Fortsetzung Der Saisonkoch – Frühjahr


Die Küchentür springt auf und es kommt eine hübsche Frau mit einem Tablett in die Küche. Kaum grüßt sie mich, darf ich feststellen, sie kommt aus der besetzten DDR.

„Gundula“, sagt sie lächelnd zu mir in etwas preußischem Dialekt.

„Was verschlägt dich hier in diese Einöde?“, frage ich sie.

„Einöde? Hier ist bedeutend mehr los als bei uns.“

„Du wirst doch nicht etwa aus dem Raum Neubrandenburg kommen?“

Dort ist es seit der Besatzung wirklich trostlos geworden.

„Nein. Ich komme aus Lüttenklein.“

„Dort ist doch sicher viel los.“

Sie kommt tatsächlich aus dem Raum Neubrandenburg. Ihr Vater ist ein Schiffbauer. Er hat in Rostock gearbeitet. Seit der Besatzung hat er keine Arbeit mehr. Die Mutter kochte im Kindergarten. Der ist jetzt in den Händen einer Kirchensekte. Parasitas nennt die sich. Mutter hat dort aufgehört. Sie konnte mit dem spärlichen Lohn nicht mal die Miete tragen.

„Die Wohnungen und Häuser haben wir selbst mit gebaut“, stöhnte der Vater. „Jetzt bezahlen wir unser Eigentum das zweite Mal.“

„Das ist ja fast wie bei den Besatzern. Die zahlen einmal die Wohnung und dazu die Bank.“

Wir lachen zusammen.

„Du arbeitest hier als Bedienung?“

„Nein“, sagt Martha. „Sie ist unsere Rezeptionistin.“

„Ach so. Da ist ja die Bedienung inkludiert.“

Martha lacht.

„Die Auslastung der Arbeitszeit war euch ja ein Fremdwort in der DDR.“

„Das stimmt so nicht. Wir haben eben unsere Arbeitszeit gemeinsam genutzt. Deswegen waren wir auch schneller fertig damit.“

„Ach so. Deswegen seid ihr pleite gegangen?“

„Ja. Auf alle Fälle war unsere Wirtschaft besser als die von Österreich.“

Martha und Gundula lachen zusammen. Hellmar kommt in die Küche und fragt, ob wir uns einig sind.

„Unsere Wohnungen waren auch bedeutend besser als die hier“, sagt Gundula.

„Habt ihr eure Personalzimmer immer noch nicht gebaut?“, frage ich Martha.

„Deines schon. In dem wohnte Oleg.“

Hellmar steht noch da. Sonst hätte ich Martha gefragt, ob sie Oleg auch den Rücken gewaschen hat.

Offensichtlich hat Martha mir das angesehen. Sie schaut mich mit zugekniffenen Augen scharf an.

„Hatte Oleg auch einen neuen Fernseher?“

Martha wirkt erleichtert.

„Natürlich.“

„Wie viele Programme zeigt er mir denn?“

„Alles.“

Jetzt wird mir klar, Oleg hat sich mit Martha gestritten. Der kommt sicher wieder. Wo will er hin in der Fremde? In einem neuen Betrieb fängt er von ganz Unten neu an. Und das ohne Zeugnis. Martha wird ihm doch sicher kein Zeugnis hinterher schicken. Versetzte Liebhaberinnen üben schreckliche Rache.

Irgendwie kommt mir Martha auch jünger vor als bei unserem ersten Kontakt. Damals sah sie ziemlich abgearbeitet aus. Mit Hellmar an der Seite, scheint das besser zu laufen. Obwohl Hellmar ziemlich gelbe Augen hat. Oder war Oleg der Grund für ihr frisches Aussehen?

„Ich habe nur das Nötigste mit. Mein Einsatz bei dir wird sicher nicht zu lange dauern“, sage ich zu Martha.

„Das weiß man nie.“

„Du weißt aber, der Weg ist etwas weit für mich.“

„Hast du bei euch nichts bekommen?“

„Ich habe gegen einen Einheimischen verloren.“

„Hier wäre dir das nicht passiert.“

„Ja schon. Aber eure Küchen sehen noch verheerender aus als unsere.“

„Bei uns ist die Belastung auch erheblich höher.“

„Das liegt eher daran, weil Keiner Rohstoffe verwendet. Der Anteil der Vorprodukte ist zu hoch.“

„Du vergisst die Mehrwertsteuer. Bei euch ist das eine versteckte Subvention.“

„Das Thema haben wir schon oft besprochen. Das ist tatsächlich ein großer Nachteil der nördlichen Gastronomie. Meines Erachtens gibt es einfach zu viel Hotels. Trotzdem findest du in kleinen Ortschaften nicht mal eine Gaststätte.“

„War das bei euch anders?“

„Aber sicher. Wir mussten nicht besoffen in den nächsten Ort eiern. Unsere Gaststätten waren auch bedeutend besser besucht.“

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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