Fortsetzung Der Wandel


Irgendwie bin ich nach meinem Vater gekommen. Der hatte ein Leben lang, eine Lederjacke an. Mutter hat ihn oft wegen dieser bäuerlichen Sparsamkeit kritisiert. Obwohl er die anfangs nicht mochte, hatte er die gleiche Gewohnheit wie unsere Genossen. In der DDR war eine Lederjacke ein Sparziel der besonderen Art. Für den Preis bekam ich locker ein gutes Moped von Simson. Ich kann jetzt nicht mit genauer Präzision sagen, was von Beiden länger hielt. Vaters Jacke jedenfalls, schien unverwüstlich.

Genau das war jetzt auch der Suchgegenstand bei unserem ersten Westbesuch. Das Angebot war groß, aber nicht in allen Größen. Wir waren es gewohnt, von einem Produkt die volle Größenpalette angeboten zu bekommen. Dadurch hat sich oft der Eindruck aufgedrängt, es gäbe eben nur dieses Produkt. Hier stehen vor mir Verkäufer, die sagen: „In Ihrer Größe haben wir das nicht. Wir können Ihnen das aber bestellen.“ Und schon sind wir wieder bei Mangelware und Lieferzeiten. Komisch. Der Vergleich drängt sich bei jeder Gelegenheit, unwiderstehlich auf. Die Westpropaganda ist so tief sitzend und verlogen, dass sie einem einfach nicht aus dem Sinn geht. Von wegen, „volle Regale“. Ein einziger Einkaufstag reicht, um uns von einer großen Lüge zu heilen.

Nun soll es nach München gehen. Wir haben es satt in dem stinkenden Kaff. Wir gehen zum Parkplatz und bekommen gleich eine völlig neue Art von Belästigung gezeigt. Auf unserer Autoscheibe kleben neben zehn Werbezetteln, ein Busgeldbescheid. Wir hätten die Parkzeit überschritten. Das sollte unser gesamtes Restbudget verschlingen. Joana nimmt den Zettel und schaut in die Runde. Und siehe da, unweit geht eine nicht unterernährte Tante mit einem großen Vorrat an Zetteln, zwischen den Autos spazieren. Joana geht zügig hin zu der Zosse, die kaum ohne Berührung zwischen den Autos durch kommt. Sie poliert mit ihrem Riesenhinterteil die Heck- und Frontpartien der Autos.

„Was soll das? Was haben wir falsch gemacht?“

„Das ist ein Parkplatz mit Zeitbegrenzung. Sie haben keine Parkuhr.“

Joana ruft mich. Ich frage die Zosse, ob es eventuell mal eine Ausnahme gibt, weil wir das nicht kennen. Die Zosse bleibt stur. Warum arbeitet die nicht in der örtlichen Brauerei und rollt Fässer? Sie will dreißig DM.

„Hab ich nicht“, sage ich zu ihr.

Sie nimmt den Sprechfunk und ordert einen Kollegen an.

„Die wollen uns wohl verhaften hier?“, fragt mich Joana.

„Sieht so aus.“

Der Kollege von der Zosse kommt. Er sieht etwas freundlicher aus, hat aber auch gelbe Augen und eine rote Nase.

„Lass die Zwei gehen. Die haben Nichts gemacht“, sagt er zu der Zosse.

„Hat es Ihnen bei uns gefallen? Wo soll es denn hingehen?“

„Wir wollten eigentlich noch nach München“, antwortet Joana.

„Die Autobahn ist gesperrt. Da war eine Massenkarambolage.“

„Gibt es Umwege?“

„Ja. Die Regensburger Autobahn. Aber auf der werden Sie auch nicht vorwärts kommen.“

„Danke.“

Wir suchen schnell eine Telefonzelle, um in München anzurufen. Der Besuch muss abgesagt werden. Jonas in München ist nicht begeistert. Er hätte schon Alles eingekauft. Die Zwei wollten natürlich glänzen vor uns. Dem entsprechend groß, wird der Einkauf gewesen sein.

Wir konnten beim besten Willen nicht ahnen, dass im Westen eine Reise von Hof nach München, zwei Tage dauert. In der Zeit haben mich Russen per Bahn durch die halbe Sowjetunion befördert.

Leider konnten wir nicht mit der Westbahn fahren. Dafür hätten wir einen beachtlichen Kredit benötigt.

Irgendwie war der Plan auch zu kurz durchdacht. Wir hätten unterwegs tanken müssen. An eine Panne oder gar einen Unfall, wollte ich gar nicht erst denken. Also, kehren wir um. Die Schule der Reisefreiheit hat umgehend gewirkt.

Auf dem Nachhauseweg sind wir noch in unsere Autobahnraststätte gegangen, um wenigstens Etwas zu essen. Zu vernünftigen Preisen. Ich glaube fast, das war unser letztes Schnitzel für unter fünf Mark in einer Raststätte. Wir hätten das fotografieren sollen.

Fortsetzung folgt

Die Grenzöffnung


Die Grenzöffnung

Unser Stammtisch ist leer. Zwei alte Bergmänner sitzen bei uns und wir reden von der offenen Grenze.

„Das bringt nichts Gutes!“, säufst Kurt. „Ich muss da nicht hin. Die haben Angehörige meiner Familie jahrelang eingesperrt, weil sie Kommunisten waren.“

„Du bist doch gar kein Kommunist, Kurt.“

„Ich habe die Vereinigung mit der SPD nicht mit gemacht.“

„Ja. Aber Du bist ja Verfolgter des Naziregimes.“

„Mich graust bei der Vorstellung, die kommen jetzt ungestraft hier her.“

Joana hat Kurt einen Kirschlikör ausgegeben. Kurt trinkt keine harten Schnäpse. Er, mit seiner Bergmannslunge, kommt dabei fürchterlich ins Husten. Kurt hat mir immer seine Monatsration von Bergarbeiterschnaps verkauft. Ich habe den zu Kirschlikör gemacht. Schwarz. Das Zeug hat sich gut verkauft. Mitunter habe ich daraus mit Puddingpulver, Eierlikör hergestellt. Der verkaufte sich zeitweise, extrem gut in Schokobechern. Unsere Frauen waren verrückt nach diesem Gesöff. Viele Kollegen fragten mich neidvoll, woher ich die Schokobecher habe. Das war zeitweise Mangelware wegen der hohen Nachfrage. Jetzt, da Joana da ist, finde ich bisweilen die Zeit, ein paar Dutzend zu gießen.

In den kommenden drei Tagen konnten wir uns auf unseren Einzug konzentrieren. Andrea hat uns mit Jürgen zusammen, die Wohnung geräumt. Neben einem Bett, einem Schrank und dem Fernseher brauchten wir nicht viel für unsere erste gemeinsame Wohnung. Unser Leben spielte sich in den Gasträumen und beim Einkauf ab.

Zwischendurch fanden wir schon die Zeit, an unseren Ruhetagen im Sommer, baden zu gehen. Wie fast alle DDR Bürger, bevorzugten wir FKK. In unserer Nähe gab es reichlich Badeseen und Bäder mit diesem Angebot. Unser neues Auto war dafür das beste Bewegungsmittel.

Im Spätherbst fuhren wir eher in die CSSR, um uns da Dinge zu kaufen, die wir bei uns eher seltener fanden. Ölsardinen und Dorschleber waren bei uns Zweien eine beliebte Schmuggelware. Schon deshalb, weil wir die selbst gern aßen. An Ruhetagen fuhren wir nach Prag, in den Harz oder ins Erzgebirge.

Mit der Grenzöffnung änderte sich das. An den ersten drei bis vier Tagen gab es hundert kilometerlange Staus in Richtung Franken. Wir hatten mit dem Ruhetag nach der Grenzöffnung das Glück, nicht endlos im Stau stehen zu müssen. Es lag eine Woche dazwischen. Im Grunde wollten wir nur etwas Westgeld holen und dabei Land und Leute kennen lernen. An zwei Ruhetagen ist kaum mehr möglich. Bei uns am Stammtisch trafen schon die Ersten ein, die Drüben waren. Die Gesichter zeigten uns keine Begeisterung. Den Erzählungen nach, könnte das eher am Stau und den Warteschlangen vor den Geldausgabestellen gelegen haben. Das erste Mal in meinem Leben, hörte ich, wie DDR Bürger, Ihresgleichen schlecht machten. Ein Tag und die Gesellschaft war gespalten. Das setzte sich am Stammtisch rege fort. Wir wurden neugierig, was es da zu sehen gab, das so viel Streit auslöste.

Am Wochenende gab es wieder eine Trauerfeier. Unser Nachbar wurde beerdigt. Er wurde keine siebzig Jahre. Seine Kinder lebten im Westen. Sie waren zugegen.

„Wieso habt Ihr zwei Ruhetage? Unsere Gastwirte machen einen pro Woche.“

„Wir haben bei uns die Vierzig-Stunden-Woche. Sie nicht?“

Joana und ich waren schockiert von dieser Frechheit. Was glaubt dieser Trottel, wer er ist?

„Sind Gastwirte keine Menschen?“

Fortsetzung folgt