Tag 62 Fortsetzung


Als ich zur Küche zurück kam, roch es bereits nach frischem Kaffee. Ein Klappern in der Küche ist zu hören. Geschirr- und Besteckgeräusche.

„Ich bin Ruth und Du?“

„Karl.“

Ehrlich; ich bin fast erschrocken. Nicht, weil da eine Person da ist, sondern, was für eine.

„Hast Du Alles fertig?“

„Ich denke.“

„Das gebe ich aus. Du machst den Nachschub.“

Ruth hat etwas Kuchen mitgebracht.

„Wo war der?“

„Im Lager. Ich zeige Dir das dann.“

„Ich brate Dir schnell noch Leberkäse und lege den in die Bain Marie.“

„Danke.“

Ruth‘s Anwesenheit kann für mich nur ein Glücksfall sein. So habe ich genug Zeit, das Menü zu kochen.

Salatbüffet

Gerstsuppe mit und ohne Selchfleisch

Lasagne

Pasta Napoli

Rippele, Bratkartoffel, Sauerkraut

Bratwurst, Bratkartoffel, Sauerkraut

Vegetarische Krautroulade, Bratkartoffel, Sauerkraut

Erdbeer – Cremeschnitte

Die Cremeschnitte ist schon fertig. Die Lasagne auch. Die muss ich nur in den GN-Behälter und in den Backofen geben. Die vegetarische Krautroulade kommt aus dem Trentino. Die ist gefroren. Die gebe ich mit in den Dämpfer. Die Bratkartoffeln sind gefroren vorrätig. Wahrscheinlich hat mein Kollege den Wechsel gut vorbereitet. Das Fleisch für die Rippele hängt bereits im Kühlhaus. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Ich bringe mir das gleich in die Küche, würze es und hänge es in den Dämpfer ein. Die Lasagne hänge ich in den gleichen Dämpfer, bei gleicher Temperatur.

Danach gebe ich das Sofritto für die Gerstsuppe

in den Topf und stelle ihn zum Anschwitzen auf das Gas. Die Gersten rühre ich gleich dazu. Jetzt lösche ich die Gersten ab, würze mit Trockenbrühe, Salz, Pfeffer und einer Prise Zucker. Es fehlt ein Stück Selchfleisch. Ich gehe zurück ins Kühlhaus und suche. Und schau; es liegen sechs herrliche Selchhaxen im Regal. Die gebe ich sofort nach dem Auspacken in den Dämpfer. Das Sauerkraut setze ich im Topf an. Die Penne habe ich bereits im Nudelkocher fertig. Die Tomatenpolpa würze ich schnell etwas und fülle sie in den Einsatz und hänge das in die Bain Marie. Bis Mittag wird das warm.

Eigentlich ist das Essen jetzt bereits gekocht. Ich könnte wieder gehen, wenn es Jemand rechtzeitig aus dem Ofen nimmt und etwas portioniert.

Ruth sagt, den Salat macht sie. Was will ich mehr?

Zum Glück werde ich noch beim Frühstück benötigt. Sonst würde es schon langweilig werden. Belegte Brötchen und Leberkäse sind nachzumachen. Frankfurter und Meraner scheinen auch Aus zu gehen.

Die sind nicht vorrätig. Ich frage Ruth, woher ich die jetzt bekomme. Ruth lacht mich aus.

„Du arbeitest in einer Metzgerei!“

Ruth ruft kurz eine Nummer an und etwa fünf Minuten später steht ein Kollege im Fleischerhemd vor mir mit den Wüsten in einer Schüssel. Die Bratwürste sind dabei. Er grüßt freundlich mit seinem ungarischen Akzent.

„Hier. Deine Würstelen!“

„Danke, mei Gutster.“

„Ah. Ein DDR – Koch.“

„Speck, Fleisch und Leberkäse kann ich dann wohl bei Dir bestellen?“

„Nein“, ruft Ruth. „Wir sind eine andere Firma.“

Der ungarische Kollege geht.

„Wieso nehmt Ihr Eure Ware nicht von dem Metzger?“

„Der ist zu teuer für unsere Arbeiterversorgung.“

Kapitalismus pur. Man stellt in einem Schlachthof, Produkte her und bezieht den Eigenbedarf für seine Kollegen, die das herstellen, wo anders. Man hat in dem System wirklich Schwierigkeiten mit Rechnen und Abrechnen.

Die vorgebackenen Bratkartoffeln frittieren wir zur Ausgabe. Wahrscheinlich muss ich nicht mal das Essen ausgeben. Der Betrieb gefällt mir immer mehr, trotz seiner logistischen Schwächen.

Nachdem ich das Essen fertig gekocht habe, gehe ich ans Portionieren. Ich frage Ruth, wie groß sie die Lasagnen und das Fleisch portionieren. Sie zeigt es mir.

So. Der Ausgabe steht jetzt eigentlich Nichts mehr im Wege. Wir haben noch etwas Zeit. Ruth spendiert einen Kaffee.
„Kaffee gibt es auch Draußen im Automaten. Dafür brauchst Du einen Personalchip. Dieser Kaffee hier muss gekauft werden.“

Ich hatte mich schon gewundert, dass so wenig Kaffee verlangt wird.

„Rauchst Du, Ruth?“

„Ja.“

„Jetzt können wir Eine rauchen gehen.“

„Ich komm‘ mit.“

Wir brauchen fast zehn Minuten, um vor das Betriebsgelände zu kommen. Die gleiche Zeit zurück, ergibt, zehn Minuten Zeit für eine Zigarettenpause.

„Das hat eine amerikanische Firma, für die wir produzieren, verlangt.“

„Was? Dass hier nicht geraucht werden darf?“

„Genau das.“

Eine fremde Firma, die hier einen Auftrag vergibt, verlangt, dass ihre fremden Arbeiter, die den Auftrag herstellen, nicht rauchen. Ich frag mich, warum die ihren Müll nicht selbst herstellen und verzehren. In meinem Leben hätte ich keinen solchen Vertrag unterschrieben. Die Not muss wirklich groß sein, bei solchen Verträgen.

Wenn die Firma aufgibt, war‘s das. Nur so kann man in Südtirol, Chicagoer Verhältnisse bekommen. Und ich dachte, hier stehen schon genug leere Ruinen.

Wir rauchen jeder zwei Zigaretten. Irgendwie könnte man glauben, wir würden die Dinger fressen. Das ist wirklich ungesund am Rauchen. Zum Rauchen gehört Zeit und Genuss. Erst dadurch macht Rauchen, erfinderisch.

Zurück in der Ausgabe, kann es los gehen. Und schon kommen die ersten Kollegen. Ich denke, sie kommen Abteilungsweise. Irgendwie höre ich das an ihren Gesprächen. Alle grüßen freundlich und fragen Ruth, ob ich der Neue bin. Das Getuschel bekomme ich nicht mit. Das interessiert mich auch nicht. Streng ausgelegt, würde ich jetzt behaupten, dass mich die Männer eher ansprechen und mit mir ein Gespräch suchen. Die absolute Mehrzahl der Arbeiter aber, sind ganz sicher nicht von hier. Einige schauen mürrisch. Mir gegenüber, sind sie dennoch extrem freundlich. Sehe ich da ein verstecktes Klassenbewusstsein? Mir scheint, den Arbeitern ist ihre wie unsere Lage, klar. Jetzt kommen sogar Kollegen im Turban. Sofort wird mir klar, warum ich in einem Schlachthof, vegetarisch kochen soll. Die Not in Indien muss wirklich groß sein, wenn Vegetarier gezwungen sind, in Schlachthöfen, weit entfernt von der Heimat, zu arbeiten.

Die Ausgabe ist relativ zügig vorbei. Ein paar Bratwürste musste ich nachkochen. Das war so auch geplant.

Nach dem Mittag putzen wir umgehend die Küche und verabreden uns auf morgen. Es ist noch nicht einmal um Zwei. Gelegentlich kommt noch ein Fahrer und möchte ein Mittagsessen. Wir schöpfen das aus den ausgehangenen Töpfen. Die Töpfe müssen nur abgedeckt werden. Es gäbe noch eine Resterverwertung in der Spätschicht. So zu sagen, eine kostenlose Zugabe. Damit ist ja der Kreislauf schon mal gesichert.

Nach dem Umziehen gehen wir zusammen zu unseren Autos. Ruth geht noch in den Betriebsshop einkaufen. Ich verabschiede mich jetzt zum zweiten Mal. Ruth muss lachen deswegen.

Die Reise in Richtung Reschen ist gemütlich. Es gibt keinen Stau und keine Unterbrechungen. Oberhalb Mals sind alle Straßen frei. Stellenweise sehe ich sogar den Straßenbelag. Das Salz greift.

Alfred und Joana haben mich erwartet um die Zeit. Sie stehen vorm Haus und Joana raucht. Ehrlich gesagt, bin ich jetzt etwas müde. Ich möchte einen kurzen Mittagsschlaf halten. Wir verabreden uns mit Alfred auf Abend.

Tag 62


Tag 62

Joana weckt mich schon, bevor das Telefon klingelt. Es ist um Drei. Wer um diese Zeit aufsteht braucht sicher eine Stunde, um halbwegs normal zu sein. Ich kann sofort den Beruf Bäcker verstehen. Meine Knochen sind noch steif wie ein Brett. Großartig essen muss ich nicht. Kaffee ist wichtig. Die Maschine läuft, während ich im Bad bin. Eine Tasse trinke ich hier und den Rest nehme ich mit.

Auf der Fahrt treffe ich Keinen. In knapp vierzig Minuten bin ich schon in Schlanders. Am Tor sagt mir ein Wärter, ich soll mein Auto Draußen parken. Der Parkplatz steht voll. Ich muss Etwas suchen. Dabei rauche ich schnell noch Eine. ‚Acht Stunden ohne Tabak…‘, denk ich mir. Ich sage dem Pförtner, dass ich in die Küche muss und der neue Koch bin. Er zeigt mir den Weg, den ich gehen soll. Das ist ein Extraaufgang. „Die Garderobe ist Oben.“

„Danke.“

„Die Semmeln sind vor dem Aufgang.“

Ich schau hin. Dort stehen zwei Riesensäcke aus Papier. Dafür muss ich sicher zwei Mal gehen. Mein Gepäck und die Semmeln sind zu Viel zum Tragen.

„Dort ist ein Fahrstuhl“, ruft mir der Wachmann leise hinterher und zeigt auf die damit markierte Tür. Jetzt brauche ich wenigstens die Semmeln nicht per Hand hochschleppen.

Die Küche ist, bis auf ein Notlicht, stockdunkel. Ich suche die Schalttafel, die mir der Kollege am Tag vorher zeigte. Ein Hauptschalter ist zu betätigen. Die Küche riecht nicht besonders gut. Es riecht nach altem Fett. Der Kollege hat an seine Anschlagtafel das Menü von Heute geschrieben. Das erspart mir damit langes Suchen. Im Küchenbüro hat er zudem die Menüs für die gesamte Woche geschrieben. Ich muss dann Alois anrufen, ob dafür schon die Bestellungen abgegeben wurden.

Zuerst setze ich einen Topf für die Brühe auf und fülle den Pastakocher. Die Küche läuft auf Gas und ich fummele fast zwanzig Minuten mit Papierstreifen und Holzstäbchen, die Zündflammen an zu bekommen. Eine fürchterliche Erfindung. Zwischendurch hatte ich Zweifel, ob ich den Haupthahn, statt auf, zu gestellt habe. Mit den angeblichen Sicherheitsstandarts hat man Profiküchen, unbrauchbar gemacht. Die Bain Maries laufen auch auf Gas. Ekelhaft. Ich schalte die Lüftung ab. Jetzt springen die Zündflammen an. Eine halbe Stunde ist weg. Im Westen hat man einfach keine Ahnung davon, funktionierende Profiküchen zu bauen. Wenn ich an unsere Ascoblock und Nagema denke, kommen mir bei Anblick dieser Schrotthaufen die Tränen. In der ersten Stunde macht sich schon eine Art Verzweiflung breit. Zunehmend erklärt sich mir die Kündigung meines Kollegen. Ich stelle mir gerade vor, wie ich das den Beamten des Arbeitsamtes erklären soll, dass es einfach unmöglich ist, auf diesem Schrottplatz zu arbeiten, ohne einen Gesundheitsschaden ab zu bekommen. Mir scheint, dass das auch der Grund dafür ist, warum die Küchen verpachtet werden. Selbst möchte man sich offensichtlich nicht blamieren vor seinen Angestellten.

Der Migrant soll also wieder Mal den Prellbock spielen für ein schlampiges Managment. Ich bin mir fast sicher, dass, wenn die Küche neu gebaut ist, es kein Migrant schafft, dort einen Arbeitsplatz zu bekommen.

Nachdem ich die Technik an bekommen habe, geht es ans Belegen der Semmeln. Im Kühlfach unter der Aufschnittmaschine liegt mein Aufschnitt für das Frühstück. Mit dem Käse, sind es drei Sorten. Auf einen Zettel hat mir der Kollege beschrieben, wie ich die Semmeln belegen soll. Auf einer Waage mach ich die Probe. Die Brötchen werden dicht belegt. Arbeitslose bekämen Tränen in den Augen bei dem Anblick. Immerhin müsste ein Kunde im Geschäft, knappe drei Euro für einen Semmelbelag zahlen. Bei zwei Semmeln macht das sechs Euro. Im Monat, einhundertzwanzig, was der Arbeiter zu Hause spart. Beim Belegen der Brötchen komme ich etwas in Verzug. Irgendwie muss mir jetzt Etwas einfallen. Sonst stehe ich da und meine Semmeln sind nicht fertig. Zuerst rühre ich mal die Fertigsuppe in das kochende Wasser. Dann befülle ich die Bain Maries mit frischen Frankfurtern, Meranern, der Suppe und zwei Behälter mit Reservewasser. Die Frühstückseier koche ich gleich in der Verpackung. Die Bratplatte ist noch einzuschalten für Spiegelei und Leberkäse. Das Rührei hat mir der Kollege schon aufgeschlagen und ins Kühlhaus gestellt. Ich werde das in den kommenden Tagen durch Flüssigei ersetzen müssen. Immerhin spare ich mir damit eine halbe Stunde, die ich allein für das Eier aufschlagen benötigen würde. Jetzt kann ich zu den Semmeln zurück. Ich schneide jetzt eine ganze Portion in die Hand und verteile das nach dem Auflegen auf die Semmel etwas. Das funktioniert. Ich brauche nur noch die halbe Zeit.

Den Leberkäse schneide ich zuletzt. Jetzt habe ich wirklich noch fünfzehn Minuten bis zur Öffnung. Zigarettenpause. Wo rauche ich jetzt meine Zigarette? Auf der Toilette? Oben, auf dem Feuerleitereingang zur Küche? Ja. Genau dahin gehe ich jetzt, um eine zu rauchen..oder zwei.

Fortsetzung folgt