Ostern 2021


Ostern 2021

Ostern ist, wie andere Feiertage, für Saisonkräfte kein Feiertag. Für uns gibt es praktisch auch keinen Grund, das zu feiern.

Im aktuellen Virusgeschehen dürfen meine lieben, treuen Leser und literarischen Freunde miterleben, wie sich Saisonkräfte fern ihrer Familie und Heimat fühlen zu solchen Anlässen.

Ich verbinde diesen Hinweis mit dem Wunsch, jene Leser, die Ostern auch heute feiern können, anzuregen, sich darüber Gedanken zu machen, was es bedeutet, kein einziges Familientreffen wahr nehmen zu können.

Ihre Familienangehörigen zu Hause liegen im Krankenhaus, sterben, erleiden einen Wohnungsverlust oder anderes Ungemach. Sie können weder helfen noch trösten.

Saisonkräfte arbeiten für Ihr Wohl. Das Wohl ihrer Gäste.

In der aktuellen Zeit wird den Saisonkräften der Zuschlag für ihr Engagement an Feiertagen verweigert.

Bitte berücksichtigen Sie das bei ihren Abrechnungen in Hotels und Restaurants.

In dem Sinne, wünsche ich ihnen ein Frohes Osterfest!

Danke

Ihr Saisonkoch

Tag 48


Tag 48

Wir stehen vier Uhr auf. Zum Kaffee esse ich einen Lebkuchen. Wir hatten auch unglasierten Lebkuchen gekauft, den ich trockne und das Jahr über als Soßenkuchen nutze. In der DDR gab es ein Karl-Marx-Städter Familienunternehmen, das Soßenkuchen herstellte. Ich weiß nicht, ob die Familie das heute noch tut. Die Verbindungen sind mit der Vertreibung weitgehend eingeschlafen.

Soßenkuchen nehme ich für Wild und Sauerbraten. Sicher eignet er sich auch für Braten von dunklem Fleisch. Bei Lamm muss ich es mal probieren.

Joana hat unser Auto schon wieder gestartet. Durch das Vinschgau kommen wir heute ganz sicher flüssig. Es liegt kein Schnee hier Unten.

Ab Mals sieht das schon anders aus. Dort stehen sie wieder, die Schneewehen. Sie sind höher als ein Meter. Wir entschließen uns, etwas zu warten.

Wir trinken Kaffee, schlagen die Sitzlehne nach Hinten und ruhen etwas bei Musik. Kurz vorm festen Einschlafen kommt die Winterdienst. Er gibt ein Signal, von dem ich aufwecke. Uns schaut ein lächelnder Fahrer an, der sich zu freuen scheint, uns erlöst zu haben. Heute hält er nicht an. Ich hätte ihm wieder einen Kaffee ausgegeben.

Auf der nun freien Straße kommen wir gut voran.

Vorm Hotel steht wieder Dursun. Er lacht auch. Wir gehen zusammen einen Kaffee trinken. Maria ist noch nicht da. Witzigerweise, steht bei Dursun auch eine Schale mit Lebkuchen. Er scheint unsere Vorliebe zu teilen. Lebkuchen schmeckt uns am besten nach den Feiertagen.

„Gestern haben die wieder einen Hoteldieb festgenommen“, sagt er amüsiert. „Dieses Mal waren es Holländer.“

„Was haben die denn geklaut?“

„Skiausrüstungen.“

„Mich lässt das kalt. Wenn die Hotellanglaufski nicht dabei waren, die wir gelegentlich benutzen…“

„Wie war Deine Vorstellung?“

„Ab Montag muss ich ran.“

„Das freut mich. Ich beschütze dann Deine Joana hier.“

„Das tät Dir gut passen! Will’ste auch in unser Zimmer einziehen?“

„Schön wär’s.“

„Da muss’te aber schnell sein. Ich komme nachmittags wieder zurück.“

„Was mach’ste denn?“

„Ich koche in einem Kleinkaufhaus, Personalessen.“

„Das klingt gut.“

„Die Euphorie habe ich mir abgewöhnt. Es gibt noch ein zweites Angebot. In einer Mensa.“

„Mensa? Ist das die Arbeiterversorgung?“

„Ja. Die Arbeiter von Kleinbetrieben bekommen von ihrem Chef dafür Essenmarken.“

„Naja. Das sieht erst Mal gut aus für Dich. Ich wünsche Dir viel Glück dabei.“

„Danke.“

Alfred kommt um die Ecke. Er hat uns gehört. „Guten Morgen die Herren.“ „Guten Morgen.“

Maria stößt zu uns. Sie grüßt auch ganz freundlich und gibt, man staune, Dursun ein Küsschen. Alfred fragt mich, wie es geht und ich erzähle ihm von meiner Arbeit ab Montag. Er gratuliert mir ganz aufrichtig. Jetzt fragt er mich, ob ich denn bis Sonntag frei habe. „Natürlich“, ist meine Antwort.

„Wie wär’s denn, wenn Joana bis dahin auch Urlaub hat?“, fragt Alfred.

„Na bestens!“

Joana kommt gerade zum ersten Frühstück mit ihren Kolleginnen. Alfred überrascht sie mit dem Kurzurlaub.

Es dauert echt nicht lange, bis wir vor der Haustür und im Auto sind. Joanas Kolleginnen winken bei unserer Abfahrt. Dursun auch. „Bist Du so beliebt, dass Dich, Deine Kolleginnen verabschieden?“

„Wahrscheinlich.“

Wir fahren wieder am Reschensee entlang und kommen auf die frisch geschobene Malser Heide. Kleine Schneewehen sind schon wieder zu sehen.

In Schlanders treffen wir auf regen Werksverkehr.

Zwischen Naturns und Meran ist der Verkehr zähfließend. Teilweise staut es.

Der Parkplatz an unserem Haus ist schon leer. Alle sind auf Arbeit.

Wo fahren wir hin in unserem Kurzurlaub? Wir hätten vier Möglichkeiten. Entweder zu unseren noch lebenden Eltern in die besetzte DDR, nach München, nach Österreich zu meinen Kindern oder nach Mailand. Die Besatzer der DDR haben unsere Familie ziemlich weit verstreut. Immerhin wurden sechzig Prozent unserer Bürger arbeitslos mit der Besatzung. Alle sind dahin gegangen, wo sie Arbeit bekommen haben. Wir möchten auf alle Fälle an unsere Besatzer kein Geld zahlen. Weder an Steuern noch an Gebühren. Soweit kämme es noch. Den Dieben, die unser Volkseigentum geklaut haben, Etwas zu bezahlen für ihren Diebstahl. Schutzgeld, nennt sich das in Mafiakreisen.

Zunächst müssen wir ermitteln, wer zu Hause ist. Wir rufen also Alle an. Mein Sohn ist gerade auf Wintersaison. Ein Besuch ist zwecklos. Er arbeitet so lange wie ich. Die Münchner sind nicht zu Hause. Die Mailänder sind da. Beide. Caio und Uschi freuen sich, mal wieder Etwas von uns zu hören. Eigentlich sind die Zwei um diese Zeit Ski fahren. Caio ist schon pensioniert und Uschi muss nicht arbeiten gehen. Sie arbeitet trotzdem in einem Büro. Halbtags als Übersetzerin. Wir fragen sie, ob wir ihnen Etwas mitbringen sollen aus Südtirol. „Speck und Käse“, ist die Antwort. Also, abgemacht. Wir fahren nach Mailand. Dort waren wir schon eine Ewigkeit nicht mehr.

Vorher lege wir uns noch Etwas hin. Müde nach Mailand zu fahren, wäre wirklich zu viel Stress.

Wir nehmen wieder reichlich Kaffee und Wasser mit. Auf der Autobahn A4 von Verona bis Mailand ist manchmal mit fürchterlichen Staus zu rechnen.

Für gewöhnlich kürzen wir etwas ab. Die Abkürzung ist aber auch nicht ohne Hindernisse.

Von Affi bis Peschiera des Garda gibt es eine Superstrada, mit der wir schon einige Kilometer sparen können.

Kaum sind wir in Bozen auf der Autobahn, dürfen wir feststellen, dass donnerstags ein ziemlich reger Schwerverkehr unterwegs ist. Auf der rechten Seite der zweispurigen Autobahn bewegt sich ein Zug aus Lastkraftwagen. Wir fahren praktisch einspurig bis Affi. Affi wirkt wie ein Tor in eine hellere Welt. Das Etschtal erstreckt sich von Nord nach Süd. In dem Tal ist es erst ab Mittag wirklich hell.

Wir biegen in Affi ab und fahren parallel zum Gardasee nach Peschiera. Ab hier wird der Verkehr erheblich dichter. Diese Umgehung ist sehr beliebt.

Wir waren wirklich lange nicht da und müssen die Auffahrt auf die Autobahn etwas suchen.

Ab jetzt ist es nicht mehr all zu schwer. Generell fahren wir immer die Via Monza ab, die uns direkt vor die Haustür von Uschi führt. Dabei passieren wir den großzügig angelegten Kreisverkehr vor dem sehr schönen Hauptbahnhof. Der erinnert mich immer an den wirklich schönen Kasaner Bahnhof in Moskau. Man könnte meinen, beide Bahnhöfe wurden von einem Baumeister konstruiert.

Wir erinnern uns gerade, als wir das erste Mal hier waren. Wir mussten Uschi anrufen und ungefähr beschreiben, wo wir stehen. Im Grunde waren wir schockiert von der Art des Verkehrs. Radfahrer, Rollerfahrer, Fußgänger, Alle schienen sich regellos auf der Straße zu bewegen.

Wir sind angekommen. Die Suche nach einem Parkplatz dauerte nicht lang. Wir konnten in der unmittelbaren Nähe der Wohnung Uschis parken.

An der wirklich beeindruckenden Eingangstür des Hauses konnten wir klingeln. Uschi antwortete durch die Sprechanlage. Die Riesentür sprang auf. Im Haus roch es nach Knoblauch, Kräutern und Lammfleisch. Mittlerweile ging es streng auf die Mittagszeit zu. Uschi kam uns entgegen. Wir hätten die Wohnung nie gefunden.

Oben angekommen – Uschi wohnt ganz Oben – , empfängt uns überfreundlich Caio. Den haben wir das letzte Mal in der DDR gesehen.

Die Wohnung würden wir heute als typisch – italienisch beschreiben. Hohe Räume, hohe teure Türen, eine kleine Küche, Balkon und ein wirklich schöner Ausblick über Mailand.

Natürlich müssen wir uns nach dieser Fahrt und den vielen Eindrücken erst mal ausruhen. Uschi kocht uns schnell einen Kaffee, Caio ist mit Fußball beschäftigt.

Am frühen Abend weckt uns Uschi. Wir gehen eine Pizza essen. Natürlich erzählen wir uns, was inzwischen Alles passiert ist, wo wir arbeiten und wohnen. Es wird spät. Auf dem Nachhauseweg schauen wir noch einmal beim Auto vorbei. Jetzt stehen die Parkreihen in Doppel- und Dreifachreihe. Manche sogar auf dem Bordstein.

Es gibt nicht einen Zentimeter Platz mehr. Es ist Alles zugeparkt.

Gegenüber der Wohnung Uschis steht eine Bar. Wir hören die halbe Nacht, Autos kommen und fahren.