Fortsetzung Der Wandel


Auf der Heimfahrt überholen uns wieder Autos mit irren Geschwindigkeiten. Ein Stau an einer unübersichtlichen Stelle und der Fahrer nebst Opfern ist fällig. Auf der Autobahn können wir die Gewissenlosigkeit von den Kriminellen nachvollziehen. An drei Stellen stehen weinende Leute am Rand neben Schrott. Särge sind auch dabei. Das ist feinster Aufbau – Ost. Zumindest für das Beerdigungsgewerbe. Mich würde jetzt nicht wundern, wenn die DDR Beerdigungsunternehmen plötzlich Westpartner hätten.

Zu Hause angekommen, erwartet uns eine Überraschung der besonderen Art. Elias ist da mit Familie. Jürgen und Andrea sind bei ihnen. Andrea kommt zu mir und sagt, sie würden mit Elias zusammen ein Hotel bauen wollen.

„Was bedeutet das für mich?“, frage ich sie.

„Ja. Wir haben Eigenbedarf und möchten den Pachtvertrag auflösen.“

Und ich habe gerade erst Geld ausgegeben für Einrichtungen. Das fehlt mir noch.

„Kauft Ihr mir die Einrichtung ab?“

„Nein. Wir reißen die Gaststätte ab.“

Naja. Ich stehe nur im Verlust. Aber wenigstens schuldenfrei.

Unsere Währung ist halbiert worden. Die Schulden auch. Das ließ sich jetzt aus dem Portemonnaie bezahlen. Wir sind also über Nacht, blank.

„Was ist mit der Wohnung und den neuen Möbeln?“

„Wir brauchen die nicht. Die kannst Du abholen.“

Was machen wir jetzt? Ziehen wir zu meiner Mutter? Zu Joanas Eltern ins Kinderzimmer?

Zuerst rufe ich die Brauerei an und frage, was wir mit der Ware und den Rechnungen tun.

„Wir holen das ab. Offene Rechnungen hast Du nicht. Wir haben aber ein Angebot für Euch. Komme einfach mal vorbei.“

Ein Hoffnungsschimmer zeigt sich. Wir verabreden uns auf den kommenden Tag. Die Nacht war für mich keine ruhige. Joana konnte auch nicht schlafen. Wir saßen zusammen und rätselten, was wir tun können. Neben dem Brauereibesuch, wollen wir zunächst unsere Kammer anrufen, wie das nun weiter gehen soll.

Am kommenden Morgen rufe ich an und erbitte einen Termin.

„Sie sind einer von Zehntausend, die gerade anfragen.“

Ich habe wirklich nicht gewusst, dass wir so viele Kollegen haben. Der Termin fällt dementsprechend spät aus. In einem Monat. Darauf werden wir wohl verzichten müssen, schätze ich. Das dauert zu lange. Wir brauchen etwas zum Leben.

Das Angebot der Brauerei hört sich da etwas besser an. Unsere Brauerei hat plötzlich eine Partnerbrauerei aus Bayern. Irgend Jemand muss ja die Gewinne klauen. Der Brauereichef bietet uns eine Pachtgaststätte in seinem Ort an. Die würde gerade frei werden. ‚Wenn der uns eine Gaststätte anbietet, gibt es sicher noch Gaststätten in anderen Gegenden‘, denke ich mir. Wir kaufen also Zeitungen und lesen die Anzeigen. Und siehe da, der gesamte Westen sucht Gastwirte. Und das ausgerechnet in der besetzten DDR. Wenn das kein Plan ist, was dann?

Fortsetzung folgt

Der Wandel


Über die Wochen entwickelte sich unser Betrieb immer besser. Der Straßenverkauf ging etwas zurück. Die Themen am Stammtisch drehten sich immer mehr um die Wiedervereinigung. Jeder prahlte am Stammtisch mit ein paar Westmark. Die Gäste erzählten sich untereinander, was sie von ihrem ersten Westgeld gekauft haben. Die Urlaubsplanungen unserer Stammgäste klangen für uns utopisch.

Für uns lag erst Mal ein Besuch der Familienmitglieder an. Immerhin haben wir sie jahrelang nicht gesehen. Dazu wollten wir jetzt endlich Westgeld sehen. Es war einfach keine Zeit für einen Besuch.

Wir setzten uns in den Trabi und fuhren los. Bewaffnet waren wir mir einer Landkarte der DDR. Selbst unser Land war uns zu diesem Zeitpunkt, teilweise fremd. Es gab sehr viele Gebiete, in denen wir noch nicht waren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es bei uns Leute gibt, denen es bei uns zu eng geworden sein soll. In unserer Familie leben Bauern, die selten über die Kreisgrenzen hinaus kamen. Eine Fahrt in den Nachbarbezirk oder gar in die CSSR, war eine Weltreise für sie. Weite Reisen waren bei uns etwas für Prahler. Denen hörten wir schon gern zu. Selten kam der Wunsch auf, es ihnen gleich zu tun.

Erzählte ich ihnen etwas von der Sowjetunion, aus Sibirien, wo ich gearbeitet habe, wurden die Ohren spitz. Als Tourist sieht man sein Gastgeberland aus einem anderen Blickwinkel. Man sieht die Fassade. Nicht das soziale Leben der Gastgeber.

Wir fuhren über die Autobahn. Es war reichlich Betrieb. Unsere Volkspolizei stand überall. Sie führten reichlich Geschwindigkeitskontrollen durch. An ihren Standorten, den Parkplätzen, befanden sich fast ausnahmslos Westautos mit Westnummern.

In der DDR gab es für Vergehen im Verkehr, Stempel. Viel Spielraum hatten wir nicht. Beim fünften Stempel war Schluss mit Lustig. Bei Alkohol, egal in welcher Menge, war sofort Spazierengehen angesagt. Bei recht viel Alkohol, hatte der Betreffende auch genug Zeit, an unserem Aufbauprogramm teilzunehmen. Wir hatten genug Plätze in der DDR, an denen Sand gesiebt oder Ziegel geformt werden konnten. Es gab auch genug Waldschäden durch Stürme, die dringend beseitigt werden mussten. Zu guter Letzt, standen uns auch reichlich Tagebaue zur Verfügung, wo jede hilfreiche Hand benötigt wurde. Das Betätigungsfeld für Sünder jeder Art war praktisch endlos.

Wir fuhren an unseren Rastplätzen vorbei in Richtung Grenzübergang Vogtland. Die Autobahn war in einem recht erträglichen Zustand. Teilweise neu gemacht mit Betonguss. Unser Trabi fuhr einhundert und zehn Stundenkilometer. Die mit Bitumen gefüllten Stöße der Fahrbahnplatten störten uns kaum. Obwohl wir während der Fahrt, keinen Kaffee trinken konnten. Dafür haben wir angehalten. An uns rauschten gelegentlich große Westkutschen vorbei. Deren Scheiben waren teilweise abgedunkelt. Das erste Mal sahen wir eine Gesellschaftsschicht, die Angst hatte vor der anderen. Und das ziemlich zahlreich. Wir kannten keine Autos mit schwarzen Scheiben. Kann man durch die Scheiben sehen? Oder, wollen die Nichts sehen? Die kleine Reise sollte ziemlich interessant werden. Auf den paar Kilometern bis zur Grenze, durften wir sechs Unfälle registrieren. Das ist pro zehn Kilometer, einer. Wenn das der neue Durchschnitt wird, brauchen wir uns nicht wundern, dass deren Autoindustrie floriert. Die brauchen tatsächlich die vielen Autos, weil sie nicht fahren können.

An der Grenze stehen unsere Grenzer und winken uns freundlich durch. Auf der Gegenseite müssen wir uns schon ein paar Beleidigungen anhören.

„Was ist der Grund Ihrer Reise?“

Ich frag mich, ob der schon aufgewacht ist. Der wirkt auch nicht gerade nüchtern. Er hat gelbe Augen und eine ziemlich rote Nase.

„Sie haben uns Reisefreiheit versprochen.“

Das war dem zu frech.

„Öffnen Sie mal den Kofferraum. Was haben Sie da drinnen?“

„Fließen.“

Jetzt lacht der Trottel auch. „Mangelware.“

Kurz nach der Grenze kommen wir nach Hof. Die Straßen waren ziemlich gut. Die Häuser waren in einem schlimmeren Zustand als in unseren zerbombten Städten. Es stinkt fürchterlich. Feucht und muffig. Wenn uns das erwartet, danke

vielmals. So riecht es nicht mal im unteren Elbetal wie hier. Das Einzige, das in diese traurige Gegend etwas Farbe bringt, sind Werbeplakate. Und die, gibt es hier reichlich.

Fortsetzung folgt