Fortsetzung Tag 76


Fortsetzung Tag 76

Eigentlich backe ich zum Tiramisu meinen eigenen Biskuit. Die Chefin wollte das nicht. Ich soll den fertigen Keks nehmen. Ich weiche die Biscotti in Kaffee ein. Und mache mich an die Creme. Normal müsste ich jetzt Ei trennen, das Eiweiß steif schlagen und Mascarpone unterziehen. Es gibt aber auch Methoden, die zwar nicht billiger sind aber etwas gebräuchlicher. Und eine davon nutze ich jetzt. Sagen wir dazu, alpine Version des Tiramisu. Ich schlage einfach unsere frische Alpensahne mit einer Prise Salz, Zucker, Vanillie und Zitronenabrieb cremesteif, ziehe da die Mascarpone unter und schlage das zusammen steif. Jetzt fehlt nur noch ein oder zwei Eigelb, pasta gialla, ein winziger Schuss Rum und schon steht vor mir ein Tiramisu-Männchen. Obwohl; jetzt, verspritzt in ein Schale, ähnelt die Form eher einem alpinen Tiramisu-Weibchen mit kräftigen Hüften. Fast wie eine Matroschka. Man könnte fast meinen, unsere russischen Freunde hätten das Dessert erfunden. Bei denen nennt sich das Sotschniki. Und dieser Biskuit wird selbst gebacken, nicht gekauft. Vielleicht haben es unsere Venezianischen Freunde von der Krim mitgebracht. Mr rinnt die Zeit weg bei meinen philosophischen Ausflügen.

Jetzt kommt der Salat dran und bei der Gelegenheit wasche und schneide ich auch gleich meine Zucchini zum Grillen mit. Zur Garnitur grille ich zwei Tomatenviertel mit. Unsere Arbeiter werden sich freuen.

Die Salate sind fertig, das Dessert auch, die Zucchini auch und die Suppe….schmeckt. Ein Wunder. Die Chefin kommt und sagt mir, ich hätte die Pasta vergessen. Das stimmt, muss ich feststellen. Da bleibt jetzt nur eine schnelle Napoli und der Hausfrieden ist wieder hergestellt. Die Chefin hat mir das Menü diktiert. Aber, ich darf nicht streiten, hat Joana gesagt. „Halt Dein Maul.“

Aber, das scheint in meinem Handwerk nichts zu bringen. Kochen muss ich es trotzdem und das unter besonderem Druck. Bei Zimmermädchen ist das etwas anders.

Die Hühnerbrustschnitzel schneide ich etwas kleiner und verarbeite sie als Fried Chicken. Die Chefin guckt erst etwas überrascht, ist aber nach einer Probe begeistert. Hoffentlich will sie jetzt keinen Sex. Köche sind heiß begehrt als Haussklaven. Sie sind selten zu Hause und wenn, dann müssen sie kochen. Für den Sex sind sie ja nicht da. Das machen dann Andere.

Das Mittag läuft gut. Ich bekomme zwei Besuche in der Küche, die mir ein Bier ausgeben wollen. Zu Mittag. Warum nicht zum Frühstück? Andere Länder, gleiche Sitten. „Bist Du der Ersatzmann?“ Jetzt kommt es raus. Also doch. Naja. Wenn es gut bezahlt wird, warum nicht. Gunda, den Namen der Chefin erfahre ich gleich mit, verschwindet erst mal kurz.

Die Gäste sind draußen, das Mittag beendet und Gunda bestätigt mir das. Am Montag kommt Fausto, der Koch wieder. Man hätte sich gestritten. Das ist eigentlich schon wieder gelogen. Vielleicht sind nur ein paar freie Tage offen oder Fausto hatte einen Familienanlass. Dem Ansuchen von Angestellten, kommen Südtiroler Unternehmer nur schwer entgegen. Man muss sozusagen, jedes Mal mit einer Kündigung drohen.

„Wenn ich einer Ersatz brauche, habe ich zu viel bürokratischen Kram zu erledigen.“

„Sie sind aber Bestandteil und Förderer dieser Bürokratie“, sag ich zu Ihr.

„Wieso? Das ist ein Witz!“

„Wenn ein Gastarbeiter aus Osteuropa zu Hause einen Trauerfall hat und drei Tage frei haben möchte, verlangen Sie von ihm die amtlich beglaubigte Sterbeurkunde. Damit sind Sie Bestandteil und Förderer der Bürokratie.“

„Oh ja. Sie haben wahrscheinlich Recht. Aber wir bekommen die Fehltage nicht bezahlt.“

„Sind Sie der Unternehmer oder das Amt? Wenn Sie frei machen, bekommen Sie das auch nicht bezahlt. Oder doch?“

Für mich sind das Alles, Schutzbehauptungen. Grobe Unwissenheit will ich mal Keinem unterstellen. Und übertriebene Ehrlichkeit schon gar nicht.

Zur Mittagsruhe ist wieder Fernsehen angesagt. Ich stelle mir einen Film an, bei dem ich gut einschlafen kann. „Das Fenster zum Hof.“ Mein Fenster wird schnell dunkel.

Meine vier Wecker melden sich. Jetzt bräuchte ich auch vier Hände, um die Geräusche abzustellen.

Zum Abendgeschäft das Gleiche wie gestern. Ich komme mir vor wie Ostern. Eier, Eier, Eier. Ein Speckbrett für Vier. „Na endlich mal etwas zu Essen.“ Ich huste nach der Bemerkung. Gunda lacht. „Vergess die Sauren Zwiebeln nicht!“

Das hätte ich tatsächlich vergessen. Leider wird das in vielen Restaurants nicht mehr dazu gegeben. Eine Tradition schläft eben langsam ein, wenn man es nicht selbst tut.

Zum Feierabend begleitet mich Gunda an die Tür. Sie will sehen und hören, wie mein Moto klingt und wie ich drauf hänge.

Zu Hause wechsele ich das Fahrzeug, trinke schnell noch einen Kaffee und begebe mich in Richtung Reschen. Es ist Alles frei bis Nauders. Ich komme nach fünfundvierzig Minute Oben an. Das riecht nach einem Rekord. Dursun oder Alfred stehen nicht vor der Tür. Aber im Foyer.

„Ein seltener Gast“, ruft Alfred. Ich war nur einen Tag weg und schon vermisst er mich.

„Alles gut“, fragt Dursun.

„Ja, bis morgen oder Sonntag.“

„Und. Hast Du schon wieder Termine?“

„Ja. In Schenna.“

„Also, noch weiter weg.“

„Es gäbe vielleicht noch Etwas in Prad. Aber da muss ich erst noch mal anrufen.“

„Du bist ein viel beschäftigter Mann“, scherzt Alfred. „Dein Essen steht schon Oben. Gute Nacht.“

Joana schläft schon. Bei der Arbeit, kein Wunder. Nach meiner Toilette ist sie wach und hat mir einen Kaffee eingegossen. Wir reden noch etwas.

„Heute wäre eigentlich mal bissl Sex dran“, sag ich zu Joana. „Den hatte ich schon“, scherzt sie zurück.

Tag 58


Tag 58

Joanas Wecker klingelt. Ich hör ihn und setze uns den Kaffee an, während Joana im Bad ist. Ich habe heute frei. Nicht mit Joana zusammen. Der eine gemeinsame Tag wird uns genommen. In der aktuellen Beschäftigung ist es nicht möglich, zusammen, frei zu nehmen. Das ist sozusagen, das Maximum an Entfremdung. Weg von der Heimat. Weg von den Eltern. Weg von den Geschwistern. Weg von den Kindern. Weg von den Freunden und dann noch, weg vom Ehepartner. Hoch lebe der Kapitalismus nebst den kriminellen Plünderern und Besatzern der DDR.

Zu was nutze ich heute den freien Tag? Ganz einfach. Zur Arbeitssuche. Ich muss ja nicht zum Doktor, auch nicht auf das Arbeitsamt oder gar zur Steuerabrechnung ins Patronat. Ich stelle mir gerade vor, ich müsste das Alles erledigen. An einem freien Tag. Der normale Saisonkoch hat neben seinem täglichen Doppeldienst, nur diesen einen freien Tag, seine privaten Dinge zu regeln. Dazu zählt auch der Einkauf von dringend benötigtem Material. Es wirklich wenige Leute, die annähernd nachvollziehen können, was das bedeutet. Eine Mangelwirtschaft kann dabei nicht entstehen. Selbst wenn wir das Geld hätten, wir können es nicht ausgeben. Schon gar nicht für unser Vergnügen. Damit ist dann schon teilweise erklärt, warum bei uns in Südtirol, Busgelder zehn mal höher sind als anderswo.

Wenn ich den Leuten keine Zeit lasse, das Geld selbst für Erholung auszugeben, hole ich es eben mit der Polizei. Der Trick ist ganz einfach gestrickt. Ich verknappe die Freizeit und zwinge damit meine Bevölkerung, Arbeitswege besonders zügig zu gestalten.

Joana geht runter auf Arbeit und ich lege mich wieder hin. „Hauptsach, mir san gsund und de Woiber ham ne Oarbeit“, würde jetzt ein Tiroler sagen.

Nach einer Stunde wecke ich wieder auf. Ich schalte den Laptop ein und suche eine Arbeit. Genauso gut könnte ich ein Märchenbuch lesen. Für die eiskalte Ausbeutung wird selbst der Himmel versprochen. Zumindest, die erste Woche nach Dienstantritt, auch eingehalten. Danach wird es schnell dunkel.

Die Stelle, auf der ich mich beworben habe, wird immer noch angeboten. Ich schicke ihnen meine Email-Adresse. Etwas Hoffnung brauche ich auch. Dazu gibt es eine Stelle ganz in unserer Nähe. Eine Neueröffnung. Das hat sich mittlerweile zu einem Spezialgebiet für mich entwickelt. Ich bewerbe mich auf allen Stellen. Wir brauchen das Geld. Koste es, was es wolle. Kilometer spielen keine Rolle mehr. Ich weiß nur noch nicht,wie ich das mit den Vorstellungsterminen regele. Heute habe ich etwa zwanzig Bewerbungen weggeschickt.

Ich gehe runter zu Marlies. Dursun ist nicht da, aber Marco. Marco kocht heute ein Galamenü. Das geht heute gut. Das Haus ist nur halb belegt. Alfred kommt zu uns. Er hat etwas schlechte Laune. Wegen der schwachen Belegung, schätze ich. „Nur Streit bei den Abreisen. Geplatzte Schecks und Kreditkartenzahlungen und so weiter“, murrt er. Alfred zählt für mich nicht zu den Leuten, die sich vor ihrem Personal ausheulen. Es muss besonders schlimm sein in diesem Jahr. Bei dem Galamenü gab es etwas Streit. Ursprünglich war das Menü, Alfred etwas zu teuer. Marco hat es umgewandelt.

Heimisches Bullendörrfleisch auf Rucola zu Almkäsespänen

Kraftbrühe Royal

Mit Spinat gefüllter Palatschinken

Erdbeersorbet

Hirschroulade an Germknödel und Preiselbeerrotkohl

Bacio Mousse

„Du hast Dir viel vorgenommen heute, Marco“, sage ich zu ihm.

„Dursun macht die Palatschinken heute.“

„Dann is ja gut.“

Ich gehe wieder hinauf und lege mich hin. Irgendwie bin ich müde. Im Fernsehen kommt eh Nichts. Und einen Film anschauen, will ich auch nicht.

Im Foyer fängt mich Alfred ab. Er fragt mich, ob ich mit ihm eine Runde Billard spiele. Manchmal spielt er es mit Dursun. Der hat aber keine Zeit. Er braucht etwas Abwechslung, sagt er mir.

Der Billardraum ist sehr schön und gut gepflegt.

„Ist der für Gäste“, frag ich ihn.

„Ich lasse nicht Jeden rein.“

Es ist ein Poolbillard. Ich erzähle Alfred von unserem Billard zu Hause.

„Mit Kegeln spielt ihr? Das ist sicher interessant.“

Alfred spielt ausgesprochen gut und setzt sich auch sehr gut die Folgestände. Ich verliere. Poolbillard habe ich leider viel zu wenig gespielt, um es so zu beherrschen wie Alfred. Er gibt mir trotzdem Komplimente. Nach einer und einer halben Stunde kommt Margret und holt Alfred ab. Er würde jetzt gebraucht. Dem Gesicht von Margret nach zu urteilen, gibt es wieder Ärger mit Gästen. Die Ruhephasen in der Saison sind einfach zu kurz. Für Gastgeber und deren Angestellte. Das wird häufig schamlos ausgenutzt. Auch in diesem Fall, wie ich unbeabsichtigt mithöre. Ein aufgetakeltes Paar hätte seine Freunde mitgebracht und empfohlen und fordert jetzt sechzig Prozent Rabatt. Alfred hatte das wahrscheinlich irgendwann mal angeboten. Alfred gibt nicht nach. „Das war mal eine Sommerwerbeaktion. Sie können gerne bis Sommer bleiben. Bis dahin gelten aber unsere Winter- und Frühjahrspreise.“

Der Mann winkt ab und will gehen. Sie gibt nicht nach. Jetzt bekommt ihre Stimme einen Klang, der locker Tapeten abrollen lässt. Ich frage mich, ob die zu Hause noch Gläser haben, die nicht zersprungen sind. Alfred geht zum Telefon, nimmt den Hörer ab und legt ihn ans Ohr. Mit einem Schlag wird die Furie ruhig. Sie geht.

„Das is ne gute Methode“ sag ich zu Alfred. Er lacht.

„Die haben sich zu jedem Buffet die Taschen voll gesteckt. Deren Angehörige schlafen in einer Frühstückspension. Die gehört zufälligerweise unserer Familie. Herbert, mein Bruder, hat unsere Lebensmittel bei ihnen auf dem Zimmer in seiner Pension gesehen. Die essen aber bei uns nicht mit.“

Herbert kümmert sich um das Vieh der Familie und vermietet auch ein paar Zimmer. Die Hotelgäste tragen Bestandteile des Buffets zu ihren Angehörigen in den anderen Unterkünften. Vor allem, die Angebote des Frühstück – und Jausenbuffets. Und die regen sich über Ausländer auf.

Ich gehe die Treppe hinauf. Den Fahrstuhl meide ich bewusst. Um die Zeit fahren die Zimmermädchen viel mit dem Fahrstuhl. Ich will nicht, dass sie unnötig warten müssen. Das Treppenhaus sieht aus wie ein Saustall. Überall liegen die Verpackungen des Betthupferls rum. Offensichtlich ist diesen Gästen auch der Weg zum Mülleimer zu viel. Deren Wohnungen möchte ich weder sehen noch riechen. Kein Wunder, dass unsere Hoteliers, alle drei oder vier Jahre, die Zimmer neu einrichten müssen.

Ich leg mich Oben wieder hin. Joana weckt mich, wenn sie Feierabend hat.

Kurz nach Mittag weckt sie mich. Wir überlegen, was wir aus dem angebrochenem Tag noch machen können. An der Tür klopft es. Mira steht davor. Sie fühlt sich allein und möchte sich etwas unterhalten. Ich glaube fast, so wie sie angezogen ist, sucht sie etwas Anderes. Es dauert nicht lange und die Vermutung wird bestätigt.

„Wie lange bist Du schon von zu Hause weg?“, frage ich sie.

„Zwei Jahre.“

„Was! Am Stück?“

„ Ich hatte kein Geld, um nach Hause zu fahren.“

„Hast Du keinen Freund zu Hause oder hier?“

„Schon. Freundinnen. Aber ich möchte auch mal Etwas aus Italien hören.“

„Alia ist Eure Masseuse. Besuchst Du sie oft?“

„Immer öfter in letzter Zeit.“ Sie wird rot dabei. Ich habe mich verspekuliert. Sie will keinen Sex. Sie ist in ihrer Freizeit wahrscheinlich immer so locker angezogen. Sie erzählt uns von ihrer Heimat, Tatvan. Das scheint eine schöne Gegend zu sein. Sie hat extremes Heimweh.

„Alia ist meine Freundin. Sie kommt aus Van. Wir waren schon auf der gleichen Mädchenschule.“

„Also, seid Ihr zusammen gekommen?“

„Wir wollten etwas Geld verdienen und auch weg von dem Umfeld.“

Ich frage sie diesbezüglich nicht näher aus. Im Grunde ähneln sich unsere Lebensläufe. Sie bestätigt das auch. Joana hat uns etwas Glühwein gemacht.

Alia klopft an unsere Tür. Sie hat ein paar Kekse und Pralinen mit. Ich habe nie gedacht, dass ich so einen wunderschönen Abend mit unseren Kollegen erleben darf. So ein Abend hat für uns das Zeug, einen ganzen Urlaub zu ersetzen.