Fortsetzung Tag 85


Mira kommt kurz zu Marco. Sie sagt mir, Ahu gäbe Joana ab Mittag frei. Bis dahin hätten die das Gröbste geschafft. Sonntag hat bekommt Joana auch frei. Ein und ein halber Tag. Ich überlege mir, wir könnten entweder nach Hause oder nach München zu Joanas Schwester fahren. Der Besuch ist seit Langem überfällig. Samstags, ab Mittag, rechne ich eh mit wenig Verkehr in Richtung München. Sonntag Nachmittag dürften uns eher die Rückkehrer aus den Skigebieten entgegen kommen. Insgesamt sähe das Vorhaben günstig aus.

Auf dem Zimmer telefoniere ich mit Pia in München. Jonas ist am Telefon. Er sagt, an diesem Wochenende ist schon sein Bruder da mit seiner Frau. Es geht also nicht.

Was könnten wir sonst noch unternehmen? Wir könnten eine Nacht in Verona oder am Garda buchen. Uschi in Mailand bliebe noch. Ich warte, bis Joana kommt und frage sie. Mailand wird ihr sicher zu stressig sein. Obwohl; an Wochenenden ist es in der Stadt sehr ruhig. Außer vielleicht in den Fußballstadien. Zur Sicherheit rufe ich Uschi an. Die Rufumleitung arbeitet. Uschi sagt, sie wären Ski fahren am Wochenende. Sie sind im Piemont. Naja. Damit wäre die Frage für das Wochenende geklärt. Hotel oder Pension. Eine Fahrt ins Blaue, sozusagen. Ich wüsste jetzt nicht, welches Hotel ich buchen könnte.

Zur Mittagszeit gehe ich in den Personalraum. Alle sind da. Joana auch. Marco hat Hähnchenkeulen geschmort. Mit Wurzelgemüse und Tomatensauce.

„Hast Du Heimweh?“, frage ich ihn.

„Nichts ganz. Bei echtem Heimweh hätte ich Rotwein genommen.“

„Wir fahren nach Verona. Soll ich Dir etwas mitbringen?“

„Eine gute Salami.“

„Ich versuch mein Bestes. Milanese oder Ungarese?“

„Milanese prego.“

„Darf es auch Crespone, Veronesa dolce oder Sopressa sein?“

„Aber natürlich.“

„Ich liebe die grobe Salami und Sopressa. Du auch?“

„Da haben wir den gleichen Geschmack.“

Die Köche wieder. Feinschmecker von Beruf. Die grobe Salami erfordert etwas mehr Sorgfalt bei der Herstellung. Köche wissen das zu schätzen. Bisweilen mache ich zu Hause welche. Ich lasse sie meist über den Winter trocknen. Den Schinken auch. Da gibt es keine Fliegen und die Luft ist trockener. Milde Minusgrade schaden nicht. Ich nehme kein Pökelsalz. Dafür aber recht viele Gewürze. Der untere Vinschgau ist ein guter Fleck für die Herstellung von luftgetrocknetem Fleisch.

Es gibt einen feinen trockenen Luftzug. Ideal.

Marco lobt das Mikroklima des Vinschgau auch. Er würde sich am liebsten dort niederlassen.

Nach dem Essen entlässt Ahu, Joana. Sie wünscht uns einen schönen Ausflug. Ihre Kolleginnen auch. Sie schauen dabei aus, als wollten sie lieber an der Stelle Joanas sein. Irgendwie sehe ich so einen weichen, mitfühlenden Blick in ihren Augen.

Mittags brechen wir auf. Unser Gepäck ist praktisch schon gepackt als Saisonarbeiter. Wir können direkt nach Verona fahren. Umwege sind nicht nötig. Höchstens, auf dem Nachhauseweg.

Die Mädels gehen bei unserer Abreise vor die Tür und winken. Alfred kommt etwas später dazu, fragt die Mädels etwas und winkt auch mit.

Unser Gepäck passt wunderbar in meinen Motorradkoffer. Joanas Helm liegt seit Saisonbeginn auf unserem Personalzimmer. Die Winterkombi auch. Saisonarbeiter müssen an Alles denken bei ihrem Aufbruch. Und wir sind nun mal keine Skifahrer.

Am Reschen sind um die acht Grad. Zu Mittag. Im Vinschgau können wir zwölf bis fünfzehn Grad erwarten. Es gibt auch wärmere Flecken im Vinschgau. In Vezzan zum Beispiel. Mit dem Motorrad brauche wir bis Meran keine fünfzig Minuten. Zwei Carabinieri einer Streife winken uns begeistert zu. Motorradfahrer genießen in Italien wirklich noch eine Art, Bewunderung. Vorausgesetzt, sie benehmen sich im Verkehr. Auf der MEBO sind wir nicht die Einzigen, die Motorrad fahren. Den ganzen Winter haben wir auf den Gruß zwischen Motorradfahrern gewartet. Jetzt neige ich eher dazu, selbst Rollerfahrer zu grüßen. Fast schon übereifrig. Für mich sind Rollerfahrer, Motorradfahrer. In der Saison bekäme ich keine Hand an den Lenker, so oft müsste ich grüßen.

Schon sind wir an der Autobahnauffahrt. Im Motorrad habe ich auch Telepass. Meist nutze ich die Spur, die für Motorradfahrer vorgesehen ist. Dort funktioniert der Sender am besten. Immerhin befindet der sich in einer Plastikschachtel am Lenker. Ich habe das schon mit Tanktaschen und auch direkt am Mann probiert. Das funktioniert auch. Am besten funktioniert es aber mit dieser Plastikschachtel. Den Sender muss ich auf Parkplätzen oder in der Garage entfernen. Der ist immerhin ein begehrtes Diebesgut.

Mit jedem Kilometer in Richtung Süden wird es erheblich wärmer. Wir sind schon bei achtzehn Grad. Wir könnten fast schon Oberkörper frei fahren. Richtig warm wird es ab Affi. Ein Genuss. Dort kommen uns schon richtig große Gruppen von Motorradfahrern entgegen. Sie grüßen freundlich. Viele auch mit Lichthupe. Ich überlege, ob wir vielleicht noch eine kleine Runde fahren oder lieber in Verona spazieren gehen. Joana spricht sich für Verona aus.

Wir fahren bis an den Markt und suchen uns im Stadtinneren ein Hotel. Schon bei der zweiten Besichtigung, die erste war uns viel zu teuer, kommen wir zu einem Zimmer. Ohne Frühstück. Der Hotelier bietet im Winter kein Frühstück. Es ist Nebensaison. Er ließe uns aber eins schicken. Sicher eines von der Imbisskette. Uns ist das relativ gleich. Wir wissen, wie ein italienisches Frühstück aussieht. Im Grunde wollen wir eh nur Kaffee. Viel Kaffee. Alles andere interessiert uns nicht. Es sei denn, irgendein Gastgeber würde uns einen San Daniele oder Parma servieren. Damit rechnen wir natürlich nicht. Zumindest nicht bei einem Frühstück, das im Hotelpreis inkludiert ist.

Unweit des Hotels ist eine große, relativ bekannte Macelleria. Dort möchte ich für Marco die Salamispezialität holen. Bei den Auslagen kann ich schon sehen, billig wird das nicht. Handwerk kostet eben etwas mehr. Und für einen Freund wie Marco, ist mir gar nichts zu teuer. Ich lasse Joana aussuchen. Sie sucht ausgerechnet eine Salami mit einem relativ hohen Mageranteil.

„Marco möchte eine fette, grobe Salami.“

„Dann nehm Du eine für Marco und ich gebe die den Mädels.“

Offensichtlich lassen wir unseren letzten Lohn bei dem Metzger. Er gibt uns Rabatt. Viel Rabatt und er legt uns eine Spezialität seines Betriebes mit dazu. „Saldi invernali“, fügt er lächelnd dazu. Eigentlich fehlt nur noch eine Flasche Wein und der Geschenkkorb ist voll. Als hätte er meinen Wunsch gehört, kommt er mit einer Flasche Wein um die Ecke. „Da mio fratello della valpolicella“, sagt er uns. Wir bedanken uns recht herzlich. Beinahe hätte uns der Metzger noch in ein Cafe eingeladen. Kaum haben wir den Laden verlassen, zog er sich eine Jacke über und ging in die Bar gegenüber.

Unser Gepäck ist für einen Spaziergang zu schwer. Wir legen es im Hotel ab und gehen zusammen spazieren. Eine Wohltat im winterlichen Verona. Wir haben zwanzig Grad.

Langsam wird es Zeit, sich eine Pizzeria für das Abendbrot zu suchen. Restaurants können wir uns nicht leisten. Pasta haben wir die ganze Woche. Auch auf Arbeit. In der Fußgängerzone gibt es einen wunderbaren Grill. Mit Haxen, Rippelen und feinstem gegrilltem Panchetta. Die haben geschlossen. Eine Eisdiele hat offen. Wir essen ein Eis. Bei zwanzig Grad, gerade richtig. Alle Händler arbeiten mit einem Rabatt heute. Sogar der Eisverkäufer legt uns eine Extrakugel drauf.

In der Pizzeria verlangen wir eine Familienpizza. Die ist nicht preiswerter als zwei Pizzen. Sie ist aber doppelt so groß. Und das brauchen wir jetzt. Entsprechend unserer Tour heute, verlangen wir, Vier Jahreszeiten. Das Ding kommt. Ich schätze, es hat die gesamte Ofenbreite benötigt. Der Pizzaiolo serviert es selbst. Auf einem Brett, mit dem normalerweise Brunnen abgedeckt werden.

Seine Frau hat den Tisch von Allem befreit, was den Serviervorgang behindern könnte. Das Brett ist so groß wie die Tischfläche. Wir schaffen die Hälfte. Die andere Hälfte lassen wir uns einpacken. Für das Frühstück.

Unweit unseres Hotels, ist eine kleine Tankstelle. Tanken müssen wir nicht. Die Tankstelle hat aber etwas, das wir gern zum Frühstück hätten. Einen Kaffeeautomaten. Wir ziehen eine Probe. Das Zeug schmeckt. Es schmeckt sogar besser als aus manchem Restaurant. So einen Kaffee bekomme ich höchstens in guten alten Bars, in denen der Wirt noch den Kunden liebt. Zu unserer Pizza auf dem Zimmer, werden wir also Kaffee aus diesem Automaten holen. Wir nehmen dem Hotelier Einen mit. Er freut sich. Wie üblich, verstehe ich die Hälfte.

Das Zimmer ist sehr sauber. Auch das Bad. Im Fernseher läuft etwas Sport und viel Fußball. Also, lassen wir das und kümmern uns um den Urlaub. Und der sieht, in der Hoffnung, früh ausschlafen zu dürfen, köstlich aus. An Joana entdecke ich Kurven, die ich bis jetzt sehr selten sehen durfte.

Ostern 2021


Ostern 2021

Ostern ist, wie andere Feiertage, für Saisonkräfte kein Feiertag. Für uns gibt es praktisch auch keinen Grund, das zu feiern.

Im aktuellen Virusgeschehen dürfen meine lieben, treuen Leser und literarischen Freunde miterleben, wie sich Saisonkräfte fern ihrer Familie und Heimat fühlen zu solchen Anlässen.

Ich verbinde diesen Hinweis mit dem Wunsch, jene Leser, die Ostern auch heute feiern können, anzuregen, sich darüber Gedanken zu machen, was es bedeutet, kein einziges Familientreffen wahr nehmen zu können.

Ihre Familienangehörigen zu Hause liegen im Krankenhaus, sterben, erleiden einen Wohnungsverlust oder anderes Ungemach. Sie können weder helfen noch trösten.

Saisonkräfte arbeiten für Ihr Wohl. Das Wohl ihrer Gäste.

In der aktuellen Zeit wird den Saisonkräften der Zuschlag für ihr Engagement an Feiertagen verweigert.

Bitte berücksichtigen Sie das bei ihren Abrechnungen in Hotels und Restaurants.

In dem Sinne, wünsche ich ihnen ein Frohes Osterfest!

Danke

Ihr Saisonkoch

Tag 46


Tag 46

Wir wecken gemeinsam auf und Joana macht den Kaffee. Ich schlage schon den Laptop auf und schaue in meinen Briefkasten. Es sind keine zusätzlichen Nachrichten drin. Für die Bewerbungen muss ich jetzt die teure Methode benutzen. Anrufe mit dem Handy. Joana entfernt sich am liebsten von dieser Prozedur. Sie kann Lügen nicht ertragen. Nicht meine Lügen. Sie hört meine Antworten und schließt daraus, dass meine Gesprächspartner lügen. Damit hat sie schon mal größtenteils recht.

Eigentlich mache ich mir eine Gewohnheit zu nutze, die ich erst sehr spät bemerkte. Ich zeige meine Nummer und lasse das Telefon mehrmals klingeln. Bei wirklichem Interesse kommt, ganz sicher ein Rückruf.

Oftmals werden Anzeigen unter falschem Namen oder verdeckt platziert. Die Hoteliers möchten damit vermeiden, dass sie einen schlechten Ruf bekommen wegen zu häufiger Personalsuche. Köche wissen, wenn sie auf mehreren Portalen suchen, finden sie immer wieder die gleichen Namen und Suchenden. Ob das jetzt ein Hinweis auf die Geschäftsführung ist oder nicht, lasse ich mal außen vor. Es kann auch an der Küche, dem betrieblichen System oder einfach an der geforderten Arbeitszeit liegen. Um das festzustellen, sind nun einmal Termine wichtig. Allgemein nutze ich Termine, um meine zukünftige Werkstatt kennen zu lernen. Mich interessiert dabei die technische Ausstattung, etwas die Sauberkeit und nicht zu vergessen, die Berufsverliebtheit meiner Arbeitgeber. Dabei unterscheidet sich die Berufsverliebtheit der Gründergeneration erheblich von der, der Nachfolgegeneration.

In vielen Betrieben Tirols, auch Südtirols, hat es der Saisonarbeiter mit allen Generationen zu tun. Damit ergeben sich in den seltensten Fällen reibungslose Arbeitsverhältnisse.

Entweder setzt die nächste Generation auf ein völlig anderes Konzept oder auf traumhafte Modernisierungen mit unmöglicher Technik.

Beides führt zu Missverständnissen bei Arbeitsabläufen und Zeitplanungen. Wäre ich ein Klempner, könnte ich meine Vorstellungen leichter umsetzen als ein Koch. Bei einem Klempner trauen sich die Leute selten, mit zu reden. Beim Essen kochen glauben sie, sie könnten da mitreden. Wir treffen also immer wider auf das gleichen Schema. Gute Küche ist eine reine Technologieleistung. Nichts Anderes. Die Einen tun es mit einem Personalüberschuss, die Anderen mit Technik, Planung und Wissen.

Als DDR – Bürger sind wir ja mit Planung etwas vertraut. Auch mit der WAO. WAO war in der DDR – Meisterausbildung ein Unterrichtsbestandteil. WAO heißt, wissenschaftliche Arbeitsorganisation. Ein Handwerker oder Bauer würde dabei die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Aber genau das tun die Handwerker und Bauern. Sie tun es bei Saatgutbestellungen genauso wie bei der Planung der Feldbestellung. Handwerker benutzen es bei ihren Projekten mit Kostenberechnungen. Genau so wenig, wie ich bei diesen Fachleuten in ihr Geschäft reinrede, verlange ich, dass sie mein Geschäft zumindest verstehen.

Die üblichen Floskeln am Telefon bekomme ich schon mit den ersten zwei Telefonaten serviert. „Können sie Tiroler Küche“, also, kochen? „Ist ihnen der Arbeitsweg aus Sachsen nicht zu weit?“ Wenn ich ihnen dann sage, dass ich ganz in ihrer Nähe wohne, werden meine Gesprächspartner ganz hellhörig. Spätestens nach der Bekanntgabe meines Namens, setzen bei ihnen alle Sinne ein und sie beginnen mit der Recherche. Allgemein wird der Betrieb abgefragt, bei dem der Bewerber vorher war. Wenn ich also zwischendurch mal den Viersternebetrieb und dessen Kundschaft nicht mag und dafür in einem Dreisternebetrieb gearbeitet habe, erweckt das Misstrauen. Als Vertreter der einfachen, selbst hergestellten Küche, in der auf den Schicki – Mickikram verzichtet wird, muss man sich auf die Ausschöpfung der Probezeit einstellen. Das ist ein bewegter und nicht leichter Weg. Die Blender haben die Oberhand. In den Lagern der Unternehmen liegen tausende Verpackungen mit fertigem Dekorkram. Der Müll ist nicht billig. Die Preise dafür sind mit Schmuckpreisen vergleichbar.

Ich mach vier Termine aus.

Zuerst rufe ich Ruth an, um ihr zu sagen dass ich Vorstellungstermine habe. Ruth antwortet: „Wir brauchen Dich erst wieder am Wochenende.“

Die Jungs können den Kuchen jetzt wahrscheinlich selbst backen. Ein Westkollege würde jetzt sagen: „Wieso hast Du Denen gezeigt, wie das geht?“ Soviel zur Kollegialität in dem Geschäft. Natürlich möchte ich meinen jungen Kollegen zeigen, wie Etwas geht. Zumindest möchte ich ihnen die Grundherstellung beibringen. Wie sie das Ganze geschmacklich gestalten, ist ihre Aufgabe. Ein Handwerker stiehlt mit den Sinnen.

Ruth braucht eine Aushilfe. Keinen Koch mehr. Genau das ist ihre verdeckte Aussage.

Ich kann also Termine vereinbaren, wie ich es gern möchte. Auch Einzeltermine.

Im Mailprogramm läuft gerade eine Antwort ein. Vom Reschen. Ob ich nicht mal vorbei kommen könnte, zwecks Vorstellung. Ich vereinbare mit ihnen einen Termin auf Nachmittag. Ich möchte Joana mitnehmen. Derweil gehe ich runter zu Marco. Die Einsamkeit auf dem Zimmer macht mich blöde.

Marco kocht heute:

Salate und Vorspeisen vom Buffet

——–

Tris von mariniertem Käse

——–

Klare Ochsenschwanzsuppe

——–

Thunfischpizza

——–

Gefülltes Schweinsfilet im eigenen Saft zu Rote-Beete-Nocke und Rosenkohl

oder

Gegrilltes Makrelenfilet in Tomatensenfsauce an Basmati und Zuckerschoten

——–

Bananancreme in Schokosauce

Marco kocht wider mit Wahlmöglichkeit. Trotzdem hält er die Auswahl gering. Es sind zu wenig Gäste da. „Soll ich Dir irgendwas helfen?“

„Du kannst mir ein paar Salate richten.“

„Ist Dein Kollege nicht da?“

„Er kommt nur abspülen und hat den halben Tag frei.“

„Willst Du Salate oder Rohkost für das Buffet?“

„Salate.“

Ich gehe ins Kühlhaus und ins Lager, um meinen Rohstoffe zu suchen.
„Sind zwölf Salate genug für heute?“

„Schau mal. Wir machen sonst um die fünfzehn/sechzehn.“

Naja. Wenn ich Mais, Bohnen, Saure Gurken, Sauerkonserven mit dazu rechne komme ich auch dahin. Als Erstes grille ich schnell Paprika und Melanzane. Danach schmore ich Zucchini und Champignons, die ich gleich süß-sauer abschmecke. Als Nächstes setze ich den Dämpfer an und gebe dort Grüne Bohnen, Blumenkohl und Sellerie zum Dämpfen hinein.

Jetzt gehe ich zur Maschine, lasse Fenchel, Rotkohl, Weißkohl, grüne Gurken und weißen Rettich durch. In den Konserven finde ich Rote Beete, Saure Gurken, gefüllte Peperoni, Peperonistreifen und Borlotti – Bohnen. Die Borlotti mache ich mit feingehackter Zwiebel, Salz, Pfeffer, Zucker, Essig und Öl an. Den weißen Rettich gebe ich Mayonnaise und Gewürz. Ich schäle schnell noch ein paar Gurken, entkerne und schneide sie. In einem Bräter fertige ich daraus Senfgurken, die ich leicht anschmore.

Mais steht auch im Lager. Marco sagt mir, das wäre Pflicht, den zu geben. Den Mais spüle ich ab und schmecke ihn mit Salz, Essig und Öl ab. Das reicht.

Die Rote Beete würze ich mit gehackter Zwiebel, Kümmelöl, Pfeffer, Zucker, Essig und Öl.

Marco ruft: „Genug! Halt ein! Ich habe gar nicht so viele Schüsseln!“

„Das Grillgemüse geben wir auf Platten.“

„Iss recht. Aber halt auf.“

Lange hat das nicht gedauert. Dreißig Minuten.

„Hast Du Hunger?“

„Schon. Heute Nachmittag muss ich zur Vorstellung hier auf dem Reschen.“

„Ne. Bei wem?“

Ich sage Marco das Hotel.

„Das iss ne Furie. Der hauen laufend die Köche ab.““Gibt’s dort keinen Chef?“

„Schon. Die Mutter der Furie.“

„Männer gibt es da keine?“

„Oja. Die sind Bauern. Die haben Tiere. Die triffst Du höchstens zu den Mahlzeiten.“

„Und Kinder?“

„Zwei. Die kommen auch zu den Mahlzeiten. Ein Knecht holt die von der Schule und bringt sie zurück.“

„Und Arbeiter. Gibt es da auch welche?“

„Das ist unterschiedlich. Zwei Knechte kommen immer.“

„Bei dem Personalessen kann ich also von rund dreißig Personen ausgehen?“

„Die Einheimischen gehen nach Hause. Warte mal. So, um die zwanzig kannst Du einplanen. Ich wette, dass Du dort keine Woche bist.“

„Das sind ja schöne Aussichten.“

„Merke Dir die Anderen vor und mach mit denen trotzdem die Termine.“

„Danke für die Tipps.“

„Wir gehen mal Etwas essen. Ich habe heute Gulasch.“

„Mit Semmelknödel?“

„Aber natürlich.“

Die Zimmermädchen kommen auch schon.

„Joana ist auf dem Zimmer. Die sucht Dich.“

Joana kommt und ich frage sie, wann sie frei hat. „Ich bin mittags fertig. Wieso?“

„Ich habe eine Vorstellung im dem Hotel.“

„Dort hab ich och schon gearbeitet! Das weeßt Du doch. Das is ne Furie!“

„Vielleicht funktioniert’s mit mir.“

„Das bezweifel ich.“

„Aber vorstelln tun wir uns.“

„Ich warte Draußen.“

„Iss okay.“

Drinnen bietet sich mir ein Bild, das ich so bisher nur selten erfahren durfte. Die Küche war sauber und ziemlich modern. Wenn ich nachmittags zur Vorstellung geladen werde, gehe ich davon aus, dass ich einen Kollegen ersetzen soll, der noch nicht gegangen ist. Ich soll den praktisch verdrängen oder mich mit ihm im Wettbewerb messen. Das lehne ich von Vornherein ab.

Die Chefin zeigt mir die Küche, die Lagerräume und sogar das mise en place meiner Kollegen.

„Ist doch Alles bestens. Was wollen Sie?“

„Naja. Der Koch hat gesagt, er will gehen.“

‚Die haben sich um den Lohn gestritten‘, denk ich mir. Der soll jetzt erpresst werden.

„Wie ist die Arbeitszeit? Ist das ein Ganzjahresbetrieb? Wie viele Gäste bekoche ich am Tag? Was würden Sie mir dafür zahlen?“

„Wir haben sechzig Betten. Mittags kommen ein paar Arbeiteressen. Es gibt sozusagen, Mittagsservice und das Abendmenü für Hausgäste.“

Sie zeigt mir die Karten und das Menü für Heute.

Ein gutes Menü im oberen Preissektor. Auf den Karten sehe ich ein Marendeangebot. Marende nennt sich in Österreich, Jause. Sprich, das Nachmittagsangebot.

„Wer betreut die Marende?“

„Die Kellner!“

„Wer macht das Frühstück?“

„Frühstück und Marende machen die Köche. Sie wechseln sich ab.“

„Wie viele Köche sind wir?“

„Drei“

Das heißt, ich soll dort, bis auf eine Ausnahme je Woche, mindestens zwölf Stunden pro Tag arbeiten. Unter drei Mille netto wäre das nicht machbar. Das sind immerhin sechs Doppelschichten pro Woche und der Arbeitsweg.

„Ich möchte dafür dreitausendachthundert!“

„Der letzte Koch wollte zweitausendvierhundert.“

„Ja. Und deswegen ist er nicht mehr da.“

„Ich rufe an. Gib mir Deine Nummer.“

Ich lass meine Nummer da und verschwinde. Kaffee hat die mir nicht angeboten. Auch keinen Imbiss. Von Fahrgeld will ich gar nicht reden. Offensichtlich verwechselt diese Tante ihr versautes Privatleben mit Anstand und Höflichkeit.

Wir bezahlen immerhin mit unserer Leistung ihren Hoteltraum.

Joana fragt mich vor der Tür gar nicht mehr. Sie weiß es. Wir fahren morgen eh in die Werkstatt. Heute schaffen wir das nicht mehr. Der Werksverkehr im Vinschgau würde das verhindern.

„Hast Du morgen frei?“

„Sicher. Wir haben wenig zu tun.“

Alfred steht bei Marco. Sie warten auf mich.

„Und? Wer hat Recht““

„Volltreffer! Ich hab aber auch viel Geld verlangt.“

„Naja. Den Lohn muss man schon verlangen!“

Alfred tröstet uns und gibt einen Grappa aus. Der schmeckt vorzüglich. Ein Sibona, acht Jahre gelagert. Teuer! Ich könnte die ganze Flasche aussaufen.

Wir gehen zeitig schlafen, weil wir ganz früh abfahren wollen.