Der Wandel


Über die Wochen entwickelte sich unser Betrieb immer besser. Der Straßenverkauf ging etwas zurück. Die Themen am Stammtisch drehten sich immer mehr um die Wiedervereinigung. Jeder prahlte am Stammtisch mit ein paar Westmark. Die Gäste erzählten sich untereinander, was sie von ihrem ersten Westgeld gekauft haben. Die Urlaubsplanungen unserer Stammgäste klangen für uns utopisch.

Für uns lag erst Mal ein Besuch der Familienmitglieder an. Immerhin haben wir sie jahrelang nicht gesehen. Dazu wollten wir jetzt endlich Westgeld sehen. Es war einfach keine Zeit für einen Besuch.

Wir setzten uns in den Trabi und fuhren los. Bewaffnet waren wir mir einer Landkarte der DDR. Selbst unser Land war uns zu diesem Zeitpunkt, teilweise fremd. Es gab sehr viele Gebiete, in denen wir noch nicht waren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es bei uns Leute gibt, denen es bei uns zu eng geworden sein soll. In unserer Familie leben Bauern, die selten über die Kreisgrenzen hinaus kamen. Eine Fahrt in den Nachbarbezirk oder gar in die CSSR, war eine Weltreise für sie. Weite Reisen waren bei uns etwas für Prahler. Denen hörten wir schon gern zu. Selten kam der Wunsch auf, es ihnen gleich zu tun.

Erzählte ich ihnen etwas von der Sowjetunion, aus Sibirien, wo ich gearbeitet habe, wurden die Ohren spitz. Als Tourist sieht man sein Gastgeberland aus einem anderen Blickwinkel. Man sieht die Fassade. Nicht das soziale Leben der Gastgeber.

Wir fuhren über die Autobahn. Es war reichlich Betrieb. Unsere Volkspolizei stand überall. Sie führten reichlich Geschwindigkeitskontrollen durch. An ihren Standorten, den Parkplätzen, befanden sich fast ausnahmslos Westautos mit Westnummern.

In der DDR gab es für Vergehen im Verkehr, Stempel. Viel Spielraum hatten wir nicht. Beim fünften Stempel war Schluss mit Lustig. Bei Alkohol, egal in welcher Menge, war sofort Spazierengehen angesagt. Bei recht viel Alkohol, hatte der Betreffende auch genug Zeit, an unserem Aufbauprogramm teilzunehmen. Wir hatten genug Plätze in der DDR, an denen Sand gesiebt oder Ziegel geformt werden konnten. Es gab auch genug Waldschäden durch Stürme, die dringend beseitigt werden mussten. Zu guter Letzt, standen uns auch reichlich Tagebaue zur Verfügung, wo jede hilfreiche Hand benötigt wurde. Das Betätigungsfeld für Sünder jeder Art war praktisch endlos.

Wir fuhren an unseren Rastplätzen vorbei in Richtung Grenzübergang Vogtland. Die Autobahn war in einem recht erträglichen Zustand. Teilweise neu gemacht mit Betonguss. Unser Trabi fuhr einhundert und zehn Stundenkilometer. Die mit Bitumen gefüllten Stöße der Fahrbahnplatten störten uns kaum. Obwohl wir während der Fahrt, keinen Kaffee trinken konnten. Dafür haben wir angehalten. An uns rauschten gelegentlich große Westkutschen vorbei. Deren Scheiben waren teilweise abgedunkelt. Das erste Mal sahen wir eine Gesellschaftsschicht, die Angst hatte vor der anderen. Und das ziemlich zahlreich. Wir kannten keine Autos mit schwarzen Scheiben. Kann man durch die Scheiben sehen? Oder, wollen die Nichts sehen? Die kleine Reise sollte ziemlich interessant werden. Auf den paar Kilometern bis zur Grenze, durften wir sechs Unfälle registrieren. Das ist pro zehn Kilometer, einer. Wenn das der neue Durchschnitt wird, brauchen wir uns nicht wundern, dass deren Autoindustrie floriert. Die brauchen tatsächlich die vielen Autos, weil sie nicht fahren können.

An der Grenze stehen unsere Grenzer und winken uns freundlich durch. Auf der Gegenseite müssen wir uns schon ein paar Beleidigungen anhören.

„Was ist der Grund Ihrer Reise?“

Ich frag mich, ob der schon aufgewacht ist. Der wirkt auch nicht gerade nüchtern. Er hat gelbe Augen und eine ziemlich rote Nase.

„Sie haben uns Reisefreiheit versprochen.“

Das war dem zu frech.

„Öffnen Sie mal den Kofferraum. Was haben Sie da drinnen?“

„Fließen.“

Jetzt lacht der Trottel auch. „Mangelware.“

Kurz nach der Grenze kommen wir nach Hof. Die Straßen waren ziemlich gut. Die Häuser waren in einem schlimmeren Zustand als in unseren zerbombten Städten. Es stinkt fürchterlich. Feucht und muffig. Wenn uns das erwartet, danke

vielmals. So riecht es nicht mal im unteren Elbetal wie hier. Das Einzige, das in diese traurige Gegend etwas Farbe bringt, sind Werbeplakate. Und die, gibt es hier reichlich.

Fortsetzung folgt

Die Grenzöffnung


Die Grenzöffnung

Unser Stammtisch ist leer. Zwei alte Bergmänner sitzen bei uns und wir reden von der offenen Grenze.

„Das bringt nichts Gutes!“, säufst Kurt. „Ich muss da nicht hin. Die haben Angehörige meiner Familie jahrelang eingesperrt, weil sie Kommunisten waren.“

„Du bist doch gar kein Kommunist, Kurt.“

„Ich habe die Vereinigung mit der SPD nicht mit gemacht.“

„Ja. Aber Du bist ja Verfolgter des Naziregimes.“

„Mich graust bei der Vorstellung, die kommen jetzt ungestraft hier her.“

Joana hat Kurt einen Kirschlikör ausgegeben. Kurt trinkt keine harten Schnäpse. Er, mit seiner Bergmannslunge, kommt dabei fürchterlich ins Husten. Kurt hat mir immer seine Monatsration von Bergarbeiterschnaps verkauft. Ich habe den zu Kirschlikör gemacht. Schwarz. Das Zeug hat sich gut verkauft. Mitunter habe ich daraus mit Puddingpulver, Eierlikör hergestellt. Der verkaufte sich zeitweise, extrem gut in Schokobechern. Unsere Frauen waren verrückt nach diesem Gesöff. Viele Kollegen fragten mich neidvoll, woher ich die Schokobecher habe. Das war zeitweise Mangelware wegen der hohen Nachfrage. Jetzt, da Joana da ist, finde ich bisweilen die Zeit, ein paar Dutzend zu gießen.

In den kommenden drei Tagen konnten wir uns auf unseren Einzug konzentrieren. Andrea hat uns mit Jürgen zusammen, die Wohnung geräumt. Neben einem Bett, einem Schrank und dem Fernseher brauchten wir nicht viel für unsere erste gemeinsame Wohnung. Unser Leben spielte sich in den Gasträumen und beim Einkauf ab.

Zwischendurch fanden wir schon die Zeit, an unseren Ruhetagen im Sommer, baden zu gehen. Wie fast alle DDR Bürger, bevorzugten wir FKK. In unserer Nähe gab es reichlich Badeseen und Bäder mit diesem Angebot. Unser neues Auto war dafür das beste Bewegungsmittel.

Im Spätherbst fuhren wir eher in die CSSR, um uns da Dinge zu kaufen, die wir bei uns eher seltener fanden. Ölsardinen und Dorschleber waren bei uns Zweien eine beliebte Schmuggelware. Schon deshalb, weil wir die selbst gern aßen. An Ruhetagen fuhren wir nach Prag, in den Harz oder ins Erzgebirge.

Mit der Grenzöffnung änderte sich das. An den ersten drei bis vier Tagen gab es hundert kilometerlange Staus in Richtung Franken. Wir hatten mit dem Ruhetag nach der Grenzöffnung das Glück, nicht endlos im Stau stehen zu müssen. Es lag eine Woche dazwischen. Im Grunde wollten wir nur etwas Westgeld holen und dabei Land und Leute kennen lernen. An zwei Ruhetagen ist kaum mehr möglich. Bei uns am Stammtisch trafen schon die Ersten ein, die Drüben waren. Die Gesichter zeigten uns keine Begeisterung. Den Erzählungen nach, könnte das eher am Stau und den Warteschlangen vor den Geldausgabestellen gelegen haben. Das erste Mal in meinem Leben, hörte ich, wie DDR Bürger, Ihresgleichen schlecht machten. Ein Tag und die Gesellschaft war gespalten. Das setzte sich am Stammtisch rege fort. Wir wurden neugierig, was es da zu sehen gab, das so viel Streit auslöste.

Am Wochenende gab es wieder eine Trauerfeier. Unser Nachbar wurde beerdigt. Er wurde keine siebzig Jahre. Seine Kinder lebten im Westen. Sie waren zugegen.

„Wieso habt Ihr zwei Ruhetage? Unsere Gastwirte machen einen pro Woche.“

„Wir haben bei uns die Vierzig-Stunden-Woche. Sie nicht?“

Joana und ich waren schockiert von dieser Frechheit. Was glaubt dieser Trottel, wer er ist?

„Sind Gastwirte keine Menschen?“

Fortsetzung folgt