Tag 87


Tag 87

Joana hat mir den Wecker für heute gestellt. Ich muss sehr zeitig raus; noch vor Joana. Heute erwarte ich große Staus und schwerste Behinderungen. Montags rücken auch unsere Baufirmen aus. Nicht alle Behinderungen werden auf der Verkehrsmeldezentrale eingegeben.

Die Kaffeemaschine habe ich abends noch befüllt. Die schalte ich nur ein. Während ich im Bad bin, steht auch Joana auf. Sie lässt mir heute den Vortritt. Ich kann mich nicht recht erinnern, wann ich das letzte Mal vor Joana aufgestanden bin. Das kommt mir vor wie eine Ewigkeit.

In der DDR sind wir zwar gleichberechtigt erzogen worden, aber auch da war es Gang und Gäbe, als Mann vor seiner Frau aufzustehen. Der Herr Siegfried Schnabl, der unweit unseres Wohnortes geboren wurde, war praktisch unser Universallehrer in Sachen Familie und Gleichberechtigung. In der DDR bedurfte es seitens der Sexualforscher keiner Experimentier‘freud‘igkeit, wie im Westen. Ganz einfach deswegen, weil wir nicht kirchlich verklemmt und fehlgeleitet wurden. So nach der Devise: Die Reichen dürfen Alles, die Armen müssen beichten. Jugendliche Fehlgriffe mussten in der DDR nicht ein Leben lang bereut oder gar mittels Darlehen und abenteuerlichen Abtreibungen beseitigt werden. Unsere Frauen waren selbstbewusst, schön, sportlich, klug und fleißig. Also genau das Gegenteil des heutigen Striches, auf dem ein möglichst reicher Trottel gefangen werden muss. Kinder werden so schon frühzeitig zur Handelsware oder zum Erpressungsgrund. Sprich, zum ungeliebten Bindeglied einer Zweckgemeinschaft. In solchen Verhältnissen können keine normalen Menschen aufwachsen. Das ist und war einem DDR Bürger klar.

Marlies und unsere Kollegen kann ich heute natürlich nicht begrüßen. Dafür bin ich aber sehr zeitig mit meinem Dienst fertig. Der kleine Ausflug ins Ultental, wird hoffentlich nicht zu lange dauern. Unser gestriger Ausflug braucht schließlich noch etwas Nachbereitung. Ich möchte unbedingt die Reaktion Marcos genießen. Wir haben auch kleinere Mitbringsel für Joanas Kolleginnen, Alfred und Marlies mitgebracht. Marco hat gestern schon angedeutet, er möchte uns einen großen Panettone backen. Marco hat es drauf, den Panettone fast so zu backen, wie wir in Sachsen den Stollen. Er bestreicht den genau so.

Sein Panettone saugt sich so mit der Almbutter voll, dass der Genuss nur einer Scheibe davon zu einem glänzenden Bauchnabel führt. Und das ist doch wohl Sinn und Zweck der zu christlichen Fastenzeit. So tun als ob. Und das mit Genuss.

Der Kaffee ist abgefüllt und ich kann mich auf den Weg machen.

Vor dem Hotel wird mir auch klar; es war keine Fehlentscheidung, mit dem Auto zu fahren. Uns sucht ein deutsches Tief heim. Und das bringt Kälte und Niederschläge in der Nähe der Grenze zu Österreich.

Zuerst stelle ich das Autoradio an. Ich muss erfahren, ob es schon jetzt Behinderungen gibt. Leider ist in den Bergen der Empfang nicht gleichmäßig. Auf einer Tour von Nauders nach Klausen, muss ich die Südtiroler Sender, drei Mal umstellen und einige Male nachkorrigieren. Alle sechs Feststelltasten des Autoradios habe ich allein mit einem Sender belegt. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, an jeder Kreuzung herrschen andere Frequenzen.

Am See bemerke ich Eisglätte. Das gelb leuchtende Warnlicht der Anzeige brennt schon fast dauerhaft. Am Lenker bemerke ich es auch deutlich. Am Ende der Wintersaison kann ich damit bedeutend leichter umgehen als zu deren Beginn. Gerade im Gebirge muss das gut trainiert sein. Die Straßen sind oft nicht so breit, wie sie der Fahrer zur Not benötigen würde.

Nach Mals runter, wird das Ganze beherrschbarer. Mir scheint,unsere Jungs haben die Straße gesalzen. Im Radio jedenfalls, wird vor der Glätte gewarnt.

Ab Schluderns ist es trocken auf der Straße. Jetzt kann ich Gas geben, um den Zeitverlust aufzuholen. Außer ein paar Lastwagen, ist die Straße leer. Ich habe mit mehr Verkehr gerechnet. Entweder bin ich rechtzeitig zu Gange oder es gibt irgendwo einen Unfall oder Stau. Den gibt es. Zwischen Laas und Kortsch. Dort stehen sie also Alle. Ein Lastwagen liegt in den Apfelplantagen. Unzählige weiße Kartons liegen verstreut in der Plantage herum. Der Lastwagen liegt mit den Rädern nach Oben. Das Weiße Kreuz ist auch da. Dem Fahrer scheint es nicht gut zu gehen. Die Stelle geht nicht zu umfahren. Ich rechne mit einer halben Stunde Zeitverlust. Langsam werden mir die Knochen kribbelig. Mir rinnt die Zeit weg. Jetzt hält mich Nichts mehr. Ich muss raus. Von Schlanders kommen gerade die Carabinieri gefahren. Ich frage sie, ob sie mich nicht durchlassen können. „Ich muss nach Klausen, Personalessen kochen.“ Zum Glück kennt mich einer der Carabinieri. Er hat mich mal mit dem Motorrad kontrolliert und dabei etwas zurechtgewiesen. Damals habe ich vor dem Kreisverkehr die Spur gewechselt und bin an dem Stau vorbei, weit vor gefahren. „Sie haben eine Sperrlinie überfahren“, sagte er mir damals. „Ich muss auf Arbeit“, habe ich geantwortet.

„Müssen Sie heute schon wieder auf Arbeit? Nach Klausen? Ist das nicht etwas weit?“

„Für eine Arbeit würde ich auch nach Rom fahren. Ich muss eine Wohnung bezahlen.“

„Ich mache Ihnen Platz.“

Ich renne zurück zum Auto und starte. Wer winkt mich durch und ich kann Keinem sagen, wie ich ich in dem Augenblick fühle. Mir stehen die Tränen in den Augen. Ich winke dankend zurück. Das kommende Nadelöhr steht mir noch bevor. Von Latsch nach Kastelbell. Mit dem Motorrad ist das kein großes Hindernis. Mit dem Auto, schon. Zu meinem Glück, biegen die meisten Lastwagen in Richtung Latsch ab. Die kurvige Landstraße an den Kastelbeller Weinbergen ist meine. An gewissen Stellen sehe ich einen Lastwagen in meine Richtung fahrend. Ich denke, im Ort kann ich den überholen. Er biegt an der Obstgenossenschaft ab. Jetzt habe ich freie Fahrt. Es gibt noch ein, zwei Blitzer. Das war‘s dann bis Forst.

In Forst beginnt die MEBO. Ab jetzt fahre ich Autobahn. Ich habe noch eine Stunde. Eine und eine halbe Stunde habe ich schon vertrödelt. Das ist die doppelte Zeit von der, die ich mit einem Motorrad benötige ohne zu rasen. Und da soll mir einer sagen, Motorrad fahren wäre ungesund. Allein der Stress, mit meinem Auto nicht rechtzeitig anzukommen, ist bedeutend ungesünder. Das ist keine ärztliche Schätzung. Das ist reine persönliche Erfahrung.

Die MEBO entlang fahre ich in Arbeitergeschwindigkeit. Und die ist um diese Zeit, erheblich höher als erlaubt. Wir Alle leben davon.

In Bozen fahre ich auf die Brennerautobahn. Dort herrscht schon ein reges Treiben. Selbst an der Maustelle, die ich mit dem Telepass durchfahren kann, muss ich etwas warten. Das teilweise hektische Einfädeln in die jeweilige Spur ist mitunter hochgefährlich. Oft denke ich, denen brennt zu Haus ein Essen an, so stur schießen die in die Spuren. So eilig kann es kein Mensch haben.

Um Bozen ist die Autobahn trocken. Ab Atzwang wird die Straße etwas feuchter. Ab dort herrschen auch andere Bedingungen. Hier wirkt der Nordfön schon. Das wird bis Klausen nicht besser. Zeitweise komme ich mir vor, als würde ich einen endlosen Zug überholen. In Klausen muss ich mich fast schon in eine Lücke drängen. Ich bin rechtzeitig da. Mir fällt ein Stein vom Herzen.

Fortsetzung folgt

Tag 83


Tag 83

Joana weckt mich. Ich habe das Klingeln vom Wecker nicht gehört. In meiner Tasche habe ich noch ein Brötchen mit Speckfett von Marlies. Das nehme ich heute mit und dazu eine Thermoskanne Kaffee. Das Wetter ist nicht berühmt. Ich schätze, ich muss mit dem Auto bis Klausen fahren. Wir gehen zusammen runter und Joana begleitet mich bis ans Auto. Nach einen Kussl fahre ich los.

Die Hauptstraße ich menschenleer. Auf dem Pass liegt etwas Schnee. Hier verliere ich Zeit. Nervös werde ich deswegen nicht. Ich habe genug Reserven.

Bis nach Hause brauche ich fünfzig Minuten. Eine gute Zeit. Bei uns ist gar Nichts. Weder Schnee noch Regen. Klausen liegt aber bedeutend höher und dazu im Eisacktal. Das Eisacktal hat ein eigenes Wetter und das ist nicht das beste. Hier sind die Straßen etwas feuchter und im Winter, immer glatt. Ich fahre also gleich durch.

Mit dem Telepass spare ich mir gleich zwei – drei Minuten und bis Klausen schaffe ich es noch vor Viertel Sieben. Immerhin lege ich nach einem Routenplaner von Nauders aus, zweihundertzwanzig Kilometer zurück. Auf meinem Tacho sind es Fünfzehn mehr. Diese Zauberei immer wieder. Es gibt Betriebe, die das Kilometergeld bereits nach Routenplaner abrechnen und so ihre Arbeiter betrügen. Alles nur dafür, damit sich der Chef auch wirklich den neuesten Sechshundert PS SUV klauen kann. Naja. Die Anderen versuchen es mit einem Sportwagen. Schließlich wollen die osteuropäischen Zimmermädchen nicht in einem winzigen Kleinwagen um ihren Arbeitsplatz kämpfen. Etwas Platz muss schon sein auf der Rückbank oder dem Beifahrersitz.

Ich habe Zeit, mein Brötchen zu essen und dabei Kaffee aus der Thermoskanne zu trinken. Morgen, wenn ich allein bin, muss ich unbedingt fünfzehn Minuten eher fahren.

Nach etwas Wartezeit kommt mein Chef. Wir gehen zusammen in das Werksgelände. Es ist wieder ein Speckerzeuger. Ein namhafter.

Wir gehen zusammen in die Küche. Nebenan ist ein kleiner Raum mit einem Getränkeautomaten. Daneben steht ein Bayrischer Kaffeeautomat.

Naja. Aus dem kommt wenigstens aromatischer Hochlandkaffee und nicht diese billige Plantagenplürre. In der DDR wurde der Hochlandkaffee unter der Marke Kosta verkauft. Die war vornehmlich für Gewerbezwecke. Genau deswegen haben wir in DDR Gaststätten immer einen vorzüglichen Kaffee bekommen. Ein Vergleich mit Heute, blamiert den Westen durch und durch. Was da mitunter ausgeschenkt wird, hätten wir in der DDR als Tee verkauft. Aber nur ein Mal. Der Betrug am Gast wurde sehr hart bestraft.

Nach etwa zehn Minuten kommt eine Kollegin. Die kocht dort. Sie kommt aus Brasilien. Der Grund für die Vertretung ist ein Trauerfall in ihrer Familie. Sie muss kurz nach Hause. Die Kollegin ist extrem freundlich und wirkt sehr natürlich. Brasilianische Frauen sind zu Hause eigentlich so dominant wie unsere italienischen oder generell Frauen aus südlichen Staaten. Mich wundert das etwas.

Heute gibt es:

Hühnchenbrühe mit Gemüse

Speckknödel mit brauner Butter und Käse

Rostbratwurst, Schwenkkartoffel und Sauerkraut

Erdbeerpudding

Das ist aber nicht Alles. Sie hat als Erstes das Frühstück vorzubereiten. Dafür gibt es eine Suppe, Rührei, gekochte Einer, Spiegelei, gegrillten Leberkäse, Schinken und Speck gebraten und massenhaft belegte Brötchen. Zu erwarten sind um die achtzig Gäste. Natürlich sind Salat, Obst und kleine Leckereien im Angebot. Damit sind wir ja fast schon auf dem Niveau von DDR Betriebskantinen. Und die kenne ich ganz sicher aus dem Ef Ef.

Die Familie des Chefs und seine Kollegen kennen wir noch aus Wendezeiten. Sie kamen in die DDR, um unsere Schlachthöfe von der Treuhand zu kaufen. Die Südtiroler wurden von unseren Besatzern so beschissen wie die Besitzer der DDR Familienbetriebe. Oder soll ich beraubt sagen?

Die Brasilianische Kollegin versucht sich nebenbei, in den Pausen, am Knödeldrehen. Unsere Kunden kommen gruppenweise. Die kurzen Pausen zwischendurch sind gut geeignet, das Angebot aufzufrischen und fehlende Sortimente zu ergänzen. Die Kollegin hat dabei so viele Routinen entwickelt, damit sie die Zeit findet, ihr Mittagessen vorzubereiten. Ich sehe sie bei dem Versuch, Knödel zu drehen. Bei dem zeitlichen Aufwand, würde ich nicht unbedingt davon ausgehen, zu Mittag allen Gästen Knödel anbieten zu können. Die berühmte Südtiroler Ruhe ist beim Knödeldrehen in Werksküchen ganz sicher fehl am Platz. Vor allem dann, wenn die Küche von einer Person bekocht wird. Mein Chef schaut mich an und nickt mit dem Kopf. Den Wink verstehe ich als Aufforderung, endlich zu helfen. Ich gehe mich schnell im Trockenlager umziehen. Garderoben sind in Südtirol, Mangelware.

Nach dem Umziehen zeige ich der Kollegin, wie ich zweihundert Knödel in dreißig Minuten drehe. Sie schwärmt von meiner Technik und wir finden gleich die Zeit, einen Kaffee zusammen zu trinken. Der Chef verabschiedet sich und sagt mir, er ruft mich an.

Meine Kollegin stellt sich ganz lieb und freundlich mit Ana vor. Sie bedankt sich sehr höflich für die Lehrstunde im Knödeldrehen. Ich zeige ihr auch gleich den Ansatz für das Mittagessen. Sie wollte Alles in Töpfen kochen und das ist mir zu zeitaufwendig. Von den alten Kochplatten und deren Hitze will ich gar nicht erst anfangen. Unser Chef hat genug Gastronormbehälter und ich setze alle Beilagen als auch die Knödel, im Dämpfer an. „Alles dort?“ Sie staunt. „Dann hast Du wirklich viel Zeit.“

Die Elektroplatten stelle ich alle ab. „Energie sparen. Wegen der Klimaerwärmung. Das schützt unsere Berge und verhindert Steinschläge und Muren.“

„Aha.“

Sie hat sicher nur die Hälfte verstanden. Klimaerwärmung sagt ihr aber etwas. Und das nimmt sie sehr ernst. Ehrlich. Nicht geheuchelt. Sie lebt hier wie ich und das ist unsere Umwelt, für die wir die Verantwortung tragen. Nicht nur mit dem Maul.

Ana zeigt mir den gesamten Tagesablauf. Sie ist sehr gut. Auch sehr gewissenhaft.

Unsere Gäste kommen und begrüßen mich. Alle sind freundlich und sehr hilfsbereit.

Fortsetzung folgt

Tag 82


Tag 82

(mittwoch)

Gestern bat ich Joana, mich mit zu wecken wenn sie aufsteht. Heute tut sie das und wir können wieder Mal zusammen unseren ersten Kaffee trinken. Sie findet meinen Arbeitsweg etwas lang. Ich soll zu Hause übernachten, wenn ich in Bozen arbeite. Innerlich macht mich das krank. Nicht etwa vor Eifersucht. Ich brauche abends Jemand zum Reden. Joana braucht das auch. Wir sind in diesem Umfeld aufgewachsen in der DDR. Da gab es keinen Grund, schweremütig zu sein. Das erinnert mich an ein schönes Zitat aus Crocodile Dundee. Man erzählt seinen Kollegen oder Freunden etwas von dem, was einem bedrückt und schon weiß es der ganze Ort. Die Freunde und das Kollektiv reagieren unterschiedlich darauf und schon wächst die Chance, den Schweremut wirksam zu beseitigen. Das hat mir geholfen, ein Leben lang, lächelnd auf Arbeit zu kommen. Das Verhalten erfordert einen gewissen Grad an Naivität. Unter Freunden und echten Kollegen dürfte das kein Problem sein. Das Problem entsteht erst, wenn sich keine Gelegenheit findet, Freundschaften aufzubauen.

Joana duftet heute, wie ein Abteil eines edlen Parfümladens. Sie sagt mir, sie hätte von einem Gast ein Sortiment Proben geschenkt bekommen. So als Trinkgeld. Ich frage sie, ob sie dafür sein Zimmer ohne Unterhosen geputzt hätte.

„Der Einfall ist nicht schlecht“, war die Antwort.

Wir gehen zusammen zu Marlies. Es klingt wie ein Witz, aber unser Kaffee steht schon da. Wer horcht an unserer Tür? Woher weiß Marlies, wann wir runterkommen.

Marlies hat offensichtlich den gleichen Hotelgast bedient. Sie duftet auch wie ein Rosenbeet. Sie bevorzugte eine andere Probe. Dursun und Alfred sind auch da. Alfred sieht etwas matt aus. Dursun scherzt und sagt, er sähe immer so aus, wenn wenig Gäste im Haus sind. Und schon sind wir bei der Behandlung von Schweremütigkeit.

Auf Alfreds Nachfrage, erzähle ich von Bozen. Er kennt den Betrieb. Ach den Chef. „Ein Trottel“, sagt er beiläufig. In den Hotelierskreisen kennt man sich länderübergreifend, scheint mir. Je weiter ich von einem Hotelier weg bin, desto ehrlicher wird die Meinung der Kollegen über ihn. Erstaunlich. Langsam aber sicher wird es Zeit, ein Portal der Saisonarbeiter aufzubauen, die dort ihre Arbeitgeber bewerten können. Da stünden sicher mehr Einsternebewertungen als auf diversen Hotelbewertungen diverser Reiseportale. Und die wären sicher wahrer als jene bei den Hotelbewertungen der Reiseportale. Das setzt natürlich eine Mitgliedschaft voraus. Ich stelle mir gerade vor, wie viele arbeitslose Anwälte bei so einem öffentlichen Portal, eine Beschäftigung fänden. Unterdrückung beginnt mit der Zerschlagung von Geschlossenheit. Dabei sollte dem Arbeiter klar sein, dass alle Unterdrücker, geschlossen agieren. Auch, wenn es Einem so, nicht besonders auffällt. Die Leute eint eine oder mehrere Charaktereigenschaften.

Alfred tröstet mich und sagt: „Such weiter. Es ist bald Sommersaison. So, hast Du auch ein kleines Auskommen.“ Der Trost tat gut. Ich dränge etwas. Eigentlich wollte ich gegen Acht da sein. Neun würde auch reichen. Aber, am ersten Tag…soll es eher etwas überpünktlich sein.

Marlies drückt mir eine Semmel in die Hand. Mit Speckfett. Hierzulande nennt sich das wohl Grammelschmalz. „Wir haben auch frisches Gehackertes gemacht. Willst Du das auch mal probieren?“ Gehackertes ist praktisch geräucherte Bratwurst ohne Darm. Mancherorts wird das mit Darm auch als Knacker verkauft. In Sachsen zum Beispiel. Luftgetrocknet ist das eine Kaminwurzen.

Eigentlich bin ich nicht unbedingt für Frühstück. Und schon gar nicht in der Dimension. Ich kann mir das aber für abends aufheben. Vor allem, wenn ich nicht mehr nach Nauders komme nach dem Dienst.

Die Fahrt heute wird ein Klacks. Auf der Hauptstraße ist kaum Verkehr. Und das bleibt bis Schlanders so. Ich sehe auch kaum Schwerverkehr. Mittwoch scheint sich als Umwelttag in Südtirol zu etablieren. Immerhin richtet ein Lastkraftwagen, Umweltschäden für zehntausend normale Personenkraftwagen an. SUV‘s sind davon ausgenommen. Ein Idiot in so einem Panzer richtet mehr Schaden an als ein professioneller Lastwagenfahrer mit einem großzügigen Zeitfenster. Die sind leider knapp. Genau in dem Augenblick begegne ich einem Mila Lastwagen. Ein Genuss. Das sind die Einzigen, die Rechts fahren können in Südtirol. Jedes Mal, wenn ich so einem Lastwagen begegne, zuckt mir die Hand für einen Gruß und ein Dankeschön. Tankwagen erfordern ein besonderes Geschick. Die Jungs fahren eine Flüssigkeit. Unsereiner hat schon Probleme, zu Zweit einen gut gefüllten Topf zu transportieren. Nun stellen Sie sich vor, das tausendfache Volumen bewegt sich in ihrem Kofferraum und in Ihrem Anhänger. Erst dann können Sie wirklich einschätzen, was diese Jungs beherrschen. Stellen Sie sich vor, Sie machen eine starke Bremsung und die zehntausend Liter drücken an Ihrem Sitz unmittelbar nach der Bremsung. Sie würden staunen, was sich Alles aus Ihrem Darm zu befreien versucht. In Sibirien war ich sehr oft mit solchen Lastwagen unterwegs. Ich hatte jedes Mal Krämpfe in meinen Händen. Vom Ankrallen an allen möglichen Griffen, die zu dem Zeitpunkt erreichbar waren.

Kurz vor der Töll in Partschins, bildete sich ein Stau. Ich weiß nicht warum. Meines Erachtens, gibt es dort immer Stau am frühen Morgen. Ein Nadelöhr. Ich habe das Fahrzeug getauscht und bin mit meinem Motorrad unterwegs. Ich kann mich gut durchdrängen.

Ich denke an die Zeit zurück, als wir dort noch die Serpentinen in Richtung Forst fuhren. Fast jeden Morgen gab es Stau wegen eines Unfalles. Ich möchte jetzt nicht die vielen Krüppel zählen, die allein an dieser Stelle zu beklagen waren. Das Motorrad war für mich das einzige Fahrzeug, bei dem ich dort die Chance hatte, gesund durch zu kommen. Geschnittene Kurven und mangelnder Rechtsverkehr, waren nicht selten Ursache sehr böser Unfälle mit erheblichen Schäden. In Touristensaisonen war diese Straße lebensbedrohlich.

Ich komme flüssig durch mit knapp zehn Minuten Zeitverlust.

Auf der MEBO fährt unser Arbeiterverkehr recht flüssig, auch etwas schneller als vorgeschrieben. Ich denke, das ist so geduldet und vielleicht sogar erwünscht. In Bozen mache ich schnell die Bekanntschaft von echtem Zeitverlust. Wer durch die Stadt muss der Arbeit wegen, verliert pro Tag sicher eine Stunde. Bei vier Arbeitswegen, doppelt so viel. Mit dem Zweirad hat man wenigstens die Chance, Lücken zu nutzen. Die Zweiradfahrer sind damit schon mal die pünktlichsten auf Arbeit.

Fortsetzung folgt

Tag 81


Tag 81

Der Wecker klingelt und mein Tag beginnt mit bösartigen Kopfschmerzen. Ich hab auch nicht gut geschlafen. Permanent geht mir die Arbeit durch den Kopf. Joana hat mir schon den Kaffee durchgelassen. In unserer Hausapotheke haben wir ein Pülverchen das hilft. Joana bekommt das nur auf Rezept. Komisch. Die Sachen, welche helfen, gibt es nur auf Rezept. Von dem Pülverchen nehme ich ein Drittel. Das schluckt sich wie Brausepulver und schmeckt auch so. Ich stell mir den Wecker neu und lege mich noch mal fünfzehn Minuten hin. Bis dahin müsste das Pülverchen wirken.

Der Wecker klingelt wieder und der Kopfschmerz ist weg. Das Mittelchen hilft. Im tiefen Inneren ist noch ein Druck da aber der schmerzt nicht. Den Rest des Pülverchens nehme ich mit. Zur Sicherheit. Nach der Toilette gehe ich runter zu Marlies.

„Du bist aber spät dran heute.“

„Ich bin immer bissl spät dran.“

„Interessant, Karl.“

Marco hat ein paar Panettone gebacken. Den soll ich probieren. Ein Genuss! Er hat ein paar Schokostreußel mit eingearbeitet. Die lösen sich nicht auf beim Backen.

Der Tag beginnt also schon mal gut. Die Kopfschmerzen sind weg und der Panettone schmeckt wie aus dem Himmel.

In Bozen deutet sich noch ein Termin an. Ein Betrieb irgendwo in den Weinbergen. Ich rufe erst an, wenn ich in Italien bin. Jetzt ist mir das zu teuer. Wir haben immer gelacht, wenn wir unsere Kollegen mit den neuesten Telefonen trafen. Jetzt muss ich fast gestehen, ohne das Handy läuft auch Nichts. Das ist eine der wichtigsten Investitionen für Arbeiter. Der Besitz eines Handys belegt zumindest den Wille, sich bedingungslos, in jeder Zeit, ausbeuten zu lassen. Das Telefon ist damit die unsichtbare Hundeleine. Ich halte generell das Handy ausgeschalten. Ich schalte es ein, wenn ich wirklich Zeit und Ruhe habe. Auf dem Motorrad hört man es eh nie. Und jetzt das Ding für mein Geld in den Helm einzubauen, finde ich lächerlich. Außerdem lenkt es ab. Und zwar gewaltig.

Die Nauderer wünschen mit wieder alles Gute und viel Glück.

Zuerst muss ich mal tanken bei meinen türkischen Freunden. Die freuen sich und befragen mich, wo ich jetzt arbeite. „Ich suche noch“, antworte ich ihnen. Sie kennen das aus ihrer Familie. Ihre Verwandten arbeiten alle in Saison. Agnes weiß nur Schlechtes zu berichten. Von Handgreiflichkeiten und unbezahltem Lohn angefangen bis zu schäbigen Verleumdungen bei anderen Hoteliers. So in etwa, „das ist ne Nutte.“ Sie ist eine Nutte, weil sie „Nein“ gesagt hat. Nicht, weil sie hingehalten hat für eine Stelle. Die klugen Kolleginnen sind da etwas routinierter. Sie essen einfach keine Pille und wenn der Begatter nicht aufpasst, zahlt oder heiratet er, notgedrungen. Diese Ehen haben wir auch in Südtirol recht zahlreich. Von Tirol will ich erst gar nicht anfangen. Wir können also davon ausgehen, in Tirol und Südtirol wirklich nur sehr selten einem echten Landsmann zu treffen. Wenn das die Reinrassevertreter wüssten.

Schon auf der Hauptstraße im Ort ist reger Schwerverkehr. Und das zum Dienstag. Die Fahrt wird mir viel Freunde bereiten. Bis Schlanders brauche ich eine Stunde. Und das ist der halbe Weg.

Wie üblich, wenn ich in Südtirol bin, steige ich aufs Motorrad um. Schließlich bezahle ich Ganzjahressteuer. Von Radfahrern kann ich das nicht behaupten. Nach und in Bozen, kann ich mich mit einem Motorrad am besten bewegen. Während die Autofahrer in der Schlange stehen, nutze ich den Freiraum, mich zu wichtigen Sachen durchzuzwängen. Die Neidhammel versuchen regelmäßig, ihre sture Rumsteherei in ihrem spritfressenden Multimediazentrum zur Gewohnheit zu machen. Das sind die, die sich das leisten können und die sind ganz sicher keine Arbeiter. Statt sich also auf ein umweltfreundliches Zweirad zu bemühen, die es heute als Zweiliterfahrzeuge gibt, steht diese Herrenrasse gern in ihrem Protzschlitten rum.

Ein Motorfahrrad, kurz Mofa, gibt es für keine tausend Euro. Und das fährt in übersichtlichen Geschwindigkeiten mit zwei Litern pro hundert Kilometern. Ich bin mir sogar sicher, für dieses Motorfahrrad wäre die Benutzung der Radwege erstreitbar. Selbst die Erzeugung von Energie aus Wasserkraft, ist sicher nicht umweltfreundlicher als die Zweilitermotoren der Mofas. Und sogar mit dem Gefährt bin ich schneller als ein im Stau stehender SUVFahrer. Und das mit einem gewaltigen Unterschied. Ich habe beide Hände auf dem Lenker. Die SUVFahrer auch. Sie haben aber ein Handy zwischen den Fingern und lenken offensichtlich mit ihrem Gemächt. Es fehlen also dringend Handys, die man zusätzlich noch mit den Füssen bedienen kann. Erst dann würden die SUVFahrer wirklich umweltfreundlich stehen.

Ich komme am Hotel an. Ein Riesenkasten. An der Rezeption sage ich meinen Namen. „Ich habe einen Vorstellungstermin.“ Wie üblich in den Kästen, weiß die Linke nicht, was die Rechte tut. Genauso stelle ich mir deren Gastronomie vor. Karrierebetont. Zuerst dachte ich, ich rede mit einem Roboter. Zumindest hat mir das Aussehen der angesprochenen Gestalt den Eindruck vermittelt. Die Haare oder was das auch sein soll, waren eng angelegt, sahen aus, wie gefettet und umhüllten ein Gesicht, welches nicht aus menschlicher Haut bestand. Ich frage mich, ob Salat genug Energie liefert, allein die verkleisterten Augenlider aufzubekommen. Das Etwas rief irgendwo an und sagte mir gestenreich, ich solle bitte etwas warten. Ein Kaffeeautomat hätte mir die Wartezeit verschönert. Leider eine Fehlanzeige. Es gibt da keinen. Nach rund zehn Minuten kam mir ein relativ junger Mann entgegen, der sich als Chefkoch vorstellte. Den Namen habe ich nicht verstanden. Ich traute mir auch nicht, nochmal nachzufragen.

„Ich würde gern zuerst die Küche sehen, bevor wir über eine Bewerbung reden.“

„Kommen Sie mit.“

Wir gehen in die Küche und zu meinem Erstaunen, arbeiten dort ziemlich junge Menschen.

„Wir haben heute Lehrlingstag.“

Also, wie immer. Die Lehrlinge kochen während die Chefs saufen und das als ihre Leistung verkaufen.

Der Küchenchef zeigt mir auf mein Verlangen die Karte und mir blieb fast der Atem stehen.

„Verkauft Ihr auch das Geschirr mit dem Essen?“

„Wir sind ein Feinschmeckerbetrieb.“

Also doch. Der Geschirrpreis ist bei jeder Portion einkalkuliert. Zufällig stellt ein junger Kollege ein Portion her. Er muss sie nicht kochen. Er greift in einen Karton und holt dort eine Vorspeise heraus. Mit einer Schere schneidet er die Plastikverpackung ab, die locker das Etwas umhüllt.

„Was ist das?“

„Eine Vorspeise.“

Den Namen kann ich nicht beschreiben. Das Wort ist mir unbekannt. Den Kunden sicher auch. Aber, die essen das. Ich glaube, erkannt zu haben, die Vorspeise wäre ein etwa mittelgroßer Gamberischwanz. Etwas gebacken, scheinbar.

Die Beschreibung liest sich etwa so:

„Ein mit Kalmutbrösel panierter, in Kokosfett gebräunter, argentinischer Gamberi in Sizilianischem Mandarinenschaum“. Wir reden von einem nicht knusprigen, dreißig Gramm schweren amtlich erklärten Lebensmittel, bei dem sicher am Personal gespart wurde, um den quecksilberhaltigen Darm zu entfernen. Ich schaue nicht nach. Ich möchte meinen Kollegen nicht enttäuschen.

Die Küche samt Einrichtung ist eigentlich zufriedenstellend. Dort kann Unsereiner gut basteln und nahezu Alles, selbst herstellen. Wenn man es kann und darf.

„Wie sieht es denn mit den Arbeitszeiten und dem Lohn aus?“

„Lohn gibt‘s bei uns Tarif. Überstunden müssen genehmigt werden. Wir haben geteilte Arbeitszeiten.“

Also, für Tarif, vier Wege nach Bozen und zurück. Wir haben eine Steigerung zu Schenna von nahezu hundert Prozent. Zu meinen Lasten.

„Bei uns gibt es keine Wegevergütung.“

„Und schwarz?“

„Das gibt es bei uns nicht.“

„Was ist mit Wäschegeld, Wäscherei, Dienstkleidung, Handwerkszeug und so weiter?“

„Dienstkleidung gibt es hier. Handwerkszeug nur das, was wir im Betrieb haben.“

Ich soll also von vierhundert Euro pro Monat, Netto, leben. Ich frag mich gerade, wo ich in Bozen eine Wohnung für vierhundert Euro mieten kann. Nicht mal in der Garagensiedlung. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln könnte ich mich nicht bewegen. Die sind nicht für Gastronomen mit geteiltem Dienst gedacht. Abends müsste ich eh zu Fuß nach Hause gehen. Der Gesundheit wegen. Zimmermädchen und Frühstückspersonal leiden unter den gleichen Bedingungen. Nur zum Vergleich. In der DDR fuhr in der Nacht ein Bus für die Schichtarbeiter. Wer diesen Bus aus Dienstgründen nicht schaffte, bekam ein Taxi gestellt. Das fuhr dann alle Kollegen zusammen, nach Hause. Und zu DDR Zeiten konnten wir uns selbst als Kind, nachts allein auf die Straße oder die Allee getrauen. Bei uns gab es bedeutend weniger Kranke, die Kinder befummelten.

Fortsetzung folgt

Tag 66 Fortsetzung


Fortsetzung Tag 66

Ich komme an. Eine Rezeptionistin empfängt mich. Die Rezeptionistin ist keine Südtirolerin. Eher, eingeheiratet. Blutmischung nennt sich das hierzulande. Südtirol präsentiert sich am Hotelempfang mit slowakischem Akzent. Ich muss leicht lächeln. Die Kinder der Arbeiter- und Bauerndiktaturen erobern still Europa. Ihre Eltern haben sie dafür gut vorbereitet.

Ich soll in die Küche gehen. Der Chef ist in der Küche. ‚Welch ein Glück‘, denk ich mir. ‚Der Chef ist ein Kochkollege‘. In dieser Küche steht nicht der Südtiroler Bevölkerungsdurchschnitt. Da stehen ausnahmslos Gastarbeiter. Zu der Zeit. Ich frage mich, ob das einheimische a la carte wirklich so gut genutzt wird, um so eine große Küchenmannschaft zu halten. Der Chef wirkt auf mich freundlich und zuvorkommend. Fast schon einschleimend. Er möchte, dass ich bei ihm eine Probearbeit annehme. Komisch. Die Probezeit ist eh vierzehn Tage. Ich frag ihn, wann es ihm recht ist. „In dieser Woche.“

Ich kann das noch nicht bestätigen und verspreche, es telefonisch oder per Email zu machen. Es ist eh Zeit bis ins Frühjahr. In der Anzeige war das leider nicht konkret aufgeführt. Dort stand sofort. Mich fragt Keiner, ob ich eventuell einen Kaffee trinken möchte oder überhaupt einen Durst habe. Zum Glück nehme ich mir auf solche Touren immer etwas zu Trinken mit; auch Kaffee. Durch den Termin bin ich mal nicht in Zeitnot geraten. Der war wirklich kurz. Ich kann also recht pünktlich weiter fahren.

Den Vertigen runter, so nennt sich der Berg zwischen Partschins und Algund, ist recht reger Verkehr. Ich darf wieder Platz machen für meinen Gegenverkehr. Kaum Einer, macht mir Platz. Der Vertigen ist ein äußerst sonnenreicher Berg. Vielleicht kommt die forsche Fahrweise von der vielen Sonneneinstrahlung. Ich vermute das. Jedenfalls kommt mir kein blasses Gesicht entgegen.

Der Nächste Termin wäre im Ultental. Wer dieses Tal halbwegs kennt, weiß, unter einer Stunde ist nicht mal die Anfahrt machbar. Bei der bis jetzt verbrauchten Zeit, wäre das mein letzter Termin. Den lass ich erst mal weg. In Bozen ist ein Termin vereinbart, der mir etwas dringender erscheint. Bei diesem Termin verspreche ich mir mehr. In solchen Situationen habe ich mich leider viel zu oft vergriffen. Wer die Personen hinter den Firmen nicht kennt wie die Einheimischen, wird leicht Opfer solcher Irrtümer.

Auf der MEBO, so nennt man hier die autobahnähnliche Straße zwischen Meran und Bozen, ist reichlich Verkehr. Auch, Zweiradverkehr. Ich ärgere mich darüber. Wäre ich zu Hause auf das Motorrad gestiegen, gäbe es sicher keine Verzögerungen bei den Vorstellungen. Zu viel Gas kann ich nicht geben auf der MEBO. Unter den Brücken an bestimmten Ausfahrten, finden unsere Verkehrspolizisten geeignete Standorte für ihre Stoppuhren. Das ist bei dem Zeitdruck unserer Arbeiter ein recht einkömmliches Geschäft. Immerhin muss ein Großteil unserer Arbeiter im geteilten Dienst, zwei Mal die MEBO benutzen. In ihrer Freizeit, natürlich. Hier im Westen ist der Arbeitsweg keine Arbeitszeit. Und wenn der Arbeitgeber ein Bett in der Besenkammer hat, ist sogar der Arbeitsweg noch kostenpflichtig.

In Bozen ist wie immer um diese Zeit, der Verkehr etwas ruhiger aber trotzdem ziemlich lebhaft. Unsere Stadtarbeiter demontieren den Weihnachtsschmuck. Das sorgt für lästige Staus, die hier scheinbar geduldig ertragen werden.

Mein Termin ist unter den Lauben. Vor meinem Fahrtantritt habe ich mir den Stadtplan auf das Handy kopiert. Eine erhöhte Gebühr für die Datenverbindung ist uns Proleten natürlich zu teuer. Unter die Lauben kann ich nicht fahren. Das ist Fußgängerzone. Irgendwie muss ich jetzt von Hinten in die Nähe meines Termins kommen. Und genau die Suche habe ich mir mit der Kopie erleichtert. Ich finde die Nebenstraße. Die Parkgebühr ist beachtlich. Zwei Euro für eine Stunde. Bei einem Zehn-Stunden-Arbeitstag sind das zwanzig Euro. Ja; und bei einem sechsundzwanzigtägigen Arbeitseinsatz pro Monat, ist gleich mal der halbe Lohn fällig. Ich hoffe auf einen Parkschein von meinem Arbeitgeber. Mit der Anfahrt von zu Hause und dem Fußweg zur Arbeit, bin ich bei geteilter Arbeit, immerhin drei Stunden pro Tag unterwegs.

Wenn keine Unfälle oder Staus das verhindern.

Mein Arbeitgeber ist eine Sprachschule. Tagsüber. Abends soll dort eine Pizzeria aufgebaut werden. Naja. Pizza backen ist jetzt keine Routine in meinem Beruf. Aber das kann ja noch werden. Hauptsache ein Ganzjahresjob. Das hat Vorrang vor allen anderen Angeboten. Es muss eben nur erträglich sein.

Mein Arbeitgeber ist ein Italiener. Ein Walscher, wie man hier bisweilen sagt. Ich weiß nicht, ob das abwertend gemeint ist. In den meisten Fällen wird es in einem liebevollen oder freundschaftlichen Zusammenhang gebraucht. Wenn wir über die Westbesatzer reden, fallen selten liebevolle Worte für die Verbrecher. In einem sozialistischen Italien müssten wir darüber nicht reden. Ein Walscher wäre sicher so stolz wie ein Südtiroler auf seine Herkunft. In sozialistischen Ländern wird Regionalität besonders gefördert. Mir fallen umgehend die Sorben der DDR ein.

Tagsüber benötigt mein Gesprächspartner eine Art Werksessen für seine Schüler. Die möchten eine andere Sprache lernen als sie eh schon können. Ich würde zu gern etwas Italienisch dazu lernen. Schließlich treffe ich auf meinen Motorradtouren, reichlich Landsleute. Und genau mit denen, möchte ich hin und wieder, ein freundliches Wörtchen wechseln. Ich verspreche mir also Etwas von dem Engagement. Mein Gesprächspartner ist ein freundlicher Typ, der auch ein oder zwei Fitnesscenter betreibt.

Er zeigt mir die Küche. Die ist gut eingerichtet. In der Ecke steht ein Pizzaofen.

„Der ist für abends“, meint er. Ob ich das auch könne. Ich bejahe das mit der Einschränkung, ich hätte das lange nicht getan bis auf ein paar Vorspeisen in den Hotels im Rahmen der Menüs. Er zeigt sich erfreut und stellt sich mit Mario vor.

Das freut mich und ich werde zunehmens lockerer.

Ich sage ihm meinen Name und schon sind wir beim Du.

Der Arbeitsbeginn wäre in einem Monat. Ein arabischer Kollege muss wieder nach Hause. Er heiratet. Mario gibt mir seine Telefonnummer und er ruft an. Wir trinken zusammen einen Macchiato, schwätzen noch über die Parkkarte und die Parkmöglichkeiten und schon muss er weg.

In mir keimt Hoffnung auf. Er hat mir einen wirklich feinen Lohn angeboten. In einer Jahresstelle, dieser Lohn, macht mich etwas euphorisch.

Mittlerweile ist es gegen Dreizehn Uhr. Der große Mittagspausenverkehr setzt ein. Das gibt Stau. Bis nach Hause brauche ich weit über eine Stunde. Normal könnte ich dann schon wieder auf Arbeit fahren. Mit dem Auto wird das so, nichts. Mit dem Motorrad ginge das problemlos. Auch beim Parken.

Ich schaue kurz zu Hause vorbei. Paula grüßt von ihrem Balkon. Antonia schiebt die Gardine beiseite und winkt.

„Ich muss gleich wieder weg“, rufe ich zu Paula.

„Ist Joana immer noch Oben?“

„Da fahr ich jetzt hin.“

„Hast Du Arbeit gefunden?“

Woher weiß Paula, dass ich Arbeit suche? Der ländliche Buschfunk ist voll am Wirken.

„Mal sehen. Vielleicht klappt es.“

Jetzt wird es Zeit, nach Nauders aufzubrechen.

Der Verkehr ist jetzt erträglich. Selbst der Lastverkehr scheint verschwunden. Bis nach Schlanders komme ich gut voran. Ich schaue nicht noch mal bei meinen Bewerbungen vorbei. Obwohl mich das Mittagsgeschäft schon interessiert hätte. Dafür ist es aber zu spät.

An den Laaser Apfelplantagen ist reger Verkehr. Das ist die Stelle mit den Eismuren an den Plantageneinfahrten. Die Straße ist frei aber nicht ganz trocken. Der einheimische Verkehr läuft recht zügig. Nach Schluderns sehe ich auch wieder Lastverkehr. Der bewegt sich in Richtung Reschen. Kurz nach Mals, biegt aber der Großteil ab. Zum Glück. Ich brauche bis zu Alfred, keine zwanzig Minuten.

Dursun steht vor der Tür und schaut mich fragend an.

„Ich bekomme erst heute Abend die ersten Nachrichten.“

„Das‘s gut.“

Joana ist schon fertig und ziemlich neugierig. Wir reden über die Bewerbungen und sie warnt mich wieder vor zu viel Euphorie.

Nach der Tour bin ich müde. Ich schaue nicht auf Nachrichten und Meldungen. Nach langer Zeit nehme ich mal wieder ein Dusche. Das tut wirklich gut jetzt. Joana hilft mir etwas beim Rücken waschen. Wir gehen schlafen.

Tag 51


Tag 51

Joana weckt mich. Ich habe keinen Alkoholgeschmack im Mund und fühle mich relativ frisch. Caio hat schon Kaffee gekocht. Uschi ist noch nicht vom Einkauf zurück. Sie möchte uns sicher Etwas mitgeben. Das Bad von den Beiden ist ein schmaler, gut gefliester Gang. Ich muss durch die eingelassene Dusche gehen, um auf die Toilette zu kommen. Waschbecken und Spiegel sind vor der Dusche. Der Gang endet mit einem schulterhohen Fenster in Hofrichtung direkt hinter der Toilette. Eine perfekte Konstruktion. Um zu duschen, muss ich lediglich zwei Falttüren zu ziehen. Die schließen mit dem Boden ab.

Nach meiner Erfrischung im Bad trinke ich mit Caio Kaffee. Caio sucht im Fernsehen, Sendungen von Skisport und Fußball. Er ist ganz abgelenkt. Uschi kommt zurück und gibt Joana einen ziemlich großen Beutel mit Inhalt. Joana sagt ihr, dass das nicht nötig sei. Die Zwei reden sich untereinander Danksagungen zu. Sie entschuldigen sich untereinander für die Mühen. Das Übliche.

„Wann wollt Ihr fahren“, fragt Uschi.

„Jetzt.“

Wir müssen jetzt fahren. Eigentlich ist es schon ziemlich spät. Es ist gegen zehn Uhr. Ich rechne mit diversen Staus und etwa sechs Stunden Fahrzeit.

Die Zwei begleiten uns zum Auto. Zu unserem Schreck, wurde die kleine Dreieckscheibe eingeschlagen. Komisch. Wir hatten im Auto nichts liegen. Caio sagt begleitet uns zu den Carabinieri. Wir geben dort die Anzeige auf und bekommen ein Protokoll für die Versicherung. Für die Fahrt schließe ich die Öffnung mit Pappe. Dadurch sehe ich den Rückspiegel nur eingeschränkt. Reparieren lassen wir das zu Hause. Mittlerweile ist es ein ganzes Stück nach Zwölf. Jetzt wird auch unsere Zeit knapp.

Die Stadtausfahrt geht zügig und unkompliziert. Auf der Autobahn ist in unsere Richtung lebhafter Verkehr. Es wird schon Rückreiseverkehr aus den Skigebieten dabei sein. Auf den Dächern der Autos sind Skier zu sehen. Wir haben von Caio keinen Kaffee mitgenommen. Bei Gelegenheit müssen wir eine Kaffeepause einlegen. Am besten, beim Tanken. Ich spekuliere darauf, dass an der Autobahn der Diesel preiswerter ist als in Mailand am Wochenende. Die großen Preisschilder an der Autobahn geben mir Recht.

In Peschiera staut es bei der Abfahrt. Der Garda ist immer noch ein begehrtes Ausflugsziel zum Wochenende. Motorradfahrer sind auch zu sehen. Wir haben fünfzehn Grad. In Schweden würde man bei diesen Temperaturen, kurzärmelig herum laufen.

In Affi, in einer Tankstelle, wollten wir unsere Rast einlegen. Die war aber brechend voll. Wir verschieben das auf Rovereto in der Hoffnung, dort einen Platz zu finden. Dann ist auch die Zeit etwas günstiger. Unsere italienischen Mitbürger sind sehr pünktlich zum Mittagstisch. Sie gehen eben nur etwas später. Aber dafür alle auf Einmal.

In Rovereto nehmen wir kurz die Ausfahrt. Dort gibt es einen vorzüglichen Imbiss. Der ist nicht billig. Dafür aber extrem gut. Ich brauche jetzt dringend einen Kaffee und vielleicht auch Etwas zu beißen. In dem Imbiss gibt es meiner Ansicht nach, das größte Panino, das Unsereiner in Italien kaufen kann. Ein ähnlich großes habe ich nur an der Rennstrecke in Mugello bekommen. Das ist aber lange her. Jetzt gibt es dort Paninis in der Größe von Trentiner Touristenfallen. Dagegen ist ein belegtes Toastbrot, eine Vollmahlzeit.

Je näher wir Bozen kommen, desto voller wird die Autobahn. In beide Richtungen. Wir treffen den Sonntagsrückreiseverkehr. Abkürzen über den Gampenpass will Joana nicht. Ich verstehe das. Dort ist wahrscheinlich auch dichter Verkehr.

Bozen Süd bietet bei schönem Wetter eine wirklich beeindruckende Kulisse. Wir fühlen uns jedes Mal heimisch, wenn wir da ankommen.

An der Telemaut öffnet sich die Schranke nicht. Eine krächzende Stimme fordert mich in extrem schnell gesprochenem Italienisch auf, meine Einfahrtstation zu nennen. Ich sage Milano. Es dauert mehrere Minuten. Die Stimme krächzt mich wieder an. Wieder in geschnattertem Italienisch. Hinter mir hupen schon die Nachfolger. Ich lass die Scheibe runter und halte meinen Telepass raus. Es passiert Nichts. Ein Kontrolleur kommt zu uns und sagt, ich solle etwas zurück fahren, damit sie die Nummer lesen können. Ich fasse es nicht. Das ganze Areal steht voller Kameras und die fragen mich nach meiner Nummer.

Auf diesen Telepass habe ich mein Motorrad und das Auto angemeldet. Das muss ich dringend ändern. Die stellen sich echt zu blöd an für solche Kombinationen. Bei Gelegenheit muss ich das Motorrad separat anmelden. Dann, so hoffe ich, sind diese Unterbrechungen seltener. Mir ist das peinlich. Immerhin zahle ich um die dreißig Euro Maut für die Benutzung der Straße und für die Arbeitsplätze des Servicepersonals. Für eine Strecke, wohlgemerkt. Wenn ich mir das recht überlege, bezahle ich damit rund einhundert Prozent Aufschlag auf den Dieselpreis. Und der ist schon ganz schön üppig bei uns in Italien.

Wir kommen zu Hause an. Eigentlich könnten wir jetzt noch schnell eine Pizza bestellen bei Doris. Joana sagt, sie macht das etwas später. Ich jedenfalls, will mich gleich hinlegen. Am Montag wartet eine neue Arbeit auf mich. Nachdem ich Joana nach Nauders gefahren habe.