Fortsetzung Die Sommersaison


Ich lerne also umgehend, der ausländische Koch ist bei Einstellungen, zweitrangig. Eigentlich wäre das richtig. Die jeweilige Tourismusindustrie sollte doch, wenn möglich, mit einheimischen Kräften belegt sein. Angesichts der Menge der gastronomischen Einrichtungen in Südtirol ist das aber nicht möglich. Entweder gibt es zu viel gastronomische Einrichtung oder das Volk ist zu klein. Es bliebe nur die Absicht, das Geschäft allein abzuwickeln. Insgesamt wäre das der bessere Weg. Die Betriebe wären überschaubarer und gemütlicher. Südtirol ist damit ein Zeichen. Ein Zeichen für schlecht geplante Wirtschaft. Entweder bilde ich die Arbeitskräfte vorher so aus, wie es benötigt wird. Oder ich bilde sie aus, wie sie benötigt werden. In jedem Fall, sollte die Wirtschaft dem allgemeinen Stand der Beschäftigung folgen. Vor allem, den gültigen Arbeitsgesetzen. Dann wäre die Wirtschaft auch für Einheimische interessant.

Mit dem Import von Arbeitskräften werden aber sämtliche gesetzlichen Richtlinien gebrochen. Es gibt weder geregelte Arbeitszeiten, gerechten Lohn noch ansprechende Unterkünfte. Die Einheimischen werden erpresst.

Natürlich findet der Saisonarbeiter auch ein paar Ausnahmen. Die sind aber nicht die Regel. Wie wir wissen, werden die Regeln des freien Marktes von Jenen gestaltet, die Gesetze erfolgreich umgehen oder missachten. Die anderen Marktteilnehmer werden dann genau zu diesem Vorgehen gezwungen. Im Grunde hat das System und das ist auch so beabsichtigt. Wir reden von einem kriminellen System. Vor Kapitalismus und Sklavenhaltertum.

Der Saisonarbeiter befindet sich damit in einer erstaunlichen Position. Er befindet sich genau zwischen den hilfreichen Schichten der Bevölkerung und deren kriminellem Anteil. Das schafft zumindest den erforderlichen Überblick.

Mit der Absage telefoniere ich natürlich umgehend mit einem Arbeitsvermittler. Zumal ich seit der Saisonpause mit dem in Kontakt bin. Wie scheint, ist die Saison an einem Arbeitsplatz praktisch gelaufen. Ich neige schon zur Umorientierung. Nicht im Beruf. Sondern dahin gehend, als Tagelöhner mein Werk zu verrichten. Offensichtlich hat Keiner Interesse an einem erfahrenem Koch. Gut, erfahren – aber bitteschön, zwanzig Jahre alt.

‚Wir wollen sie schließlich ausnehmen. Wehe, sie kennen das System. Das ist uns zu teuer.‘

In erster Linie antworten Restaurant. Der Nachteil ist schnell gefunden. Mittag und Abend. Dann treffe ich meine Frau nicht mehr. Wenn dann noch der freie Tag auf einen anderen Fällt, könnte ich auch ausreisen. Selbst dabei, sehe ich meine Frau öfter. Ich frag mich, wohin. In unserer Nachbarschaft gibt es Österreich und die Schweiz. Jeder Saisonbeginn wird mit diesen Gedanken garniert. Grauenvoll.

Fortsetzung Das Ende unseres Hotels


In der Woche gibt es noch viel zu planen. Das Essen ausfahren ist schon fast Nebensache. Ich rufe Steffen an uns sage ihm Bescheid. Zunächst wollen wir einen Urlaub mit Suche nach einem Arbeitsplatz antreten. Karin hört mit und ruft: „Wir fahren mit!“ Steffen sagt, „wir buchen und bezahlen das.“ Langsam kommt der Punkt, an dem ich mich schäme. ‚Er hat das sicher nicht so gemeint‘, denk ich mir.

Ich bitte alle Angestellten und Helfer, bei der Lieferung zu sagen, wir arbeiten die letzte Woche. Unter der Woche gibt es kaum Probleme. Wir sind bei sieben Hundert und Fünfzig angekommen. Pünktlich am Freitag, liegen alle Umschläge und diverse Geschenke bereit. Angefangen bei Socken, Badehosen und Bikinis in DDR Qualität, sind auch Präsentkörbe und wirklich schöne Karten dabei. Das Postfach für Emails quillt über. Der Provider mahnt schon, Platz zu machen.

Zwischendurch bin ich noch auf das Kreisamt gefahren. Ich hab die Schließung samt Konkurs bekannt gegeben.

„Was wollen Sie jetzt tun?“, fragt mich die Beamtin.

„Haben Sie irgend ein Angebot?“

„Sie könnten bei uns Sozialarbeiter machen.“

„Also, ich soll die Leute trösten, die Sie beklaut und betrogen haben?“

„Naja. Zumindest unsere Sozialfälle.“

„Das tut mir Leid. Ich kann Ihnen unmöglich die vielen Handwerker, Pendler, Kollegen und deren Angestellte aus den Särgen holen. Gehen Sie bitte zu einem Richter. Die sind dafür zuständig.“

„Tut mir sehr Leid um Sie. Wir haben gern bei Ihnen und Ihrer Familie gegessen.“

„Ich schreibe ihnen, wenn wir in einer echten Ersatzheimat wieder Essen kochen.“

Sie weint etwas. Ich weiß nicht, ob gekünstelt oder nicht.

Ich frage den Banker, ob wir uns ein Auto kaufen dürfen für unsere Arbeitssuche. Oder ob sie uns das weg pfänden. „Ich schreibe einen Freistellungsantrag. Morgen kann ich Bescheid geben.“

„Danke. Wir lassen Ihnen Alles zur Verwertung stehen wie es ist.“

„Wir werden das Haus versteigern und kümmern uns um die Konkursmasse.“

Das Gespräch ging schnell und unbürokratisch.

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