Tag 61 Fortsetzung


Tag 61

Fortsetzung

Die ersten Zwei kommen. Eine Frau aus dem Büro unter unserer Mensa mit ihrem Kollegen. Sie möchte statt Kartoffel, Reis. Genau daran habe ich natürlich nicht gedacht. Alois hat auch vergessen, mir das zu sagen. Alois hat aber ein paar Portionen im Kühlschrank. Er bietet ihr eine Portion an und sagt, er sein von Gestern. Die Frau stimmt zu und ich wärme ihren Reis in einer Tasse mit der Mikrowelle. Bei unserer Mikrowelle dauert das fünfzehn Sekunden. Die Mikrowelle ist ein häufig benutztes Utensil in der a la carte – Gastronomie. Eine wirklich feine Erfindung. Die kommenden Arbeiter grüßen mich schon mit meinem Vornamen. Hier fühle ich mich sofort wohl. Keiner reklamiert ein zwei Sekunden zu kurz gebratenes Rumpsteak. Keiner reklamiert ein zu weiche Pommes frites. Keiner reklamiert zu viel Sauce. Verglichen mit der DDR, kostet ein Arbeiteressen hier so viel wie drei Gaststättenessen in einer HO – Gaststätte. Und das ist schon mal beachtlich. Der Witz ist eigentlich, dass DDR – Arbeiter locker einen Nachschlag holen konnten. Das ist heute schon etwas schwieriger. Ein Arbeiteressen kostete in der DDR fünfundfünfzig Pfennig. Ein Gästeessen, eine Mark fünfundfünfzig. Wenn ich bedenke, dass wir nach Abzug der Miete, doppelt so viel Geld in der Brieftasche hatten als heute, schlafen mir die Füße ein. „Für was gehe ich arbeiten?“

Die Ausgabe zieht sich hin. Heute kommen zusätzlich zwei Straßenbau – Kolonnen. Das sind fast vierzig Leute. Ich muss Schnitzel nachbraten und komme, ehrlich gesagt, leicht ins Schwimmen. Zusätzlich setze ich noch schnell einen Topf, Reis auf. Die Kartoffeln werden nicht reichen. Alois zeigt mir, wo der Spinat liegt. Den setze ich gleich im Dämpfer mit an. Die Jungs sagen, sie können nicht lange warten. Jetzt macht sich bezahlt, dass ich in Gaststätten und Skibetrieben gearbeitet habe. Alois wundert sich über meine Ruhe: „Ich würde durchdrehen.“

„Das bringt auch Nichts“, tröste ich ihn.

„Hast Du das oft bei Dir hier? Kommen oft so viel zusätzliche Kunden?“

„Eigentlich kenne ich die Kunden schon. Vertreter und Geschäftsreisende kommen regelmäßig zusätzlich.“

„Alles klar. Ich werde das zukünftig mit dem Einkauf decken müssen.“

„Ich bilde Dich nicht für diese Küche aus. Du kommst in eine andere.“

Endlich spricht der Klartext. Das ist also eine Ausbildung für eine andere Küche.

„Morgen bist Du schon in einer anderen Küche.“

„Was? Morgen schon?“

„Wir gehen dann mal rüber. Ich stelle Dir den Kollegen vor. Der möchte dort aufhören.“

Irgendwie klingt mir das schon wieder etwas fragwürdig. Ich werde das heute mal Joana erzählen.

„Wann geht denn dort der Dienst los?“

„Der aktuelle Koch kommt gegen sechs Uhr.“

Die heutige Ausgabe ist fertig. Louise putzt uns die Küche. Wir gehen rüber in die andere Küche. Die befindet sich bei einem Südtiroler Speckerzeuger.

Ein Koch nutzt natürlich jede freie Minute an der frischen Luft, um eine Zigarette zu rauchen und durchzuatmen. Auf der Straße zünde ich mir eine Zigarette an. Alois sagt mir: „Hier ist rauchen verboten.“

„Was? Hier im Freien?“

„Ja. Auf dem gesamten Betriebsgelände!“

Ich bin Raucher. In einer Firma, in der Rauchen verboten ist, arbeite ich nicht. Alois wartet mit mir etwas, bis ich aufgeraucht habe. Wir gehen in die beeindruckende Anlage. Mir kommen Leute entgegen, von denen ich eher vermutet hätte, sie arbeiten in einem Labor. So waren die angezogen. In Vollschutz, Teil Zwei, würden DDR – Bürger mit NVA – Erfahrung sagen. Ich kann mir nicht vorstellen, ganztägig in so einer Kleidung zu arbeiten. Mir reicht die Kochuniform. Die kann mitunter schon ziemlich lästig sein.

„Muss ich das auch tragen?“

„Nein. Das sind die Leute von der Verpackung.“

Mir fällt ein Stein vom Herzen. Ich hätte sofort abgesagt.

Im Treppenhaus fallen mir meine neuen Kunden und Kollegen auf. Die wenigsten Kollegen kommen aus Südtirol. Ich dachte, ich stehe in einer Flüchtlingszentrale. Ich höre Sprachen aus allen Nationen dieser Welt. Und diese Kollegen stellen Südtiroler Speck her. Ich muss etwas lachen. Und dafür kämpfen wir weltweit um Markenschutz.

Sämtliche Kollegen, egal welcher Hautfarbe, sind freundlich und wirken aufgeschlossen. Alle grüßen und lächeln dabei. Alle sprechen Italienisch und manche auch gut Deutsch. Ich staune.

Oben angekommen, gehen wir durch zwei Schleusen und stehen in der Küche. Da scheint absolute Freiheit zu herrschen. Der Kollege, der mich begrüßt, hat eine winzige Kopfbedeckung auf. Die Papierschiffchen sind eher ein Pseudokopfschutz. Etwa, wie die Pseudohygiene im Westen. Mehr Schein als Sein. Was sich nicht wegsprühen lässt, ist gesund.

Der Kollege erklärt mir den Küchenablauf. Jeder Kunde bekommt zum Frühstück zwei gut belegte Semmeln. Zudem halten wir ein Suppenangebot. Mitunter auch etwas Süßes, das uns der Bäcker liefert. Beeindruckend.

„Wir haben einhunderfünfzig bis zweihundert Kunden pro Mahlzeit.“

Ich rechne kurz im Kopf. Das sind mindestens dreihundert belegte Brötchen.

„Wann beginnt das Frühstück?“

„Halb Sieben.“

Ich rechne wieder kurz.

„Dann müsste ich ja mindestens um Fünf, spätestens, halb Sechs anfangen.“

„Ich fange halb Sechs an.“

Ich denke, die ersten Tage werde ich ganz sicher um Fünf anfangen. Etwas Reserve muss sein. Das bedeutet, ich muss Joana wecken.

Bei der Vorstellung bekomme ich leichtes Kribbeln im Bauch. Wenn irgend Etwas dazwischen kommt, stehen die Leute ohne Essen da. Ich muss reichlich Reserve für die Anfahrt einrechnen. Da entsteht ein innerer Druck, den ich schlecht beschreiben kann. Wenn mir Etwas passiert und so weiter. Ein beruhigt mich. Alle meine Kunden arbeiten in der Branche. Die könnten mich zur Not ersetzen.

„Wir bieten zwei Wahlessen und ein vegetarisches -.“

‚Das auch noch‘, denke ich mir.

„Wird das Essen vorbestellt?“

„Ja. Schon beim Kauf der Essenmarken. Du hast trotzdem etwa dreißig unbestellte Speisen, die gedeckt werden müssen.“

Jetzt kann ich in etwa nachvollziehen, warum der Kollege geht. Wenn er Raucher ist, so und so. Ich soll also, verlustfrei, neunzig Essen vorhalten. Drei Wahlessen pro ungebuchter Person. In der DDR mussten alle Speisen, die älter als fünf Stunden nach ihrer Fertigstellung waren, weg getan werden. Allgemein haben sich die Angestellten diese Speisen mit nach Hause genommen.

Wir machen eine Rundgang und ich bekomme die Küche und Nebenräume gezeigt. Die Technik ist steinalt, aber sie funktioniert bis jetzt, nach Aussage meines Kollegen.

„Du kommst aus der DDR? Dann bist Du ja solche Küchen gewohnt.“

„Kollege. Solche Küchen standen bei uns auf den Schrottplätzen. Dort haben wir nicht gekocht.“

„Ich dachte,…“

„Unsere Küchen wurden nach der Abschreibungszeit, renoviert. Das war nach spätestens acht bis zehn Jahren. Schrottplätze, in denen gekocht wird, habe ich erst hier und im Westen gesehen.“

Im Grunde haben wir Alles gesehen und der Kollege hat mich sehr gut und freundlich eingeführt. Wir verabschieden uns und er verspricht mir, wenn ich in Not bin, vorbei zuschauen.

„Ich muss noch nach Hause“, sage ich zu Alois.

„Na dann. Bis morgen.“

Ich muss schnell schauen, ins Auto zu kommen. In einer Stunde beginnt der Arbeiterverkehr. Da muss ich mindestens schon zu Hause gewesen sein. Der Druck ist gewaltig. Wenn ich bedenke, ich muss über Kastellbell noch nach Hause, wird mir speiübel.

Bis Latsch geht es recht flüssig. Jetzt kommt zu Straße entlang der Strada Vecchia. In Kastellbell steht eine Ampelanlage, die regelmäßig für einen gewaltigen Stau sorgt. Heute scheint es zu gehen. An der vorletzte Kurve vor der Ampel, etwa einen Kilometer vorm Ort, steht er, der Stau. Und das zu der Tageszeit. Ich drehe fast durch bei dem Anblick. Die Stelle ließe sich eigentlich gut umfahren. Aber die Umfahrung dauert etwa so lange, wie die Auflösung des Staus. Das kommt also nicht in Betracht. In einer halben Stunde bin ich durch. Die Zeit fehlt mir etwas. Zumindest erwarte ich ab Naturns schon schweren Werksverkehr. Es geht. Der Betrieb ist verträglich und der Verkehr läuft flüssig. Ein typischer einheimischer Verkehr.

Zu Hause angekommen, gehe ich unseren Arbeitertabak schneiden. Dafür nehme ich unsere Pastamaschine. Ich schneide ein Kilo. Das muss reichen. In der Wohnung riecht es nach Vanille. Ich fermentiere unseren Haustabak mit Rum und etwas Vanille. Das riecht und schmeckt gut.

Wenn ich jetzt los fahre, kann ich den strengen Werksverkehr noch hinter mir lassen. Zumindest bis Schlanders. Wie geahnt, komme ich bis Schlanders in meine Sichtung, gut vom Fleck. In Schlanders staut es. Der Stau ist einheimisch und löst sich relativ schnell auf. Bis Eyrs kann ich achtzig Stundenkilometer fahren. Das ist für diese Straße eine wirklich gute Geschwindigkeit.

Im Frühjahr und Sommer komme ich dort mit dreißig Stundenkilometern vom Fleck.

Bis zum Reschen hinauf, ist kaum eine Behinderung und damit komme ich bei Joana und Alfred, recht früh an. Alfred steht Drinnen. Dursun auch. Keiner hätte mich erwartet. Gäste werden wahrscheinlich heute, keine anreisen.

„Joana ist schon Oben.“

„Grüß Euch. Dann verschwinde ich sehr schnell. Ich muss morgen, halb vier aufstehen.“

„Sollen wir Dich wecken?“

„Das wäre nicht schlecht. Danke.“

„Gute Nacht!“

Ich erzähle Joana von dem Betrieb. Das erste Mal, dass ich in den Augen Joanas, Hoffnung entdecke. Sie glaubt, das wäre für mich ein Idealarbeitsplatz. Alles habe ich ihr nicht erzählt. Das muss ich später machen.