Leseprobe Die Saisonpause


„Laß uns nach Moritzburg fahren“, sagt sie. Udo ist sofort einverstanden. Joana auch. Uns ist es hier zu hektisch und viel zu teuer.

„Wie wäre es, wenn wir bei Herta vorbei fahren?“, frage ich in die Runde. Vater kam von dort. Herta ist wie Mutter und ihre Schwester, die einzige Überlebende unserer Elterngeneration. Alle Anderen sind bereits gestorben. Sehr zeitig. Keiner wurde Fünfundsechzig von den Vätern. Selbst Joanas Mutter starb weit vor ihrem siebzigsten Geburtstag. Wir fragen uns oft, wie lange wir sie in der DDR gehabt hätten. Sicher wesentlich länger.

„Wir schauen erst in Moritzburg vorbei“, sagt Udo. Er hat meine Frauen überstimmt und wir ziehen in Richtung Moritzburg. Von Moritzburg zu Herta ist es nicht weit. Das kann ich akzeptieren. Udo scheint sich gut auszukennen in der Gegend. Immerhin haben wir dort einen Teil unserer Kindheit erlebt. Auf dem Bauerngut, bei deren Rhythmus. Und der ist ganz sicher wesentlich angenehmer als der Küchenrhythmus in fremden Betrieben.

Gegen Mittag kommen wir an der Moritzburg an. Zu dieser Zeit ist der Ort voller Busse. Die Insassen streifen durch den Ort wie Hammelherden. Sie werden getrieben. Vor jeder Herde läuft ein ziemlich lautes Subjekt, welches gefühllos, angebliche Geschichte in die Massen bellt. Die Brocken, die wir aufschnappen, lassen mich an deren Kenntnissen zweifeln. Offensichtlich wird jetzt an Geschichtsunterricht gespart. Die Hälfte jeder Herde scheint interessiert zu zuhören. Gelegentlich bricht Einer aus, wenn er eine Toilette oder ein Gasthaus mit dieser sieht.

An der Begehung des Schlosses haben wie eigentlich kein Interesse. Wir genießen den Anblick, den Park und die herrliche Umgebung. Wir sind uns soweit sicher, damit die Augen und den Geist zu belohnen. Wir suchen Ruhe und Schönheit nach unserer harten Saison. Die Suche nach Schönheit ist uns bisher gelungen. Die, für unser Ohr lästigen Laute aus westdeutschen Kehlen, teilweise extra laut daher gebellt, verfolgen uns von der Skipiste in den Urlaub. Mutter dreht fast durch. Udo läuft kopfschüttelnd neben uns her. Wir wollten uns etwas unterhalten bei dem Spaziergang. Unmöglich. Ich möchte fast schon in die Herde schreien, sie sollten endlich mal das Maul halten. Joana zupft mich am Ärmel. Sie spürt, wie es in mir gärt. Wie kann sich ein Volk so dominant, dumm und aufdringlich benehmen? Mutter läßt sich jetzt leicht überzeugen, bei unserer Herta vorbei zu fahren. Essen möchten wir nicht in dieser Gesellschaft. Mir würde selbst der feinste Rehbraten aus dem Gesicht fallen. Wir fahren also nicht nach Meißen, sondern zu unserer Familie. Das erscheint mir auch etwas wichtiger als der Anblick herunter gekommener Steine.

Leseprobe Der Saisonkoch – Zweiter Monat


Jetzt beginnt der Zweite Monat und ich glaube fast, das passt in die aktuelle Zeit.

Ab dem Zweiten Monat erspare ich meinen Lesern die Kochlehre, Rezepte und Arbeitsanleitungen. Ab diesem Teil konzentriere ich mich ausschließlich auf die Saisonarbeiter, deren Arbeitgeber und auf die zurück gelegten Wege. Es geht um Arbeitslosigkeit, Vorstellungsgespräche und die Auswirkung auf die Psyche. Meine Südtiroler Leser werden schon einige Südtiroler Betriebe mit finden. Auch den Kontakt mit meinen neuen Landsleuten. Selbstverständlich vergleiche ich die DDR mit meinem neuen Gastgeberland. 

Tag 32

Kurz nach Zwölf wecken wir vom Knallkörpergeräusch in unserer Nachbarschaft auf. Die Gäste von unserer Nachbarin feiern Neujahr und starten ihre Raketen und Knallkörper. Über Meran und in unserem Ort sehen wir ein herrliches Feuerwerk. Nach zehn Minuten hören wir, wie schon die ersten Fahrzeuge ankommen, um Gäste von Doris abzuholen. Die Feier scheint nicht lange zu dauern.

In der DDR gingen Silvesterfeiern bedeutend länger und die Feierlichkeiten waren wesentlich intensiver. Das lag einfach daran, dass in der DDR sämtliche Getränke und Speisen in der Gastronomie, erheblich preiswerter waren und kaum einen Unterschied zu den Ladenpreisen darstellten. Für DDR-Bürger war dem zu Folge, Kultur und Zusammensein, bedeutend erschwinglicher. Zum neuen Jahr erwartete den DDR- Bürger auch kein Entlassungsschein und schon gar keine unerschwingliche Versicherungsrechnung. Aus genau dem Grund, waren unsere Silvesterfeiern ausgelassen und echte Feierlichkeiten. Komischerweise konnten wir uns zum Neuen Jahr auch etwas vornehmen, ohne befürchten zu müssen, dass uns ein äußerer Umstand an der Umsetzung hindert. Genau das aber geschah Neunzehnhundertneunzig. In diesem Jahr wurden alle Wünsche im Juni umgeschrieben und in neunzig Prozent aller Fälle, durch äußere Umstände im Laufe des Jahres gebrochen. Diese Enttäuschungen wirken noch heute und bei sehr vielen unserer Mitbürger waren die Enttäuschungen und Misshandlungen so grob, dass sie sich das Leben nahmen oder mit falschen Medikamenten, umgebracht wurden. Allein in unserer Familie, waren es fünf Angehörige, die in der DDR noch leben würden. Einer unserer Väter wurde bei einer normalen Zuckerkrankheit auf Westmedikamente umgestellt und wir durften machtlos zusehen, wie er binnen einem halben Jahr, auf dreißig Kilogramm Körpergewicht zusammenfiel. Seine Frau, eine meiner Mütter, verstarb an Einsamkeit, weil wir Kinder uns das Geld woanders verdienen mussten. Ein Onkel, der in der DDR einen sicheren Behindertenarbeitsplatz als Beifahrer hatte, wurde entlassen. Er hatte in der DDR einen Arbeitsunfall. Dessen Arbeitsplatz wurde mit der Auflösung seines Betriebes, abgeschafft. Er lebte mit seiner Mutter, meiner Oma zusammen und sie sollten zusammen, von der gekürzten Rente unserer Oma leben. Beide legten sich vor den Gasherd und starben an Gasvergiftung. Unsere Familie hat damit mehr Opfer zu beklagen als kriegsgeschädigte Familien des Zweiten Weltkrieges, in dem wir als Familie, neben der Umsiedlung, auch ein Mitglied verloren. Zum großen Glück, hatte die DDR – Regierung unserer Familie, väterlicherseits, ein Gut mit Boden geschenkt, auf dem sich zu DDR – Zeiten gut auskommen ließ.

Zu jedem Neujahr gehen mir diese Gedanken durch den Kopf und meine Joana übt sich in gemeinsamen Mitgefühl. Es gibt also keinen Grund für uns, ein Neujahr unter diesen Bedingungen zu feiern.

Fortsetzung Der letzte Arbeitstag


In diesem Winter haben wir wieder keine Stelle zusammen bekommen. Der wöchentliche Besuch meiner Frau hat uns reichlich Ärger bereitet.

Einmal bin ich auf einen Eisblock aufgefahren, der sich von den Felswänden in der Völs gelöst hat. Die Reparatur kostete fünftausend Euro. Joana hat geweint am Telefon, als ich nach dem Unfall anrief. Ihre erste Sorge betraf nicht den Zustand des Autos. Sie dachte, ich hätte mich dabei verletzt.

Ein anderes Mal stand ich fast zehn Stunden im Stau. Ich konnte nach dem gemeinsamen Frühstückskaffee, gleich wieder zur Arbeit fahren. Generell war jede Fahrt mit der Sorge verbunden, wegen Umständen, Joana nicht besuchen zu können oder zu spät auf Arbeit zu kommen. Das Wetter in den Bergen ist zu tückisch, um feste Zusagen einhalten zu können.

Auf der Fahrt gehen mir oft Dinge durch den Kopf, die ich fast schon in Selbstgesprächen zu lösen versuche.

‚Was treibt mich, abends, nach einer Fünfzehn stündigen Arbeit an, unbedingt meine Frau in über hundert Kilometer Entfernung, regelmäßig besuchen zu wollen. Eifersucht?‘

„Hat sie endlich einen neuen Freund, deine Frau?“, fragte mich Joseph oft.

„Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“, antworte ich meist und Joseph lacht dazu. Joseph kennt meine Joana.

Ist es Liebe, was mich regelmäßig zu meiner Frau treibt? Oder ist es die Sucht auf Abwechslung? Endlich ein mal das schwarze Loch von Küche zu verlassen. Die teilweise herrisch wirkenden Familienmitglieder des Chefs. Wer ist eigentlich der Chef? Alle Familienmitglieder oder nur einer von ihnen? Manchmal hat man den Eindruck, selbst die Kinder der Chefs sind selbst der Chef. Man bekommt ein Familienleben vorgeführt, bei dem es keine Einschränkungen zu geben scheint. Jeder Wunsch der Kinder wird irgendwie erfüllt. Wir erarbeiten das. Der Dank dafür, fällt oft bescheiden aus.

Ich komme nicht selten zu dem Ergebnis, mich zieht es förmlich weg, von dem Ort. Ich möchte nicht auf einem Zimmer sitzen und sinnlos in einen Fernseher glotzen, in dem nur vier Programme laufen. Ich möchte nicht mit Kollegen saufen und oberflächliche Gespräche führen. Meine Zeit ist mir dafür zu schade.

Tageslicht sehe ich nie. Ich komme bei Nacht und fahre in der Nacht. Tageslicht sehe ich höchstens während einer Zigarettenpause.

Ankündigung


So, Ihr Lieben; mein neuer Titel wird weder ein Krimi, ein Tagebuch, noch eine Liebesgeschichte.

Mein neuestes Buchprojekt wird eine Novelle. Den Arbeitsnamen gebe ich gleich mal mit bekannt: „Die Saisonpause“.

In der Novelle behandele ich die Art der Freizeit, die Saisonarbeiter zwischen den Saisons haben. Es geht also um Urlaub, um Bewerbungen, um Vorstellungsgespräche, um das Eintreiben offener Lohnforderungen, um Familienbesuche auch an Grabsteinen und um die Zustände in diversen Betrieben. Natürlich werden Gesprächspartner, Freunde, Urlaubsbekanntschaften, Ämter und andere Bodengänge die Handlung bestimmen.

Fortsetzung Die Eröffnung


Eine der beiden Bedienungen soll mir in der Küche helfen bei Bedarf. Eigentlich gehe ich davon aus, Rosi wäre gut geeignet. Sie ist schließlich eine Frau. Für gewöhnlich, kochen auch in der DDR mehrheitlich die Frauen. Zumindest machen sie das Abendbrot. An ihrem Gesicht kann ich erkennen, ihr ist das nicht besonders angenehm. Wir einigen uns darauf, Rosi und Andi helfen abwechselnd in der Küche.

Unsere lieben Familienmitglieder kommen natürlich zuerst zum Frühstück. Sie wollen schnell abreisen und uns Platz machen für die Hausgäste.

Heute bereitet Rosi unter Anleitung von Joana das Frühstück zu. Morgen, am ersten Öffnungstag, soll das Andi tun. Rosi bekommt einen roten Kopf. Sie schwitzt. Dabei ist die Frühstücksküche relativ einfach und gemütlich. Ein gutes Aufwärmprogramm für den Tag. Andi bedient, bestellt und serviert. Schon bei den Fünf-Minuteneiern gibt es die ersten Probleme. Völlig normal bei Neueröffnungen. Und trotzdem werden die zwei Profis nervös.

Nach dem Frühstück sagt Andi zu mir: „Für uns Zwei ist das nichts.“ Rosi steht dahinter und nickt.

„Ihr wollt also gehen?“, fragt Joana.

„Ja“

„Na denn. Auf Wiedersehen.“

Und schon waren de Zwei weg. Rosi hätte beinahe unsere Schürze mit genommen. Joana hat das verhindert. Die Schürzen sind nicht billig. In der DDR hat das vielleicht funktioniert. Jetzt weht aber ein etwas anderer Wind. Firmeneigentum ist plötzlich kein Volkseigentum mehr. Das zumindest behaupten jetzt die Firmenbesitzer. Und wir sind hoch verschuldete Besitzer. Verwalter wäre vielleicht der passende Begriff. So lange die Bank im Grundbuch steht, sind wir Zwei Angestellte der Bank.

Andrea kann das nicht begreifen. Sie sagt zu Joana: „Das Frühstück übernehme ich mit.“

Unsere Freude ist groß. Eine Sorge weniger. Andrea will also jetzt das Frühstück und die Zimmer machen. Joana wird ihr sicher helfen dabei. Die Zwei geben ein gutes Team.

Karin holt Steffen aus dem Zimmer. Steffen stellt sich noch einmal allen Verwanden vor. Mischa auch. Alle Verwanden verabschieden sich von uns. Wir begleiten sie bis auf unseren Parkplatz und winken zum Abschied.

Alle, die da geblieben sind, holen jetzt ein gemeinsames Frühstück nach. Karin setzt sich neben Joana und legt sofort die Hand auf Joanas Oberschenkel. „Unersättlich“, sag ich zu Karin.

„Wenn Du heute etwas Zeit hast, kannst Du Deine Geschenke mal ausprobieren“, sagt Steffen zu mir.

„Wie viele hast Du mir denn mitgebracht?“

„Zehn“, antwortet Karin. Sie rollt dabei mir den Augen. Dabei gehen mir die gemeinsamen Duschgänge an der Trasse durch den Kopf. Karin wollte zu gern den Rücken gewaschen haben. Schon bei den ersten zwei Strichen über den Rücken hat sie sich umgedreht. Mit ihren Brustwarzen hätten wir die Eintrittskarten entwerten können.

„Steffen lacht laut.“ Eifersucht ist meinem Freund Steffen ein Fremdwort. Der lebt in vollen Zügen.

„Willst Du die Dinger allein ausprobieren?“

„Ehrlich gesagt, wäre mir das lieber.“

„Ist gut. Ich zeige Dir dann mal, wie die Dinger richtig benutzt werden.“

Einkauf ist heute keiner mehr zu erledigen. Die Lieferungen sind alle im Haus. An der Tür stehen schon die ersten Vertreter. Wir haben immer noch unseren Ruhetag. Die ersten zwei wollen mir Abonnements für Zeitungen aufdrehen. Dann kommen zwei mit Versicherungen. Und noch vor dem Mittag, kommen Vertreter für Gläser, Geschirr, Getränke, Gefrierkost, Autozubehör und Hotelkataloge.

Wir schließen erst mal die Tür. Das war uns wirklich zu lästig. Nicht einer sprach sächsisch. Alle waren irgendwie verlebte, fast verlaust wirkende Westler. Wir würden diese Gestalten als Penner oder Säufer abtun. Wie kann man sich so seinen Lebensunterhalt verdienen? Grauenvoll!

Am frühen Nachmittag rücken die ersten Übernachtungen ein. Mutter hat sie geschickt. Andere, bereits ausgebuchte Kollegen, schickten uns auch Gäste. Bis jetzt scheint das zu funktionieren. Selbst an unserem Ruhetag. Wenn sich das so fortsetzt, ist eigentlich auch unser Ruhetag für die Katz. Steffen und Karin haben das sofort begriffen.

Andre und Joana wollen schnell die Zimmer her richten. Karin geht mit. Sie blinzelt Karin schon so verdächtig an. Irgendwie sieht Karin, wer es nötig hat. „Ich mach die Zimmer gleich mit.“

Steffen lacht schon wieder.

„Bleibt ihr noch etwas?“

„Bis zum Wochenende können wir schon bleiben.“

Steffen interessiert sich sehr, wie unser Betrieb läuft.

Bei jedem Klopfen an der Tür öffne ich einen Spalt und frage, was die Herrschaften möchten. Vertreter schicke ich umgehend weg. Einige Vertreter suchen aber eine Übernachtung. Und die lasse ich sofort rein mit dem Hinweis, dass wir heute noch Ruhetag haben. Das war allen recht. Unser Hotel ist voll belegt.

Unsere Zimmerpreise haben wir pro Zimmer verlangt. Uns war eigentlich egal, wie viele Gäste auf dem Zimmer liegen. Das erschien uns günstiger als den Preis pro Person zu berechnen. Wir hätten überwachen müssen, ob sich unsere Gäste über Nacht noch einen Beischläfer einladen.

Das war uns zu viel Aufwand. In unseren Augen wäre das auch zu viel Schnüffelei.

Fortsetzung Die Eröffnung


Nach Steffen kommt heute praktisch die gesamte Familie. Und die kommen mitunter von sehr weit her. Dazu haben wir die Handwerker und Händler des Ortes eingeladen. Gerade die Beziehungen sind uns wichtig für die Lieferungen von Lebensmitteln und Reparaturen aller Art. Selbst die Kreiszeitung war zugegen. Ich habe sie nicht bestellt. Dazu kamen die örtlichen Vertreter, aber nicht der Bürgermeister. Am meisten freute mich, alte Freunde und Genossen aus der Partei begrüßen zu dürfen. Zünftig kamen sie. Mit einem Strauß Roter Nelken. Einige konnten ihren Arbeitsplatz retten. Für sie gab es keinen Ersatz. Andere haben wie wir, ein kleines Unternehmen gegründet. Heute und morgen, sind nur geladene Gäste zugegen. Wir präsentieren unsere Zimmer in der Absicht, deren Gästen, Quartier bieten zu können. Margret von der Brauerei, Jens und Agnes gehörten zu den geladenen Gästen. Margret hat uns zwei Fass Bier gespendet. Eins davon war eine Neuentwicklung der Brauerei. Ein Kräusenbier.

„Trübes Bier hatten wir doch schon früher“, sage ich zu Margret.

„Das ist ja der Witz. Heute saufen die das förmlich, ohne zu mucken.“

„Deine Kenntnisse, Margret, helfen mir etwas. Ich kann darauf nicht verzichten. Selbstverständlich nehme ich nur Euer Bier und das aus Sachsen.“

Für den öffentlichen Verkehr öffnen wir am Wochenende. Mit einer Zeitungsanzeige kündigen wir das Vorhaben an. Wie erwartet, war die Bude brechend voll. Wir haben natürlich etwas geschwommen. Bei einer Neueröffnung ist das natürlich normal. Vor Baumärkten und anderen Einrichtungen, bildeten sich hundert Meter lange Schlangen. Nur in einem kleinen Hotel fangen Einige an, sich zu beklagen. Dabei sind wir die Handwerker, welche die Produkte frisch herstellen. Einige Kunden verwechseln ein Restaurant mit einem Imbiss. Selbst bei einem Imbiss stehen sie zwanzig Minuten in einer Schlange. Bei uns können sie wenigstens sitzen, miteinander reden und etwas trinken. Wir gehen davon aus, dass uns diese Gäste von der Konkurrenz geschickt wurden. Für uns war der Begriff Konkurrenz ziemlich neu. Bis dahin glaubten wir tatsächlich an ein Miteinander. Jetzt dürfen wir miterleben, wie sich Mafias, Clans und Seilschaften bilden. Überlebenskampf in Vollendung. Wir werden damit aktiver Bestandteil einer gesetzlosen Tierwelt.

Der Tag geht vorbei und wir feiern mit Steffen und Karin etwas nach. Joana verabschiedet sich wieder mit Karin. „Wir sind jetzt müde“, sagt Karin breit lächelnd.

Ab morgen haben wir zwei Ruhetage. Die Ruhetage haben wir auf Wochenanfang gesetzt, um uns vom Wochenende etwas zu erholen. Uns erschien Dienstag und Mittwoch recht günstig. Montags hatten alle anderen Gastwirte der Umgebung, Ruhetag.

Ich bin nicht allein geblieben. Einige Jugendliche und Handwerker sind geblieben. Die waren gestern schon da.

„Das habt Ihr gut hin bekommen heute.“

„Oh. Ich dachte eher, wir hätten uns teilweise blamiert.“

„Ich bin Achim, Klempnermeister hier in Wunderbachwitz.“

„Ich bin Mischa und handele mit Gebrauchtwagen.“

Ein etwas kürzerer, rothaariger Mann stellt sich mit Mathias vor. Er kommt aus dem Nachbarort und hat bei uns hier in Wunderbachwitz eine Freundin. Die ist auch schon gegangen.

„Ich bin Elektroinstallateur.“

Steffen redet sofort mit Mischa. Beide setzen sich etwas abseits hin und diskutieren.

Die jungen Leute stellen sich als Jugendclub des Ortes vor. Sie sind stark an einer neuen Örtlichkeit interessiert. Ihnen wurde der Club gekündigt. Genau wie bei Jens und Agnes im Nachbarort.

„Ich habe unten einen kleinen Raum, den wir zu einem Club umbauen können.“

„Das klingt schon mal gut. Tanzveranstaltungen willst Du keine mehr machen?“

„Ihr kennt unseren Saal. Der ist baufällig. Im Moment ist mir das zu riskant und zu teuer.“

Der Gedanke ist an sich nicht schlecht. Über Nacht wurden alle Tanzsäle geschlossen. Ein paar Schulfreunde von Joana haben eine Discothek eröffnet. Die läuft gut.

Fortsetzung folgt

Fortsetzung der Beginn


Er könnte uns sicher genau erzählen, wie viele junge Mädchen bei mir hier mit übernachteten. Heute sieht er einen Unterschied. Meine halbe Familie will das Restaurant sehen.

Vor seinem Haus steht auch ein Krankenwagen. Die Jungbäuerin lief aufgeregt auf dem Hof umher. Frank, der mit mir befreundete Krankenwagenfahrer, sah mich und kam sofort zu uns.

„Die Altbäuerin ist gestorben.“

„Oh. Das ist schade. Sie war die Einzige, mit der ich mich besonders gut verstanden habe.“

Der Jungbauer wollte sein Restaurant eigentlich selbst bewirtschaften oder für mehr Geld verpachten. Er war deshalb ein ziemlich unfreundlicher Zeitgenosse. Seine Frau, die Bäuerin, hätte er bei mir auch gern als Hilfe gesehen. Sie hat das Restaurant früher schon betrieben und wegen der Geburt einer Tochter aufgegeben. Die beiden Jungbauern hatten sich ein neues Haus gebaut. Im Haus des Restaurants wohnte die Altbäuerin. Ihre Wohnung wird jetzt frei. Trotz des tragischen Ablebens, bietet sich damit die Chance, ihre Wohnung zu mieten. Das würde die Nächte im Gastraum auf Stühlen und Luftmatratzen überflüssig machen. In der Trauer ist ziemlich oft auch etwas Freude versteckt.

Der Jungbauer kommt und stellt sich mit Jürgen vor. Das erste Mal seit Monaten. Die Jungbäuerin ist dabei. Sie hat entzündete Augen. Schluchzend stellt sie sich mit Andrea vor. Ihren Namen kannte ich aber schon von meinen Stammgästen her. Die fragten mich oft, warum ich sie nicht bei mir arbeiten lasse. Ganz einfach. Sie wollte zu viel Geld. Das hätte ich ihr nicht zahlen können. Ich sparte auf ein Auto. Meinen Kleineinkauf musste ich immer noch mit einem Rucksack und dem öffentlichen Verkehr erledigen. Das war nicht einfach und ziemlich zeitaufwendig.

Die Familie geht mit mir und Joana zusammen in das Restaurant. Herbert gefiel das sofort. Ich hatte die Gaststätte neu tapeziert und gestrichen. Die Küche hatte ich mit Haushaltgeräten ausgestattet. Im Hinterzimmer habe ich ein Billard aufgebaut. Das war ein Geschenk meines Vaters. Er hatte es in seinem Gasthof abgebaut. Meine Eltern brauchten den Platz für ihre Gäste. Sie wollten auch den damit verbundenen Krach los werden. Am Billardtisch wurde ziemlich oft gestritten. Unsere Bauern spielten nicht selten um Teile ihres Viehbestandes oder um diverse Liegenschaften.

„Und Du machst das ganz allein?“, fragt mich Herbert.

„Ja. Das ist ne ziemliche Rennerei. Der Stammtisch will natürlich bedient werden. Die Anderen, vor allem jüngeren Gäste, setzen auf eine Art Selbstbedienung. Das funktioniert.“

„Und wenn hier voll ist?“

„Hin und Wieder habe ich eine Abrechnung vergessen. Das kann zu bestimmten Zeiten ziemlich hektisch werden.“

Brigitte staunt bei der Schilderung. Sie kann sich schlecht vorstellen, wie das ein Mann allein erledigen kann. Ich konnte mir schlecht vorstellen, wie eine Frau, fünf Kinder groß ziehen kann und das bei einer Vollzeitarbeit im Büro. In der DDR ging das eben.

Im Westen ist so etwas unvorstellbar. Außer vielleicht bei unseren Gastarbeitern heute. Die müssen das bringen. Sie bekommen auch grundsätzlich den halben Lohn und die doppelte Miete. Das nennt sich westdeutsche Gastfreundschaft.

Andrea bot mir im Beisein Joanas, umgehend an, die Wohnung der Mama zu räumen, damit wir einziehen können. Ich soll mir die Wohnung etwas frisch machen und fertig.

Gesagt getan. Wir waren uns sofort einig. Jürgen, der Jungbauer, wurde langsam etwas gelöster. Damit war ja schon mal der Hausstand gegründet.

Fortsetzung folgt

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