Fortsetzung Tag 81


Arbeiterrinnen, Jugendliche und ältere Bürger, mussten keine Angst haben, das Haus zu verlassen. Sie wurden nicht mit kriminellen Verträgen betrogen und nicht von Banken und korruptem Gesindel enteignet.

Der Kollege fragte mich in seinem Kölner Dialekt, ob mir die Stelle zusagt. Ich bitte ihn, etwas Geduld zu haben und gebe ihm meine Telefonnummer.

„Das ist keine Zusage“, entgegnet er mir.

„Ich habe gedacht, in die DDR hätten Sie ihre dreistesten Räuber geschickt. Ich darf heute feststellen, Sie machen das europaweit.“

„Wie soll ich das verstehen?“

„Sie sind auf der Suche nach Sklaven, die Ihnen eine marode Firma aufbauen. Wenn das gut ginge, was ich bezweifle, würden Sie sich hinstellen und behaupten, Sie hätten die Firma aufgebaut.“

„Ich verdiene auch nicht viel mehr als Sie.“

„Wo wohnen Sie dann in Bozen?“

„Ich habe hier eine Freundin. Bei ihr wohne ich.“

„Also bezahlt die Freundin Ihnen die Wohnung. Schämen Sie sich nicht? Gibt es bei Ihnen hier Personalkaffee? Ich gebe einen aus.“

„Im Personalspeiseraum steht eine Automat.“

„Haben Sie Zeit. Dann trinken wir einen zusammen.“

„Nein. Ich muss wieder in die Küche. Danke.“

Ich gehe erst Mal in den Personalraum. Da steht ein Automat einer Bayrischen Firma. Ein Kaffee kostet einen Euro. Selbst an unserer Tankstelle ist er billiger. Und ich bin kein Arbeitskollege unseres Tankwartes. Die Westdeutschen beklauen also auch im Ausland ihr eigenes Personal. Wer geht für so einen Abschaum arbeiten oder bei ihnen kaufen? Kein Wunder, dass selbst afrikanische Firmen von diesem Gesindel unterboten werden.

Beim Kaffee rufe ich die Bozner Nummer an. Wir verabreden uns auf Nachmittag. Er hätte da geschlossen. Wahrscheinlich will er kein Aufsehen. Entweder will er einen Kollegen rausmobben oder es hat einer gekündigt. Beim Kaffee schaue ich mir auf dem Handy noch mal den Stadtplan an. Ich muss mir den Weg genau einprägen. Bei den vielen Einbahnstraßen in Bozen kann ich mich schnell verfahren. Und dann noch die Gebiete mit Anwohnerrecht. Da einen brauchbaren Arbeitsweg zu finden, ist schon fast eine Kunst. Ich will zumindest hoffen, bis zu meiner Arbeitsstelle fahren zu können. Jeder Kilometer Fußweg, kostet immerhin zehn bis fünfzehn Minuten meiner Freizeit. Und das vier Mal am Tag, macht fast schon einen sechsundzwanzig stündigen Tag zur Bedingung.

Ich fahre los. Der Weg durch die Stadt kostet mich fast eine Stunde. Der Weg den Weinberg hinauf, eine halbe. Im günstigsten Fall ohne Gegenverkehr. Im Frühjahr wird sich das ändern. Die Wege und Gassen sind eng. Bei Gegenverkehr muss selbst ein Zweiradfahrer anhalten. Ich stelle mir gerade vor, den Weg muss ich bei Regen fahren. Unmöglich. Ich fahre mit dem Moto bis ans Haus. Eine junge Frau kommt kreischend aus dem Haus und gibt mir den Befehl, unten auf dem Parkplatz zu parken.

„Ich bin hier zur Vorstellung.“

Keine Reaktion.

„Ist der Chef da? Wir haben gerade telefoniert.“

„Drinnen.“ Sie zeigt mit dem Finger auf den Eingang. Hui. Ein ganzer Satz. In Südtirol. Und das aus einem hübschen Frauenmund. Ich staune.

Den Helm lasse ich draußen auf dem Spiegel.

Im Haus ist wenig Betrieb. Ein paar Leute sitzen auf der Terrasse und trinken Kaffee. Ich sehe eine Art Rezeption. Dahinter steht eine etwas gesetzte Frau. „Ich suche den Chef. Ich habe einen Vorstellungstermin.“

„Der Chef ist in der Küche.“

„Wo finde ich die Küche?“

Sie zeigt mir die Tür. In der Küche stehen drei Köche. Der Chef erklärt ihnen Etwas. Wahrscheinlich gab es eine Reklamation. Das glaub ich, rauszuhören. Der Ton ist jedenfalls nicht besonders friedlich. So bearbeitet man jedenfalls keine Reklamation. Reklamationen sind abhängig von der Person, die reklamiert. Hat der Gast korrekt bestellt? Wurde ein spezielles Produkt geordert? Wurde eine spezielle Bearbeitung geordert? Neunzig Prozent aller Reklamationen sind einfache Bestellfehler des Gastes. Wer nicht korrekt beschreiben kann, was er will, sollte es vielleicht im Krankenhaus versuchen. Im Krankenhaus wird generell jeder verstärkte Geschmack unterdrückt. Das ist im Rahmen von Allergien und Reaktionen darauf auch deren Handwerk. Wenn ich krank bin, gehe ich nicht wo anders essen. Ich nehme mir mein Essen mit und esse das auf einem Rastplätzchen. Ich zum Beispiel, bin allergisch auf die Gastronomiepreise.

Ich kann mir die nicht leisten. Ich kann mir nicht leisten, Andere für mich kochen zu lassen. Auf meinen Motorradtouren treffe ich sehr viele Landsleute, denen gastronomische Preise zu hoch sind. Die machen ihre Rast auf einem der schön gelegenen Rastplätze. Wozu bauen wir sonst diese Plätze?

Der Chef empfängt mich. Er ist noch ziemlich aufgeregt und bräuchte jetzt eigentlich Zeit, sich zu beruhigen. Dementsprechend barsch fällt der Empfang aus. Wie üblich, kommt die Frage, ob ich kochen kann.

In der DDR wurde man per Kollektivbeschluss zur Meisterschule delegiert. Sehr selten durch die finanzielle Kraft der Eltern. Ein Kollektiv war der Meinung, das ist unser Meisterkoch. Von dem können wir Etwas lernen. Und der soll es uns lernen.

Ob ich Südtirolerisch kochen kann, ist gleich die zweite Frage. Ich spare mir, ihn zu fragen, was er unter Südtirolerisch versteht. Geschmacklos? Salzlos? Pfefferlos? Fleischlos? Oder, was meint dieser Clown? Will der erfolgreich viel Essen verkaufen oder nicht? Das ist die Frage eines Gastronomen. Komisch. Die Frage habe ich nie gehört in Südtirol. Trotzdem wollen sie Alle, möglichst viel verkaufen. Die Frage, wie ich das erreiche, ist dabei wohl eher zweitrangig.

Er sagt mir, in der Saison arbeiten hier drei Köche. Einer von ihnen möchte gehen und den soll ich ersetzen. Chefköche gibt es in dem Team keine. Wahrscheinlich sieht er sich selbst als Chefkoch.
Mal sehen.

Er würde es mit mir probieren und ich kann morgen früh bei ihm anfangen.

Küchenrundgang gibt es keinen. Bei dem, was ich gesehen habe, ist das nicht nachvollziehbar. Sie haben das Mittagsgeschäft beendet. Die Tür springt jetzt auf mit einer Bedienung und ich sehe in dem kurzen Augenblick, warum kein Rundgang statt finden kann. Es muss einen massiven Krach gegeben haben.

Er begleitet mich bis an den Hoteleingang und sieht mein Motorrad. „Hier können Sie nicht parken. Unser Parkplatz ist da Unten.“ Er zeigt mir einen Parkplatz, der fünfhundert Meter bergabwärts liegt. Ich soll demnach, fünfhundert Meter in Motorradausrüstung, steil bergauf wandern, um bei dem arbeiten zu dürfen. Vorm Hotel stehen drei Autos und ein Scooter.

„Für mein Moto wäre hier noch Platz“, sag ich zu ihm.

„Ja schon. Aber nicht für Sie.“

Naja. Ich ernähre nur seine Familie mit.

Damit müsste ich mein Motorrad unbeaufsichtigt, einen halben Kilometer von meinem Arbeitsplatz entfernt, auf einem öffentlichen Parkplatz abstellen. Was auf solchen Parkplätzen passiert, wissen wir zur Genüge. Wobei ich bezweifeln darf, dort würde mir Jemand mein Motorrad klauen. Dazu muss man schon recht gut fahren können bei dem Gefälle. Auf diesem Parkplatz ist einfach das Gefälle zu stark. Und dort machen eben Autofahrer die meisten Fehler.

Der Weg nach Nauders ist also frei für heute. Ich eiere den Berg herunter. Allein das, ist bei Regen sicher ein Kunststück. Ich hoffe, die nächsten Tage regnet es nicht. Ich möchte dort erst mal ein paar Routinen bekommen.

Die schmalen Wege runter stehe ich praktisch nur auf der Bremse. Das wird gewaltig Bremsbeläge fressen. Von den Bremsscheiben will ich gar nicht erst anfangen. Der Chef hat mir Zweitausend versprochen. Vier Arbeitswege nach Hause und zurück. Mehr Verschleiß an Bremsen. Höherer Verbrauch an Benzin. Unfallgefahr. Naja. Geschäft wäre das erst mal keins. Ich muss weiter suchen.

Kurz vor dem Arbeiterverkehr schaffe ich den Weg in den Vinschgau und nach Nauders. Lastwagen sind keine mehr unterwegs.

Alfred ist zur Mittagsruhe. Reka sehe ich mal wieder an der Rezeption. Sie grüßt freundlich und will wissen, ob ich endlich eine Arbeit habe.

„Probezeit. Dort wird das aber nichts, glaube ich. Der Chef will mich nicht haben.“

„Na dann heißt es suchen. Ich kenne das.“

„Du, mit Deinem Aussehen, Reka, dürftest eigentlich keine Probleme haben.“

„Meine Probleme sind andere. Glaub mir das.“

Reka hat Joana schon von unzähligen Übergriffen von ihren Chefs erzählt. Ich frage mich, warum sie diesen Beruf noch ausübt. Die Not in der Familie zu Hause muss wirklich groß sein.

Marco ist auch noch nicht da. Ich gehe nach Oben.

Joana wartet auf unserem Zimmer. Sie schläft noch nicht. Wir essen zusammen. Marco hat Joana etwas Hackbraten gegeben. Kalt schmeckt der hervorragend auf Butterbrot.