Fortsetzung Die Suche


Wir setzen uns in ein Cafe. Bei den Preisen wird sich das wohl auf eine Tasse beschränken. Kaffee ist es auch keiner. Eher Hauskaffee. Von dort rufe ich Thomas, Klaus, Micha und Steffen an. Steffen hat für uns ein Bett. Er braucht kein Kinderzimmer. Das ist frei.

„Bist Du denn noch mit Karin zusammen?“

„Aber natürlich. Du wirst staunen.“

Steffen hatte Karin an der Trasse geheiratet. Das war ein Fest. Unsere Sowjetischen Gastgeber haben die Ehe mit einer Jakuten – Schmanin gesegnet. Karin hat ihren zukünftigen Ehemann wirklich gewissenhaft gesucht. Sie wohnte mit ihren Kolleginnen zwei Zimmer weit entfernt von unserem. Karin hat bei uns Kassiererin und Essensausgabe gemacht. Abends hat sie bisweilen in der Bar geholfen. Sie war begehrt und ihr Zimmer wurde sehr gut besucht. Karin war die erste Frau, mit der ich fremd gegangen bin. Sie sagte mir, es wäre für sie ein Kinderspiel gewesen, mich rum zu bekommen. Kein Wunder. Manchmal war ich ein halbes Jahr am Stück in Sibirien. Mitunter hatten wir das Gefühl, die weniger schönen Frauen, hätten in Sibirien alle einen Man gefunden. Das wirkte natürlich anziehend für diese Frauen. Zumal Schönheit, eine wirklich persönliche Ansichtssache ist. Karin hingegen war eine Art Lichtschein unter ihren Kolleginnen. Gut gebaut, nicht zu viel Brust, klug und redselig. Eine Idealgestalt in Engelsform. Unwiderstehlich. Und sie wusste das. Sie nutzte es auch aus. Es dauerte nicht lange und sie hatte das gesamte Lager des Verkaufssortimentes unter ihrer Verantwortung. Obwohl es uns an Nichts fehlte, haben verschiedene Lieferprobleme oft die zuteilende Hand Karins benötigt. Gerade in Winter- und Schmelzzeiten hatten unsere Lieferzüge oft schwere Unterbrechungen.

„Wo seid Ihr gerade“, fragt Steffen.

„Wir sitzen in dem Cafe.“

„Wir holen Euch ab. Nach Marzahn zu kommen, ist etwas kompliziert.“

Die polnische Bedienung fragt uns, ob uns der Kaffee geschmeckt hat.

„Ist Ihr Chef ein Ossi oder ein Wessi?“

Sie lacht.

„Eine Wessi aus Hannover.“

„So schmeckt der Kaffee!“

Sie lacht schon wieder.

„Ich trinke hier keinen Kaffee.“

„Den Personalkaffee müsst Ihr sicher auch bezahlen.“

„Jaja.“

Steffen kommt im dreihunderter Benz. Bei ihm sitzt Karin. Es scheint, als wären die Beiden jünger geworden.

Wir begrüßen uns, fragen uns gegenseitig, wie es geht und warum wir in Berlin sind.

„Wollen wir noch etwas Essen gehen?“

„Naja. Bei der Küche hier….“, antworte ich Steffen.

„Halt, Halt. Ich kenne einen Griechen, bei dem schmeckt es Dir.“

Steffen kennt meine Abneigung gegen preußisches Essen. In Berlin haben wir nie gut gegessen.

„Griechisches Essen? Gut. Probieren wir das.“

Fortsetzung folgt

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Wir werden wieder in ein Büro gerufen. Schon beim Eintreten bekomme ich den Eindruck, wir wären in der Filiale eines Drogeriemarktes gelandet. Neben dem Geruch der Mixture aus den oberen Regalen der Parfümerieabteilung, liegen sämtliche Sonderangebote der Drogen für die Schmerzbehandlung. Nicht nur das. Das Angebot ist riesig. Es fehlen nur die Preisschilder. Um die Stuhllehnen hängen die offenen Handtaschen. Prall gefüllt mit Schmiere für Augenbrauen, Lippen, Visage und, ich dachte ich sehe nicht richtig, Vaseline. Das Büroleben muss wirklich unglaublich hart sein. Die Schreibtische sind teilweise nicht verblendet. Die Zwickelschau für die Chefetage könnte man fast schon mit einem Werbeaushang der Herberststraße in Hamburg vergleichen. Die Postengeilheit in diesem Büro scheint unübertroffen. Ich habe fast den Verdacht, die Frauen in der Herbertstraße sind klüger als die in dem Büro.

Eine scheinbare Ausnahme, anständig gekleidet und nicht verkleistert, winkt uns gerade zu ihrem Schreibtisch.

„Was wünschen Sie?“

Ich lege den Hefter auf den Tisch und sage ihr, wir kämen aus dem Raum Karl-Marx-Stadt. Unsere Gaststätte haben Alteigentümer wieder bekommen und wir wurden gekündigt.

„Die Kündigung ist nicht rechtens.“

„Wie soll ich das verstehen?“

„Naja. Die Familie Elias hat das Objekt nicht wieder bekommen. Sie wurden nicht von der DDR enteignet.“

„Verstehe ich die Welt richtig? Die Enteignung 1933 war rechtens?“

„Naja. So ist erst Mal das Gesetz.“

„Damit ist die Familie schon das zweite Mal enteignet worden. Sind es die gleichen Enteigner wie damals?“

„Was suchen Sie jetzt konkret. Eine Gaststätte?“

„Wenn es geht, nicht zur Pacht sondern in Besitz. Ich habe kein Vertrauen in die neuen Besitzer.“

„Sie wollen also kaufen.“

„Das wäre, glaub ich, der idealste Schritt.“

„Ich liste Ihnen bis morgen alle Objekte in Ihrer Umgebung mit dem Verkaufspreis auf. Ist ihnen das recht?“

„Wie läuft das dann weiter?“

„Damit gehen Sie zu einer Bank und beantragen das Darlehen für den Kauf.“

„Kennen Sie irgendein Hotel hier in der Nähe?“

Sie kommt gewaltig ins Lachen.

„Im Umkreis von hundert Kilometern werden Sie kein Hotel finden.“

„Und wenn doch?“

„Eine Nacht in dem Hotel, in dem ich schlafe, kostet 550.-DM. Das ist kein Palast.“

„Ich schätze, das Hotel hat schon einen Westbesitzer.“

„Bis morgen. Auf Wiedersehen.“

„Wo schlafen wir heute?“, fragt mich Joana.

„Wir müssen mal schauen. Ich habe mehrere Kollegen, die mit mir an der Trasse gearbeitet haben. Die rufen wir an.“

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Beim Betreten des Büros kommt uns eine Wolke entgegen, die Joana sofort dazu zwang, sich die Nase mit dem Taschentuch zu bedecken. Saufen die das Kölnisch-Wasser schon literweise? Dabei sind diese Gestalten total verschmiert. Ich dachte, ich stehe in Hamburg auf dem Strich. Wer malt diese Kreaturen an. Der Plakatanbringer einer Litfaßsäule? Nehmen die vierziger Rasierpinsel für den Kleister?

„Wir sind hier, weil wir eine Gaststätte suchen.“

„Hier ist die Liste aller uns zur Verfügung stehenden Objekte.“

„Haben Sie auch eine Liste aus unserem Kreisgebiet? Ich möchte nicht den Bekanntenkreis wechseln.“

„Die Gesamtliste ist nach Verwaltungseinheiten sortiert. Sie müssen nur Ihre suchen.“

„Wo muss ich dann den Antrag abgeben?“

„Hier in Chemnitz.“

„Sie meinen Karl-Marx-Stadt?“

„Wie Sie das nennen, ist mir egal. Bei mir heißt das Chemnitz.“

„Dazu hab ich nur die Frage. Sie verwechseln nicht zufällig den Campingplatz bei Großkotzenburg mit Karl-Marx-Stadt? Kommen Sie aus diesem Kaff.“

„Ich habe jetzt Termine.“

„Mit dem Wollmantel vor der Tür?“

„Auf Wiedersehen.“

Der Hefter war etwa zehn Zentimeter dick. Woher wissen die von einem Tag auf den anderen, welche Objekte von der Treuhand verschachert werden sollen? Die Liste muss, bei dem Arbeitstempo dieser dummen, leichten Damen, schon vorher geschrieben worden sein. Die Kreatur dort Drinnen jedenfalls, wusste weder, von welchem Kreis wir reden noch Irgendetwas von den Objekten.

Wir blättern in dem Hefter und finden, man glaubt es kaum, unsere alte Gaststätte darin. Joana fragt mich besorgt, was hier los ist.

„Ich weiß es auch nicht.“

Wir kommen auf die letzten Seiten dieses Kataloges. Dort steht beschrieben, wie wir uns um ein Objekt bewerben sollen. Wir bräuchten eine Machbarkeitsstudie, eine Vermögensaufstellung, Darlehenszusagen von Banken und einen Businessplan. Das sollte von einem Steuerbüro, von vereidigten Wirtschaftsberatern und vereidigten Anwälten ausgefertigt werden. Natürlich von Westdeutschen, zu deren Kosten.

Strohdummes, versoffenes, verhurtes Gesindel sollte uns beraten, wie wir eine Wirtschaft in der DDR zu führen haben. Die haben das nicht kostenlos gemacht. Joana sah schwarz für unsere Zukunft in Deutschland. Etwas Hoffnung hatte ich noch.

„Wir fahren nach Berlin und versuchen dort unser Glück.“ Ich dachte, auf die Provinz haben sie die Unfähigsten geschickt.

Unsere Nachbarin Julia, die in der Brauerei arbeitet, möchte uns den Trabi abkaufen. Ein anderes Auto kann sie nicht fahren, sagt sie. Sie bietet uns sieben tausend Westmark. Das waren praktisch vierzehntausend Mark. Wir werden uns schnell einig. Das Auto ist jetzt weg. Wir sind Fußgänger. Zu der Zeit scheint das ein Nachteil zu sein.

Just an dem Tag ruft mich meine Mutter an und sagt, sie hätte jetzt ein Westauto. Der Wartburg von ihr ist jetzt frei. Die Freude ist groß. Wir brauchen jetzt dringend ein Auto. Ein Auto, Westgeld und schon kann der Kampf um eine Gaststätte beginnen. Wir treten jetzt gegen Mitbieter an, die ihre eigenen Bürger im Westen schon anständig beraubt haben und gegen Glücksritter. Selbst vorher ausgereiste DDR Bürger finden plötzlich ihre Heimat wieder attraktiv. Sie spielen sich jetzt als kenntnisreiche Westdeutsche auf. Alte Bekannte grüßen sie auf einmal wieder. Sie heucheln eine Gemeinsamkeit.

„Wir kommen ja von hier.“

Sie sagen nicht, „im Westen ist mein Traum zerplatzt und Alles ist schief gelaufen.“ Das wäre ja ein Offenbarungseid an ihre verlogenen Ausreisegründe. Sie spielen jetzt Chef. Sie sind etwas Besseres und reichlich überheblich. In dem Umfeld wird es wirklich schwer, den Boden zu behalten. Dank Joanas Eltern und ihrer Geschwister, blieben wir auf dem Boden.

Auf der Fahrt nach Berlin ärgern wir uns, mit dem Auto gefahren zu sein. Selbst unsere Feldwege waren in einem besseren Zustand als die Wege dort, die sie Straße nennen. Endlose Staus und an jeder Ecke mindestens ein Unfall. An den Straßenrändern stehen nahtlos Nutten, die mit Polizisten ums Schutzgeld schachern. Unsere Parks verkommen zu Bumsecken. Besucher laufen dort bereits flächendeckend auf gefüllten Parisern. Erde ist dort keine mehr zu sehen. Vor jeder Toilette steht irgendeine Mafia und will selbst für kleine Geschäfte, drei Mark. Ein Jahr, und aus einer wirklich schönen, sehenswerten Kulturstadt, wird ein mit Nutten und Kriminellen verseuchtes Drecksloch. Ich frag mich, wer in diesem Umfeld ein Geschäft machen möchte. Das, was wir in amerikanischen Filmen zu sehen bekamen, ist Wirklichkeit geworden.

Ausgerechnet im Haus der DDR Ministerien siedelt sich eine Verbrecherorganisation an, die schon in früheren Reichszeiten für Millionen Zwangsarbeiter sorgte. Schon beim Betreten der mir bekannten Flure, begegneten uns wieder die dunkelblauen Wollmäntel. Dieses Mal, massenhaft. Alle mit kantigen Aktentaschen der gleichen Marke. Und diese gewissenlosen Kreaturen, wollen über unsere Menschen der Volkskammer oder des Politbüros lästern. Das ist, als würde sich stinkendes Abwasser über die Vorrichtung beschweren, die es geruchslos beseitigt.

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