Fortsetzung Der Betrieb läuft


Wir fahren zu Joanas Mutter. Vor dem Haus steht ein örtlicher Beerdigungsunternehmer. Er schüttelt den Kopf.
„Herbert hat sich im Schuppen erhängt“, sagt er zu uns.
„Er war unser bester Freund und in unserer Mannschaft.“
Herbert war leidenschaftlicher Kegler.
Bei Mutter steht der Hausarzt unserer Familie. Auch der ABV ist da. Die Nachbarn schauen teilweise hinter Gardinen hervor oder öffnen Spalten ihrer Haustüren. Herbert war extrem beliebt in der Gegend. Älteren hat er die Anliegerordnung gemacht, gestreut, gefegt und auch Hecken verschnitten.
„Ich konnte ihn allein vom Fenster abnehmen. Er wog keine dreißig Kilo mehr“, sagt der Bestatter.
Heinz, unser Hausarzt, sagt: „Seine Verdauung war restlos hinüber.“
„Er hat bei uns ziemlich viel gegessen“, sag ich zu Heinz.
„Ja. Aber wie er es gegessen hat, hat er es auch wieder verloren. Das ist fast wie ein Durchfall nach einer Infektion.“
„Wie lange ging das schon so?“
„Das kam mit der Umstellung auf die neuen Medikamente. Und die begann vor einem halben Jahr.“
„Also waren die Medikamente schuld?“
„Das darf ich so nicht sagen.“
Wir fragen Mutter, ob sie mit zu uns fahren möchte.
„Das tut mir sicher gut jetzt.“
Joana packt ihre Sachen. Wir nehmen Mutter mit zu uns.

Fortsetzung Die Suche


„Die ersten Zwei hat mir Karin gemacht. Schon unter der Dusche.“

„Das wundert mich schon. Ich dachte immer, Karin kann nur mit Männern umgehen. In der Sowjetunion jedenfalls, war sie eine große Nummer. Steffen hat das nie gestört. Er liebt Karin über Alles und Karin liebt Steffen. Steffen hat in Etwa das gleiche Gemüt wie ich.“

„Das habe ich sofort bemerkt. Er ist wie Du.“

Die Heimfahrt dauert lange. Von Großenhain bis Dresden Nord ist ein wirklich fester Stau. In Dresden Nord ist ein Flugplatz und einen Abzweig in Richtung Polen. Zwei Stunden haben wir allein dort verloren. Wir hätten umfahren können. Ich stelle mir vor, der Rest will den Stau auch umfahren und kennt teilweise die Gegend nicht. In dieser Gegend sind die Straßen etwas schmaler. Es gibt viele Alleen.

Joana schläft neben mir. Sie ist zufrieden. Ich freue mich, ihr zufriedenes Gesicht anschauen zu können.

Nach rund zehn Stunden Fahrt kommen wir in Karl-Marx-Stadt an. Wir überlegen, ob wir in unser Kinderzimmer fahren oder zu meiner Mutter. Das Kinderzimmer von Joanas Mutter hat gewonnen.

Bei ihr zu Hause angekommen, müssen wir feststellen, Joanas Vater geht es nicht gut. Er soll ins Krankenhaus gebracht werden. Genau da ziehen jetzt noch mehr Westärzte ein. Der Chefarzt ist schon einer von denen. Er ordnete an, sämtliche DDR Medikamente gegen angeblich bessere Westmedikamente auszutauschen. Vater hat jetzt darunter schwer zu leiden. Sein Lebenswille scheint dadurch akut zu schwinden. Es gibt massive Unverträglichkeiten im Zwölffingerdarm. Dabei war Vaters Zuckerkrankheit vor der Annexion durch den Westen, leicht mit Spritzen behandelbar. Jeder Zuckerkranke wurde gut geschult bei der Berechnung der benötigten Dosen. In der Nacht wird Vater geholt. Damit war auch unsere Nachtruhe vorüber. Mutter kocht uns Kaffee und wir sprechen zusammen von der Treuhand. Sie ist sehr skeptisch.

„Das sind doch alles Schwindler und Verbrecher.“

„Einen anderen Weg sehen wir aber erst Mal nicht.“

„Deine Mutter könnte doch ihr Geschäft auf Euch überschreiben.“

„Das haben wir schon ein paar Mal angesprochen. Die Zeit ist nicht reif genug dafür. Sie wollen sich nicht trennen von dem Geschäft.“

„Das wird nicht gut enden, Karl.“

„Naja. Wir versuchen es bei der Treuhand. Vielleicht können wir ein Bergmanns- oder Arbeiterdenkmal retten.“

„Vater ist mit Euch in der Beziehung.“

Es ist noch etwas Zeit und wir können uns noch einmal hinlegen. Joana hat die Tasche von Karin im Auto gelassen. Sie traute sich nicht, es Mutter zu zeigen. Mutter geht so und so immer etwas kontrollieren. Es war ihre Gewohnheit. Fünf Kinder mussten auch ordentlich überwacht werden. Diese sehr sympathische Gewohnheit konnte Mutter nicht ablegen. Joana hat die Gewohnheit übernommen. Das bewirkt irgendwie eine ständige Unruhe. Steffen und Karin ist das aufgefallen.

„Das lässt sich behandeln“, hat Karin gesagt.

„Du musst das übernehmen. Das ist Deine Aufgabe.“

Ich dachte erst, die Zwei haben sich zu sehr auf ihre Gummispielzeuge eingeschossen. Aber irgendwie haben sie recht. Joana wirkt jetzt ruhiger rund ziemlich ausgeglichen. Sie steckt selbst das Dilemma mit unserem Vater gut weg.

Die Nacht geht schnell vorbei und wir bereiten uns auf den Besuch der Treuhand in Karl-Marx-Stadt vor. Den Kaffee koche ich. Mutter ist etwas zu sparsam bei der Portionierung des gemahlenen Kaffees. Wir haben ihr extra einen Löffel mit dem DDR Kaffeemaß besorgt. Den nutzt sie aus innerer Sturheit nicht. Eine große Familie benötigt das eigene Maß. Joana rennt schnell zum Bäcker in der Nachbarschaft.

Wir fahren wieder nach Karl-Marx-Stadt zu der Treuhand. Dort treffen wir endlich ein Mal Kollegen und Freunde von Betrieben, die bei uns oder bei unserer Familie, Betriebsfeiern abhielten.

Sie standen Schlange für den Erwerb ihrer Betriebe. Keiner von ihnen lächelte dabei. Die Besatzer bekamen die Werke geschenkt und sie sollten sie überteuert kaufen.

„Auf Dich wartet das gleiche Los“, sagt der Chef eines Vorrichtungsbaus. Er war ziemlich gut im Bilde.

„Wir werden jetzt zwei Mal geplündert. Erst ist das Werk weg und danach zahlen wir mit überhöhten Zinsen das Ganze noch einmal.“

Ich ahne nichts Gutes. Welchen Preis wollen die Besatzer für unser Eigentum, ist jetzt die Frage.

Fortsetzung folgt