Fortsetzung Tag 84


Das Essen reicht. Ich habe genug gekocht; auch für die Nachtschicht. Alle Mitarbeiter, Gäste und Kunden wünschen mir ein schönes Wochenende. Das ist weiß Gott, das erste Mal in meinen Ohren , solch einen Wunsch vernehmen zu dürfen. Gleich vor der Haustür bekomme ich bewiesen, was dieser Wunsch wert ist. Stau, Unfälle an jeder Ecke, Streit und sture Verkehrsteilnehmer. An jeder Mautstation, Stau, überall Schlangen frustrierte Autolenker. „Schönes Wochenende!“ Das klingt in meinen Ohren schon nach den ersten dreißig Kilometern wie eine Drohung.

Der einzige Vorteil unseres Berufes lässt sich fast schon in einem Satz beschreiben. Früh und Nachts, bleibt uns der Stau samt Streit auf unseren Arbeitswegen erspart. Es ist dunkel auf dem Weg zur Arbeit und dunkel, wenn wir nach Hause kommen. Die wenigen Sonnenstunden, die wir bekommen, müssen wir wenigstens nur mit Haarausfall, Zahnausfall und Hautschäden bezahlen. Die Viren und Bakterien unserer Mitbürger, bleiben uns erspart. Die bekommt der Abspüler. Deswegen sind unsere Abspüler auch wirklich die Härtesten. Unsere Abspüler sind selten krank. Und wenn, dann darf ich davon ausgehen, er simuliert. Bei dieser extrem harten, weit unterbezahlten Arbeit ist das schon ein Menschenrecht.

Freitags durch den Vinschgau zu fahren, ginge mit dem Einkaufswagen schneller als mit dem Auto. Ich überlege, ob ich nicht zu Hause umsteige und mit dem Motorrad nach Nauders fahre. Immerhin wäre ich der Erste, der in diesem Jahr den Reschen mit dem Motorrad überquert. Vermute ich. Ich habe schon genug Motorradfahrer im Winter getroffen. Meist jedoch bei uns im Unterland oder am Garda. Selten auf den Pässen. Auf alle Fälle, brächte mir das eine Art Bewunderung ein, wenn ich nach Nauders mit dem Moto fahre.

Gedacht, getan. Ich ziehe die Winterkombi an und mache mich auf den Weg. Paula winkt mir zu. Durch ihr Fenster. Sie hat ans Fenster geklopft und ich konnte es noch hören.

Im Februar, die erste Fahrt mit dem Motorrad auf den Reschen. Links und Rechts liegt noch Schnee da Oben. Aber die Straße ist frei. Ich fahre nicht das erste Mal mit dem Motorrad durch Schnee. Auf der Seiser Alm hat es mich im Mai damit erwischt. Auch im Ultental durfte ich bei Schnee nach Hause fahre. Dort war das besonders heikel. Im Eggental bin ich bei zwanzig Zentimeter Neuschnee mit dem Motorrad zur und von der Arbeit gefahren. Hinter mir fuhren begeisterte italienische Touristen, die applaudierend hupten und Lichtsignale gaben. Im Eggental habe ich damals die neuen Motorrad Winterreifen getestet. Es waren türkische. Wunderbar. Ich hätte nie gedacht, unsere türkischen Freunde würden solche Winterreifen herstellen. Für diese Größe waren sie verfügbar. Für mein neues Motorrad nicht. Schade. Ganzjahresfahrer kennen die wetterbedingten Tücken. Und die zu meistern, ist fast schon die Krönung unserer Leidenschaft. Und da soll Einer sagen, Köche würden wegen ihrer Arbeitszeit keine Abenteuer erleben.

Die Fahrt auf den Reschen ist eine reine Slalomfahrt. Stellenweise sind die Straßen feucht. Um die Spritzer auf das Visier zu vermeiden, muss ich etwas Abstand nehmen. Die Spritzer sind vom Salzwasser. Das Visier wird umgehend blind beim Trocknen im Fahrtwind. Und schon geht die alte Leier mit dem Spritzschutz wieder los. Diese Millionärsdroschken haben keinen Spritzschutz.

Mit Millionären meine ich die Schulden dieser Protzer. Und auf die bin ich sicher nicht neidig.

Dursun vor dem Hotel traut seinen Augen nicht. Er läuft aufgeregt ins Foyer und holt Alfred raus. Alfred schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Er hat Tränen in den Augen, darf ich nach dem Absteigen feststellen.

„Ich bin früher auch so gefahren wie Du. Bei jedem Wetter.“

„Naja. Hier auf dem Reschen warst Du ja fast gezwungen dazu.“

„Im Mai, Juni. Im August und im September. Wir hatten oft Schnee, als ich von meinen Ausflügen zurück kam.“

„Du kannst ja morgen mal probieren, ob Du das noch beherrschst.“

„Zu gerne. Ich habe aber Angst, Dir einen Schaden ran zu fahren. Das Ding ist doch neu.“

„So neu nun auch nicht. Ich fahre im Jahr sechzig bis siebzig Tausend Kilometer.“

„So viel? Da bist Du ja Südtirolmeister.“

„Naja. In Deutschland ist ein Motorrad mit dem Kilometerstand schon das dritte Mal verkauft. Bei uns fahren die Arbeiter im Unterland und Bozen, ganzjährig. Auch mit ihren Scootern.“

„Die Roller haben ja auch einen feinen Spritzschutz.“

„Auf dem Roller habe ich mehr abbekommen als auf dem Motorrad.“

„Wirklich. Ich habe noch einen und fahr den manchmal.“

„Die Verkleidung erzeugt diverse Strömungen und Strudel, die der Fahrer alle abbekommt. Und das oft noch konzentriert. Auf dem Moto habe ich das nicht.“

„Kaum zu glauben. Du musst das wissen.“

Marco steht in der Küche und fängt gleich an zu träumen. „Mit dem Moto! Meins steht zu Hause.“

Ich spüre richtig, wie ihm die Finger jucken.

„Für drei, vier Involtini kannst de mal ne Rnde drehen. Das ist ein Scherz.“

„Morgen.“

„Gut. Morgen. Wenn das Wetter gut ist.“

„Dein Essen ist schon Oben. Du hast fast Recht mit Deinen Involtini.“

„Danke. Wenn Du mich abends brauchst, rufe an.“

„Bis dann!“

Joana ist schon Oben, trotz Freitag.
„Morgen ist großer Wechsel.“

„Ich dachte, den gibt es nicht mehr. Die wechseln doch jetzt jeden Tag groß.“

„Leider.“

Wir essen. Marco hat eine Fleischrolle gekocht. Das ist eine große Roulade. Vom Alpenrind, abgeschmeckt wie Involtini oder Roulade und in Rotwein geschmort. Ein Genuss.

Wir schauen noch ein paar Filme. Columbo. Ein faszinierender Schauspieler, der Peter Falk. Ich glaube, seine Filme kann man ein Leben lang anschauen.

Tag 82


Tag 82

(mittwoch)

Gestern bat ich Joana, mich mit zu wecken wenn sie aufsteht. Heute tut sie das und wir können wieder Mal zusammen unseren ersten Kaffee trinken. Sie findet meinen Arbeitsweg etwas lang. Ich soll zu Hause übernachten, wenn ich in Bozen arbeite. Innerlich macht mich das krank. Nicht etwa vor Eifersucht. Ich brauche abends Jemand zum Reden. Joana braucht das auch. Wir sind in diesem Umfeld aufgewachsen in der DDR. Da gab es keinen Grund, schweremütig zu sein. Das erinnert mich an ein schönes Zitat aus Crocodile Dundee. Man erzählt seinen Kollegen oder Freunden etwas von dem, was einem bedrückt und schon weiß es der ganze Ort. Die Freunde und das Kollektiv reagieren unterschiedlich darauf und schon wächst die Chance, den Schweremut wirksam zu beseitigen. Das hat mir geholfen, ein Leben lang, lächelnd auf Arbeit zu kommen. Das Verhalten erfordert einen gewissen Grad an Naivität. Unter Freunden und echten Kollegen dürfte das kein Problem sein. Das Problem entsteht erst, wenn sich keine Gelegenheit findet, Freundschaften aufzubauen.

Joana duftet heute, wie ein Abteil eines edlen Parfümladens. Sie sagt mir, sie hätte von einem Gast ein Sortiment Proben geschenkt bekommen. So als Trinkgeld. Ich frage sie, ob sie dafür sein Zimmer ohne Unterhosen geputzt hätte.

„Der Einfall ist nicht schlecht“, war die Antwort.

Wir gehen zusammen zu Marlies. Es klingt wie ein Witz, aber unser Kaffee steht schon da. Wer horcht an unserer Tür? Woher weiß Marlies, wann wir runterkommen.

Marlies hat offensichtlich den gleichen Hotelgast bedient. Sie duftet auch wie ein Rosenbeet. Sie bevorzugte eine andere Probe. Dursun und Alfred sind auch da. Alfred sieht etwas matt aus. Dursun scherzt und sagt, er sähe immer so aus, wenn wenig Gäste im Haus sind. Und schon sind wir bei der Behandlung von Schweremütigkeit.

Auf Alfreds Nachfrage, erzähle ich von Bozen. Er kennt den Betrieb. Ach den Chef. „Ein Trottel“, sagt er beiläufig. In den Hotelierskreisen kennt man sich länderübergreifend, scheint mir. Je weiter ich von einem Hotelier weg bin, desto ehrlicher wird die Meinung der Kollegen über ihn. Erstaunlich. Langsam aber sicher wird es Zeit, ein Portal der Saisonarbeiter aufzubauen, die dort ihre Arbeitgeber bewerten können. Da stünden sicher mehr Einsternebewertungen als auf diversen Hotelbewertungen diverser Reiseportale. Und die wären sicher wahrer als jene bei den Hotelbewertungen der Reiseportale. Das setzt natürlich eine Mitgliedschaft voraus. Ich stelle mir gerade vor, wie viele arbeitslose Anwälte bei so einem öffentlichen Portal, eine Beschäftigung fänden. Unterdrückung beginnt mit der Zerschlagung von Geschlossenheit. Dabei sollte dem Arbeiter klar sein, dass alle Unterdrücker, geschlossen agieren. Auch, wenn es Einem so, nicht besonders auffällt. Die Leute eint eine oder mehrere Charaktereigenschaften.

Alfred tröstet mich und sagt: „Such weiter. Es ist bald Sommersaison. So, hast Du auch ein kleines Auskommen.“ Der Trost tat gut. Ich dränge etwas. Eigentlich wollte ich gegen Acht da sein. Neun würde auch reichen. Aber, am ersten Tag…soll es eher etwas überpünktlich sein.

Marlies drückt mir eine Semmel in die Hand. Mit Speckfett. Hierzulande nennt sich das wohl Grammelschmalz. „Wir haben auch frisches Gehackertes gemacht. Willst Du das auch mal probieren?“ Gehackertes ist praktisch geräucherte Bratwurst ohne Darm. Mancherorts wird das mit Darm auch als Knacker verkauft. In Sachsen zum Beispiel. Luftgetrocknet ist das eine Kaminwurzen.

Eigentlich bin ich nicht unbedingt für Frühstück. Und schon gar nicht in der Dimension. Ich kann mir das aber für abends aufheben. Vor allem, wenn ich nicht mehr nach Nauders komme nach dem Dienst.

Die Fahrt heute wird ein Klacks. Auf der Hauptstraße ist kaum Verkehr. Und das bleibt bis Schlanders so. Ich sehe auch kaum Schwerverkehr. Mittwoch scheint sich als Umwelttag in Südtirol zu etablieren. Immerhin richtet ein Lastkraftwagen, Umweltschäden für zehntausend normale Personenkraftwagen an. SUV‘s sind davon ausgenommen. Ein Idiot in so einem Panzer richtet mehr Schaden an als ein professioneller Lastwagenfahrer mit einem großzügigen Zeitfenster. Die sind leider knapp. Genau in dem Augenblick begegne ich einem Mila Lastwagen. Ein Genuss. Das sind die Einzigen, die Rechts fahren können in Südtirol. Jedes Mal, wenn ich so einem Lastwagen begegne, zuckt mir die Hand für einen Gruß und ein Dankeschön. Tankwagen erfordern ein besonderes Geschick. Die Jungs fahren eine Flüssigkeit. Unsereiner hat schon Probleme, zu Zweit einen gut gefüllten Topf zu transportieren. Nun stellen Sie sich vor, das tausendfache Volumen bewegt sich in ihrem Kofferraum und in Ihrem Anhänger. Erst dann können Sie wirklich einschätzen, was diese Jungs beherrschen. Stellen Sie sich vor, Sie machen eine starke Bremsung und die zehntausend Liter drücken an Ihrem Sitz unmittelbar nach der Bremsung. Sie würden staunen, was sich Alles aus Ihrem Darm zu befreien versucht. In Sibirien war ich sehr oft mit solchen Lastwagen unterwegs. Ich hatte jedes Mal Krämpfe in meinen Händen. Vom Ankrallen an allen möglichen Griffen, die zu dem Zeitpunkt erreichbar waren.

Kurz vor der Töll in Partschins, bildete sich ein Stau. Ich weiß nicht warum. Meines Erachtens, gibt es dort immer Stau am frühen Morgen. Ein Nadelöhr. Ich habe das Fahrzeug getauscht und bin mit meinem Motorrad unterwegs. Ich kann mich gut durchdrängen.

Ich denke an die Zeit zurück, als wir dort noch die Serpentinen in Richtung Forst fuhren. Fast jeden Morgen gab es Stau wegen eines Unfalles. Ich möchte jetzt nicht die vielen Krüppel zählen, die allein an dieser Stelle zu beklagen waren. Das Motorrad war für mich das einzige Fahrzeug, bei dem ich dort die Chance hatte, gesund durch zu kommen. Geschnittene Kurven und mangelnder Rechtsverkehr, waren nicht selten Ursache sehr böser Unfälle mit erheblichen Schäden. In Touristensaisonen war diese Straße lebensbedrohlich.

Ich komme flüssig durch mit knapp zehn Minuten Zeitverlust.

Auf der MEBO fährt unser Arbeiterverkehr recht flüssig, auch etwas schneller als vorgeschrieben. Ich denke, das ist so geduldet und vielleicht sogar erwünscht. In Bozen mache ich schnell die Bekanntschaft von echtem Zeitverlust. Wer durch die Stadt muss der Arbeit wegen, verliert pro Tag sicher eine Stunde. Bei vier Arbeitswegen, doppelt so viel. Mit dem Zweirad hat man wenigstens die Chance, Lücken zu nutzen. Die Zweiradfahrer sind damit schon mal die pünktlichsten auf Arbeit.

Fortsetzung folgt

Fortsetzung Tag 71


Eine Kochuniform, etwas schöner als sonst, kostet in etwa einhundert Euro. Das Geld gibt uns Niemand zurück. Höchstens die Mehrwertsteuer, wenn sie anerkannt wird. Darauf verzichte ich auch noch. Ich lasse mir die Kochwäsche neuerdings aus China schicken. Die Genossen sorgen wenigstens für uns. Ich finde es eh lächerlich, sich als Koch eine Hygienebekleidung kaufen zu müssen. Andere wiederum, benutzen die Köche oder das Personal als Litfaßsäule und Reklametafel. Und ausgerechnet die, reden von Frauen- und Menschenrechten.

Ich fang mit den Knödeln an. Martin stänkert wieder rum. „Was sind das für Knödel?“

„Nach dem Dämpfen sind es Spitzenknödel. Tausende Kunden können sich nicht irren.“

Oja. Da hab ich was gesagt. Martin reißt die Kühlschranktür auf. Die fliegt ihm gleich entgegen. Sepp hat das gehört. Er kommt rein und hält sich das Gesicht zu. „Mein Kühlschrank. Der hat zwanzig Jahre gehalten.“

Naja. Dann hat er seine Abschreibung schon zwei Mal verdient. Und da soll Einer sagen, der Westkram wäre billiger Schutt.

„Der Kühlschrank kommt von Euch drüben“, sagt Sepp. Jetzt bleibt mir die Spucke weg. Das Zeichen hätte mir auffallen sollen. Scharfensteiner Kühlschränke. Die Griffe, das Innenleben, alles bekannte Dinge. Tausend mal in der Hand gehabt und nicht wieder erkannt. Ausgerechnet ein Südtiroler Opa lobt den Kühlschrank.

„Den hab ich gebraucht gekauft. Der ist fast fünfzig Jahre alt. Das ist noch richtige Qualität.“

„Nur bei den Knödeln will es Martin nicht begreifen.“

„Deine Knödel hab ich probiert. Die san guat.“

„Danke, Sepp.“ Marin schaut Sepp finster an.

Ich gerate wieder zwischen zwei Fronten. Das tut mir leid. Das Opfer werde ich sein. Ich kenne das aus anderen Betrieben. Da wird gemobbt, bis ich abhaue.

„Martin. Zur Mittagsruhe muss ich nach Hafling nauf. Kann ich ne halbe Stunde eher aufbrechen?“

Die Frage wirkte wie ein Giftpfeil.

„Was willst Du in Hafling.“

„Ich habe Freunde dort Oben, die ich sehr lange nicht gesehen habe.“

Martin verfolgt mich mit den Augen. Er ist skeptisch.

Nach den Knödeln kümmere ich mich um den Salat. Der Krautsalat vom Vortag ist komplett verbraucht. Ich staune. Das war eine Kiste Weißkohl. In einer Kiste sind sechs Köpfe. Im Kühlraum steht schon der erste Spitzkohl. Frisch aus Italien. Der Spitzkohl ist das zarteste Weißkraut. Ein Hochgenuss. Die italienischen Bauern wissen einfach, was gut ist. Der frische Spitzkohl verliert beim Anmachen natürlich etwas mehr von seinem Volumen. Der fällt fast so zusammen, wie ein mürber Eisbergsalat.

Zum Mittagsgeschäft darf ich die Beilagen und die Vorspeisen anrichten. Der Witz ist, Martin lässt mich die Beilagen von den Hautgängen anrichten. Dazu soll ich die Vorspeisen, Salate und kalten Speisen machen. Natürlich kommt es da zu Überschneidungen. Und das wirkt verzögernd. Ich frage ihn, ob er nicht die Hauptspeisen komplett selbst anrichten möchte. In Küchen, in denen es einen extra Vorspeisenkoch gibt, ist ja die Vorgehensweise von Martin angebracht. Nur; wir haben das nicht und sind nur zu Zweit. Martin akzeptiert das. Mürrisch. Mit dem Lob von Agathe, welches sie von Draußen mitbrachte für die Knödel, wurde Martin leider schon sehr zeitig in eine Art, Wut versetzt. Ich spürte, wie das in ihm arbeitet und gurgelt. Ganz nebenbei kommt zum Mittagstisch, Sepp mit dem Werkzeug, um den Kühlschrank zu reparieren. „Das geht bei dem recht leicht“, sagt er zu mir.

„Ruhe!“, ruft Martin. Das war ziemlich laut. Nicht geschrien. Ich dachte, Sepp kriecht jetzt gleich in den Kühlschrank. So hat der sich verduckt. Selbst Julia kommt eilig in die Küche gestürmt. „Non sta succedendo niente“, sagt Martin. Er glaubt, ich verstehe das nicht.

Gut. Das Mittag war lahm. Es kamen keine dreißig Gäste. Wobei festzuhalten bleibt, dreißig Gäste bei den Preisen, sind eigentlich genug. Wenn dabei etwas Alkohol getrunken wird, wirkt schon eine fünfzehnprozentige Subvention in Italien. Und das scheint mir genug. Im Vergleich, müssen deutsche Gastwirte ihre Leistungen mit dem Höchstsatz abrechnen. Und das macht schon mal ein Viertel des Preises.

Ich verabschiede mich nach der Reinigung und deute an, es könnte etwas später werden bei zähem Verkehr. Immerhin habe ich fünfzig Kilometer pro Weg zu fahren. Und das kann in Südtirol schon zu einer Geduldsprobe werden. Bei fließendem Verkehr rechen ich eine Stunde pro Weg. Leider muss ich aber durch Außenbezirke von Meran. Um diese Zeit.

Das Schnalstal herunter ist flüssiger Verkehr. Nicht zu schnell. Es sind Touristen dabei. Ich flehe schon fast, keinem Bus folgen zu müssen. Dann ist schnell eine und eine halbe Stunde fällig. Termine und Zeitdruck sind in den Alpen die Gründe für böse Unfälle. Und das würde mir gerade noch fehlen. Bis Sinich geht es ja recht zügig. Ab Sinich ist Stau in Richtung Meran. Das fehlt gerade noch. Auf der Stadteinfahrt sind einfach zu viele Ampeln. In Kreisverkehren rumpelt es zwar ziemlich oft, dafür läuft es aber flüssiger.

Die Ausfahrt in Richtung Schenna und Hafling erlöst mich fast von dem Stau. Jetzt geht es flüssig von Statten. Einzig, im letzten Kreisverkehr Merans, in Obermais, staut es etwas. Den Termin in Meran habe ich nach dem von Hafling angesetzt.

Die Auffahrt nach Hafling ist stellenweise ziemlich vereist. Vorschriftsmäßig Rechts zu fahren, kann dort in einem Verhängnis enden. Auf der relativ schmalen Straße, die Fahrt mittig zu probieren, ist aber gefährlicher. Zumindest für die Außenspiegel. Und die liegen auf dieser Straße zahlreich herum.

Oben angekommen, muss ich nicht lange suchen. Ich bin im Sommer ziemlich oft da Oben. Die Runde bis Mölten oder gar Bozen, fahre ich zu gern, wenn es Unten zu warm ist. Die Berge sind hervorragend geeignet, Köche nach einem Mittagsdienst etwas abzukühlen. Die Schwellungen der Beine, Füße und Arme kann der Koch auf die Art etwas abbauen. Für meine Joana und Zimmermädchen allgemein, ist das natürlich auch gut. Vor allem, wenn sie in extrem heißen Waschküchen arbeiten müssen. Die Bürokraten, welche uns das Motorradfahren verbieten wollen, würden das keine fünf Minuten aushalten. Für die ist Fahrradfahren das Beste. Neben der Bewegung, kommt so wenigstens etwas frische Luft an die vernebelten Gehirne.

Das Hotel hat geöffnet. Ich treffe keinen einzigen Gast. Auch nicht im Hotelrestaurant. An der Rezeption sitzt ein schönes Mädchen. Sie fragt mich, was ich will. Ein slowakischer Dialekt ist heraus zu hören. „Sind Sie Tschechin?“ Das frage ich gern provozierend in Anspielung auf die Tschechoslowakei. Deutsche Politiker haben diese herrliche Republik gespalten. Mich würde nicht wundern, wenn Böhmen noch ein Land wird.

„Nein. Slowakin.“

„Ich suche die Chefin oder den Chef.“

„Der Chef ist noch in der Küche.“

Ich gehe hinein und er erkennt mich sofort.

„Du warst doch schon bei uns.“

„Aber sicher. Ich dachte, Ihr seid in Not und braucht einen Koch. Ihr habt mich auf Vorstellung eingeladen. Wie ich sehe, brauchst Du einen Koch.“

„Rede mit einer Frau.“

Da haben wir‘s wieder. Die Chefin ist eine Furie. Die hat Etwas gegen alte Köche. Sie will einen bestimmten Stil und kann es nicht selbst.

„Ich rede nicht mit ihr. Deine Antwort reicht mir.“

Bekomme ich wenigstens einen Kaffee für die Fahrt?“ Bei einem Kollege wage ich mir, so zu fragen.

„Ludmila wird Dir einen machen.“

„Das ist die Rezeptionistin?“

„Ja.“

„Du kochst heute Lamm?“

„Haste gerochen.“

„Nein. Gesehen.“ Er lacht.

„Was ist mit dem Lager an Fertigsuppen? Haste das weg bekommen?“

„Gerade so.“

Ich sehe die offene Tür ins Trockenlager. Etwas steht noch davon. Die Küche ist wirklich gut eingerichtet. Kein Koch würde sich das entgehen lassen. Für den lebhaften Personalwechsel muss also etwas Anders verantwortlich sein.

„Lebt der Papa und die Mama noch?“

Die Eltern sind sehr liebe, bodenständige Leute. Mit ihnen habe ich mich gut vertragen. Auch mit meinem Kollege, dem Chef.

„Die Zwei sind unten in Meran.“

„Wenn die Chefin nicht da ist, fahre ich wieder. Ich bin in der Zimmerstunde bei Euch.“

Ludmila kommt mit dem Kaffee. Der Chef hat Sahne da stehen. Ich frage ihn, ob er mir ein paar Tropfen gibt. Er lacht über meine Gewohnheit.

„Ich rufe, wenn Not am Mann ist.“

Ich lass ihm die Telefonnummer da und gehe.

Zum Glück war das ein kurzer Termin. Wer so Bewerber empfängt, sucht nicht wirklich. Die Familie sollte diese frauenähnliche Gestalt aus der Führung entfernen. Die ist zu teuer. Personalsuche ist ein Verlustgeschäft. Ich habe den Kollegen nicht gefragt, wie viele Kollegen er bis jetzt hatte seit unserer letzten Zusammenarbeit. Ich sehe ja die Anzeigen. Die Familie wäre gut beraten, sich von der örtlichen Zeitung gleich eine hauseigene Seite drucken zu lassen.

Auf der Abfahrt treffe ich die Furie in einem neuen SUV. Die Eltern sind mit drin. Mein Gott, tut mir der Mann leid. Er teilt das Schicksal vieler Kollegen. Die Männer sitzen in den Hotelbüros und Küchen, während deren Frauen beim Friseur und im Cafe tratschen. Das ist echte Südtiroler Arbeitsteilung.

In Meran muss ich durch die Stadt in Richtung Algund. Um die Zeit geht es.

Am Restaurant ist ein Parkplatz. Dort halte ich. Mir kommt gleich Einer entgegen und faucht mich an, der Parkplatz wäre nur für Gäste. Er wirkt besoffen und hat richtig glasige Augen.

„Ich muss zur Chefin.“ Wieder eine Chefin. Das wird viel Spaß geben.

Ich gehe rein und die Chefin steht hinter dem Tresen. „Guten Tag. Karl. Wir haben einen Termin.“

Sie geht mit mir an einen Tisch und fragt mich als Erstes: „Können Sie Südtiroler Küche.“

„Nein. Aber Sie werden mir das lernen. Zeigen Sie mir bitte mal die Karte und sagen Sie mir bitte, wie viele Gäste ich bei Ihnen zu bekochen habe.“

Sie weiß es nicht. Sie rätselt herum und macht wage Aussagen.

„Mittags haben wir ein paar Geschäftsleute und abends den üblichen Feierabendverkehr.“

Das ist eigentlich Aussage genug. Mir wäre natürlich eine geschätzte Zahl lieber, aber das reicht.

„Wie lange geht es abends?“

„Bis der Letzte geht. Die Küche bis Zehn.“

„Was bekomme ich als Lohn?“

„Zweitausend.“

„Offiziell oder gestaffelt?“

„Die Köche wollen nicht Alles offiziell.“

„Aber ich. Gilt dann der gleiche Satz?“

„Ich muss erst sehen, wie gut Sie sind.“

„Wann brauchen Sie den Koch?“

„In vierzehn Tagen.“

Wie scheint, hat der Vorgängerkoch gekündigt. Wir verabreden uns auf die vierzehn Tage. Sie möchte eine Probearbeit. Zur Probezeit. Das macht mich schon wieder skeptisch. Hier soll wahrscheinlich ein Kollege abgelöst oder für Urlaub, vertreten werden.

Wir verabschieden uns. Getränk gibt es keines. Von einer Südtiroler Chefin habe ich das auch nicht erwartet. Ich bin nicht ihr Friseur, Reit- oder Golflehrer. Ich bin nur der Koch, der ihr den Lebensunterhalt mit verdient.

Ich schaue auf die Uhr und er wird echt Zeit, sich ins Schnalstal zu begeben. Die Fahrt dahin ging recht flüssig. Mir kommen schon reichlich Skitouristen entgegen. Ich schätze, sie übernachten in Naturns. Die Autos im Gegenverkehr sind recht dicke Batzen. Die Mehrzahl kann diese Blechhaufen gut fahren.

Martin sehe ich von Parkplatz aus in der Küche stehen. Er gestikuliert irgend Etwas mit Sepp herum. Mir scheint, es geht um den Kühlschrank.

Das Restaurant ist gut besucht. Die Hotelgäste sind die Hauptkundschaft. Ein paar Einheimische stehen am Tresen bei Julia. Ein junge Frau kommt, in Tracht gekleidet. Sie geht mit mir hinein und stellt sich schüchtern vor mit Beate. Sie kommt aus der Nachbarschaft und hilft kurz beim Abendservice.

Martin hat soweit Alles vorbereitet. Nacharbeiten muss ich nichts. Zu dem Abendgeschäft hätte ich mir mehr Arbeit gewünscht. Es war fast schon langweilig. Die Hausgäste bestellten fast ausnahmslos Schnitzel. Keine Suppe, keine Vorspeise. Nichts. Der größte Teil ging mit Pommes. Röstkartoffeln wollte so gut wie Niemand. Ich frag mich, warum die nach Südtirol fahren. Pommes und Schnitzel gibt es an jeder Imbissbude zu Hause. Sogar von gleichen Fleisch und den gleichen Kartoffeln. Naja. Das Paniermehl ist von uns aus Südtirol. Das ist ja schon mal Etwas.

Martin entlässt mich etwas vorzeitig. Es ist einfach zu wenig zu tun. Das Restaurant ist auch extrem schnell leer. Die Touristen saufen jetzt auf den Zimmern weiter. Und genau das, bringt uns Gastronomen den größten Schaden. Gerade mit dieser Subvention verdienen wir die Raten für unsere Kredite.

Die Fahrt in Richtung Reschen ist eine ruhige um diese Zeit. Mir hat das irgendwie gefehlt. Ich genieße sie. Jetzt fällt mir ein, ich wollte Etwas mitbringen. Es ist mir entfallen.

Alfred steht noch an der Rezeption. Vor ihm stehen Touristen und fragen ihn Löcher in den Bauch. Er sieht etwas verzweifelt aus. Marco ist schon fertig. Die Küche glänzt. Dursun hat abgespült und den Boden geschrubbt.

„Joana hat Euer Essen schon mit rauf genommen.“

Ich hab sie schon Alle mit meinem Sächsisch angesteckt. Marco grinst etwas, wenn er das nachäfft.

Joana schläft schon. Nebenbei läuft ein Film auf dem Computer. Nach dem Duschen schaue ich, was es zu Essen gibt. Marco hat mir eine extrem dicke Scheibe Leberkäse gegrillt. Das reicht bis morgen Abend. Kaum habe ich das Essen drin, zieht es mir die Augen zu.

Fortsetzung Tag 70


Die dreihundert Canapes sind schnell abgeschnitten mit meinem Messer. Martin staunt. Er probiert gleich die Schärfe der Klinge. „Nicht schlecht“, sagt er. Auf die Canapes kommt das übliche Sortiment. Die Tür geht auf und Julia kommt mir einem Päckchen in der Hand. Sie war beim örtlichen Metzger. Blut-, Leberwurst und geräucherte frische Bratwürste sind drin. Kaminwurzen haben wir schon da. In einem Extrapäckchen ist Tatar. Jetzt, muss ich sagen, ist die Auswahl komplett. Den Tatar mache ich gleich an. Mit Zwiebel, etwas Essig, Öl, Salz und Pfeffer.

„Soll ich Eigelb mit dazu geben?“, frage ich Martin.
„Manchmal mache ich das. Aber heute tun wir keines rein.“

Die ersten belegten Brote sind fertig. Agathe kommt und bringt die ersten zwei Bretter nach Draußen. Die Bretter sind feinste Schnalser Handarbeit. Auch der Speck und die Bratwürste. Die Bratwürste werden erst geräuchert und dann zum Trocknen, aufgehangen. Ich erlaube mir, etwas von der Leber- und Blutwurst zu kosten. Sehr gut. Aber kein Sächsischer Geschmack. Auch kein Thüringer. Endlich bekomme ich mal Südtiroler Geschmack. Vorzüglich. Ich nehme mir vor, hier öfters meine Wurst zu kaufen. Ich fahre ziemlich oft mit dem Motorrad an den schönen Stausee oberhalb des Ortes. Auch manchmal bis Kurzras. In Kurzras sind mehrere Riesenparkplätze für Tagestouristen. Immerhin befindet sich dort eine Seilbahn zum Gletscher. Wir Zwei verdienen zu wenig, um uns dort eine Auffahrt leisten zu können. Aber unten, in Kurzras, kann man sehr schön, mit einem Kaffee in der Hand, die Murmeltiere beobachten. Die sind dort zahlreich vorhanden. Interessant zu beobachten ist auch die Campingliebe unserer italienischer Landsleute. Die stehen an guten Wochenenden, zu Hunderten auf den Parkplätzen.

Ich schneide bereits das achte Brett mit belegten Broten. Martin hat eigentlich noch einen Schopfbraten vorbereitet. Irgendwie habe ich den Eindruck, es sind mehr Trauergäste da als angekündigt. Offensichtlich kommt doch der ganze Ort. Nach dem Ableben versöhnt man sich gern.

Langsam aber sicher geht der Vorrat zur Neige. Belegte Brote legen wir keine nach. Wir gehen streng auf die Mittagszeit zu. Wenn das so weiter geht, sehe ich schwarz für den Hauptgang. Ich hoffe, Martin hat genug da. Zur Not können wir ja ein paar Kämme nachschieben. Martin reibt sie schon ein mit einer Gewürzmischung. Er scheint Schlimmstes zu ahnen.

„Kannst Du Südtiroler Speckknödel?“

„Ich denke schon.“

„Dann mach uns mal zweihundert Stück.“

Bei dem Hunger bezweifle ich langsam, zweihundert Knödel würden reichen.

Die Zwiebel mache ich gleich im Blender. Im Kutter, einen sehr guten, zerkleinere ich mit dem gezahnten Messer die Speckanschnitte. Ich gebe etwas Öl mit hinein. Die Speckanschnitte werden allgemein für Speckknödel benutzt. Die sind würziger, gut geräuchert und etwas fester. Als Aufschnitt sind sie weniger geeignet. Martin schaut mir genau zu. Ich habe den Eindruck, er beobachtet mich.

Das Knödeldrehen habe ich in Skibetrieben gelernt. Dort waren pro Tag gleich mal eintausend Stück fällig. Unsere italienischen Landsleute aus den Städten fahren gern auf die Berge zum Abkühlen. Im Winter sind sie immerhin begeisterte Skifahrer. Die italienischen Gäste sind in Südtirol angesehen. Sie konsumieren besser als die Gäste anderer Nationen. In der Schweiz ist das genau andersherum. Wenn das nicht an der Qualität der Gastronomie liegt, weiß ich nicht, an was sonst.

Jedenfalls bekomme ich in einen italienischen Gaumen, ganz schlecht eine Tütensuppe zum Gaststättenpreis. Unsere italienischen Gäste wissen Handarbeit und Frische zu schätzen.

Bei unseren Einheimischen ist das nicht viel anders. Zum Glück.

Für die Knödel brauche ich keine halbe Stunde. Martin ist mit der Art, wie ich sie drehe und herstelle, nicht ganz zufrieden. Er zeigt mir, wie er sie dreht. Ich stelle den Wasserhahn auf tropfend und drehe die Knödel in dessen Nähe her, während ich gelegentlich mit den Händen unter die Wassertropfen gehe. Martin nimmt sich eine Schüssel Wasser mit an den Arbeitsplatz und taucht die Hände gelegentlich rein. Dann beginnt er eine Drehprozedur, die mich fast an einen Tittenringkampf billiger Filme erinnert. „Die Knödel müssen rund sein.“

„Ja. Meine sind rund. Aber die extra runden Knödel gibt es von einer Südtiroler Firma fertig zu kaufen. Wir wollen doch Handarbeit zeigen und das auch beweisen.“

Der stört sich an meiner Knödelphilisophie. Er bekommt fast einen Nervenzusammenbruch. Andere haben mir in der Beziehung, Recht gegeben.

„Mach bitte die Knödel wie ich sie drehe.“

„Ja, Martin. Das geht aber nicht. Es sind meine Knödel, die ich mache. Wenn Du Deine Knödel willst, musst Du sie drehen. Ich kann unmöglich die gleichen Knödel drehen wie Du.“

„Das bereden wir morgen.“

Es muss wirklich nicht sein, in hektischen Momenten in einen handwerklichen Streit zu geraten. Ich gehe aber trotzdem scharf nachwaschen.

„Meine Knödel wurden mehrfach im Corriere und in Touristikzeitungen erwähnt. Ich rede noch nicht von unseren Altersheimen, Arbeitermensen und so weiter. Überall Komplimente. Ich fühle mich da von einer Mehrheit bestätigt.“

Dem Ausdruck seines Gesichtes nach zu urteilen, zählt das nicht. Während der Auseinandersetzung vergisst er fast seinen Schweinsschopf im Ofen. Der hat schon vor geraumer Zeit geläutet. Wenn unsere Südtiroler Gäste nicht das Pökelsalzwasser über den Teller laufen sehen, meinen sie, der Braten ist trocken.

Langsam kommt die Jausenzeit. Wieder belegte Brote. Wir servieren auch Frankfurter und Kaminwurzen. Es gibt schüsselweise Saure Gurken und Silberzwiebeln. Dazu gibt es Gugelhupf, Apfel- und Marillenkuchen. Jetzt frag ich mich langsam, was die Gäste abends essen wollen. Nichts. Abends ist kein Essen geplant. Martin sagt mir, ich solle die Küche etwas putzen und dann kann ich gehen. Das muss er mir nicht zwei Mal sagen.

„Morgen gleiche Zeit?“, frage ich.

„Ja. Tschüss.“

Die Heimfahrt entwickelt sich fast zu einem Trauerspiel. Es gibt Stau, Stau und Stau ohne Ende. Unsere Landsleute fahren in die Skigebiete. Der frühe Aufbruch bringt mir gar Nichts. Eher die Gefahr, in einen Unfall verwickelt zu werden. Die Fahrmanöver unserer Gäste sind mitunter furchterregend. Sie sind übermüdet.

Der Stau und zähfließende Verkehr begleitet mich bis auf den Reschen. Ich brauche fast drei Stunden bis zum See. An der Grenze stehen die Gendarmen aus Österreich und unsere Carabinieri. Es gibt Stichkontrollen. Der Gendarm winkt mich durch. Er kennt mich aus dem Hotel von Alfred.

Dursun und Alfred stehen vorm Hotel. Sie warten auf ihre Anreisen.

„Ist Stau?“

„Bis in den Trentino“, antworte ich. Dursun winkt ab.

„Joana hat schon Essen gemacht.“

Ich komme aus der Küche und esse zu Hause. Joana hat auch Kuchen mitgebracht. Ich habe nur Appetit auf Kuchen. Das andere Zeug kann ich im Moment nicht ersehen. Bei unserem gemeinsamen Kino schlafe ich ein.

Tag 70


Tag 70

Freitag

Für den Freitag stehe ich eigentlich zu zeitig auf. Mit Joana zusammen. Wir unterhalten uns etwas über meine neue Arbeit. Joana ist misstrauisch, weil sie den Betrieb nicht kennt und auch die Wirtsleute nicht. Sie bemerkt Etwas bei meinen Erzählungen. Ich weiß nicht, was. Sie kann es auch nicht beschreiben. Sie fragt, wie es Paula und Antonia geht. Beide habe ich nicht getroffen. Ich soll einen schönen Gruß ausrichten, wenn wir uns sehen.

An unserer Tür klopft es leise. Mira steht davor. Joana fragt sie, ob sie einen Kaffee mit trinken möchte. Sie lehnt nicht ab. Mira möchte mit Joana den freien Tag tauschen. Sie möchte mit ihrem Freund zusammen sein. Der Freund und sie haben sich ein altes Haus gekauft. Das wollen sie nebenbei etwas renovieren. Die beiden leiden unter dem gleichen Problem wie wir. Sie haben kein gemeinsames Frei. Und das schon seit Jahren. Fast wie eine Seemannsehe. Mira ist sehr schön. Dennoch haben die Zwei ein großes Glück. Kaum ein Einheimischer würde sich um Mira bemühen.

Mira ist auch nicht der Typ dafür, sich für eine Karriere die Unterhosen zu sparen. Sie ist ziemlich dominant. Joana tauscht mit ihr. Joana hat ab jetzt, donnerstags frei. Wir besprechen das und mir passt das auch.

Die beiden gehen auch gleich zusammen zur Arbeit. Ich nutze jetzt die Freizeit, im Netz neue Arbeitsstellen zu finden. Nachdem wir festgestellt haben, hier ist Keinem zu trauen, ist die Stellensuche unser Standardprogramm für mich. Das Aufkommen von Alkoholikern, Kranken und Nervösen unter unseren Arbeitgebern ist einfach zu hoch in der Alpenregion. Zum Einen, liegt das an dem wirtschaftlichen Druck und zum Anderen daran, dass man sich schlicht verrechnet hat mit seinem Anliegen. Und das ist sehr häufig der Fall.

Die viel zu kurzen Kurse und Ausbildungen, die Gastronomen für ihr Geschäft benötigen, reichen einfach nicht, um fachlich mit der Zeit mithalten zu können. Traurig. Man lässt sich von Schreibtischidioten, Darlehen aufschwätzen, die eigentlich einer Enteignung gleichkommen.

Ich habe sechs Bewerbungen abgesetzt. Das gibt eine schöne Tour an unserem freien Tag.

Nach der üblichen Morgenhygiene begebe ich mich zu Marlies. Ich bin mir sicher, der Kaffee wartet schon.

Beim Runter gehen treffe ich ein paar Westdeutsche. Als sie vorbei sind, sagt die Frau zu ihrem Mann: „Ein Russe.“ Ich antworte nicht und tue so, als hätte ich Nichts gehört. Wahrscheinlich hat die Frau gedacht, wenn der einen Trainingsanzug an hat, kann es nur ein Russe sein. Leider fehlt das Lizenzgeber mit den weißen Streifen. In der Sowjetunion, auch in der DDR, wurden Jahrzehnte lang die Markenklamotten genäht. Im gleichen Atemzug behaupten die Besatzer, wir hätten keine Qualität produziert. Offensichtlich sind dann die Marken, Qualitätsschwindel. Ah nee. Markenschwindel.

Die angeblichen Besitzer und Hersteller eines Produktes unterschreiben mit ihrem Namen, ohne es hergestellt zu haben. Das ist ja fast wie in vielen Küchen. Produkthaftung ist dann entweder ein Witz oder eben Handelsware. Typisch Westen.

Marlies wartet tatsächlich mit dem Kaffee auf mich. Mein Aufenthalt wird kurz. Es gibt ein paar Fragen von Dursun und Marlies. Alfred ist nicht da. Er geht heute einkaufen. Zum Freitag. Beide wünschen mir einen schönen Tag, ich gebe den Wunsch zurück und verschwinde.

Die Fahrt ist schon am See eine Zumutung. Ganze Kolonnen von Baubetreiben sind in Richtung Meran unterwegs. Sie setzen um auf die nächste Baustelle. Freitag ist der Lieblingstag unserer Polizisten. In Ortschaften kann ich heute nicht überholen, ohne den Führerschein zu riskieren.

Es zieht sich hin. Ab Mals kommt auch noch Schulverkehr dazu. Die Uhrzeit ist für Pendler ungeeignet. Ich muss entweder früher oder später fahren. Freitags scheidet später Fahren aus.

In Schlanders steht Alles. Eine halbe Stunde bleibt auf der Straße liegen. Bis zum Kreisverkehr Latsch geht es recht zügig und von dort bis Kastelbell, ist Kolonnenverkehr angesagt, der an der örtlichen Durchfahrt staut. Wieder eine halbe Stunde weg. Langsam werde ich nervös. Wie soll ein Mensch mit so einem Druck, Höchstleistungen verbringen?

Unmöglich. Ab Kastelbell bis an die Schnalser Abfahrt vor Naturns, ist Kolonnenverkehr. Und der bewegt sich vorsichtig zügig. Das heißt, bei vorgeschriebener Geschwindigkeit plus Toleranz.

Mir reicht das, um wieder etwas lockerer zu werden.

Ich biege an der Abfahrt Schnals ab. Im ersten Tunnel kann ich noch etwas Zeit gut machen. Schon ab dem zweiten, zieht es sich. Touristen mit Skiern auf dem Dach. Unsere Landsleute aus dem Süden. Sie fahren wie üblich vorsichtig, aber recht zielstrebig. Die Straßen sind gut geräumt. Stau wegen Kettenanlegern, muss ich nicht befürchten.

Ich staune, wie gut unsere Landsleute mit Sommerreifen fahren. An den steilen Aufgängen zwischendurch, sind sie etwas vorsichtiger in den Kurven. Da sieht der Fahrer auch nicht, ob es einen Steinschlag oder eine Kleinlawine gab.

Martin erwartet mich schon. Er ist nervös. Ich frag mich, warum. Wir sind zu zweit und notfalls, können die Eltern helfen. Die haben den Betrieb schließlich aufgebaut. Der Kaffee steht bei Betreten des Restaurants schon auf dem Tresen. Eine große Tasse. Das will Etwas bedeuten.

Beim morgendlichen Gespräch stellt sich heraus, wir haben heute eine Trauerfeier. Eine kleine, sagt Sepp. Er sagt mir durch die Blume, der Verstorbene war nicht besonders beliebt im Ort. Schon kurz darauf darf ich feststellen, der liebe Sepp hat für meine Verhältnisse unrecht. Martin rechnet mit rund hundert Gästen. In meinen Augen, ist das schon recht viel. Martin sagt, es wäre eine kleine Trauerfeier. Bei beliebten Leuten käme leicht die dreifache Anzahl an Gästen. Jetzt bleibt mir die Spucke weg. Solche Trauerfeiern kenne ich bestenfalls beim Ableben von guten Genossen in unserer Partei. Und da war grundsätzlich Westpropaganda vor Ort. Für deren Lügner war das ein Feiertag. Strafen sind ja keine zu erwarten. Nürnberger Tribunale sind wirklich selten. Der Autobahn- und Eisenbahnbau in Sibirien war eher eine Erholung als eine Strafe.

Nicht ganz. Arbeit ist für dieses faule Gesindel immer eine Strafe.

„Was gibt es zur Trauerfeier? Wollen sie ein Menü oder ein einzelnes Trauerbrot?“

„Bleibt ganz ruhig. Ich habe schon Alles fertig. Heute sind nur diese Gäste. Zuerst machst Du uns mal dreihundert belegte Brote.“

Er legt mir sehr feines Stangenbrot auf den Tisch. Mehrkorn und Weizen. Dazu niedliche Vinschgerlen, die aussehen wie kurze Stangenbrot. Er hat mir schon jeweils eine Probe angeschnitten, um mir zu zeigen, wie ich sie schneiden soll. Vorbildlich. Er hat sie genau so geschnitten, wie ich sie geschnitten hätte.

Fortsetzung folgt

Tag 54


Tag 54

Heute weckt Joana mit mir auf. Es ist bereits sechs Uhr. Ich frage sie, was los ist.

„Ich habe heute frei.“

Joana könnte heute mit mir fahren. Ich frage sie, ob sie will. „Natürlich“, hat sie mir geantwortet. Sie möchte unbedingt meinen neuen Chef und meine Kollegen kennen lernen. Mir ist natürlich an ihrer Bewertung auch gelegen. Wir trinken also zusammen Kaffee und essen ein paar leckere Pfefferkuchen.

Bevor wir losfahren, gehen wir bei Marlies vorbei. Marlies schwimmt gerade. Ihre Gäste sind alle zusammen gekommen. Marco hilft ihr etwas. Er ist heute schon recht früh da. Als hätte er das gewusst. Marlies hat hausgemachte, Vinschger Marillenmarmelade mit gebracht. Die wird sich ganz sicher Dursun reinziehen. Der ist ein absoluter Marmeladenfan. Marco hat auch schon davon gekostet.

„Fortissimo“, stöhnt er, während er für Marlies die Kaffeekännchen füllt.“Wie können die Leute solchen Kaffee trinken?“, fragt er mich. Ich zucke nur mit den Schultern. „Die kennen keinen besseren.“ Marco lacht.

Wir verabschieden uns. Im Foyer steht Alfred in bester Kleidung. „Was ist los heute? Alle sind so zeitig da.“

„Heute kommt Radio Tirol zu uns. Die machen einen kleinen Bericht.“

„Da iss ja gut, dass wir gleich verschwinden.“

Alfred lacht und wünscht Joana einen schönen freien Tag.

Dursun steht vor dem Haus. Er hat etwas Schnee geschoben. In der Nacht gab es fünf Zentimeter. „Der kommt vom Norden“, sagt er. „Vom Norden kommt nicht Gutes.“

„Heute kommt das Radio. Zieh Dein schönes Schürzchen an heute.“

„Die haben doch keine Kamera mit.“

Wo er Recht hat. Er steht trotzdem vor der Tür. Vielleicht fällt ein kleines Trinkgeld ab. Wir verabschieden uns und gehen zum Auto. Das hat Dursun auch schon mit vom Schnee befreit. „Zufrieden?“, ruft er.

„Danke, Dursun“, ruft Joana zurück.

Am See entlang und durch die Malser Heide kommen wir relativ flüssig. Es gibt nur eine paar kleine Wehen, die wir dank der Reparatur locker durchfahren können.

Joana stöhnt trotzdem etwas. Sie befürchtet wieder Schäden. Ich bin mir auch sicher, Schäden durch die Wehen zu bekommen. Natürlich kleine. Mit einem neuen Auto würde ich das auch nicht tun.

In Schlanders ist schon wieder reger Arbeiterverkehr. Wir verlieren zwanzig Minuten. Darum fahren wir die Umgehung zwischen Vezzan und Latsch. Dort sparen wir uns die Wartezeiten an Bahnübergängen.

Am Kaufhaus sind wir pünktlich. Komisch. Jeden Morgen muss man im Vinschgau mit Verspätungen rechnen. Bei Arbeitswegen aus den Pässen auch. Es gab schon Arbeitgeber, die sagten zu mir, ich solle einfach eher losfahren. Bei vier Arbeitswegen in Betrieben, die geteilte Arbeitszeiten anbieten. Verarschen kann ich mich auch selbst. Zahlen tut mir die Zeit, Keiner.

Die Kollegen sind da und viele von ihnen stehen oben am Café. Wir brauchen keinen.

Joana geht mit in den Gang, in dem ich mich umziehe.

„Garderobe gibt es hier wohl keine?“

„Schon. Aber Unten.“

„Geh Dich in Zukunft lieber Unten umziehen. Deine Sachen riechen sonst nach Küche.“

Die feine Nase meiner Joana könnte ich echt als Spürhund einsetzen. Leider habe ich selten Etwas zu suchen.

Mein Chef kommt zur Kontrolle, ob ich schon da bin.

„Guten Morgen. Geht Alles gut?“

„Bis jetzt, ja. Haben Sie die Bain Maries bestellt?“

„Die kommen heute oder morgen.“

„Da ist ja Alles bestens.“

„Schmeißen Sie bitte kein Fleisch weg.“

Der Hinweis hat mir gerade noch gefehlt. Wahrscheinlich hat er bemerkt, dass ich am Vortag, Lammabschnitte wieder eingefroren habe. Mit Beschriftung. Die kann ich höchstens mal, gekuttert, in Lammbraten verarbeiten. Allgemein wird Lamm aber Rosa verzehrt in Südtirol. Keiner will das durchgebraten. Schöpsernes, wie es traditionell gegessen wird, will Keiner mehr. Ich müsste es mal als Suppe probieren. Das merke ich mir für Später.

Heute koche ich:

Salatteller

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Lasage al forno

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Gefüllte Truthahnbrust, Rosmarinkartoffel, Erbsengemüse

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Kirschjoghurt

Es kommen schon ein paar Kollegen und fragen mich, was es heute gibt.

Die Truthahnbrust fülle ich mit Knödelbrot, Rotwein, Ei, Rosinen und Rosmarin. Die pochiere ich im Ofen mit siebzig Grad. Für die Rosmarinkartoffeln nehme ich die Wedges aus der Gefrierzelle. Für das Ragout der Lasagne muss ich erst mal ein paar Fleischstücke auftauen. Das mach ich gleich bei den siebzig Grad mit. Auch die gefrorenen Teigplatten für die Lasagne lege ich gleich mit rein in den Dämpfer. Für die Bechamel koche ich ein dickes, gut gewürztes Gulli und strecke das nach dem Kochen mit Sahne. In den Naturjoghurt rühre ich gefrorene Kirschen und Zucker ein. Zu Mittag ist der fertig.

Joana geht inzwischen Etwas einkaufen. Ein freier Tag in Warteposition. Sie muss sechs Stunden auf mich warten. Es gibt wirklich schönere Beschäftigungen als dort auf mich zu warten. Inzwischen kommt Rolfo und ich stelle ihm Joana vor. Sie trinken einen Kaffee zusammen.

„Joana, willst Du nicht nach Hause fahren?“

„Ja. Ich fahre jetzt. Ich hol Dich dann ab.“

Die Essenausgabe geht recht flüssig. Ich habe heute um die dreißig Gäste. Lasagne musste ich eher Aus sagen. Einige meiner Gäste haben das als Hauptgericht verlangt. Das habe ich nicht berücksichtigt. Einige Gäste fragen nach Suppe. Ab morgen muss ich ihnen eine Suppe mit anbieten.

Rolfo fragt mich, ob ich Pizza haben möchte. Ich frage ihn, ob er mir zwei macht. „Joana hat heute frei und wir sind zu Hause.“

„Natürlich. Schönen Feierabend.“

Er sagt das mit einem verschmitzten Lächeln. Wohl in der Anspielung auf meine schöne Joana.

„Deine Frau ist wunderschön. Die passt gar nicht zu Dir.“

„Aber zu Dir?“

„Meine Frau kommt morgen einkaufen.“

Jetzt gehen wir schon die Frauen vergleichen. Was ist das für eine Welt?

Joana kommt pünktlich.

„Bist Du schon fertig?“

„Nein. Wir müssen noch die Bestellungen aufgeben.“

Rolfo steht mit dem Zettel. Ich diktiere ihm meinen Bedarf. Der Chef kommt und holt den Zettel ab. Nebenbei stellt er mir die Chefin vor. Sie faxt die Bestellungen heute noch weg.

Wir verabschieden uns. Ich sage ihnen, dass ich morgen früh raus muss.

Rolfo gibt mir die zwei Pizza mit. „Personalessen“, sagt er zum Chef. Der Chef nickt und verabschiedet sich.

Bei unserer Heimfahrt müssen wir einen kleinen Umweg durch Naturns fahren. Der Tunnel ist gesperrt. Ein Unfall. In Naturns ist demzufolge auch ein zäher Stau. Wir verlieren eine Stunde.

Zu Hause schauen wir uns einen Film an und essen dabei unsere Pizza. Und schon sind wir wieder müde.