Leseprobe Der Saisonkoch – Erster Monat


Das Handy klingelt und weckt mich. Kurz darauf ruft auch die Kollegin der Rezeption an. Ich brauche jetzt einen Kaffee, den ich mir an der Hotelbar bestelle. Die Kollegin frage ich auch gleich mit, wann sie zu Abend essen und was sie so gewohnt sind. Sie sagt mir, eine kalte Platte hatten sie lange nicht mehr, womit sie Aufschnitt meint. Da ich den soundso für das Frühstück schneiden muss, ist mir der Wunsch schon mal recht willkommen. Im Dämpfer koche ich den Kollegen auch gleich ein paar Eier mit, was sie außerordentlich begrüßen. Der Chef kam mit Kaunertaler Butter zum Abendessen, die er vom Nachbarn mitbrachte. Das Kaunertal ist ein ausgemachtes Naturschutzgebiet. Die Bauern bringen uns praktisch Biobutter. In den Alpen ist fast die gesamte Bauernbutter von dieser Qualität. Diese Butter auf hausgebackenes Brot gestrichen, ist der höchste Genuss. Praktisch, unbezahlbar. Wenn man dazu noch einen Alpenkäse bekommt, ist das praktisch wie Urlaub.
Die Zimmermädchen sind recht routiniert zur Abendausgabe. Da sitzt jeder Handgriff und ich muss kaum etwas sagen. Sie richten sogar die Teller gut an, was ich nicht mal von unseren Saisonhilfsköchen behaupten kann. Denen muss ich täglich einen Teller vormachen. Und bei ihnen steht im Zeugnis, sie wären Köche. Die meisten dieser Köche haben einen Aufbaukurs von drei Monaten auf dem Arbeitsamt absolviert. Da sind unsere Abspüler besser ausgebildet.

Ich möchte das jetzt nicht mit der DDR-Berufsausbildung vergleichen. Das sind Welten – Unterschiede. In der DDR konnte jeder halbwegs ausgebildete Koch eine flüssige Speiseausgabe und seinen Posten organisieren. Wenn ich das mit diesen Hammelherden der Pseudoköche von heute vergleiche, glaube ich manchmal, ich bin in einem Entwicklungsland. Für diese Berufsausbildung bezahlen die Geld. Ich kann nur mit dem Kopf schütteln.
Unsere Ausgabe geht relativ zügig. Wir sind in vierzig Minuten fertig. Die Frauen helfen mir bei der Küchenreinigung und sagen mir, der Hausmann und Abspüler kommt etwas später. Er hat im anderen Hotel eine größere Reparatur an der Heizung gehabt und war deswegen nicht da. Ich warte noch etwas und der Chef kommt und verabschiedet sich von mir bis morgen. „Morgen gibt es Gänsekeule“, sagt er zu mir und zeigt mir des Menü für Heiligabend.

Vorspeisen vom Buffet
Consomme mit einem Eierstich
Gänsekeule im eigenen Saft an Kartoffelknödel und Rotkohl
Eisbombe
Ich sage zum Chef, für eine Eisbombe ist es zu spät, weil dafür ein Biskuit gebacken werden muss, in dem das Eis eingepackt wird. Für gewöhnlich muss man das am Tag davor tun. Ich schlage ihm vor, Eisbombenkreation zu schreiben, weil ich das dann frei zusammen montieren kann. Er ist einverstanden und ich mache mich auf den Weg zum Auto.

Fortsetzung Der letzte Arbeitstag


In diesem Winter haben wir wieder keine Stelle zusammen bekommen. Der wöchentliche Besuch meiner Frau hat uns reichlich Ärger bereitet.

Einmal bin ich auf einen Eisblock aufgefahren, der sich von den Felswänden in der Völs gelöst hat. Die Reparatur kostete fünftausend Euro. Joana hat geweint am Telefon, als ich nach dem Unfall anrief. Ihre erste Sorge betraf nicht den Zustand des Autos. Sie dachte, ich hätte mich dabei verletzt.

Ein anderes Mal stand ich fast zehn Stunden im Stau. Ich konnte nach dem gemeinsamen Frühstückskaffee, gleich wieder zur Arbeit fahren. Generell war jede Fahrt mit der Sorge verbunden, wegen Umständen, Joana nicht besuchen zu können oder zu spät auf Arbeit zu kommen. Das Wetter in den Bergen ist zu tückisch, um feste Zusagen einhalten zu können.

Auf der Fahrt gehen mir oft Dinge durch den Kopf, die ich fast schon in Selbstgesprächen zu lösen versuche.

‚Was treibt mich, abends, nach einer Fünfzehn stündigen Arbeit an, unbedingt meine Frau in über hundert Kilometer Entfernung, regelmäßig besuchen zu wollen. Eifersucht?‘

„Hat sie endlich einen neuen Freund, deine Frau?“, fragte mich Joseph oft.

„Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“, antworte ich meist und Joseph lacht dazu. Joseph kennt meine Joana.

Ist es Liebe, was mich regelmäßig zu meiner Frau treibt? Oder ist es die Sucht auf Abwechslung? Endlich ein mal das schwarze Loch von Küche zu verlassen. Die teilweise herrisch wirkenden Familienmitglieder des Chefs. Wer ist eigentlich der Chef? Alle Familienmitglieder oder nur einer von ihnen? Manchmal hat man den Eindruck, selbst die Kinder der Chefs sind selbst der Chef. Man bekommt ein Familienleben vorgeführt, bei dem es keine Einschränkungen zu geben scheint. Jeder Wunsch der Kinder wird irgendwie erfüllt. Wir erarbeiten das. Der Dank dafür, fällt oft bescheiden aus.

Ich komme nicht selten zu dem Ergebnis, mich zieht es förmlich weg, von dem Ort. Ich möchte nicht auf einem Zimmer sitzen und sinnlos in einen Fernseher glotzen, in dem nur vier Programme laufen. Ich möchte nicht mit Kollegen saufen und oberflächliche Gespräche führen. Meine Zeit ist mir dafür zu schade.

Tageslicht sehe ich nie. Ich komme bei Nacht und fahre in der Nacht. Tageslicht sehe ich höchstens während einer Zigarettenpause.

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