und fordert jetzt sechzig Prozent Rabatt. Alfred hatte das wahrscheinlich irgendwann mal angeboten. Alfred gibt nicht nach. „Das war mal eine Sommerwerbeaktion. Sie können gerne bis Sommer bleiben. Bis dahin gelten aber unsere Winter- und Frühjahrspreise.“

Der Mann winkt ab und will gehen. Sie gibt nicht nach. Jetzt bekommt ihre Stimme einen Klang, der locker Tapeten abrollen lässt. Ich frage mich, ob die zu Hause noch Gläser haben, die nicht zersprungen sind. Alfred geht zum Telefon, nimmt den Hörer ab und legt ihn ans Ohr. Mit einem Schlag wird die Furie ruhig. Sie geht.

„Das is ne gute Methode“ sag ich zu Alfred. Er lacht.

„Die haben sich zu jedem Buffet die Taschen voll gesteckt. Deren Angehörige schlafen in einer Frühstückspension. Die gehört zufälligerweise unserer Familie. Herbert, mein Bruder, hat unsere Lebensmittel bei ihnen auf dem Zimmer in seiner Pension gesehen. Die essen aber bei uns nicht mit.“

Herbert kümmert sich um das Vieh der Familie und vermietet auch ein paar Zimmer. Die Hotelgäste tragen Bestandteile des Buffets zu ihren Angehörigen in den anderen Unterkünften. Vor allem, die Angebote des Frühstück – und Jausenbuffets. Und die regen sich über Ausländer auf.

Ich gehe die Treppe hinauf. Den Fahrstuhl meide ich bewusst. Um die Zeit fahren die Zimmermädchen viel mit dem Fahrstuhl. Ich will nicht, dass sie unnötig warten müssen. Das Treppenhaus sieht aus wie ein Saustall. Überall liegen die Verpackungen des Betthupferls rum. Offensichtlich ist diesen Gästen auch der Weg zum Mülleimer zu viel. Deren Wohnungen möchte ich weder sehen noch riechen. Kein Wunder, dass unsere Hoteliers, alle drei oder vier Jahre, die Zimmer neu einrichten müssen.

Ich leg mich Oben wieder hin. Joana weckt mich, wenn sie Feierabend hat.

Kurz nach Mittag weckt sie mich. Wir überlegen, was wir aus dem angebrochenem Tag noch machen können. An der Tür klopft es. Mira steht davor. Sie fühlt sich allein und möchte sich etwas unterhalten. Ich glaube fast, so wie sie angezogen ist, sucht sie etwas Anderes. Es dauert nicht lange und die Vermutung wird bestätigt.

„Wie lange bist Du schon von zu Hause weg?“, frage ich sie.

„Zwei Jahre.“

„Was! Am Stück?“

„ Ich hatte kein Geld, um nach Hause zu fahren.“

„Hast Du keinen Freund zu Hause oder hier?“

„Schon. Freundinnen. Aber ich möchte auch mal Etwas aus Italien hören.“

„Alia ist Eure Masseuse. Besuchst Du sie oft?“

„Immer öfter in letzter Zeit.“ Sie wird rot dabei. Ich habe mich verspekuliert. Sie will keinen Sex. Sie ist in ihrer Freizeit wahrscheinlich immer so locker angezogen. Sie erzählt uns von ihrer Heimat, Tatvan. Das scheint eine schöne Gegend zu sein. Sie hat extremes Heimweh.

„Alia ist meine Freundin. Sie kommt aus Van. Wir waren schon auf der gleichen Mädchenschule.“

„Also, seid Ihr zusammen gekommen?“

„Wir wollten etwas Geld verdienen und auch weg von dem Umfeld.“

Ich frage sie diesbezüglich nicht näher aus. Im Grunde ähneln sich unsere Lebensläufe. Sie bestätigt das auch. Joana hat uns etwas Glühwein gemacht.

Alia klopft an unsere Tür. Sie hat ein paar Kekse und Pralinen mit. Ich habe nie gedacht, dass ich so einen wunderschönen Abend mit unseren Kollegen erleben darf. So ein Abend hat für uns das Zeug, einen ganzen Urlaub zu ersetzen.

Tag 57


Tag 57

Diesen Morgen setzt mir Joana den Kaffee an, weckt mich und trinkt mit mir eine Tasse. Danach geht sie schon. Es gibt viel Arbeit im Haus und in der Wäscherei. Alfred organisiert freitags neuerdings einen kleinen Hüttenzauber. Wir wussten Nichts davon. Wir können uns nur kurz über den Arbeitsvertrag unterhalten. Joana sagt mir: „Such weiter. Das stinkt.“

Nach der üblichem Morgenwäsche, gehe ich runter zu Marlies. Dursun ist auch da. Alfred hat an der Rezeption zu tun. Es gibt wahrscheinlich großen Wechsel. Viel Zeit ist nicht. Ich trinke noch einen Kaffee bei Marlies. Dursun trinkt einen Kaffee mit Schuss. „Du und Alkohol?“, frag ich ihn.

„Is wege der Kälte.“

„Und da schaut Allah weg?“

„Aber sicher. Allah liebt fleißige Menschen.“

Genau da, müssen sich Dursun und seine Kollegen nicht schämen. Ohne sie würde diese Gastronomie in Österreich gar nicht existieren. Die türkischen Kollegen werden jetzt zunehmend von osteuropäischen bedrängt. Sie werden damit auch zu einem politischen Spielball voller Verleumdungen.

Ich gehe kurz vor die Tür und starte mein Auto. Es soll etwas warm laufen. Mir läuft auf dem Rückweg eine westdeutsche Touristin entgegen. „Dat iss verboten hier!“, geifert die mich an.

„Kennen Sie das Gesetz von hier oder nur Ihres?“

„Ah, ei Ostdeutscher!“

„DDR-Bürger bitte! Vertrieben und geplündert durch Sie uns ihre Konsorten!“

Die Alte verschwand. Sie wurde knall rot und stumm. Vor Gericht werden alle Verbrecher stumm. Deren Gericht kommt noch.

Marlies gibt mir eine hausgemachte Kaminwurzn mit auf den Weg. „Dass Du nicht verhungerst unterwegs“, hat sie lächelnd gesagt. Alfred winkt mir kurz zu und Dursun geht mit vor die Tür. „ Zur Abfahrt“, sagt er, „gibt es wenig bis kein Trinkgeld für das Gepäck tragen.“ Aus dem Grund, hilft er da nur in Notfällen. „Bis heute Abend“, sag ich ihm. Er winkt mir etwas schüchtern.

Am See darf ich den neuen Scheibenwischermotor probieren. Die Jungs haben mir auch gleich die Blätter mit gewechselt. Es gibt keine Streifen mehr. Im Winter brauchen wir oft zwei bis drei Sätze von den Blättern. Das ist teuer. Vor nicht allzu langer Zeit, konnten wir die Gummis extra kaufen. Das wurde abgeschafft. Wir zahlen jetzt das Zehnfache. Für mehr Müll.

Auf dem Weg treffe ich in meine Richtung, außer Kollegen, wenig Leute. Im Gegenverkehr ist aber ziemlich viel los. Ich sehe vor allem, unsere italienischen Landsleute. Alle haben Skier auf dem Dach. Unsere italienischen Landsleute lieben Skisport. Sie gehen dieser Freizeitgestaltung sehr intensiv nach. Gerade das, was knapp ist zu Hause, scheint eine besondere Leidenschaft zu wecken. Vergleiche zur DDR werden wach. Mit einem kleinen Unterschied. Arbeiter können sich diese Freizeitgestaltung selten leisten.

In Schlanders staut es etwas in der Gegenrichtung. Dort läuft auch der Verkehr in Richtung Sulden und Reschen zusammen. Das geht bis nach Eyrs – Spondinig so. Dort fahren die Suldner und Trafoier Gäste ab.

Ich komme in Vezzan an und halte kurz, weil ich etwas Zeit habe, an einer Mensa an. Dort brennt schon Licht. Ich gehe hinauf , um zu fragen, ob die noch einen Koch benötigen. Ein Kollege empfängt mich. „Im Moment arbeitet gerade ein Kollege hier zur Probe. Lass uns Deine Nummer da und wir rufen Dich an.“ Der Kollege lässt mir einen Kaffee raus, setzt sich zu mir und sagt:

„Ich habe wenig Vertrauen in den Kollegen. Er wird das nicht schaffen.“

Wir verabschieden uns und in mir entsteht etwas Hoffnung.

Jetzt wird es Zeit, auf Arbeit zu fahren. Kaum bin ich angekommen, öffnet sich die Tür vom Hintereingang. Das ausländische Reinigungspersonal kommt mir entgegen. Man spricht Italienisch. Vom Aussehen her, tippe ich auf Pakistani, Polen, Ungarn und Albaner. Es sind mehrheitlich Männer. Ehrlich gesagt, würde ich das Frauen auch nicht zumuten. Das ist ein schwerer Beruf. Na, genau genommen, ist Zimmermädchen genau so schwer. Und das machen fast nur Frauen. Die kapitalistische Welt ist ungerecht. Vor allem, Frauen gegenüber.

Rolfo ist schon wieder mit mir zusammen da. Am Samstag. „Samstags gehen viele Pizzas und ich muss noch mal Teig ansetzen.“

„Wie ist es bei mir?“

„Bei Dir kommen nicht mal die Hälfte der Gäste, die Du wochentags hast. Die haben heute frei.“

Da ist er wieder, der Unterschied. Die Einen arbeiten in Fünf-Tage-Woche und ausgerechnet die, mit dem längsten und geteilten Dienst, arbeiten sechs Tage.

Gründlicher kann man ein Volk nicht zerreißen. Über Kurz oder Lang, sind dann Importe von Sklaven notwendig. Kapitalisten haben eben von gesellschaftlicher Wirtschaft, keinen Schimmer. Sie lernen auf den falschen Universitäten.

Der Chef ist noch nicht da. Ich überlege, was ich heute Mittag anbiete. Bei weniger Gästen, könnte ich ein paar Involtini mit machen. Gedacht, getan. Heute gibt es:

Salatteller

Tomatensuppe

Spaghetti aglio e olio

Involtini, Kartoffelpüree, Rotkohl

Pfefferminztopfen und Schokosauce

Ich setze gleich, nachdem ich das Rindfleisch in den Froster steckte, die Bain Maries an. In einem Behälter koche ich das Kartoffelpüree. Das geht, weil ich Kartoffelflocken dafür nehme. Ich gebe also Wasser, Sahne und zusätzlich Butter, selbstgemachte Brühe, Salz Muskat und eine Prise Zucker rein und decke den Behälter ab. Die Bain Marie läuft auf sechsundneunzig Grad. Das ist spitze. Den Konserven – Rotkohl gebe ich in den anderen Behälter, würze mit Salz, Pfeffer, Zimt, Nelke, Butter, Zwiebel, etwas Essig, Zucker und decke ihn auch ab. Essig gebe ich zu, weil das Kraut nicht zu weich werden soll. Im dritten Behälter setze ich schon die Tomatensuppe an. Die würze ich mit etwas Essig, Salz, Pfeffer, Zucker und in Öl gemixter Zwiebel.

Den Nudelkocher fülle ich und schalte ihn an. Dort kommen dann die Spaghetti rein.

Rolfo ist raus aus der Rührmaschine. Da kann ich den Quark anrichten. Ich schlage Frischsahne mit Zucker mittelsteif und gebe Topfen dazu und lass das so lange nachrühren, bis es cremig ist. Jetzt ist es Sahnequark. Diesem füge ich Pfefferminzsirup und eine Prise Salz hinzu. Schon ist der Pfefferminzquark fertig. Im Blender setze ich ein intensives Zuckerwasser an, dem ich die gleiche Menge Öl zufüge, etwas Rum, eine Prise Salz und Vanillearoma. Der Zucker hat sich gelöst und jetzt gebe ich Kakaopulver dazu, bis eine Art, spritzbare Decksauce entsteht. Rolfo probiert das Topping. Danach holt er sich zwei große Waffeln, tunkt die in das Topping ein und genießt das. Ich muss nicht fragen ob ihm das schmeckt. „Portionierst Du heute wieder das Dessert?“

„Aber sicher!“ Rolfo wird schon dafür sorgen, dass Etwas für ihn übrig bleibt.

Das Rindfleisch ist jetzt nicht gefroren, aber steif genug zum Schneiden mit der Maschine. Es ist ein Stück hohe Schulter.Jetzt lässt es sich auch sehr gut putzen. Das wird am Montag oder vielleicht auch heute noch, feine frische Brühpaste. Die Stücken mit den Fasern in die falsche Richtung, dressiere ich ab. Das gäbe eigentlich ein gutes Gulasch. Ich schneide es gleich, packe es ein, vakuumiere das und beschrifte es so. Für die Füllung nehme ich Schinken, Schweinefleisch, Zwiebel, Senf, etwas Gurke und Tomatenpaste. Das gebe ich zusammen in den Kutter und verarbeite das zu einem Hackepeter. Das Rindfleisch schneide ich jetzt sehr dünn mit vier Millimetern. Die Scheiben lege ich in einer Alufolie aus, fülle die mit meinem Hackepeter und rolle sie zu einer großen Roulade. Den Rest macht der Dämpfer und die Bratplatte. Ich dämpfe das Ganze bei einhundertdreißig Grad. Bei guter Portionierung, habe ich heute knapp vierzig Portionen. Die Familie kann sozusagen, am Wochenende, Involtini essen. Bevor ich die Rouladen in den Ofen schiebe, gebe ich noch den Inhalt einer Flasche Rotwein dazu. Zum Kochen haben wir den Rotwein im Tetrapack. Ich probieren den. Der schmeckt.

Rolfo lädt mich zum Kaffee ein. Er hat einen kleinen Quarkkuchen gebacken im Pizzaofen. Und der schmeckt. Ich staune. Bei Südtiroler Bäckern hat man nicht unbedingt Glück mit Quarkkuchen. DDR – Sachsen sind da sehr verwöhnt. Rolfo hat wahrscheinlich meine Rumrosinen und die gezuckerte Zitronenschale gefunden. Ich bereite mir das standartmäßig am ersten Tag vor, wie auch Vanillezucker und diverse Gewürz- und Kräutermischungen. Leider war kein frisches Pfefferminz im Haus. Das kuttere ich zusammen mit Zucker und trinke es nicht selten als Tee. Gleiches tu ich auch mit Salbei. Genau deswegen, habe ich nie Erkältungskrankheiten.

Den Rotkohl binde ich mit Kartoffelflocken. In das Püree rühre ich noch zwei – drei Eigelb, pasta gialla. Das Ergebnis ist beeindruckend.

Nach einer knappen Stunde kann ich schon die Brühe von den Involtini abgießen und binden. Ich binde das mit einer braunen Roux. Die gibt es auch fertig. Allgemein mache ich einen Bogen um Fertigprodukte. Nicht immer. Es gibt wirklich sehr wertvolle Produkte, wie Kartoffelflocken oder braune Roux. Die musste ich aber selbst herstellen, weil sie nicht vorrätig war. Keine Angst. Das geht ungeheuer schnell. Ich nehme dafür eine Schüssel auf der Induktionsplatte. Reichlich Öl rein, heiß werden lassen, Mehl, Kartoffelstärke und Zucker zugeben und einfach rühren, bis es dunkel wird. Mit einem Schneebesen geht das am besten.

Das Essen ist fertig. Die Gäste können kommen. Wie angekündigt, stehen sie bei Rolfo Schlange. Bei mir nicht. Mittags bekommt man in Italien oder Südtirol, nur begrenzt Pizza. In letzter Zeit werden es zwar mehr Betriebe, die es tun. Aber, abends ist das Angebot um ein Vielfaches größer.

Zuerst wird witzigerweise die Tomatensuppe alle. Dann wird sehr oft Spaghetti verlangt. Bei der Hauptspeise halten sich Viele zurück. Ich schätze, sie essen zu Hause noch bei der Familie. Mit dem Personal unseres Hauses gerechnet, verkaufe ich heute fast dreißig Portionen Involtini. Und das will schon mal Etwas heißen. Rolfo gratuliert mir. Ich weiß nicht, warum. Rolfo schwitzt und er hat etwa einhundertfünfzig Pizza verkauft.

Wir putzen unseren Dreck weg. Ein paar Lebensmittel müssen speziell verpackt werden für den Ruhetag. Am Sonntag ist geschlossen. Gegen halb Vier stehen wir vor der Tür und verabschieden uns.

Für den Samstag ist für diese Zeit, wenig Verkehr. Ich komme schnell vorwärts. Eigentlich hätte ich mit Skitouristen gerechnet. Obwohl; die kommen oft viel später oder sind schon vorbei.

Bis Mals geht es reibungslos. Dort ist aber etwas Stau in alle Richtungen. Auch in die Schweiz. Ich verliere eine halbe Stunde. Zu der Zeit kommen die Gäste von den Pisten. Es sind auch viele Tagesgäste dabei. Der meiste Betrieb ist vor den Cafes und Restaurants. Die Gäste laufen achtlos über die Straße, als hätten sie die gekauft. Ich stelle mir gerade vor, sie kämen mit dem Auto und ich würde mich so auf der Straße bewegen. Das gäbe ein ohrenbetäubendes Hupkonzert. In den Heimatstädten der Gäste kann das Jeder mal ausprobieren.

Dursun steht immer noch vor der Tür und erwartet Anreisen. Er grüßt freundlich. „Joana hat Euer Essen mit hoch genommen. Marco hat es auf Tellern angerichtet.“

Marco möchte also vermeiden, dass ich in die Küche komme. Selbst Alfred ist an der Rezeption von Gästen umzingelt. Mira ist mit dem Servicewagen im Foyer und wischt. Die Gäste haben viel Schnee und Dreck ins Haus getragen.

Ich verkrümle mich gleich aufs Zimmer. Joana schläft schon. Mein Essen steht zugedeckt am Fenster. Nach der Dusche ist Joana wach. Wir reden wenig vom Tagesgeschehen.

Tag 53


Tag 53

Ich freue mich direkt wieder, zusammen mit meiner Frau aufzuwachen. Eine Arbeitsstelle gibt mir scheinbar eine innere Bestätigung. Jetzt fehlt mir nur noch der Arbeitsvertrag.

Joana geht heute etwas später zur Arbeit. Das Foyer putzen heute ihre Kolleginnen. Ich erzähle Etwas von der Stelle. Joana sagt zu mir, ich ginge etwas zu euphorisch zu Werke. „Warte erst mal ab, was passiert!“

Eigentlich hat sie recht. Meine Begeisterung muss ich irgendwie zügeln. Die Begeisterung ist aber auch der Ursprung von meiner Erfindungskraft. Stumpfes Abarbeiten der anstehenden Aufgaben liegt mir nicht. Ich möchte immer Irgendetwas verbessern. Meine Nachfolger sollen spüren, hier war ein Fachmann am Werk.

Wir gehen gemeinsam zu Marlies und trinken Unten noch einen Kaffee. Dabei schwätzen wir etwas mit unseren Kollegen, die schon da sind. Neben der stumpfen Arbeit wirkt das fast schon die ein Restaurantbesuch. Wir erzählen uns etwas von zu Hause, von der Arbeit im Ausland, von der Familie und den Kindern. Mitunter bemerken wir etwas Sentimentalität. Dursun versteckt das hinter aufgesetztem Witz. Reka, unsere Rezeptionistin, wirkt eher etwas aufgezogen. Dursun schlägt mit dem linken Handteller auf die rechte, die er zu einem Becher geformt hat. Reka sieht das und lacht verschmitzt.

„Unserer Reka fehlt ein Mann“, sagt Dursun.

„Woher willst Du das wissen?“, fragt Reka zurück.

Wir müssen nicht lange rätseln, warum Dursun so spekuliert. Marlies gibt Dursun ein paar Augenzeichen. So in etwa, ‚Halt auf damit‘. Dursun ist ein schöner, fleißiger Mann und damit sehr begehrt bei den Damen. Seine handwerklichen Fähigkeiten machen ihn zu einem Star in Frauenkreisen. Selbst unsere weiblichen Stammgäste bestellen bei Reka sehr oft Dursun für gewisse Reparaturen. Mich würde nicht wundern, wenn dabei ganz neue Rassen entstehen. Ahu nimmt das jedenfalls bedeutend gelassener als man denken mag.

Marlies hat noch etwas Quarktorte vom hiesigen Bäcker. Der hat das als Zugabe mit geliefert. Gäste bekommen das nicht. Dursun sagt, in der Torte wären türkische Sultaninen. Er erzählt uns, wie die seine Landsleute herstellen. Die Hirten hätten davon die Hosentaschen voll. In der einen Hosentasche, Nüsse und in der anderen, Sultaninen. Er schwört auf die potenzsteigernde Wirkung und gibt die entsprechenden Zeichen von sich. Italiener äußern ähnliche Schwüre bei Parmesan, diversen Weinsorten und Meeresfrüchten. Trotzdem beklagen Italien und auch die Türkei, Bevölkerungsrückgänge. Es muss irgendwie stärkere Kräfte geben als diese Aphrodisiaka. Und die scheinen zeitweise zu gewinnen.

Ich fahre los. Eine Stunde Weg habe ich berechnet. Acht Uhr will ich da sein. Um diese Zeit muss ich mit einigem Verkehr rechnen. Bis Mals ist kaum Jemand zu treffen außer ein paar Kollegen. Die Malser, Burgeiser und Hotels am Reschensee sind gut besucht. Deren Parkplätze sind voll.

Dieses Mal fahre ich von Vezzan aus nach Latsch. Der andere Weg war mir wegen der Bahnüberquerung zu riskant. Die Zeit von einer Stunde ist fast aufgebraucht. Die meiste Zeit habe ich in Schlanders verloren.

Im Einkaufszentrum brennt schon Licht und ich bemerke ein reges Treiben in den Geschäftsräumen. Die Türen sind noch verschlossen. Ich klopfe an das Fenster. Eine Reinigungskraft zeigt auf eine Seite, wo sich wahrscheinlich der Personaleingang befindet. Ich hab den Eingang gefunden. Jetzt erst bemerke ich die Sanitäreinrichtungen und Garderoben. Das gibt es also doch für das Personal. Sogar zentral gelegen, für alle Angestellten.

Alle grüßen mich freundlich und fragen gleich, ob ich der neue Koch bin. Schon mit der zweiten Frage nach dem heutigen Menü, bekundet man ein gewisses Interesse. „Ich koche heute“:

Salatteller

Hirtenmaccheroni

Champignonschnitzel, Reis, Zucchini

Obstsalat

Jetzt wird auch die Ausgabe erheblich komplizierter. Zumal meine Essensteilnehmer nicht auf Einmal kommen.

Im Gang oben, ziehe ich mich wieder um. Rolfo ist noch nicht da.

Zuerst schicke ich in den Dämpfer, bei sechzig Grad, zehn Stück von den kleinen Fleischpäckchen. Ich muss feststellen, was das ist und ob es für Ragout geeignet ist. Die zwei Schweinsstränge lege ich auch gleich mit rein. So werden die Schnitzel zarter und nicht so trocken fasrig. Nach dem Abkühlen schneide ich die dann und grille sie auf einer Seite an. Das ist der Plan. Die Zucchini schneide ich fertig. Nicht in Scheiben, sondern in Stücke von längs geviertelten Zucchini. Das würze ich mit Salz, Pfeffer, Oregano, etwas Zucker und Knoblauchöl. Das Öl den Oregano hab ich von Rolfo gestohlen. In der Küche ist nichts Dergleichen. Pfeffer ist nur in weiß da. Fürchterlich. Muskat gibt es nur als Stückchen von Nüssen, die Keiner mehr reiben kann. Die Stücke mixe ich in Öl. In der Zwischenzeit schneide ich Salate. Vor allem, reichlich Krautsalat. Kümmel gibt es nur ganz. Den ganzen Kümmel mixe ich auch kurz mit Öl und lasse ihn absetzen. Den Pfeffer für das Kraut auch. Der Krautsalat wird braun von Kümmel und Pfeffer. Den Reis setze ich in einem Topf an. Der Chef hat Arbolio da. Der geht gut für Pilaw. Arbolio setze ich eins zu eineinhalb an. Parboiled Reis liegt nirgens. Gerade für das Geschäft, wäre das die bessere Wahl.

Zwischenzeitlich kommt Rolfo. Er grüßt überfreundlich aber nicht falsch. Wir reden bei einem Kaffee zusammen. Er sagt mir, „ich weiß nichts von einem Streit zwischen dem Chef und der Köchin und von einer Kündigung.“

Kurz darauf kommt der Chef. Ich sage ihm, was er alles benötigt für eine reibungslose Essensausgabe. Er nimmt sich einen Zettel und schreibt sich das auf.

Ich bestelle bei Ihm zwei mobile Bain Maries mit den entsprechenden Behältern drinnen. Gleichzeitig sage ich ihm, dass er diese Behälter doppelt benötigt. Außerdem braucht er einen Blender. Einen Kutter haben wir schon.

Dazu sage ich empfehle ich ihm ein oder zwei Iduktionsplatten. Wenn Arbeiter vor mir stehen und das Essen zufällig alle ist, muss ich schnell nacharbeiten können. Außerdem ist die Vorbereitungszeit sehr kurz.

„Die ganzen unbeschrifteten Reste müssen eigentlich weggeworfen werden.“

„Wir werfen Nichts weg. Verarbeite das bitte. Das sind Lebensmittel.“

Wo er Recht hat, hat er schon Recht. Nur, das hätte er der einheimischen Kollegin erzählen müssen.

„Ich tu, was ich kann.“

Rolfo schüttelt mit dem Kopf. Er versteht das nicht.

Ich koche inzwischen, etwas nebenbei zum Gespräch, die Champignonsauce. Das Fleischsortiment für das Ragout ist jetzt aufgetaut. Ich zeige es ihm. Zwei Stücke sind Lamm. Für das Ragout ist das ungeeignet. Es ist auch Gefrierbrand zu sehen.

„Was machst Du damit?“

„Ich gebe das weg. Das ist Müll.“

Sein Gesicht zeigt die Enttäuschung.

„Ist mein Arbeitsvertrag schon fertig? Wird es eine Vollbeschäftigung?

Laut Tarif ist eine Vollbeschäftigung in Sechs-Tage-Woche mit sechs dreiviertel Stunden erreicht. Ich müsste sozusagen, von acht bis fünfzehn Uhr arbeiten.

Eine Pause ist da nicht möglich bei dem Geschäft. Allein schon gar nicht. Das schlage ich ihm vor und er ist einverstanden. Nur die Probezeit scheint mir etwas lang. Er verlangt einen Monat. Bei so einer Probezeit werden ich in Südtirol stutzig. Meist wird so die Urlaubszeit von Kollegen überbrückt. Ich bin damit eine Ersatzkraft. Keiner sagt das so. Das ist eine Form der Täuschung. Einheimische merken das meist, weil sie die entsprechenden Verbindungen im Volksmund haben.

Rolfo fragt mich, ob mir die Pizza geschmeckt hat. Außerdem zeigt er ziemliches Interesse an meiner Art der Kocherei. Nebenbei sagt er mir, er sei auch Koch.

Seine Frau ist eine Holländerin, die sich in Südtirol in ihn verliebt hat. Bei Gelegenheit will er sie mir mal vorstellen. Ich frage Rolfo, ob er abends extra noch Irgendwo dient. „Nur zur Aushilfe. Nix Festes.“

Als Suppe setze ich heute zusätzlich zu meinem Plan, zur Probe, eine Ochsenschwanzsuppe an. Die Fleischreste nebst dem Gemüsevorrat, geben mir dafür genug Material. Zusätzlich zum Ragout.

Der Witz ist eigentlich, dass ich in meinem Menü einen Doppler drin habe. Champignon in der Vorspeise und im Hautgericht. Es wird sich Niemand dran stoßen, ist meine Spekulation.

Das Mittag geht los. Die Zucchini koche ich a la minute, wie die Schnitzel. Die habe ich extra dünn geschnitten und sie gehen sehr schnell, weil ich sie pochiert habe. Die ersten Gäste sind sehr zufrieden. Es schmeckt. Leider können wir Köche diesen Aussagen nicht trauen. In der Beziehung wird sehr viel gelogen und geheuchelt.

Mitunter ist auch die unterschiedliche Geschmacksgebung, Ursache für Lob oder Tadel. Ein Koch muss unbedingt das Geschmacksbild der Region berücksichtigen, in der er gerade dient. Da gibt es erhebliche Unterschiede.

Das Mittag geht recht zügig von statten. Es gibt zwei, drei kleine Wartepausen. Ich hatte knapp vierzig Gäste. Das sind immerhin die doppelt mehr als am Tag vorher.

Beachtlich.

Wir gehen jetzt schnell putzen und Rolfo hilft mir etwas. Der Chef ist mit dem Vertrag immer noch nicht da. Rolfo packt mir wieder eine Piazza ein: „Dein Personalessen“, sagt er ganz großzügig.

Wir sind nach fünfzehn Uhr fertig. Ich befürchte etwas Stau auf dem Weg zum Reschen.

Auf der Fahrt bin ich positiv überrascht. Es gibt keine Staus und auch kaum Verkehr. Siesta. Und das, obwohl die Geschäfte schon auf haben. Vor der größeren Kaufhalle in Schlanders ist etwas Trubel. Ansonsten komme ich sehr gut bis Mals.

Über den Reschen ist Alles frei. Keine Schneewehen und keine Unfälle.

Joana wartet mit Dursun und Alfred zusammen vor dem Hotel auf mich. Sie haben eine Zeit gestoppt. Ich hatte angerufen bei meiner Abfahrt.

„Bist Du zufrieden?“, fragt Alfred.

„Die Arbeit ist gut. Vertrag habe ich noch keinen. Deshalb bin ich etwas skeptisch.“

Wir verabschieden uns vorläufig. Eigentlich wollte ich noch mal runter gehen und mit Alfred und Marco etwas schwätzen. Aber nach der Dusche und der Pizza hat es mir die Augen zugezogen.

Tag 52


Wir wecken zusammen auf. Heute fahre ich Joana auf Arbeit und fahre von dort zu meiner Arbeit. Der Arbeitsweg ist zwar etwas länger als von zu Hause, dafür arbeite ich aber wieder in Südtirol. Irgendwie fühle ich mich hier heimisch.

Joana packt uns viel Kaffee ein. Eigentlich ist das nicht notwendig. Bei Marlies kann ich immer noch Kaffee trinken. Ich sage Nichts dazu. Joana ist an solchen Tagen immer etwas nervös. Ich möchte sie nicht zusätzlich reizen.

Einen Vorteil für den längeren Weg erkenne ich trotzdem. Ich kann in Österreich tanken. Das hilft gewaltig Sparen. Ich hoffe, damit werden die Mehrkilometer abgegolten.

Wir fahren gegen vier Uhr los. Montags ist wie üblich, massenhaft Verkehr. Um diese Uhrzeit ist es erträglich. Wir kommen recht zügig voran. Nach Schlanders benötigen wir zwanzig Minuten. Nach Schluderns, dreißig. Nach Mals sind, außer ein paar kleinen Wehen, keine Behinderungen vorhanden. Wir kommen bei Alfred, halb Sechs an.

Marlies ist noch nicht da. Dursun schläft auch noch.

Auf unserem Zimmer trinken wir noch Kaffee zusammen und essen dazu Pfefferkuchen. Joana stellt mir den Wecker auf sieben Uhr, gibt mir einen Kuss und geht.

Sieben Uhr stehe ich auf, gehe ins Bad und anschließend zu Marlies. Ich hab zwar schon sechs Kaffee rein, aber Marlies bringt mir einen Extragroßen. Den trinke ich natürlich auch. Sie legt mir eine Plunderteigmaultasche mit hin. „Die ist mit Nougat gefüllt.“ Da kann ich nicht Nein sagen. Sicher kommt die vom hiesigen Bäcker. Der hat die Maultasche extra noch glasiert. Marlies wünscht mir viel Erfolg bei der neuen Anstellung.

„Ich habe wenig Vertrauen. Dafür ist die Stelle wenigstens in Südtirol.“

„Willst Du bissl Kaffee mitnehmen auf die Fahrt?“

„Die Thermoskanne hab ich Oben.“

„Ich hab ein paar da. Die bringst Du heute Abend wieder mit.“

Mit dem Kaffee und besten Wünschen mach ich mich auf den Weg. Montags bis ich etwas skeptisch des Betriebes wegen. Ich plane eine Stunde Fahrzeit ein.

Bis auf einen Stau in Schlanders, ist der Weg relativ frei. Die Stunde hat gereicht und ich bin etwas eher da.

Ich parke vor dem Haus. Im Inneren sehe ich einige Geschäfte. Ich sche das Schild mit dem Hinweis für das Restaurant. Eine Etage höher. Mitten im Raum geht eine Wendeltreppe aufwärts. Oben angekommen, sehe ich eine geteilte Theke und linker Hand einen Pizzaofen. Am Kaffeeservice auf der rechten Seite arbeiten zwei Frauen. Der Tresen ist voll belegt. Ich bestell einen Kaffee und frage, ob der Chef da ist. Ich wäre der neue Koch. Die junge Frau ruft an und bittet mich, etwas zu warten. Nach zehn Minuten kommt der Chef.

„Wo kann ich mich umziehen?“

„Hier im Gang. Wir haben keine Garderobe.“

Wie immer, wird am Wichtigsten gespart.

„Wie viele Essenteilnehmer kommen? Schätzungsweise! Das reicht mir.“

„Ich weiß nicht. Vielleicht zwanzig?“

Die haben ein Geschäft und wissen nicht, wie viel sie verkaufen. Das ist nicht der Einzige in der Branche.

„Wie viele waren denn gestern da?“

„Ich weiß nicht.“

„Ich muss mal die Kühlzelle sehen.“

Wir gehen zusammen in den Gang und in die erste Zelle. Da liegt frisches Gemüse. Vereinzelt etwas angegriffen.

„Wann ist hier Liefertag?“

„Ich ruf mal meine Frau an. Die sitzt im Büro.“

„Warum ist de Köchin nicht mehr da?“

„Die hatte es irgendwie satt. Es war ihr zu viel Arbeit.“

Das ist ja schon mal ein Anhaltspunkt. In der Fleischkühlzelle liegen zwei Stränge vom Schweinsrücken und zwei Putenbrüste. Ah. In einer Kiste finde ich noch fünf Päckchen Hühnerbrüste.

Ich werde heute Fried Chicken mit Kartoffelwedges machen. Die Wedges liegen in der Gefrierzelle nebenan. In der Gefrierzelle finde ich zu dem, massenhaft unbeschriftete, lose eingerollte Reste von irgendwelchen Fleischteilen.

Die Stücke sind von einhundert Gramm aufwärts bis rund zwei Kilo. Ein Casino ohne Vergleich. Ich schaff das nicht, das aufzuräumen. Wahrscheinlich muss ich jeden Tag, Etwas machen. Mal sehen.

In der Fritteuse das Fett ist pechschwarz. Ich wechsel das. Die Bain Marie ist keine Bain Marie, sondern ein recht großer Nudelkocher. Ich kann also kaum Etwas warm halten. Naja; ich hab den Dämpfer und einen Holdomat. Was mach ich jetzt?

ich bin fast ratlos.

„Wann kommen die Essenteilnehmer?“

„So gegen Elf fangen wir an.“

Ich hab keine Stunde mehr. Der Pizzaiolo kommt. Endlich ein kompetenter Mann. Der Chef quatscht mit ihm. Er hört nur halb zu, während er den Ofen startet. Der läuft mit Gas. Der Chef geht nach Unten und der Pizzaiolo grüßt mich. Er stellt sich gleich vor mit Rolfo.

„Ich bin Karl. Wie viele Gäste kommen hier zu Mittag?“

„So um die dreißig. Das sind Arbeiter von Nebenan und einige unserer Verkäufer.“

„Ich mache heute Fried Chicken. Wann kommt das Gros?“

„Die Arbeiter kommen alle zusammen. Das sind etwa zwanzig. Die kommen halb Eins. Die Anderen kommen einzeln, nach und nach.“

Viel Zeit ist nicht mehr. Ich schneide schnell ein paar Zitronenkeile.

„Bekommen die auch Salat?“

„Aber sicher!“

Die Blattsalate schneide ich zu Chiffonade. Karotten schäle ich und reibe sie. Es sind ein paar Bohnenkerne da und auch Rote Beete. Tomaten schneide ich in Viertel und Gurken lasse ich geschält in Scheiben durch. Das muss heute reichen. Auf die Ausgabe stelle ich zehn vorbereitet Salatteller. Rolfo hat mit seinem Teig zu tun. Er sieht mich schneiden und fragt, ob ich ihm Tomaten, Peperoni und Champignons mit schneide. Natürlich.

Etwa zehn Portionen Fried Chicken backe ich vor und gebe sie in den Dämpfer bei neunzig Grad. Das Gleiche mache ich mit den Wedges. Eine Salsa rosa verteile ich in kleine Einwegschalen. Ich muss das sicher auch abspülen. Der Chef hat nichts von einem Abspüler oder einer Küchenhilfe gesagt.

Die Arbeiter sind freundlich, grüßen und freuen sich über das Essen heute. Die Ausgabe geht relativ zügig. Ein paar kommen nur, um zu schauen. Viele holen sich eine Pizza von meinem Kollegen.

Rolfo fragt mich, ob ich eine probieren möchte. Ich sage ihm, dass ich die zum Feierabend mitnehme.

Das Geschirr, sämtliche Behälter und die Bestecke wasche ich in einer Maschine. Den Fußboden wische ich. Die kommenden Tage muss ich das anders organisieren.

Für morgen plane ich Champignonschnitzel. Ein Gemüse muss ich mir noch suchen. Rolfo spricht von Suppe und Kompott. Ich schätze, morgen muss ich etwas eher kommen. Das wird sich kaum ändern an den kommenden Tagen.

„Morgen machen wir die Bestellungen“, sagt Rolfo und verabschiedet sich. Wir sind schon fertig mit der Arbeit. Es ist um Zwei.

Ich nehme die Pizza, steige ins Auto und fahre nach Nauders. Die Straßen wirken wie entvölkert im Vergleich zu heute Morgen. Bis Goldrain fahre ich eine Nebenstraße. Auf der Laaser Höhe gab es einen Unfall. Die Polizei ist noch nicht da. Ich frage, ob ich helfen kann. „Wir haben schon Hilfe gerufen.“ Mich hält jetzt Nichts mehr auf. Bis nach Mals treffe ich wenig Verkehr. Die Heide hoch fährt wieder der Winterdienst.

Dursun sieht mich mit dem Pizzakarton. „Pizza heute?“ „Selbstgemacht“, lüge ich ihn an.

„Niemals“, hat er lächelnd geantwortet.

„Ich hab in Bozen schon mal ein paar Monate, Pizza gebacken. Die hier, habe ich aber nicht gemacht.“

„Joana ist Oben. Sie wartet.“

Joana hat Pfefferkuchen in der Hand und trinkt gerade Kaffee. Über die Pizza freut sie sich.

Wir unterhalten uns noch etwas über den Tag. Ich bin müde.

Tag 51


Tag 51

Joana weckt mich. Ich habe keinen Alkoholgeschmack im Mund und fühle mich relativ frisch. Caio hat schon Kaffee gekocht. Uschi ist noch nicht vom Einkauf zurück. Sie möchte uns sicher Etwas mitgeben. Das Bad von den Beiden ist ein schmaler, gut gefliester Gang. Ich muss durch die eingelassene Dusche gehen, um auf die Toilette zu kommen. Waschbecken und Spiegel sind vor der Dusche. Der Gang endet mit einem schulterhohen Fenster in Hofrichtung direkt hinter der Toilette. Eine perfekte Konstruktion. Um zu duschen, muss ich lediglich zwei Falttüren zu ziehen. Die schließen mit dem Boden ab.

Nach meiner Erfrischung im Bad trinke ich mit Caio Kaffee. Caio sucht im Fernsehen, Sendungen von Skisport und Fußball. Er ist ganz abgelenkt. Uschi kommt zurück und gibt Joana einen ziemlich großen Beutel mit Inhalt. Joana sagt ihr, dass das nicht nötig sei. Die Zwei reden sich untereinander Danksagungen zu. Sie entschuldigen sich untereinander für die Mühen. Das Übliche.

„Wann wollt Ihr fahren“, fragt Uschi.

„Jetzt.“

Wir müssen jetzt fahren. Eigentlich ist es schon ziemlich spät. Es ist gegen zehn Uhr. Ich rechne mit diversen Staus und etwa sechs Stunden Fahrzeit.

Die Zwei begleiten uns zum Auto. Zu unserem Schreck, wurde die kleine Dreieckscheibe eingeschlagen. Komisch. Wir hatten im Auto nichts liegen. Caio sagt begleitet uns zu den Carabinieri. Wir geben dort die Anzeige auf und bekommen ein Protokoll für die Versicherung. Für die Fahrt schließe ich die Öffnung mit Pappe. Dadurch sehe ich den Rückspiegel nur eingeschränkt. Reparieren lassen wir das zu Hause. Mittlerweile ist es ein ganzes Stück nach Zwölf. Jetzt wird auch unsere Zeit knapp.

Die Stadtausfahrt geht zügig und unkompliziert. Auf der Autobahn ist in unsere Richtung lebhafter Verkehr. Es wird schon Rückreiseverkehr aus den Skigebieten dabei sein. Auf den Dächern der Autos sind Skier zu sehen. Wir haben von Caio keinen Kaffee mitgenommen. Bei Gelegenheit müssen wir eine Kaffeepause einlegen. Am besten, beim Tanken. Ich spekuliere darauf, dass an der Autobahn der Diesel preiswerter ist als in Mailand am Wochenende. Die großen Preisschilder an der Autobahn geben mir Recht.

In Peschiera staut es bei der Abfahrt. Der Garda ist immer noch ein begehrtes Ausflugsziel zum Wochenende. Motorradfahrer sind auch zu sehen. Wir haben fünfzehn Grad. In Schweden würde man bei diesen Temperaturen, kurzärmelig herum laufen.

In Affi, in einer Tankstelle, wollten wir unsere Rast einlegen. Die war aber brechend voll. Wir verschieben das auf Rovereto in der Hoffnung, dort einen Platz zu finden. Dann ist auch die Zeit etwas günstiger. Unsere italienischen Mitbürger sind sehr pünktlich zum Mittagstisch. Sie gehen eben nur etwas später. Aber dafür alle auf Einmal.

In Rovereto nehmen wir kurz die Ausfahrt. Dort gibt es einen vorzüglichen Imbiss. Der ist nicht billig. Dafür aber extrem gut. Ich brauche jetzt dringend einen Kaffee und vielleicht auch Etwas zu beißen. In dem Imbiss gibt es meiner Ansicht nach, das größte Panino, das Unsereiner in Italien kaufen kann. Ein ähnlich großes habe ich nur an der Rennstrecke in Mugello bekommen. Das ist aber lange her. Jetzt gibt es dort Paninis in der Größe von Trentiner Touristenfallen. Dagegen ist ein belegtes Toastbrot, eine Vollmahlzeit.

Je näher wir Bozen kommen, desto voller wird die Autobahn. In beide Richtungen. Wir treffen den Sonntagsrückreiseverkehr. Abkürzen über den Gampenpass will Joana nicht. Ich verstehe das. Dort ist wahrscheinlich auch dichter Verkehr.

Bozen Süd bietet bei schönem Wetter eine wirklich beeindruckende Kulisse. Wir fühlen uns jedes Mal heimisch, wenn wir da ankommen.

An der Telemaut öffnet sich die Schranke nicht. Eine krächzende Stimme fordert mich in extrem schnell gesprochenem Italienisch auf, meine Einfahrtstation zu nennen. Ich sage Milano. Es dauert mehrere Minuten. Die Stimme krächzt mich wieder an. Wieder in geschnattertem Italienisch. Hinter mir hupen schon die Nachfolger. Ich lass die Scheibe runter und halte meinen Telepass raus. Es passiert Nichts. Ein Kontrolleur kommt zu uns und sagt, ich solle etwas zurück fahren, damit sie die Nummer lesen können. Ich fasse es nicht. Das ganze Areal steht voller Kameras und die fragen mich nach meiner Nummer.

Auf diesen Telepass habe ich mein Motorrad und das Auto angemeldet. Das muss ich dringend ändern. Die stellen sich echt zu blöd an für solche Kombinationen. Bei Gelegenheit muss ich das Motorrad separat anmelden. Dann, so hoffe ich, sind diese Unterbrechungen seltener. Mir ist das peinlich. Immerhin zahle ich um die dreißig Euro Maut für die Benutzung der Straße und für die Arbeitsplätze des Servicepersonals. Für eine Strecke, wohlgemerkt. Wenn ich mir das recht überlege, bezahle ich damit rund einhundert Prozent Aufschlag auf den Dieselpreis. Und der ist schon ganz schön üppig bei uns in Italien.

Wir kommen zu Hause an. Eigentlich könnten wir jetzt noch schnell eine Pizza bestellen bei Doris. Joana sagt, sie macht das etwas später. Ich jedenfalls, will mich gleich hinlegen. Am Montag wartet eine neue Arbeit auf mich. Nachdem ich Joana nach Nauders gefahren habe.

Tag 50


Tag 50

Ehrlich gesagt, ich wecke mit einem gehörigen Kater auf und muss erst mal Wasser trinken. Uschi und Caio sind schon auf und sie sitzen am Frühstückstisch. Joana auch. Joana hat mit einen Liter Kaffee gebrüht. Gefiltert kann man den Kaffee nicht trinken. Caio lacht mich fast aus, als er mich sieht.

Heute soll es auf die Pferderennbahn am San Siro gehen. Draußen hupt es. Wie scheint, ist der gesamte Ort im Aufbruch. Alles bewegt sich in Richtung Stadtausfahrten. Auf den Autos sind oft Skier, Schlitten und Snowboards zu sehen.

„Am besten, wir warten noch Etwas mit unserer Abfahrt“, sage ich zu Uschi. Uschi übersetzt das für Caio sofort. Er nickt und gibt ein paar Kommentare. Einen Großteil davon verstehe ich.

„Si. Poco tempo“, stottere ich ihm hin. Er freut sich. Etwas schneller redend, lässt er mich durch Uschis Mund wissen, wann ich endlich fließend Italienisch kann. Ich antworte über Uschi:

„Wenn er mir sagt, wie ich das bei Sechs-Tage-Woche und fünfzehn Stunden Arbeit pro Tag, im Schlaf lerne, geht es schneller.“

Sein Mitleid hält sich, innerlich, irgendwie in Grenzen. Äußerlich gibt er gestenreich Zustimmung. Das liebe ich an unseren Gastgebern.

Die Parkplätze vor unserem Haus sind wieder leer. Nur Wenige sind besetzt. Vor allem jene vor der Bar. Die ist rappelvoll. Das Lokal scheint gut zu laufen.

Wir gehen vor das Haus zum Auto von Caio. Unterwegs schauen wir bei unserem Auto vorbei. Es ist unbeschädigt. Caio hat sein Auto in einem Innenhof stehen. Das kostet etwas Geld. Uschis Auto steht draußen. Neue oder teure Autos, lassen die Mailänder nicht Draußen stehen. Das System scheint zu funktionieren. Mit dem Diebstahl von alten Gebrauchtautos wird auch gleichzeitig der Schrott entsorgt.

Der Verkehr lässt nach und wir fahren los. So leer, wirkt die Stadt irgendwie schön und übersichtlich. Im San Siro – Gelände sind die Parkplätze gut belegt. Es gibt freie Plätze. Wir parken dort. Vor uns steht das Riesenstadion. Ein Betonklotz. Wir sehen drei vier Leute, die dort putzen und Müll aufräumen. Caio geht zu einem hin und redet kurz mit ihm. Er winkt uns zu. Auf einem stufenlosen Wendelgang gehen wir nach Oben. In jeder Etage ist ein Ausgang. Oben angekommen, gehen wir ins Innere. Ehrlich gesagt, mir bleibt der Mund offen stehen. Ich hab zwar schon einmal ein großes Stadion gesehen. In Leipzig. Bei einem Spiel von Leipzig gegen Marseille. Aber, das ist schlägt mir den Atem aus. Wunderschön. Jetzt kann ich verstehen, warum die Mailänder gern so massenhaft ins Stadion rammeln. Bei dem Verkehr können wir nicht von Gehen reden.

Gegenüber ist die Pferderennbahn. Caio scheint schon etwas nervös und Uschi auch. Ich frage, ob denn heute Rennen sind. „Ja. Gleich“, sagt Uschi. „Gehen wir da hin?“

„Willst Du das auch mal sehen?“

„Joana nickt.“

Vor der Rennbahn stehen massenhaft kleine Buden. Ich frage Uschi, ob wir dort einen Imbiss kaufen können.

„Das sind Buchmacher“, antwortet sie mir. „Imbisse sind Drinnen.“

Die Zwei gehen zu einem der Stände. Sie kommen mit unseren Eintrittskarten wieder. Wir gehen hinein. Es ist eine sehr schöne Anlage. Selbst im Winter ist dort Alles grün. Man könnte meinen, die haben das gefärbt. Platz ist genug. Alles ist überdacht. Wir setzen uns und Caio geht noch mal weg. In der oberen Reihe sind wieder Verkaufsstände. Wir hören einen Signalton. Darauf hin kommen einige Pferde, die von zwei oder drei Begleitern geführt werden. Auf den Pferden sitzen scheinbar Kinder. Keiner ist größer als einssechzig.

„Ist heute Jugendrennen?“

„Nein! Das sind die Jockeys!“

Irgendwie kenne ich das aus Meran. Dort reiten immer Mal Leute mit Pferden über die Gampenstraße. Ich dachte immer, das sind Jugendliche. Meine Unwissenheit hat vielleicht damit zu tun, dass ich diesem Sport Nichts abgewinnen kann. In meinen Augen, ist das kein Sport. Ein Rennen läuft und die Zwei scheinen sich fürchterlich aufzuregen. Sie haben gewettet und verloren. „Alles Betrug“, wettert Uschi.

„Warum kaufst Du dann diese Wetten?“, frag ich sie.

Ich glaub, die wissen das selbst nicht. Keiner von Denen würde jemals im Laden oder auf dem Markt ein Produkt kaufen, bei dem er weiß, dass er offensichtlich beschissen wird. Sie würden es nicht mal kaufen, wenn sie der Meinung sind, es ist zu teuer. Ein Blick auf unsere Speisenkarten und die damit verbundenen Bestellungen, belegt das. Der Tag scheint versaut. Joana treibt. Sie möchte dort gehen. Schweren Herzens gehen die Zwei mit.

Wir fahren an der Mailänder Messe vorbei und Caio möchte uns noch Monza zeigen. Wir fahren ein Stück auf der Autobahn, ein Stück auf einer Superstrada und schon sind wir im Monzapark. Sehr schön. In dem Park trainieren Rennradteams. Caio erkennt sie am Trikot und ruft ein paar Namen. Zwei winken Caio zu. Wir kommen zum Motodrom. Caio will mir das unbedingt zeigen. Dort trainieren gerade ein paar Rennautos.

„Ich kenne die Rennstrecke. Ich war schon zwei Mal hier. Zum Superbikerennen.“

„Und da hast Du nicht angerufen?“, fragt Uschi.

„Hab ich aber. Ihr wart jedes Mal nicht da.“

Den Besuch solcher Rennen kann ich nicht planen. Generell bekomme ich als Ausländer gesagt, dass zu der Zeit der meiste Betrieb ist auf Arbeit. Selbst, wenn mein Arbeitgeber mir freie Tage schuldet, ist das kaum möglich. Wir gehen hinein und dürfen jetzt die Rennautos anschauen. Anscheinend haben gerade die Ferrarifahrer eine Trainingsstunde gekauft.

Caio will uns ein gutes Restaurant zeigen. Auf dem Weg dahin sehen wir Bogenschützen. Boccia wird unmittelbar vor dem Restaurant gespielt. Und das mit Bedienung. Caio fragt den Kellner, ob Drinnen Platz ist. Der Kellner nickt. Uschi meint, hier gäbe es die größten Mailänder Schnitzel in ganz Mailand. Ich dachte erst, sie haut auf die Welle. Irrtum. Drinnen angekommen, durfte ich sechsunddreißiger Teller sehen, die bis zum Rand mit einem Schnitzel belegt waren. In Deutschland wird Pizza ja auf relativ kleinen Tellern verkauft. Auch bisweilen in Südtirol. Dort sind Pizzateller maximal zweiunddreißig Zentimeter. Hier kommt die Bedienung mit sechsunddreißig Zentimeter großen Tellern. Auch wenn das Schnitzel gut geklopft ist, wird es ganz sicher um die zweihundert Gramm wiegen müssen für diese Größe.

Wir bestellen Schnitzel. Und ausgerechnet hier, gibt es Bier vom Fass. Leider nur bayrisches. Caio bestellt uns zwei. Joana möchte keins. Uschi muss fahren. Bis zu dem Moment, als das Bier kam, war ich noch nicht mal nüchtern vom Tag vorher. Joana guckt schon etwas zornig. Ich kann einfach nicht Nein sagen, wenn ich eingeladen werde.

Der Spaziergang zum Auto mit einem kleinen Umweg war mehr als nötig. Die Luft und die Bewegung tut gut. Mit scheint, als hörte ich jetzt Motorräder. Caio hat das bemerkt und wollte vielleicht selbst, auch mal schauen. Wir gehen einen Zwischenaufgang hinauf. Es stimmt. Motorräder. Einige Maschinen kommen mir bekannt vor. Auf einmal grüßt ein Fahrer und hinter ihm, wein zweiter. Ich bin mir fast sicher, ich kenne die Jungs. Wir warten eine Runde und da kommen sie wieder. Einer hält an, setzt den Helm ab und siehe da, es ist Roman. Roman vom Neumarkter Motorradclub. Sie haben sich eine Stunde gemietet hier, sagt er ganz kurz, verabschiedet sich und fährt weiter. Das hätte ich nie erwartet. Die Welt scheint kleiner zu sein im Moment.

Caio staunt, wen ich alles kenne. „Die sind aus Neumarkt. Vom Motoclub.“

„Neumarkt della Ora?“

„Ja! Ich kann mit ihnen leider selten eine Runde fahren, weil ich am Wochenende kaum frei habe. Aber ich kenne viele von ihnen.“

Joana und Uschi treiben uns etwas. Sie laufen dreißig Meter vorneweg. Am Auto angekommen, warten sie auf uns. Caio hat noch den Schlüssel.

Uschi fährt relativ gut in er Stadt. Die kennt sich aus. Caio gibt immer ein paar Kommentare. Mir scheint, er redet Uschi ständig rein. Uschi antwortet etwas zornig. Desto heftiger werden die Gesten Caios. Vor allem an den Kreuzungen.

„Der glaubt, ich kann nicht fahren. Dabei fahre ich hier jeden Tag“, sagt Uschi.

Wir kommen wieder die Monzaer Straße rein. Jetzt stehen hier hunderte, oft sogar halbnackte Frauen und Männer rum. „Hier können wir jetzt nicht anhalten“, sagt Uschi. „Wenn ich anhalte, kommen gleich die polnischen Nutten an und belagern das Auto.“

„Polnische Nutten?“, fragt Joana.

„Naja. Nicht nur polnische. Hier stehen Nutten aus Brasilien, Tschechei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Ukraine und dem Baltikum.“

„Das ist die kapitalistische Freiheit und Gleichberechtigung für Frauen.“

Uschi redet nicht weiter. Sie hat früher immerhin von diesem System geschwärmt. So lange sie selbst da nicht stehen muss, geht das ja.

Wir kommen zu Hause an. Unser Auto ist unbeschadet. In der Bar ist es so voll, dass nicht mal mehr Autos von Gästen, Parkplätze finden.

„Warum geht Ihr nicht in diese Bar? Ist die zu teuer?“

Caio antwortet. „Tutto fascio.“

Uschi ergänzt das. „Schau mal auf denen ihre Klamotten.“

Die sind tatsächlich alle schwarz gekleidet. Viele lassen die Autos laufen. Sie stehen in Dreierreihe. Ein Anwohner möchte raus. Er wartet. Er hupt. Keine Reaktion in der Bar. Er hupt nochmal. Wartet. Jetzt legt er den Rückwärtsgang ein. Zwanzig Meter weiter hinten hält es. Ich dachte, er wolle die Einbahnstraße abbiegen, auf der unser Auto steht. Irrtum. Er gibt Gas und rammelt mit einem Schwung durch die Autoreihe. Ich sehe einige Seitenspiegel weg fliegen. Jetzt kommen aus der Bar ein paar Leute aufgeregt nach Draußen. Sie gehen die Schäden beurteilen. Diskutieren. Das dauert etwa fünfzehn Minuten. Zwei fahren weg und der Rest geht in die Bar zurück. Es dauert nicht lange und ein paar Carabinieri kommen. Die nehmen den Schaden auf, fotografieren und verschwinden wieder.

Caio holt eine extrem teure Flasche Wein aus dem Schrank. Einen Barbero. Das ist mit das Teuerste in Italien. Joana verschwindet wieder ins Bad. „Ich trinke nicht so viel. Ich muss morgen fahren“, sag ich zu Caio. Er versteht mich. Wir schauen noch etwas Fußball und Skispringen. Caio hat einen Bezahlsender zu Hause. Damit kann er alle Zusammenfassungen sehen.

Tag 40


Tag 40

Jetzt könnte ich sagen, der Mittwoch beginnt wie jeder andere Tag mit einem Kaffee und etwas Süßem. Heute ist das leider nicht so. Wir werden durch Polizeigeräusche vor und im Hotel geweckt. Im Flur unserer Zimmer ist ein Mordspektakel. Ein Zimmer wird geöffnet und zwei Personen abgeführt. Alfred steht im Bademantel da. Er ist nicht mal dazu gekommen, sich anzuziehen. Auf der Uhr ist es halb Vier. Eigentlich könnte man sich jetzt umdrehen und weiter schlafen. Das ist nicht möglich. Es bleibt laut im Haus. Verhaftet werden zwei westdeutsche Hotelgäste. Sie haben sich während der Abwesenheit der Zimmerbewohner, deren Schlüssel an der Rezeption gestohlen und die Zimmer geplündert. Wahrscheinlich waren die Zwei schon am Packen.

Ich koche uns den Kaffee, weil Joana eh gegen Fünf nach Unten geht. Sie weiß dann sicher mehr. Joana erzählte gestern schon von komischen, verdeckten Anschuldigungen. Einige Hotelgäste hätten ihr gesagt, dass ihnen Sachen fehlen. Allgemein wird das sofort den Zimmermädchen unterstellt. Vor allem, den ausländischen. Da auf den Zimmern sehr selten eine einheimische Kraft arbeitet, ist damit die gesamte Zimmermädchenbelegschaft gemeint. Ich möchte jetzt nicht in irgendeine Ausländer- oder Rassenmeinung verfallen, aber trotzdem feststellen, dass ich in Deutschland ausnahmslos von Deutschen und in Österreich, von Österreichern beschissen und beklaut werde. Ausländer bin ich in beiden Nationen als DDR – Bürger. Wenn wir den Westbesatzern etwas wegnehmen auf DDR – Gebiet, ist es eh unser Eigentum. In dem Fall, reden wir von einer Rückgabe. Ich frage mich eh seit geraumer Zeit, warum ausgerechnet BRD Touristen, Rabatte bekommen. Eigentlich gehört denen die doppelte Hotelrechnung unterbreitet. Sozusagen, als gesplittete Reparation für vergangene und aktuelle Raubzüge. Dabei dürfen wir auch die Entschädigungen für vergangene und aktuelle Massenmorde nicht vergessen.

Beim Kaffeetrinken beschäftigen wir uns zweitrangig mit dem Thema. Joana ist aber gewaltig abgelenkt. Sie befürchtet einen gewaltigen Zeitverlust bei der heutigen Zimmerreinigung. Das wirkt sich sicher auch auf unsere geplante Heimreise aus. Wir packen unsere Sachen und gehen runter ins Foyer. Alfred ist mittlerweile angezogen. Er empfängt uns an der Rezeption. Die Polizisten fragen Alfred, ob wir mit der Sache zu tun hätten oder Zeugenaussagen machen könnten. Alfred verneint das. Der Gendarm schaut mich an und mir kommt es vor, als würde er mich mit einer Geste fragen: ‚Weißt Du was?‘ Joana schaut er ähnlich an. Er lässt uns gehen. Alfred wünscht uns einen schönen freien Tag.

Auf den Parkplatz vorm Hotel stehen sechs Polizeiautos. Die zwei Täter sitzen getrennt. Nach ihrer Verurteilung werden die Zwei endlich die Freudschen Gesetze kennen lernen. Ob sie damit resozialisiert werden, ist eine andere Frage. Bei uns kommt etwas Schadenfreude auf. Das hält an bis an den Reschensee. Von dort oben sieht man den Sonnenaufgang bedeutend früher. Bis jetzt ist er nur in Form eines hellen Striches hinter den Bergen sichtbar. Bis nach Hause, wird sich an dem Anblick nicht viel verändern. Um diese Zeit treffen wir kaum ein Fahrzeug. Die Straßen sind schön frei bis Mals. Ab Spondinig sind sie sogar trocken. Die Ausnahme ist wieder die Laaser Höhe. Joana greift wieder zum Türgriff. Das macht sie automatisch, wenn Schnee auf der Straße liegt. Die betreffenden Stellen sind ungefährlich. Einer der Naturnser Tunnel wird gereinigt und wir müssen eine Umleitung durch Staben fahren. Die Schranke vor der Einfahrt auf die Hauptstraße ist geöffnet.

Endlich sind wir zu Hause. Wir treffen gerade unseren Nachbar, der immer so zeitig auf Arbeit fährt. Er ist ein Bauarbeiter. Normal ist er die ganze Woche nicht zu Hause. Mit der Europäisierung des Bauwesens, haben Bauarbeiter fast die gleichen Arbeitswege wie Saisonarbeiter. Das nennt sich europäischer Umweltschutz. Die Bauunternehmen der gleichen Branche dürfen sich jetzt europaweit zu Lasten der Arbeiter unterbieten.

Unsere Wohnung ist nicht kalt. Wir haben die Heizung auf fünfzehn Grad gestellt. Es ist sogar wärmer. Obwohl unter uns niemand wohnt, scheint irgend Jemand unsere Wohnung mit zu beheizen.

Von unseren Nachbarn sehen wir Keinen.

Wir trinken einen Kaffee und essen ein paar Kekse dazu. Danach läuft Joana runter zu Antonia und klingelt. Die freut sich und erkundigt sich umgehend nach unserem Wohlbefinden. Zwei Briefe hat sie da und einer davon musste unterzeichnet werden. Ein Amtsschreiben. „Biste wieder zu schnell gefahren?“, fragt Antonia. Joana kann das nicht beantworten. Sie weiß von Nichts und hat auch nichts bemerkt auf unseren Fahrten. Wir schauen schnell nach, ob wir irgend Etwas versäumt haben. Im Umschlag steckt irgendetwas Hartes. Es fühlt sich an wie eine Karte. Es ist die Bürgerkarte für Joana. Endlich. Die Angaben sind endlich auch angepasst. Joana hatte viele Jahre zwei Steuernummern und zwei Namen. Das gab unendlich viel Aufregung und Arbeit. In unserem neuen Zuhause werden die Unterlagen mit dem Mädchenname der Frau geführt. Nicht mit dem Ehenamen. Rein bürokratische gesehen, achtet Italien damit die Frauenrechte höher als die Besatzer der DDR. Dort wird eine Frau ihren Geburtsnamen mit der Heirat los.

Jetzt überlegen wir, was wir mit unserem freien Tag anfangen. Wohin fahren wir? Wir einigen uns auf Verona. Dort waren wir schon eine Ewigkeit nicht mehr. In Verona gab es sogar mal einen Schluck DDR. Eine Wernesgrüner Bierstube. Zuvor war es ein Jahr lang eine Radeberger Bierstube. Ein Traum.

Einmal im viertel Jahr, fuhr ich mit dem Zug von Zuhause nach Dresden in den Radeberger Bierkeller. Im Zuge der Rekonstruktion der Hauptstraße zu einer Fußgängerzone in Richtung Albertplatz, Dresden Neustadt, wurde eine Radeberger Bierstube eröffnet. Das war unser neuer Tempel. In Radeberg wurde das beste Bier der DDR gebraut. Mit der Westbesatzung der DDR wurde aus einem Kultbier, eine billige Brühe nach Weststandart. Ekelhaft. Bekannte, die in der besetzten DDR geblieben sind, erzählen mir, das Bier würde neuerdings in Polen gebraut. Zu solchen Taten sind nur gewissenlose Besatzer fähig. Arbeiter, die so einen namhaften Betrieb aufgebaut haben, könnten das nie.

Die Fahrt nach Verona ist uns aus Zeitgründen nur auf der Autobahn möglich. Das sind von uns aus, fast zweihundert Kilometer. Verona ist als Tagesziel geeignet, weil unsere Autobahn direkt bis an die Stadt führt. Das Schönste an dieser Fahrt ist der eintägige Abschied von der Eintönigkeit des Schnees. Nach zweihundert Kilometern erwartet uns eine um zwanzig Grad wärmere Umgebung. Unsereiner könnte dort schon kurzärmelig herum laufen. Auf der Fahrt durch das Etschtal sehen wir links und rechts in den Bergen weiße Spuren in grünen Wäldern. Es sind die Skipisten von Südtirol und dem Trentino. Die Pisten vom Monte Baldo sehen wir schon ab Auer, einer Stadt im Unterland Südtirols. Bis nach Rovereto ist es ziemlich kalt, dunkel und stellenweise, gefährlich. Gelegentlich sehen wir eine Caribinieristreife. Auf dieser Fahrtroute scheint das mehr als notwendig. Mit der Ankunft in Affi wird die Dunkelheit des unteren Etschtales beendet. Mir scheint, es wird wärmer. Auf der Temperaturanzeige des Autos ist noch Nichts zu sehen. Jetzt müssen wir etwas aufpassen, weil wir ein Autobahnkreuz überqueren. Genau da ist der Abzweig nach Verona. Wir haben jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder fahren wir die Strada Besciana rein oder wir nutzen die Autobahn ab Verona Nord, Interporto. Wir entscheiden uns für die Strada Bresciana. Die ist etwas ruhiger und erheblich gemütlicher. Irgendwie merke ich jetzt, dass ich lange nicht da war. Die Veränderungen in Verona sind atemberaubend. Komisch. Wir arbeiten und leben zwanzig Jahre in Norditalien und kennen uns dort nicht aus. Ich denke, das liegt an unserer Arbeit. Wenn wir in Sechs-Tage-Woche, früh gegen Fünf Uhr auf Arbeit fahren und dreiundzwanzig Uhr zurück kommen, bleibt wenig Zeit, das schöne Italien kennen zu lernen. Das gilt auch für die Sprache. Welcher Mensch kann nach zwölf Stunden Arbeit eine neue Sprache erlernen? Sicher kein Mensch. In dieser Zeit kann man such keine Freundschaften aufbauen. Man vereinsamt. Im Sozialismus sind solche Erscheinungen ausgeschlossen. In der DDR so und so.

Wir fahren bis an den inneren Ring Veronas über den Corso Milano. Und schon sehen wir die herrliche Stadtmauer und seine Bastionen. Wir fahren die Stradone Porta Palio ab, weil wir uns erhoffen, dort einen günstigen Parkplatz zu erhaschen. Schließlich wollen wir unbedingt den Platz um die Arena erreichen. Gegenüber vom Castelvecchio finden wir ein Plätzchen. Nicht billig, aber zumindest so lange benutzbar, wie wir wollen.

Die Stunde kostet fünfzig Cent und für Verona geben wir das gern. Den Parkschein ziehen wir nicht an einem Automaten, sondern den verkauft uns ein freundlicher, uniformierter Parkplatzwächter in gehobenem Alter. Er spricht Deutsch mit uns. Woran sieht dieser Veronesi, dass wir Deutsch sprechen? Das bleibt uns ein Rätsel. Jedenfalls antworte ich ihm in dem Italienisch, das ich beherrsche und ernte dafür Komplimente. Ich ärgere mich immer wieder, dass wir einfach zu wenig Zeit haben, diese wirklich schöne Sprache ergiebig zu lernen. Vielleicht gelingt uns das im Rentenalter. Aber nur, wenn sie uns vor unserem Tod, auch wirklich eine Rente zahlen und zugestehen. Bei der aktuellen Entwicklung habe ich eher den Eindruck, wir müssen neunzig Jahre alt werden, um in den Genuss einer Rente zu gelangen. Ich frag mich gerade, wer uns dieses Geld stiehlt. In der DDR hat es jedenfalls gereicht. Und gerade die DDR – Bevölkerung bekommt ja von den Westplünderern vorgeworfen, dass sie nicht rechnen könnten. Offensichtlich bestätigt sich gerade das Gegenteil.

Aktuell haben wir in Verona etwas um die fünfzehn Grad. Uns kommt das vor wie Sommer. Gegen Mittag wird es sicher wärmer. Wir schlendern durch die sehr schönen Gassen und bemerken, dass einige Kettenunternehmen das Stadtbild beherrschen. Wenn ich einkaufen will, kann ich also, europaweit, in allen Städten, bei einer Handelskette einkaufen. Und genau diese Behinderten verleumden die DDR, ihr Markenangebot und die landesweit einheitlichen Preise. Verona war bekannt für feinste Manufakturen. Angefangen bei Schuhen und geendet bei wirklich feinen mechanischen Aufschnittmaschinen. Alle diese Produkte hielten ein Leben lang. Fast wie DDR Kaffeemaschinen. Genau die, werden eben auch in Verona hergestellt. Wir genehmigen uns ein Eis, das mit Zucker hergestellt wird und nicht mit Glucose. An einem Messergeschäft der dazugehörigen Manufaktur, kommt ein Koch sofort ins Schwärmen. Mit einem Blick in die Geldbörse, ist dieser Traum sofort beendet. Die zwei schönen Verkäuferinnen in dem Geschäft sind diesen Gesichtsausdruck von Vorbeigehenden gewohnt. Durch die Gassen gehen meist Bustouristen aus den Skigebieten und anderen Urlaubshochburgen. Mittels Tagesreisen werden die Touristen in die sehenswerten Städte gekarrt. Für die Mahlzeiten halten diese Busse eher vor einem Mac als vor einem italienischen Restaurant. Wir bevorzugen italienische Imbissbetriebe. Die sind unschlagbar. Für den Besuch eines Restaurants, verdienen wir einfach zu wenig.

Kurz nach Mittag haben wir unseren Stadtrundgang beendet. Jetzt sind es achtzehn Grad. Das wünschen wir uns im Sommer oft als Schattentemperatur. Auf dem Nachhauseweg versuchen wir, das Wernesgrüner Bierstübl zu finden. Wir sehen es nicht. Schade. Der Hunger greift langsam um sich und wir bemühen uns, einen Imbiss zu finden. Und schon steht sie vor uns. Eine Paninotheca. Ohne aus dem Auto auszusteigen, sehen wir schon im Fenster die Riesenpaninos liegen. Die Auswahl scheint grenzenlos. Wir sehen Panini, die locker einen achtundzwanzig Zentimeter großen Teller ausfüllen. Und was verlangt jetzt ein Gast? Natürlich ein Panino mit Parma- oder San Daniele – Schinken. Ich gehe ans Fenster. Joana bleibt sitzen. Kaum äußere ich einen Wunsch, schnappt sich der Wirt ein Riesenpanino und schneidet, schneidet, schneidet ohne aufzuhören. Er fragt mich: „Du deutsch?“

„Io come della DDR.“

„Aaah, communist Germania?“

„Si, Si. Vivo in Alto Adige da molto tempo.“

„Soso, migrante!“

„Sono un cuoco e lavoro lì da vent’anni.“

„Allora hai poco tempo libero“

„Si, Si.“

Er schneidet eine Extraportion Schinken auf das Panino. Für Joana auch.

„Bella donna. Lei è tua moglie. Complimento!“

„Grazie!“

Für ein Panino wollte er Fünf Euro Sechzig. Für die Zwei gab ich ihm Fünfzehn.

„Il resto è una mancia.“

Er greift hinter sich und gibt mir eine kleine Flasche Trentino Vino Santo. Ein köstliches Gesöff.

Wir verabschieden uns und er wünscht uns, dass wir wieder einmal bei ihm vorbei schauen.

Joana fragt mich im Auto, was ich denn so viel mit ihm geredet habe. Ich habe ihr das Kompliment für ihre Schönheit weiter gegeben. Sie wird etwas verlegen. Ich glaube, sie hat das gehört und wollte das nur mal von mir bestätigt haben. Ich sage es ihr einfach zu selten und freue mich heimlich, dass ich es übersetzen durfte. Ehrlich gesagt, muss ich mir das etwas zusammenreimen, weil ich nur die Hälfte verstehe. Mittlerweile ist es Vierzehn Uhr. Die Zeit ist günstig, sich aus Verona zu verabschieden. Zurück fahren wir über den Anschluss Flughafen. Der ist wie eine Autobahn gebaut und auch relativ früh, mautpflichtig. Wir fahren mit Telepass und haben selten zu warten. Mit der Maut werden die Fahrtkosten für Autobahnen, verdoppelt. Wir benutzen die Autobahn deshalb nur, wenn wir es wirklich eilig haben.

Auf der Heimfahrt fallen uns die vielen osteuropäischen Autonummern an den Lastwagen auf. In sehr seltenen Fällen, sehen wir italienische oder westeuropäische Nummern. Und selbst in diesen Fahrzeugen sitzen keine Fahrer aus den Ländern, welche auf dem Nummernschildern zu sehen sind. Wir stellen fest, dass diese Länder ohne den versklavten Osten, nicht mehr existieren könnten.

Die Heimreise ist ziemlich eintönig und wird nur gelegentlich von einigen ganz Eiligen belebt. Als Ausländer halten wir uns ziemlich genau an die Vorschriften. Unsere Polizisten können via Nummer ermitteln, wer da drinnen sitzt. Wir wollen nicht unbedingt die Großzügigkeit unserer Gastgeber überstrapazieren.

Gegen achtzehn Uhr sind wir zu Hause. Eine Pizza ist nach dem Panino nicht mehr nötig. Wir gehen zeitig zu Bett. Schließlich beginnt unser Morgen, vier Uhr.